First Blood, Commercial Suicide und The Cold Shoulder – Live im Jugendzentrum B58, Braunschweig, am 9. Juli 2015


Von Matthias Bosenick (10.07.2015) / Auch veröffentlicht auf Kult-Tour – Der Stadtblog

Yo. Fett in die Fresse. First Blood: Keine Schnörkel, keine Fisimatenten, einfach nur Gitarre-Bass-Schlagzeug-Schreihals. Simple Stücke, die auf Effekt zielen, und den erreichen die Kalifornier: Die üppige Meute pogt, bangt, circlepittet, hüpft, grölt mit. Die Musik ist mit Fug und Recht als minimalistisch zu bezeichnen – ganz anders als die der lokalen Supporter Commercial Suicide, die ihren Melodic Hardcore innerhalb der teils ellenlangen Stücke diverse respektable Haken schlagen lassen. Das ist so progressiv und musikalisch spannend, dass man sich wundert, wie die Musik beider Bands unter dem Rubrum „Hardcore“ firmieren kann. Die Vorband The Cold Shoulder aus Göttingen bedauert der Rezensent übrigens, verpasst zu haben.

Für First Blood, die im B58 übrigens ihren Europatourauftakt begehen, ist die Zeit stehen geblieben: Die Mucke pumpt nicht anders als die vergleichbarer Metalcore-Combos vor 20 und mehr Jahren. Shouter Carl Schwartz schreit sich mit den üblichen Hardcore-Themen die Seele aus dem Leib, für die anderen drei Musiker gibt es kaum zu tun, um die Massen zum Bouncen zu bringen: Die Einsätze von Gitarre, Bass und Schlagzeug sind aufs Wesentliche beschränkt, und selbst das definiert die Band noch als spärlich. Alle paar Minuten gibt es einen Rhythmuswechsel, vom satten Headbanger zum flotten Punkrocker. Aber es reicht aus für eine gute Party: Vor der Bühne fliegen die Arme hoch, brechen die Nacken, rennen letztlich um die sieben Leute im Kreis. Ab und zu hält Schwartz jemandem zu seinen Füßen das Mikro vor die Nase, der sich dann grölenderweise als überraschend textsicher entpuppt. Zwischendurch kommt Schwartz aus dem Labern nicht heraus. Er lobt etwa den B58-Chef Frank Tobian, den er „Tubaien“ ausspricht; auch die korrekte Aussprache von „Braunschweig“ ist ihm ein Thema: Mit „Brunswaik“ liegt er zunächst leicht daneben. Schon mörtlet die Band wieder los. Ein knappes Stündchen, dann sind alle platt.

Erstaunlich, eigentlich. Denn bei Lichte betrachtet, ist die Musik von First Blood sogar fast langweilig. Es passiert einfach nichts. Zwischendurch gibt es mal einen Song, bei dem der Schlagzeuger etwas mehr zeigen darf, aber das war’s dann auch schon. Und Schwartz’ Geschrei ist auch nichts für eine Dauerbeschallung, dafür wechselt seine Tonlage zu selten. Es fehlen die Raffinessen. Aber die braucht man nicht, wenn man einfach nur in die Fresse hauen will. Nicht umsonst hat sich die Band nach dem Originaltitel von „Rambo“ benannt. Und übrigens gibt’s die personell recht wechselhafte Combo gerade mal seit einer guten Dekade, aber hey, damit kommen Nachgeborene eben auch noch mal in den Genuss, wie es war, damals, in den 80ern oder 90ern, als aus dem Punkrock der staubtrockene Hardcore wurde, der in manchen Anteilen bald die Grenze zum Metal erreichte und damit zum Herumhüpfen anregte. Wenn man mag, hört man bei First Blood Einflüsse wie Madball, Cro-Mags, Biohazard, Sick Of It All und Agnostic Front heraus, also die Heroen und Fackelträger des Hardcore. Stilecht gehalten sind sogar die Cover der bislang zwei Alben, das jüngste mit Frakturschrift und schwarzweißer Polizeigewalt.

Fürs schlichte Durchmoshen sind Commercial Suicide vermutlich einfach mal zu komplex. In einem Song ändern sich Rhythmus, Tempo und wer weiß was noch alles häufiger als bei First Blood überhaupt. Damit sind sie musikalisch um Längen spannender, taugen aber offenbar nur bedingt zur Party. Vordergründig lockt die Band mit einem beinahe dem Pop nahen Melodic Hardcore, aber wer nur deswegen dazuschaltet, bekommt eine viel abwechslungsreichere Packung um die Ohren geschlagen, links-rechts. Was der Schlagzeuger aus seinem Apparat herausholt, sprengt alle Genregrenzen: Er kann Punk, er kann aber auch Metal, mit Doublebass-Attacken, und mit fiesen Tempowechseln, mit abrupten Breaks, die das Mitbangen erschweren. Der Bass ist deutlich vernehmbar mit massivstem Metall bespannt. Drumherum spricht die geballte Kraft der zwei Gitarren, mit wahlweise respektive gelegentlich gleichzeitig schönen Melodien, überraschenden Experimenten und sattester Heavyness. Der Shouter shoutet nicht einfach, er kann singen, klar und sicher, und bringt damit den angedeuteten Melodic-Aspekt in die Musik ein. Man könnte insgesamt fast von Progressive Hardcore sprechen. Damit machen sich Commercial Suicide sogar um Längen attraktiver, als auf den beiden CDs, die sie bereits veröffentlichten. Und als der Haupt-Act eben auch.

Egal, eine schweißnasse Sommernacht, auch ohne tropische Temperaturen draußen. Nach First Blood muss man sich zwar den Kiefer wieder geraderücken, aber da ist kein Schaden entstanden, der nicht mit ein paar Bieren wieder zu reparieren wäre.

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