Qntal – VIII: Nachtblume – Drakkar 2018

Von Matthias Bosenick (07.05.2018)

So richtig viel vom Ursprungskonzept ist bei Qntal nicht mehr übrig. Was vor über 25 Jahren als experimentelles elektronisch unterfüttertes Mittelaltermusikprojekt mit Deine-Lakaien-Bezug begann, switcht heute zwischen Balladen und Clubmusik herum. Geblieben ist der hohe, klare Gesang von Sigrid Hausen alias Syrah, der indes weniger gut zum neuen Sound passt als zu dem vom Beginn der eigenständigen Reise.

Weiterentwicklung ist eine gute Sache, Stillstand ist Tod: Erfreulicherweise haben sich Qntal seit jeher fortbewegt. Schon der Ursprung lag in einer Fortbewegung; als nämlich alle noch auf Mittelaltermärkten herumdudelten, entwickelte Deine-Lakaien-Komponist Ernst Horn mit den damaligen Co-Lakaien und Estampie-Gefährten Sigrid Hausen und Michael Popp das Konzept für die elektronische Vermittelalterung. Horn stieg bald aus und gründete das Konkurrenzunternehmen Helium Vola, Popp und Hausen setzten ihre Arbeit mit anderen Electrofricklern fort. Und die brachten jedes Mal ihren eigenen Sound ins Projekt, so war eine Entwicklung systemimmanent.

Die Fragilität der frühen Arbeiten ist längst abgelegt, Balladen sind zumeist recht vollgestopft und geglättet, und am stampfenden Clubsound orientiert sich das Projekt schon seit einiger Zeit, nicht zuletzt via Remix. Der Großraumdiscobeat indes ist auf dem achten Album keine Ausnahme mehr, sondern zur Hälfte die Regel. Etwas quer im Tanzflur steht dabei jedoch Hausens Mezzosopran, der die Dance-Tracks konterkariert; zusammen ergeben Sound und Stimme weder reine Clubtauglichkeit noch Mittelalternähe, wenngleich Qntal das Mittelalter auch in Bezug auf ihre Quelltexte schon seit Jahren verlassen haben. Dafür sind die Tracks musikalisch zu simpel und ist der Gesang zu nah am Klischee, als dass die entsprechenden Tracks auf eine eigene Weise vorbehaltlos funktionieren könnten.

Den anderen Teil nehmen Balladen ein, zu denen Hausens Stimme wiederum bestens passt. Musikalisch wiederum sind diese Balladen sehr dicht und glatt, also anders als die der frühen Alben, die experimentell und fragil für Aufhorchen sorgten. Ob da nun irgendwelche mittelalterlichen Instrumente wirklich verwendet oder zumindest gesampelt werden, ist dabei unerheblich, denn man hört es ohnehin nicht heraus. Auf diesem Album ist zum zweiten Mal Leon Rodt für die Sounds verantwortlich, nicht mehr der Horn-Nachfolger Philipp „Fil“ Groth. Seine Sounds sind weniger schrill als die von Fil, „Nachtblume“ klingt satter, was zu den Beats natürlich besser passt. Interessant ist, dass Rodt einmal sogar die „Block Rockin‘ Beats“ der Chemical Brothers reanimiert; ein anderer Song hat angenehme orientalische Strukturen. Der Rest ist mitteleuropäisch-geradlinig. Zu den Mitmusikern gehören überdies Mariko Lincoln von Unto Ashes, Markus Köstner von Artwort und Goethes Erben sowie Ernst Schwindl, der auch an den anderen Qntal-verwandten Bands Estampie, VocaMe und Al Andaluz Project beteiligt ist.

Textlich bedient sich Hausen dieses Mal unter anderem bei Joseph von Eichendorff, dessen romantische Gedichte zwar nicht aus dem Mittelalter stammen, aber doch gut in die sich selbst so nennende Schwarze Szene passen. Der Fantasy-Autor Markus Heitz steuert wie beim Vorgänger auch auf „Nachtblume“ einen Text bei, „Echo“; das ist ein szenebedienender Crossover, der qualitativ jedoch kaum Auswirkungen hat. Weitere Quellen, bei denen sich Hausen hier bedient, sind unter anderem Lord Byron, William Butler Yeats sowie die Carmina Burana. Direkt Mittelalterlich ist immerhin ein Titel des Albums: „Minnelied“, was wohl auch jeder Laie mit der Musik des Mittelalters verbindet; es stammt selbstverständlich von Walther von der Vogelweide.

Man muss konstatieren, dass jedes Album von Qntal deren musikalische Eigenständigkeit unterstreicht. Mögen muss man das deswegen aber noch nicht. Sich darauf einlassen wiederum schadet nicht; und selbst, wenn man kein Album mehr öfter oder jedes Mal komplett hören mag, findet man doch immer seine Nischen im pseudomittelalterlichen Club- und Schmusesound. Besser als die leidliche Konkurrenz sind Qntal allemal, nach ihnen gibt’s erstmal nichts, denn dafür sorgt die Band, indem sie – bis auf den Gesang – jegliche Klischees vermeidet, also nicht vom Saufen oder Poppen singt, sich um authentische Sprache und Aussprache bemüht und die Dudelei unterlässt.

Hübsch ist übrigens das Cover: Das Digipak hat eine samtweiche Anmutung. Die kann man nicht herunterladen.

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