Bernd Begemann – Live im Kufa-Haus Braunschweig am 13. März 2026

Von Matthias Bosenick (14.03.2026)

Was für ein Entertainer! Ganz allein mit zwei Gitarren und einem mp3-Player füllt Bernd Begemann die große Bühne des Braunschweiger Kufa-Hauses aus, ohne Leerstellen zu lassen. Auch nicht im Programm: Inklusive Pause fesselt der Gottvater der Hamburger Schule sein Publikum dreieinhalb Stunden lang vor seiner Kanzel und bindet es in seine Liturgie aus Humor und Sehnsucht ein, und man nimmt es gar nicht wahr, dass so viel Zeit vergeht. Und wie viele Hits der in Braunschweig geborene Ostwestfale in den zurückliegenden 40 Jahren in die Welt setzte!

Ein Anzug mit Weste, das Hemd am Kragen offen, im Grunde Modell schmieriger Verkaufsleiter einer Butterfahrt, und doch hätte sich Begemann seriöser nicht kleiden können, um sein Publikum sofort davon zu überzeugen, es mit einem zwar routinierten, aber engagierten Vollblutentertainer zu tun zu haben. Zunächst und später hin und wieder zum Playback, anschließend hauptsächlich mit der Gibson Trini Lopez um den Hals, gelegentlich mit der Akustischen, dann auch von inmitten des Publikums aus, bringt er seine eigenen und manche Coversongs dar, mit Posen, die sich wiederholen, etwa der in unbestimmte Richtung aufs Publikum gestreckte Zeigefinger, mit mutigen Tanzschritten, und er in Wort und Bild scheint größer zu sein als der Raum, den ihm die Bühne lässt, er ist präsent, er ist da, jetzt und hier, und er nimmt alles ein, jede Aufmerksamkeit, jeden Fokus, er ist das Zentrum und man ist ihm ergeben. Andere haben Morrissey, Billy Bragg, Bruce Springsteen, Bryan Ferry, Woody Guthrie, und wir im deutschsprachigen Raum gerade mal Roland Kaiser – und Bernd Begemann, der in Sachen Entertainment sicherlich den Monarchen noch überflügelt.

„Es ist lange her, dass ich das letzte Mal in Hannover war“, beginnt er und löst damit weit weniger Nachbar-Bashing aus, als er erhoffte. Später versucht er mit dem Lied „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“, den weltberühmten Hass zwischen Braunschweig und der genannten Stadt zu schüren, doch auf Nachfrage, ob wir die Landeshauptstadt denn hassten, erhält er nur schulterzuckende „Nö“s. An anderer Lokalität in Braunschweig hätte er sicherlich frenetische Zustimmung erfahren, nicht aber im Kufa-Haus. Das Publikum verhält sich ohnehin ungewöhnlich, man entdeckt beispielsweise so gut wie gar keine Smartphonedisplays und sieht sich selbst peinlich berührt und verstohlen um, sobald man den Prediger auf der Bühne mit seiner digitalen Apparatur abzulichten gedenkt. Noch eins zum Digitalen: Begemann weist mehrfach eindringlich darauf hin, dass wir alle, also er wie das Publikum, sich glücklich schätzen sollten, Orte wie diesen zu haben, die frei sind von Algorithmen und KI. So im Hier und Jetzt greift er nach den Gästen und generiert für alle ein Gefühl von Freiheit, ähnlich dem, das man empfindet, wenn man von einer Klippe springt, mit einem schreienden Ferkel um die Hoden gebunden.

