Goscinny & Sempé – Der kleine Nick: Wie alles begann – Diogenes 2018

Von Matthias Bosenick (09.11.2018)

Erstaunlich, was vom kleinen Nick noch alles irgendwo auf Dachböden dümpelt, und noch erstaunlicher, wenn es sich dabei um bereits veröffentlichtes Material handelt, das selbst der noch lebende der beiden Erschaffer offenbar vergessen hat. Jedenfalls erinnerte sich Zeichner Jean-Jacques Sempé urplötzlich daran, dass die Prosafigur des kleinen Nicks eine Comicvorgeschichte hat, die er mit dem 1977 verstorbenen Texter René Goscinny Mitte der Fünfziger beinahe ein Jahr lang in einer Zeitung veröffentlichte, weit bevor das Duo daraus die bekannten Texte zauberte. Wie auch immer: Jetzt liegen diese Panels auch auf Deutsch vor und geben einen hübschen und humorvollen Einblick in die kreative Evolution des fidelen Kindes und in eine Gesellschaft, die sich seit einem halben Jahrhundert erschreckend wenig verändert hat.

Man denkt ja, dass die Rollenverhältnisse von Männern und Frauen sich spätestens seit 1968 in irgendeiner Form angeglichen haben, doch betrachtet man heutige Zeitungsstrips wie „Kids“, nehmen die Geschlechter noch dieselben Rollen ein wie 1955 und 1956, als der kleine Nick in Comicform erschien, jedoch anders als „Kids“ genau diese Verhältnisse nicht nur bediente, sondern auch persiflierte. Damit schält sich die Intention des kleinen Nick von Seiten der Autoren schön heraus: Aus kindlicher Sicht das Verhalten der Erwachsenen bloßstellen. So ausgefeilt wie in den Geschichten, die das Team dann zwischen 1959 und 1964 kreierte, geschieht dies in den Comics indes noch nicht.

Das liegt natürlich am fehlenden Schreibstil, der in den Geschichten aus der Ichperspektive Nicks die Welt der Erwachsenen missverstand und ein eigenes, kindgerechtes, aber schlüssiges Wertesystem transportierte. Die Comics erzählen eher aus der Draufsicht, die Texte sind der Sprechblasengröße geschuldet reduziert (und auf Deutsch eher stümperhaft gelettert) und arbeiten lediglich auf die Pointe im letzten Bild der ganzseitigen Strips hin. Die Lesefreude, die der deutsche Übersetzer Hans Georg Lenzen überzeugend weckte, stellt sich hier weniger ein als die Freude über die Zeichnungen, die noch etwas gröber aussehen als die späteren reinen Nick-Illustrationen oder die fein ziselierten Cartoons, die man von Sempé gewohnt ist. Man wähnt sich als Betrachter im gestalterischen Prozess zweier Künstler. Überdies existiert im Comic das vertraute Nick-Universum noch nicht, lediglich Nachbar Bleder tritt schon mit Nicks Vater in kindische Konkurrenzkämpfe.

Seinerzeit funktionierten die Comics bei den Lesern nicht, was etwas verwundert, da doch das Format des ganzseitigen Strips seither in unzähligen Serien so erfolgreich ist. Entmutigen ließen sich die beiden Autoren davon nicht, sondern – und das illustriert das vorliegende Buch erfreulicherweise – dichteten zunächst einige der Bildgeschichten in illustrierte Texte um, und zwar in der Form, die man auch aus den Büchern kennt. An dieser hielten sie fortan fest und feierten weltweite Erfolge. Mit Recht – und besser als die Comics sind sie auch, aber schlecht sind diese nun mal nicht und als historisches Dokument zudem wertvoll. Nur der Preis: 18 Euro für 28 Comics und zwei bereits veröffentlichte Vergleichstexte untermauern den Eindruck von Kuhmelkerei, nachdem vor zehn Jahren erst zwei dicke Bücher mit Dachbodenfunden für einen unerwarteten Verkaufsjubel sorgten.

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