New Model Army – Night Of A Thousand Voices – Attack Attack 2018

Von Matthias Bosenick (20.02.2019)

Anstatt sich einen Chor mit auf die Bühne zu holen, verpflichten New Model Army kurzerhand ihr eigenes Publikum dazu, ihre Songs mitzusingen. Heraus kommt ein Livealbum, wie es dies vermutlich bislang vorher noch nie gab: Die Band spielt, aber der Gesang kommt nicht (ausschließlich) von Justin Sullivan und den anderen Musikern, sondern von den Fans. Die sind ohnehin textsicher und verwandeln das zweiabendige Konzert in eine Heilige Messe mit Stadionflair. Die ausgelassene Stimmung wirkt sogar zu Hause, die Songs sowieso. Was für ein Spaß!

Über 35 Jahre lang aktiv, wenn auch in wechselnden Besetzungen, so doch nie mit Pause und Reunion, erschufen New Model Army ein Oeuvre, das nicht nur riesig, sondern auch hochwertig ist, und mit diesem Oeuvre gelingt es der Band stets und regelmäßig, ihre Konzerte drei Stunden dauern zu lassen, ohne dass Ermüdung aufkommt, weder auf noch vor der Bühne. Wer der Band über die Jahrzehnte folgt, hat offenbar deren Songs verinnerlicht, und so ist es für die Band nur konsequent, als Folge dieser Wechselwirkung quasi der Gefolgschaft kollektiv das Mikro zu überlassen.

Die das Event begleitende Musik ist unantastbar. New Model Army haben vielleicht nicht absolut jedes Mal zündend explosive Alben veröffentlicht, aber schlechte niemals. Die Musiker können was, auch wenn sie sich mal zugunsten einer Sonderaufführung zurücknehmen, bildet die Band einen geschlossenen Klangkörper und transportieren die Songs die gebotene Atmosphäre. Sonst wäre das Hören dieses Doppel-Albums kein solcher Genuss. Bedeutet: Indie-Rock im klassischen Sinne, aus den Achtzigern mit dem Post-Punk-, Wave- und Folk-Einschlag in die eher dem experimentierfreudigen Rock zugewandte Moderne entwickelt, für diese Veranstaltung aber zwar leicht reduziert, doch druckvoll genug. Melodien hat die Band genug, politisch vertret- und skandierbare Inhalte sowieso, und die Fans die erforderliche Inbrunst.

An zwei Abenden luden New Model Army im April 2018 in die bestens dafür geeignete Londoner Round Chapel ein, das Album dokumentiert die besten Sequenzen auf 2 CDs und einer DVD, die sogar noch einige Songs enthält, die nicht auf dem Doppelalbum zu hören sind, darunter das einzige Stück vom jüngsten Album „Winter“. Am meisten verwundert, dass dieses Konzeptkonzert tatsächlich funktioniert. Die auf einer mittig platzierten Bühne umringt vom Publikum spielende Band erinnert damit an uralte Stammesriten, an das gemeinsame Singen als Bündniskitt, und das Publikum hält sich, mit einem Gesangbuch ausgestattet, so exakt an jedes Break und jeden Ton, dass es an eine Liturgie gemahnt, und ist dabei so leidenschaftlich, wie man es aus Fußballstadien kennt. Überwältigend, auch zu Hause. Und natürlich inklusive „51st State“ und „Vagabonds“, bei denen sowieso jeder mitgrölt, auch in der Ü30-Indie-Disco.

Ein fabelhaftes Konzept, eine grandiose Idee, eine sympathische Band, ein glückliches Publikum, mitreißende Songs, sozialistische Inhalte, schöne Bilder, eines der interessantesten Livealben aller Zeiten und besser als alles mit Orchesterbegleitung. Danke, New Model Army! Schade, dass es das nur über die Webseite gibt und dass es längst ausverkauft ist. Aber als Bonus gab‘s sogar noch 20 Extra-Tracks zum Download, davon die meisten als exklusive Songs. Üppig!

