{"id":965,"date":"2014-09-12T12:58:00","date_gmt":"2014-09-12T10:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=965"},"modified":"2014-09-12T21:38:48","modified_gmt":"2014-09-12T19:38:48","slug":"mr-may-und-das-flustern-der-ewigkeit-still-life-umberto-pasolini-gbi-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/mr-may-und-das-flustern-der-ewigkeit-still-life-umberto-pasolini-gbi-2013\/","title":{"rendered":"Mr. May und das Fl\u00fcstern der Ewigkeit (Still Life) \u2013 Umberto Pasolini \u2013 GB\/I 2013"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (12.09.2014)<\/p>\n<p>Ein wunderbarer, stiller, poetischer, r\u00fchrender Film gelingt dem als Regisseur noch zu den Newcomern z\u00e4hlenden Umberto Pasolini. Die Hauptfigur John May ist mit Eddie Marsan perfekt besetzt und ebenso perfekt ausgestaltet, die Filmsprache passt sich der Entwicklung dieser Figur an, das Ende ist konsequent und bewegend. Sensible Menschen verlassen das Kino nicht, ohne sich hinterher eine Menge Gedanken zu machen, und auch Filmanalytiker finden viele Details, an denen sie ihre Freude haben. Europ\u00e4isches Kino in klassischer Art.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mr. May arbeitet in London bei einer Beh\u00f6rde, die die Angeh\u00f6rigen von einsam Verstorbenen sucht. Findet sich auch nach langer, intensiver Suche niemand, wohnt May als einziger der Trauerfeier bei und l\u00e4sst sie gestalten, als w\u00e4re sie f\u00fcr alte Bekannte. Weil May langsam und das Geld knapp ist, schlie\u00dft sein Vorgesetzter die Abteilung und setzt May vor die T\u00fcr. Der erbittet sich die Zeit, den letzten offenen Fall abzuschlie\u00dfen: Billy Stokes, der anonym und alkoholkrank im Haus gegen\u00fcber verstarb, und der uneheliche Kinder, entt\u00e4uschte Geliebte, erbitterte Gegner, ehrfurchtsvolle Armeekameraden, ambivalente Ex-Arbeitskollegen, weinselige Mit-Obdachlose sowie eine zun\u00e4chst verbitterte Tochter hinterl\u00e4sst. Im Zuge seiner Recherchen zeichnet May den Hinterbliebenen ein liebenswertes Bild von Billy und bringt sie damit mindestens zum Innehalten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend May zu begreifen beginnt, dass sein 22 Jahre altes Leben in der Beh\u00f6rde, das er auch zu Hause fast zwanghaft schlicht h\u00e4lt und exakt ordnet, vorbei ist, und sich auf neue Verhaltensweisen einl\u00e4sst, begibt er sich auf die Spur des sich als Raufbold und treue Seele entpuppenden Billy. Dabei begegnet er Billys Tochter Kelly und erkennt die Optionen, die das Leben abseits der vertrauten Pfade bereith\u00e4lt \u2013 und abseits der Toten, zu denen er mehr Bezug hat als zu den Lebenden um sich herum, da sein Leben genau so einsam ist wie das seiner verstorbenen Sch\u00fctzlinge.<\/p>\n<p>Pasolini erz\u00e4hlt diese Geschichte mit brillanten Mitteln. So schlicht, wie Mays Leben ist, sind auch die Bilder, die es dokumentieren; sein Schreibtisch und sein Esstisch sind rechtwinklig abgezirkelt, so sind auch die Bildkompositionen. Selbst der gesch\u00e4lte Apfel ist ein Musterbeispiel an Ordentlichkeit. Nat\u00fcrlich erinnert das an die Filme von Aki Kaurism\u00e4ki, aber das passt sehr gut. So langsam, wie May arbeitet, ist auch das Erz\u00e4hltempo, dabei aber nie langweilig. Schritt um Schritt baut Pasolini das Geschehen auf, es ist stringent und stimmig, ohne dramaturgische oder filmische Turbulenzen. Im Wortsinne nimmt Mays Leben bald Fahrt auf, er bewegt sich in Z\u00fcgen und Bussen, um Stokes&#8216; Angeh\u00f6rige ausfindig zu machen. Er lockert seine Krawatte, tauscht Weste gegen Pullover, g\u00f6nnt sich, beim Verspeisen einer Schweinefleischpastete zu kr\u00fcmeln, und sammelt diese \u00dcbrigbleibsel dann doch ein. Die Farben werden intensiver, die Kamera weniger statisch. Manche Entwicklungen bleiben ungenannt, lediglich gezeigt: Als May einen Fisch geschenkt bekommt und zubereitet, misslingt ihm der. In einer sp\u00e4teren Einstellung sieht man die Gr\u00e4ten auf dem Teller. Ein andermal verdeutlicht Pasolini die Verbundenheit zwischen dem Rauhbein Billy und der sich str\u00e4ubenden Tochter Kelly, indem er in beider Wohnung einen Sessel zeigt, dessen abgebrochenen Fu\u00df ein B\u00fccherstapel ersetzt; als May das bei Kelly wiederentdeckt, l\u00e4chelt er zum ersten Mal.<\/p>\n<p>Der ganze Film kratzt am R\u00fchrseligen und Kitschigen, kippt aber immer zur kunstvollen Seite. Auch der Schluss erscheint zun\u00e4chst als dick aufgetragen, ist aber konsequent und r\u00fchrt tats\u00e4chlich zu Tr\u00e4nen. Eddie Marsan verk\u00f6rpert Mr. May absolut perfekt. Es ist erschreckend, aber glaubw\u00fcrdig, dass dieser in Einsamkeit veraltete Mann lediglich 44 Jahre alt sein soll. Marsan kennt man aus \u201eWorld&#8217;s End\u201c und als Fahrlehrer Scott in \u201eHappy Go Lucky\u201c sowie aus Millionen Nebenrollen. Mit seiner Hauptrolle tr\u00e4gt er den Film, der auch ewig so weitergehen k\u00f6nnte. Der deutsche Titel ist \u00fcblich bl\u00f6d, \u201eStill Life\u201c ist ein sch\u00f6nes, treffendes Wortspiel, das man gerne beibehalten haben k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (12.09.2014) Ein wunderbarer, stiller, poetischer, r\u00fchrender Film gelingt dem als Regisseur noch zu den Newcomern z\u00e4hlenden Umberto Pasolini. 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