{"id":951,"date":"2014-08-21T23:03:22","date_gmt":"2014-08-21T21:03:22","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=951"},"modified":"2014-08-21T23:03:22","modified_gmt":"2014-08-21T21:03:22","slug":"jimmys-hall-ken-loach-gbfirl-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/jimmys-hall-ken-loach-gbfirl-2014\/","title":{"rendered":"Jimmy&#8217;s Hall \u2013 Ken Loach \u2013 GB\/F\/IRL 2014"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (21.08.2014)<\/p>\n<p>Erschreckend zeitgem\u00e4\u00df ist die Geschichte von dem Iren Jimmy Gralton aus dem Jahr 1932, die uns Ken Loach mit seinem offenbar letzten Film erz\u00e4hlt. Das tut er nach alter Schule: ohne schnelle Schnitte, aber mit kunstvoll komponierten Bildern, sch\u00f6nen Farben, schl\u00fcssigen Zeitspr\u00fcngen, pointierten Dialogen, politischer Botschaft und der wohl sch\u00f6nsten Sexszene ohne Sex, die es im Kino gibt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Irland ist politisch f\u00fcr Au\u00dfenstehende unfassbar schwer fassbar. Man wei\u00df grob: Die katholischen Republikaner stehen den einstigen Unterdr\u00fcckern, den protestantischen Briten, gegen\u00fcber. Dazwischen gibt es diverse Abstufungen von Konfession, Gewalt, Ideologie. Daher sind Gut und B\u00f6se in Irland nur schwer \u00fcberhaupt zu trennen, grob hat sich die Haltung durchgesetzt: Irland gut, England b\u00f6se. Umso verwirrender ist f\u00fcr den Betrachter vermutlich die (in den Grundz\u00fcgen wahre) Geschichte von Jimmy Gralton, der 1932 aus New York nach Irland zur\u00fcckkehrt und dort von Teilen der Bev\u00f6lkerung dazu motiviert wird, etwas wiederzubeleben, das zehn Jahre zuvor der Grund war, weshalb er \u00fcberhaupt fliehen musste: Jimmy&#8217;s Hall, eine Art soziokulturelles Zentrum, mit ehrenamtlich und privat organisierten Fortbildungskursen in Kunst, Handarbeit, Boxen und Tanz f\u00fcr Jung und Alt, 1932 nicht nur wie 1922 traditionellem Irischen, sondern zus\u00e4tzlich auch dem neumodischen Jazz aus New York, zu dem Schwarze und Wei\u00dfe gemischt tanzten, eine Undenkbarkeit, die der gute Gralton bejubelt. Sein Gegner ist wie zehn Jahre zuvor das im allgemeinen Kanon eigentlich das als Gute geltende: die katholische Kirche Irlands. Die beansprucht den Bildungsauftrag f\u00fcr sich allein und wittert in Jimmy&#8217;s Hall eine Brutst\u00e4tte des Kommunismus. Der Pfarrer solidarisiert sich nun mit dem Gutsherren und dessen republikanischen Gefolgsleuten. Somit werden die von England Unterdr\u00fcckten ihrerseits zu Unterdr\u00fcckern und bei Loach recht eindeutig zu den B\u00f6sen.<\/p>\n<p>Zwar kommt es im Film auch zu Gewalt und Heimt\u00fccke, doch l\u00e4sst Loach mit dem unfreiwilligen Rebellen Gralton und dem egomanischen Pfarrer sowie deren jeweiligen Sidekicks Charaktere aufeinandertreffen, die zu sprachlich gewandten Schlagabtauschen in der Lage sind. Mit diesen bringt er den Zuschauer zu erfreuten Beifallsbekundungen, selbst wenn \u2013 wie im echten Leben \u2013 die Machthaber letztlich obenauf bleiben. \u00dcberhaupt l\u00e4sst Loach die Protagonisten beider Seiten mit internen Diskussionsrunden ihre Pros und Contras aufz\u00e4hlen und offenbart damit die Zerrissenheit beider Parteien (wenngleich die B\u00f6sen zielgerichteter sind). Dabei fallen die gelegentlichen Allgemeinpl\u00e4tze (\u201eDas Haus ist abgebrannt, aber was Jimmy dir beigebracht hat, wird nicht vergehen\u201c) nicht ins Gewicht.<\/p>\n<p>Loach montiert in die Berichterstattung \u00fcber Gralton R\u00fcckkehr R\u00fcckblicke in die Zeit um 1922, um die Hintergr\u00fcnde f\u00fcr die gegenw\u00e4rtigen Begebenheiten zu verdeutlichen. Da muss man etwas aufpassen, dass man mit den Zeitebenen nicht durcheinanderkommt. Sp\u00e4ter l\u00e4sst er Gralton und seine Ex Oonagh erneut verliebt sein; Oonagh hat aber inzwischen einen Mann und zwei Kinder, und die gemeinsame Vergangenheit deutet Loach nur an. Gut gel\u00f6st: \u201eDu wei\u00dft, warum ich dir nicht aus New York geschrieben habe\u201c, sagt Gralton einmal. Genau, das reicht, um die Situation zu beschreiben. In einer wundervollen Sequenz sind sie allein in Jimmy&#8217;s Hall, nachts, und tanzen zu imagin\u00e4rer Musik. Sie kommen sich nahe, aber doch nicht, und in dieser Nicht-Distanz tritt die gesamte Verzweiflung dar\u00fcber zutage, dass eine erneute Beziehung unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Die Mischung aus Irish Folk und Jazz belebt den Film. Erstaunlich unirisch ist, dass die Protagonisten zwar rauchen, dass aber der erste Alkohol im Film erst nach \u00fcber einer Stunde flie\u00dft, und das nicht auf den ausgelassenen Tanzpartys, sondern beim Pfarrer im Schlafzimmer. Epische Landschaftsaufnahmen und authentische Einblicke in die Lebensbedingungen lassen ein zwar aus fremdenverkehrlicher Sicht kitschiges, aber doch nachvollziehbares Bild von Irland aufkommen.<\/p>\n<p>\u201eJimmy&#8217;s Hall\u201c ist so etwas wie die Fortsetzung von Loachs \u201eThe Wind That Shakes The Barley\u201c von 2006, der die Geschehnisse um 1921 thematisiert. Mit vielen Statements l\u00e4sst Loach seinen Gralton dar\u00fcber hinaus ganz eindeutig die Jetztzeit kommentieren. Als Zuschauer mit einer \u00e4hnlichen politischen und gesellschaftlichen Haltung freut man sich dar\u00fcber, dass man offensichtlich nicht allein ist. Solidarit\u00e4t ist bitter n\u00f6tig heutzutage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (21.08.2014) Erschreckend zeitgem\u00e4\u00df ist die Geschichte von dem Iren Jimmy Gralton aus dem Jahr 1932, die uns Ken Loach mit seinem offenbar letzten Film erz\u00e4hlt. 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