Tracklists:

CD1:
01 Intro 1:27
02 Ballad Of Bodmin Pill 5:31 (von „Thunder And Consolation”, 1989)
03 Fate 3:25 (von „The Love Of Hopeless Causes”, 1993)
04 Autumn 4:55 (von „Today Is A Good Day”, 2009)
05 Lights Go Out 4:07 (von „The Ghost Of Cain”, 1986)
06 A Liberal Education 5:50 (von „Vengeance”, 1984)
07 Ballad 5:02 (von „The Ghost Of Cain”, 1986)
08 Drag It Down 4:23 (von „No Rest For The Wicked”, 1984)
09 High 5:02 (von „High”, 2007)
10 Space 4:31 (von „Impurity”, 1990)
11 Summer Moors 5:06 (von „Between Wine And Blood”, 2014)
12 Stranger 3:56 (von „Eight”, 2000)
13 Waiting 3:59 (von „Vengeance”, 1984)
14 Rivers 4:59 (von „High”, 2007)
15 Green And Grey 6:54 (von „Thunder And Consolation”, 1989)

CD2:
01 51st State 3:29 (von „The Ghost Of Cain”, 1986)
02 The Charge 4:20 (von „The Ghost Of Cain”, 1986)
03 Believe It 4:09 (von „The Love Of Hopeless Causes”, 1993)
04 Lovesongs 3:56 (von „The Ghost Of Cain”, 1986)
05 Eleven Years 4:07 (von „Impurity”, 1990)
06 Long Goodbye 3:28 (von „Strange Brotherhood”, 1998)
07 Lean Back And Fall 5:29 (von „Between Dog And Wolf”, 2013)
08 Family Life 3:48 (von „Thunder And Consolation”, 1989)
09 Pull The Sun 5:42 (von „Between Dog And Wolf”, 2013)
10 These Words 4:34 (von „The Love Of Hopeless Causes”, 1993)
11 Paekakariki Beach 5:54 (von „Eight”, 2000)
12 Bad Old World / Purity 8:13 (von „The Love Of Hopeless Causes”, 1993, und „Impurity”, 1990)
13 Poison Street 4:01 (von „The Ghost Of Cain”, 1986)
14 Vagabonds 7:00 (von „Thunder And Consolation”, 1989)

DVD:
01 Intro 2:12
02 51st State 3:10
03 Lights Go Out 4:04
04 Courage 3:41 (von „B-Sides And Abandoned Tracks”, 1994)
05 Winter 4:28 (von „Winter”, 2016)
06 A Liberal Education 5:58
07 Ballad 4:59
08 Drag It Down 4:14
09 These Words 4:03
10 Whitecoats 5:38 (von „New Model Army”, 1987, dort „White Coats”)
11 Knievel 4:07 (von „Between Dog And Wolf”, 2013)
12 Waiting 4:16
13 Vagabonds 8:05

Extra-Tracks (Download):
01 225 4:32 (von „Thunder And Consolation”, 1989)
02 After Something 4:26 (von „Winter”, 2016)
03 Afternoon Song 2:57 (von „The Love Of Hopeless Causes”, 1993)
04 Better Than Them 3:42 (von „No Rest For The Wicked”, 1984)
05 Bloodsports 4:14 (von „High”, 2007)
06 Courage 3:36
07 Die Trying 3:42 (von „Winter”, 2016)
08 Drummy B 4:36 (von „B-Sides And Abandoned Tracks”, 1994)
09 Family 4:06 (von „Thunder And Consolation”, 1989)
10 Ghost Of Your Father 3:38 (von „B-Sides And Abandoned Tracks”, 1994)
11 Headlights 4:50 (von „Strange Brotherhood”, 1998)
12 Heroes 4:55 (von „The Ghost Of Cain”, 1986)
13 Higher Wall 4:30 (von „Lost Songs”, 2002)
14 Knievel 3:28
15 Marrakesh 4:04 (von „Impurity”, 1990)
16 No Greater Love 3:42 (von „No Rest For The Wicked”, 1984)
17 Seven Times 3:24 (von „Between Dog And Wolf”, 2013)
18 Someone Like Jesus 7:10 (von „Eight”, 2000)
19 Whitecoats 5:24
20 Winter 4:24

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