{"id":9506,"date":"2026-09-02T13:22:23","date_gmt":"2026-09-02T11:22:23","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=9506"},"modified":"2026-09-02T13:22:23","modified_gmt":"2026-09-02T11:22:23","slug":"spaziergang-nach-syrakus-lars-jessen-d-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/spaziergang-nach-syrakus-lars-jessen-d-2026\/","title":{"rendered":"Spaziergang nach Syrakus \u2013 Lars Jessen \u2013 D 2026"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Matthias Bosenick (02.09.2026)<br><br>Auf der Suche nach der Quelle f\u00fcr seine Sehnsucht versteigt sich Paul in dem literarisch inspirierten Wunsch, zu Fu\u00df nach Sizilien zu wandern. Dumm nur, dass er in der DDR lebt. Der \u201eSpaziergang nach Syrakus\u201c von Regisseur Lars Jessen begleitet man gern, weil hier der Tonfall stimmt, ausgewogen zwischen Ernst und Humor, und auch sonst alles das Auge erfreut. Fast alles, denn die Wende bedeutet hier auch dramaturgisch eine Z\u00e4sur.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer wie der Rezensent Fernsehgucken nicht als Hobby hat, kennt Charly H\u00fcbner nicht. Als Paul Gompitz \u00fcberzeugt der Schauspieler, als w\u00e4re er jener Sehnsuchtsgetriebene pers\u00f6nlich. Stimme, Aussehen (wie Klaus Lage ungef\u00e4hr zu der Zeit, zu der auch die Handlung des Films stattfindet, also Mitte der Achtziger), K\u00f6rperbau, Bewegungen, der gespielte Mittvierziger erscheint hier als vertrauensw\u00fcrdiger B\u00e4r, dem man alles billigt. Na, fast alles: Seine Obsession, einmal die DDR zu verlassen, analog zu Johann Gottfried Seimes\u2019 Reisebericht \u201eSpaziergang nach Syrakus\u201c aus dem Jahr 1802, ebenjene Reise nachzustellen und anschlie\u00dfend in die DDR zur\u00fcckzukehren, belastet seine Ehe mit Anna enorm, zumal es sieben anstrengende Jahre dauert, bis Paul seinen Traum endlich umgesetzt bekommt, abermals zu Lasten seiner Gattin, die fortan Probleme mit der Stasi hat. Was ihn nicht davon abh\u00e4lt, seinen Traum zu verwirklichen.<br><br>Aus der R\u00fcckschau erz\u00e4hlt Paul diese Geschichte, und zwar von Syrakus aus, Siracusa, Sizilien, n\u00e4mlich einem Kellnerkollegen, im Jahre 2006, und somit uns heute. Wir bekommen die harmonische Ehe von Paul und Anna gezeigt, inmitten des einengenden Lebens in der DDR, die auch innerhalb des abgegrenzten Landes \u00fcberall Grenzen setzt. Paul interessiert sich f\u00fcr Italien, das macht ihn verd\u00e4chtig. Paul m\u00f6chte ein Buch \u00fcber Radartechnik kaufen, das macht ihn verd\u00e4chtig. Paul m\u00f6chte Segeln lernen, das macht ihn verd\u00e4chtig. Paul arbeitet saisonal in Binz, wo es bekanntlich viel Westgeld als Trinkgeld gibt, das macht ihn verd\u00e4chtig. Paul treibt sich abends am Strand von Hiddensee herum, das macht ihn verd\u00e4chtig. Na gut, stattgegeben: Paul hat ja wirklich etwas vor, aber nichts, was auch au\u00dferhalb der DDR illegal gewesen w\u00e4re. Diesen Frust spart der Film nicht aus, man leidet mit Paul. Und auch mit Anna, von der er sich bei fortschreitender Planung und Durchf\u00fchrung entfremdet.