Ach nee, das war ein Einschub von Begemann, den er inmitten eines seiner Lieder brachte, beinahe so, wie Otto Waalkes in den Siebzigern verfuhr, wenn man so will, nur dass Begemanns Lieder von sich aus bereits Texte haben, denen aufmerksam zuzuhören äußerst ratsam ist. Liebe, Heimat, Sehnsucht und noch zwei Basis-Themen plus dem neuen, Glaube („My Baby Baby Balla Balla“, The Rainbows), listet er selbst auf, die sein Oeuvre ausmachen, und für seine Themen findet er Worte und Formulierungen zwischen Humor und Poesie, zwischen absurd und emotional, stets mit der typischen Eigenart, das erste Wort der nächste Zeile an die auslaufenden anzuhängen. Seine tiefgründigen Lieder bringt er ohne Einschübe dar, oft auch am Stück ohne Pausen, ohne Raum für Applaus, was dann die Wucht der Inhalte erhöht, der sehnsuchtsvollen unerfüllten Freiheitswünsche, der gescheiterten Liebesanbahnungsversuche, der zerbrochenen Beziehungen, der gesellschaftlichen Merkwürdigkeiten.

Manchmal lockert Begermann diese Lieder auf, und die mit ähnlichen Themen, aber humoristischer Umsetzung sowieso, indem er plötzlich damit beginnt, Anekdoten, Sketche, Dialoge, Betrachtungen vorzubringen, während seine Hände unbeirrt weiter äußerst virtuos die Gitarre bedienen, oder indem er das ohnehin zu großen Teilen textsichere Publikum dazu animiert, Passagen lauthals mitzusingen. Solche Animationsmomente haben andernorts schnell den Charme des billigen Vergnügens und der Massenmanipulation, bei Begemann fühlt man sich eher wie ein Teil einer Glaubensgemeinschaft, einer Liturgie mithin. Sogar dann noch, wenn er zum Playback von Bert Kaempfert den Neil-Diamond-Klassiker „Sweet Caroline“ vorbringt und das Publikum die Stadiongesänge mitmacht – und sich dabei bestens vergnügt, mit dem Hinweis von Begemann, dass er das als wichtige gesellschaftliche Errungenschaft auffasst, dass das mit allen Bevölkerungsgruppen funktioniert. Unbequeme Meinungen kann der Pazifist und Antifaschist: Sich etwa für Patriotismus aussprechen, mit klarer Abgrenzung zum Nationalismus, und die Verehrung des Grundgesetzes als Argument dafür anbringen.

Nur eines steht dem größten lebenden deutschsprachigen Entertainer nicht: Er grenzt sich zweimal von anderen Singer-Songwritern oder Liedermachern ab. Seine Qualitäten sollte er besser andere hervorheben lassen, das muss er gar nicht selbst tun, um über sie hinweg zu strahlen. Andererseits macht ihn das ja auch menschlich, es erdet ihn mithin, und man hat nicht ganz so sehr das Gefühl, jemand Unfehlbares vor sich zu haben. Die Zuneigung zu ihm reduziert dies mitnichten. Dafür liefert er viel zu viele Momente, die sie noch steigern, etwa, dass er sich die Namen von Soundtechniker Matze (Ebel) und Booker Lutz (Sauerbier) gemerkt hat: Châpeau!

„Unten am Hafen“, „Fernsehen mit deiner Schwester“, „Unoptimiert“, „Ich habe nichts erreicht außer dir“, „Oh, St. Pauli“, „Zweimal 2. Wahl“, „Judith, mach deinen Abschluss“, „Ich kann dich nicht kriegen, Katrin“ – man tritt nach dreieinhalb Stunden inklusive Pause glückselig in den Regen hinaus. Schön ist zu erleben, dass Begemann über die Jahrzehnte hinweg zwar an seinem Repertoire festhält, er seine Methoden aber weiterentwickelt. Seine Abschweifungen entwickeln sich mit den Themen der Zeit, seine Mitmachmomente unterscheiden sich. Ein Glück, man erkennt wieder und wird doch überrascht. Und freut sich aufs nächste Mal.

PS, Bernd: Der Film, zu dem du mit Paul Kuhn („Zu Jazz kann man nicht marschieren“) Musik verfasstest, heißt „Schenk mir dein Herz“.