Das brandneue Testament (Le tout nouveau testament) – Jaco van Dormael – B/F/L 2015

Von Matthias Bosenick (08.12.2015)

„Das brandneue Testament“ ist voller hochgradig guter Sequenzen, die Regisseur Jaco van Dormael leider ohne einen schlüssigen Zusammenhalt aneinanderreiht. Die Inhalte sind großartig, doch die Ausrichtung ist beliebig. Vom Punkrock zur Schmalzschnulze, aber beides nicht konsequent. In diesem Film lebt Gott als ein Despot in Brüssel und terrorisiert seine Familie (also Frau und Tochter, der Sohn ist ja schon weg). Die Tochter Ea flieht vor ihm und sammelt sechs Apostel um sich – da schwenkt der Film vom lustiglich fluchenden Gott zum rührseligen Tränenzieher. Beides passt nicht zusammen.

Die Familie Gott lebt in einem hermetisch verschlossenen Appartement in Brüssel. Gott hat den Menschen geschaffen, um seinen Gnatz an ihm auszuleben: Er hetzt die Leute in seinem Namen gegeneinander auf und erfindet lauter Unglücksregeln. Außerdem hält er seine Frau für blöd und schlägt seine Tochter. Klar, dass die flieht. Vorher schickt sie noch von Gottes Computer aus allen Erdenbürgern ihre Todesdaten auf die Mobiltelefone und sorgt damit für eine spannende Änderung der Geisteshaltungen in der Menschheit. Die sechs Apostel, die Ea sich sucht, stehen stellvertretend für die Reaktionen auf die preisgegebenen Todesdaten. Unterm Strich geht es vermutlich beim ganzen Film um die Frage an jeden Betrachter, wie er sein Leben zu gestalten und womit er es zu füllen gedenkt. So weit, so gut.

Eine Randfigur namens Kevin hat noch 64 Jahre zu leben und stürzt sich aus immer größeren Höhen auf die Erde herab, schließlich steht sein Tod ja noch nicht an. Dies und der fluchende Gott gehören zu den punkrockigen Lachmomenten. Die aber bald im Ernst und im Tränenmeer versickern, das aus den sechs Aposteln dringt: Eine wunderschöne Frau ist einsam, weil sie eine Armprothese trägt. Ein unglücklich verheirateter Mann will mit dem Gewehr auf Menschen schießen, weil ihr Todeszeitpunkt ja vorherbestimmt ist und er dann nur den Plan erfüllt. Ein einsamer Mann verschwendet sein Geld für Peepshows und erinnert sich schwärmerisch an eine Kindheitsbegegnung am Strand. Eine ältere Frau wird von ihrem reichen Gatten ignoriert und beginnt eine Liebschaft mit einem Zirkusgorilla. Ein mit sinnlosen Aufgaben betreuter Angestellter läuft einem Vogel hinterher. Ein von seiner Mutter krank argumentierter Junge beschließt, nur noch Kleider zu tragen und ein Mädchen sein zu wollen.

Jede Geschichte für sich erzählt Jaco van Dormael in einem eigenen Stil, die Todesgeschichten des potentiellen Schützen etwa mit dreidimensionalen Standbildern. Doch zieht er dies nicht durch, da sich die Protagonisten irgendwann treffen und ihre Geschichten sich verknüpfen oder sie anderweitig zerfasern. Ebenso ist es auch mit den Inhalten und den vermittelten Stimmungen. Zudem tritt Gott zusehends in den Hintergrund, an seiner Stelle erfährt seine Frau plötzlich eine Bedeutungsaufwertung. Rätselhaft, das alles.

Sicher, der Film strotzt vor guter Ideen. Als der vermeintliche Killer sich in eine andere Frau verliebt, nimmt er seine Gattin und seinen Sohn nur noch durch einen dumpfen Nebel wahr. Ea kann das persönliche Lied jedes Menschen hören und benennen. Die Fluchtmöglichkeit aus der Gotteswohnung ist eine Waschmaschine, die auch schon Jesus genutzt hat. Außerdem sind viele Bilder schön und rechtfertigen es, den Film im Kino zu sehen. Zeitgleich übertreibt es van Dormael aber mit den CGI-Effekten; der Vogelschwarm etwa, den er ewig zeigt, sieht eindeutig errechnet aus. Zudem erinnert insbesondere der Einsatz von Computereffekten in Zusammenhang mit einem jungen Mädchen als Hauptfigur an „Die fabelhafte Welt der Amélie“, doch anders als Jean-Pierre Jeunet gelingt es van Dormael nicht, seine Ideen schlüssig zu bündeln.

Im Verlauf der Filmes wechselt die Stimmung des Betrachters daher von der Belustigung über das Berührtsein in die Teilnahmslosigkeit. Das kann nicht der Effekt sein, den ein Filmemacher erzielen will. Trotz der begnadeten Einfälle und der schauspielerischen Leistungen von Leuten wie Yolande Moreau, Catherine Deneuve und Benoît Poelvoorde wird man den Film deshalb bestimmt nicht zwingend erneut sehen wollen. Sehr schade.