<br><br>Dann schafft Paul es, segelt nach D\u00e4nemark, trifft seine Cousine in Bochum und reist gen S\u00fcden. Da ist seine Ehe bereits zerbrochen, dennoch tritt er den R\u00fcckweg an, gleichzeitig feststellend, dass seine Sehnsucht ja immer noch nicht verschwunden ist, trotz der Erf\u00fcllung seines Traums. Ab hier schlingert der Film etwas herum: Die R\u00fcckreise f\u00e4llt n\u00e4mlich mit dem Mauerfall zusammen, was die R\u00fcckkehr in die DDR schlagartig ungef\u00e4hrlich macht; bis zu sieben Jahre Knast h\u00e4ngen jetzt nicht mehr wie ein Damoklesschwert \u00fcber ihm. Da jetzt auch dramaturgisch alles m\u00f6glich ist, fasert das Finale etwas aus. Anna ist weg, Paul ein Weltenbummler, doch zuletzt ist alles Gartenparty. So endet ein grandioser Film mit einem Fragezeichen.<br><br>Grandios ist der Film nicht allein aufgrund seiner Handlung, die die t\u00f6dlich ernstzunehmende Schikaneregierung der DDR mit Sarkasmus spiegelt. Die Bilder, die Lars Jessen einsetzt, passen zur Zeit, mit leichter Sepiaw\u00e4rme im grauen DDR-Alltag. Als filmischen Kniff leitet Jessen Szenenwechsel mit animierten Postkarten ein, noch auf die optisch beeindruckende Spitze getrieben w\u00e4hrend der Reise, als Paul sich n\u00e4mlich teilweise in den Postkarten bewegt, in Napoli sogar spiegelverkehrt auf der R\u00fcckseite einer Karte. Das erinnert leicht an \u201eDie fabelhafte Welt der Am\u00e9lie\u201c und die Bildfantasie von Jean-Pierre Jeunet. Interessanterweise ist die Musik hier auf eine Art eingesetzt, dass man sie nicht wahrnimmt. Ja, da ist etwas, aber man greift es nicht. Als w\u00e4re sie Teil der Bilder, nicht nebenherlaufend. Jakob Ilja von Element Of Crime teilt sich die Credits daf\u00fcr mit Benjamin Wagner P\u00e9rez. Mehr im Ohr hat man wiederum die italienischen Platten, die Paul gelegentlich auflegt.<br><br>Eigentlich war also Pauls Planungszeit der interessantere Teil dieses Film, das Unerf\u00fcllte, die Sehnsucht, gelitten im Alltag eines Unterdr\u00fcckerstaates. Sicherlich hatte auch die Reise ihren Charme, die herzlichen Begegnungen, die Paul erlebt. Nur f\u00fcr den Schluss h\u00e4tte man sich gew\u00fcnscht, dass der Film seine Strenge beibeh\u00e4lt. Klar, was in den Achtzigern in der DDR beginnt, muss sich zwangsl\u00e4ufig bald mit dem Ende dieses Staates auseinandersetzen. Der Schluss der \u201eWinterreise\u201c von Hans Steinbichler ist da ersch\u00fctternder, aber konsequenter.<br><br>Kleiner Realit\u00e4tscheck zum Abschluss: Klaus M\u00fcller war der einzige DDR-B\u00fcrger, der jemals nach erfolgreicher Flucht zur\u00fcckkehrte. An dessen Geschichte hangelt sich der Roman \u201eDer Spaziergang von Rostock nach Syrakus\u201c entlang, mit dem Friedrich Christian Delius die Grundlage f\u00fcr den vorliegenden Film liefert. In dem Roman indes ger\u00e4t Paul tats\u00e4chlich in die F\u00e4nge der Stasi, Klaus M\u00fcller hingegen erhielt bei seiner R\u00fcckkehr lediglich eine Geldstrafe, blieb aber eben auch nicht ohne Konsequenzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (02.09.2026) Auf der Suche nach der Quelle f\u00fcr seine Sehnsucht versteigt sich Paul in dem literarisch inspirierten Wunsch, zu Fu\u00df nach Sizilien zu wandern. Dumm nur, dass er in der DDR lebt. 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