Tom Jones – Live in der Autostadt, Wolfsburg, am 15. Juli 2025

Von Matthias Bosenick (16.07.2025)

Man muss damit beginnen, dass der Walisische Tiger 85 Jahre alt ist, denn das erwähnt der sympathische Sänger Tom Jones selbst den ganzen Abend über. Für seinen Auftritt in der Autostadt in Wolfsburg stellt er ein umarrangiertes Greatest-Hits-Set zusammen, das er mit Coverversionen und jüngeren eigenen Songs kombiniert und das ein staunenswertes Programm zwischen Radiopop, Bluesrock und Experimentalmusik ergibt. Und verdammt, diese Stimme klingt noch exakt so ausdrucksstark und kraftvoll wie 1964!

„It’s Not Unusual“ nahm Jones im November 1964 auf, zur Nummer Eins wurde es am 1. März 1965 – das sind über 60 Jahre bis heute, stellt er lachend fest. Wie er überhaupt viele der Songs des Abends mit Anekdoten einleitet, „and it goes like this“. So lernt der Radiohörende, dass Anne Dudley den schmierigen Stripper-Song „You Can Leave Your Head On“ 1997 für Tom Jones produzierte, als Soundtrack eines Low-Budget-Films, der überraschend zum Hit wurde – „The Full Monty“, was Jones verschweigt. Fast alle der Komponierenden oder Originalinterpreten waren gute Freunde von ihm, Dusty Springfield („Windmills Of Your Mind“, Interpretin), Cat Stevens („Pop Star“), Bob Dylan („One More Cup Of Coffee“) oder Willie Nelson, auf dessen 90. Geburtstag Jones vor einiger Zeit auftreten durfte und staunte, dass jemand in dem Alter noch auf der Bühne steht, denn: „Damals war ich erst 83!“

Das Alter ist vom ersten Moment an wiederkehrendes Thema des Abends. Schließlich beginnt Jones den Song-Reigen mit „I’m Growing Old“ von seinem jüngsten Album „Surrounded By Time“, begleitet lediglich vom Piano. Koketterie, mag man meinen, angesichts der Fitness, mit der der Mann priesterlich die Arme ausgebreitet seine Songs intoniert, auch wenn dies bisweilen sichtlich unter Kraftanstrengung geschieht, aber bei der Sangesgewalt ginge es jüngeren sicherlich genauso. Sobald sich eine Lücke ergibt, lächelt Jones, verschmitzt, bübisch, froh über den Moment, den er deutlich genießt. Was für eine Erscheinung! Und das mit 85 Jahren.

Zudem hat Jones eine Band bei sich, die tatsächlich live spielt und der er dezidiert den Raum gibt, sich zu entfalten, also als Musizierende zu präsentieren, mit grandiosen Einlagen von Schlagzeug, Bass, Hammond-Orgel und Gitarren, etwa im genannten „Windmills Of Your Mind“. Bisweilen setzt er die Band lediglich sachdienlich ein, da klingen einige Songs eben nach Radiopop, wie im Studio produziert, dann nimmt man die Musik eben als Vehikel wahr für eine Stimme, die man in jedem Augenblick schlichtweg genießen muss. Dies geschieht zumeist bei eher unbekannten Albumtracks, die umgestalteten Hits und die Experimente stellen die Mucker-Seite der Begleitband umso deutlicher heraus.

An sehr früher Stelle bereits reisen Jones und die Band zurück zu „It’s Not Unusual“, und weil sie keine Bläsersektion dabei haben, übernimmt ein Akkordeon deren Part. Und es funktioniert bestens. „What’s New Pussycat“, so lernt man, komponierten Burt Bacharach und Hal David, was den reichlich veralteten Songtext etwas ausgleicht, und zwar als Soundtrack für einen Film von Woody Allen, was es wiederum nicht besser macht; dieser Song, ebenfalls mit verändertem Arrangement, leitet nun den Reigen der schwülstigen Lieder ein, der über den genannten Striptease-Song in „Sex Bomb“ gipfelt. Aber in was für einem „Sex Bomb“: Die Radiohörerschaft erkennt den Neunziger-Club-Knaller bereits an den ersten Textzeilen, während die Unbedarften noch über die Darreichungsform staunen. Denn der Song beginnt mit Gesang zur zittrigen Slide-Gitarre, als wäre es „Auberge“ von Chris Rea, und wird dann zu einem stampfenden Bluesrocker. Verdammt nochmal geil. Zudem berichtet Jones hinterher stolz grinsend, dass er dieses Lied mit Mousse T. in Hannover aufnahm, es mithin ein deutscher Song sei.

Und dann gibt’s ja noch die experimentellen Stücke im Programm, die man in einem solchen eher familientauglichen Kontext gar nicht erwartet hätte. „I Won’t Crumble With You If You Fall“ ist ein Gospel-Song, den Jones auch entsprechend vorträgt, doch die Musik dazu besteht aus an- und abschwellenden Drones, die die Dringlichkeit des Inhalts unterstreichen – aber einem Massenpublikum fremder sein dürften als etwa Fans von Sunn O))). Gleiches gilt für „Lazarus Man“ vom selben Album „Surrounded By Time“, dort neun Minuten lang, hier immerhin überlang, das aus einem unendlich wiederholten Melodieloop besteht, in das die Band gelegentlich hineinkracht und zu dem Jones den Text in die Dämmerung dröhnt, teilweise ebenfalls wiederholt. Überhaupt zwei der geilsten Songs von Tom Jones, ist es eine Freude, dass er sie in so ein Set einbettet.

In das dann natürlich auch „Kiss“ gehört, das Jones dem Komponisten Prince widmet – und unterschlägt, dass er dieses Stück bereits 1988 mit The Art Of Noise als Single veröffentlichte. Wenn er vorher doch schon Anne Dudley erwähnte! Heute klingt es nicht nach Beatbox, sondern nach Funk, ganz dem Original entsprechend. Für „Delilah“ ackert die Band nochmal ordentlich los, rockt mit „Talkin‘ Reality Television Blues“ voran, bringt sogar das eher glatte „Green Green Grass Of Home“ und entlässt nach fast zwei Stunden inklusive einer kurzen Pause das Publikum in die dämmernde Wolfsburger Nacht. Eine Lücke lässt Jones: „Help Yourself“ fehlt, Gott sei’s geklagt!

Erwähnenswert sind noch: Videoleinwände finden sich rechts und links der Bühne sowie einmal groß hinter der Band, auf ihnen bekommt man live zu sehen, was aus der Ferne zu klein wäre, und dies teilweise versetzt mit vorbereiteten Videoeffekten, die grafisch zur Entstehungszeit der Songs passen, oder Filmclips. Die Autostadt verbirgt, dass sie eigentlich ein Freizeitpark für Konsumgüter ist, und stellt sich als Festivalgelände dar, mit punktiert gepflanzten Bäumen vor der Bühne und Gastrobuden drumherum; natürlich gibt es hier auch die VW-Currywurst. Und: Der vergleichsweise niedrige Eintrittspreis muss gesponsert sein, aber so ist das, das nimmt man dann dankbar hin, wenn man dafür eben eine Größe wie Tom Jones zu erleben bekommt. Yes, it was „One Hell Of A Life“!