Solbrud & Wildernessking – Live in der Astra-Stube in Hamburg am 18. Juli 2017

Von Matthias Bosenick (19.07.2017)

Der erste sonnige Tag im Juli, und wir gucken Black Metal. Trve! Auf der kleinen Bühne in der winzigen Hamburger Astra-Stube müssen die Musiker von Solbrud aus Kopenhagen und Wildernessking aus Kapstadt nebeneinander stehen. Beide Bands sind Vertreter des modernen Black Metal, der sich in Sachen Gebretter und Geschrei für Atmosphären, Post Rock, Ambient und Progressivität geöffnet hat. Die Musik ist so trve wie die Location in direkter Schanzenviertelnachbarschaft: Über der Bühne steht „Flora bleibt“. Und für den Rezensenten ist es eine Riesenfreude, die vier jungen Dänen zwei Jahre nach ihrem Gig Leipzig wiederzusehen – und wiedererkannt zu werden.

Die Astra-Stube ist berühmt dafür, dass sie an einer Ampelkreuzung, die von der S-Bahn gequert wird, direkt unterhalb der Schienentrasse, der Sternbrücke, installiert ist. In deren Schatten sitzen die vier von Solbrud auf der Bank vor der kleinen Kneipe und genießen das Wetter, das nämlich in Dänemark in diesem Sommer bislang genau so schlecht war wie hier. „Ich war mir nicht sicher“, sagt Sänger und Gitarrist Ole, als wir auf die Kneipe zukommen, und knuddelt mich zur Begrüßung, als er sich doch sicher ist, dass ich es bin; die anderen drei folgen. Respekt, nach zwei Jahren erinnern sie sich an einen Zuschauer, der sie in Leipzig sah, und das, obwohl sie in ihrer Heimat vor einem mehr als dreißigmal so großen Publikum spielen wie hier, also bereits eine unübersichtliche Menge an Zuschauern zu Gesicht bekommen haben.

Auf Tour sind Solbrud mit ihrem dritten Album „Vemod“, „Wehmut“, und als Support der Südafrikaner Wildernessking. Mit denen wechseln sie Abend für Abend die Headliner-Position; heute sind Wildernessking der Opener. Um neun ist Beginn, um elf muss Schluss sein, wegen der Nachbarschaft; die zeitlichen Grenzen sind also eng und lassen pro Band bei den epischen Songs vielleicht Raum für je vier, fünf Stücke. „Vier“, sagt einer von Solbrud auf meine entsprechende Frage. „Drei lange und ein kurzes.“ Ein kurzes? „Ja. Nur sieben Minuten.“

Wildernessking schaffen mehr in den 41 Minuten Spielzeit, die sie haben. Sympathischerweise tragen die vier aus Kapstadt keinerlei genretypischen Insignien, keine Schminke, keine Nieten, nicht mal Tattoos, zwei sogar Glatzen, kaum schwarze Shirts. Hier geht es nicht um Posen, hier geht es um Musik. Die geht direkt ins Gesicht, mit harten Flächen und Geschrei. Der Schlagzeuger wirbelt untypische Elemente in die Beats, die Gitarren und der Bass – letzterer gespielt vom Sänger – setzen dezente Breaks an unerwarteten Stellen, gelegentlich wirkt der Black Metal hier, als wäre der Indierock rebellisch geworden. Mit Solbrud teilen sie, dass ihr Black Metal zwar groovt, aber nicht wie handelsüblicher Metal auf Riffs basiert; dass Flächen und Atmosphären der Musik den Drall zum Shoegaze geben, aus ihm also den hippen Blackgaze machen; dass auf Lärm gespielte Instrumente auch Melodien erzeugen können; dass der Dreivierteltakt überwiegt – ohne ihn wäre der Black Metal nichts.

Die vier brauchen einen Moment, um in ihr Set zu kommen. Sie irritiert die Stille im Publikum, sagt der Sänger, da seien sie Anderes gewohnt, und bekommt ein „That’s Hamburg“ zur Erklärung. Der Appell zeigt Wirkung, die Stimmung schlägt in Euphorie um und steckt wiederum die Band an, die sich fürderhin kraftvoll in ihre Songs hängt. Ein sympathischer Höhepunkt ist, als der Sänger gegen Ende des Sets Probleme mit einem Kabel hat und man den Bass nicht mehr hört: Jemand von Solbrud wirft ihm sein Kabel auf die Bühne, die Restband schrubbt während des Wechselns blind weiter und als alles wieder perfekt ist, schieben sie den Song gemeinsam über die Kante. Das Publikum ist längst aufgetaut genug, um den Gig mit einem angemessenen Applaus zu quittieren.

Solbrud lassen zum Auftakt ein Gewitter über die Astra-Stube hereinbrechen. Ein kurzes, denn Ole grinst und stellt fest, dass er die falsche Gitarre umhat. Ein schneller Tausch und los geht’s erneut. Sobald die Musik beginnt, treten trotz der genannten Gemeinsamkeiten die Unterschiede zu den Wildernesskings hervor: Die Sounds der Dänen sind dreckiger, ihre Gitarrenmelodien kippen auch mal zur Seite, die Flächen sind rauh unterfüttert; sie gönnen sich auch mal Soli und viele dunkle, atmosphärische, progressive Passagen; die Einflüsse, die man heraushören mag, reichen von Pink Floyd bis Fields Of The Nephilim, und nicht nur – wie es die Bandshirts der Musiker verraten – von Black Sabbath bis Bathory. Die vier jungen Musiker machen einen beseelten Eindruck; zum Abschluss schrubben sie ihre Saiteninstrumente beinahe in Status-Quo-Manier, optisch zumindest. Das Publikum rastet schier aus und hat damit absolut Recht. Im abblendenden Bühnenlicht sieht man, dass an Oles Gitarre eine Saite gerissen ist. Rock’n’Roll!

Wir decken uns mit Merch ein, darunter der CD von Oles Solo-Projekt Afsky. Der Abschied von Solbrud, unter den ratternden S-Bahnen, fällt noch herzlicher aus als die Begrüßung. Wir verabreden uns auf ein nächstes Mal – vielleicht im Braunschweiger Nexus oder in Kopenhagen. Vi ses!

[Edit 20.07.2017] Mein Begleiter Nils wies mich darauf hin, dass Ole die Gitarre wechselte, weil ihm schon zu Beginn zwei Saiten gerissen waren. Danke!

Wegen des hohen Spam-Aufkommens sind Kommentare bedauerlicherweise nicht mehr möglich.