{"id":9227,"date":"2026-06-19T15:36:32","date_gmt":"2026-06-19T13:36:32","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=9227"},"modified":"2026-06-19T15:36:32","modified_gmt":"2026-06-19T13:36:32","slug":"front-242-black-out-alfa-matrix-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/front-242-black-out-alfa-matrix-2026\/","title":{"rendered":"Front 242 \u2013 Black Out \u2013 Alfa Matrix 2026"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Front-242-Black-Out.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Front-242-Black-Out.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9228\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Matthias Bosenick (19.06.2026)<br><br>Einmal noch die H\u00fctte anz\u00fcnden, bevor es in den Live-Ruhestand geht. Einen letztg\u00fcltigen Abschied nehmen die EBM-Erfinder Front 242 noch nicht, lassen aber offen, was das zu bedeuten hat. Selbst l\u00e4ngst alte Belgier, fackelten sie am 25. Januar 2025 im Ancienne Belgique zu Br\u00fcssel ein Hitfeuerwerk ab, das ihre 40 Jahre w\u00e4hrende Existenz abdeckt, inklusive dreier bislang unver\u00f6ffentlichter St\u00fccke, die es auf dem in diversen Formaten vorliegenden Mitschnitt \u201eBlack Out\u201c zu haben gibt. Die neuen Songs machen Lust auf mehr \u2013 aber wie gesagt: Wer wei\u00df, was das Nicht-Ende der Band f\u00fcr Folgen haben wird. Feuer haben sie jedenfalls noch hinreichend.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFront 242 music is free of A.I.\u201c, f\u00fchlen sich die Br\u00fcsseler gezwungen, auf dem Cover zu betonen, und bekr\u00e4ftigen dies mit dem Opener, der da sagt: \u201eWhat You Hear Is What You Get\u201c, oder auch: \u201eW.Y.H.I.W.Y.G.\u201c. Ein Statement also, mit dem Front 242 ihren Abschied einleiten. Die 20 \u2013 auf der Doppel-CD 23 \u2013 Songs dieses l\u00e4ngst auf Youtube nachzuguckenden Abends klingen in dieser Live-Umsetzung technoider und klarer als die Originale, bekommen einmal mehr einen alle verbindenden Untergrund, auf dem die vertrauten Sounds tanzen. Die Action der zwei S\u00e4nger Jean-Luc de Meyer und Richard \u201e23\u201c Jonckheere behalten sie bei, ebenso die Grundstruktur der Songs; man f\u00fchlt sich also nicht fremd, sondern aktualisiert. Man darf ja nicht au\u00dfer Acht lassen, dass die ganz alten Sachen teilweise dadurch entstanden, dass Front 242 Magnetb\u00e4nder zerschnitten und neu zusammenklebten; so verfahren sie live nat\u00fcrlich l\u00e4ngst nicht mehr, hier stehen allerlei Tastenger\u00e4tschaften herum, mit und ohne Monitor, zudem einmal mehr ein echtes Schlagzeug, wie bereits 1997 dynamisch gespielt von Tim Kroker.<br><br>Sp\u00e4testens ab Song drei verliert man den Kopf: Die Deb\u00fct-Single \u201eBody To Body\u201c geht sowas von nach vorn, als h\u00e4tten sie damit bereits 1981 den Techno erfunden. Mit \u201eDon\u2019t Crash\u201c nehmen sie das Tempo zwar gleich wieder raus, integrieren in den Song aber alte und neue Samples und Elemente, geben der Gefolgschaft also etwas zum Entdecken, w\u00e4hrend sie den Moshpit aufr\u00e4umt. Oder, wie in \u201eOperating Tracks\u201c, als lebende Auslaufrille die Grundt\u00f6ne nachgr\u00f6lt. Solcherart verf\u00e4hrt das Publikum sp\u00e4ter bei \u201eNo Shuffle\u201c erneut, wenn es die letzte Textzeile \u201ealways ahead\u201c noch eine Weile lang nachhallen l\u00e4sst.<br><br>Wie kraftvoll die frischen Synthiesounds hier die bekannten Songs verst\u00e4rken, da nimmt man es gern in Kauf, dass sie nicht retro klingen, obwohl sie so angeordnet sind wie auf den Alben, aber sp\u00e4testens seit 1997 arbeiten Front 242 ja daran, ihrem Livesound stets neue Fassetten abzugewinnen. Und zwar intensiver, als sie an neuen Songs arbeiten, das haben sie mit The Sisters Of Mercy und Kraftwerk gemein: ewig auf Tour mit dem \u201eBack Catalogue\u201c. Nur dass der hier in einem genie\u00dfbaren Flow stattfindet. \u00c4hnlich wie bei Kraftwerk gab es dann in den Nullern doch noch ein Studioalbum, das hier allerdings gar nicht ber\u00fccksichtigt ist, und \u00e4hnlich wie bei den Sisters schmuggeln die Belgier hier drei bisher nur live dargebotene neue St\u00fccke ins Set. Anders als bei den Sisters gibt\u2019s die nun auch konserviert zu h\u00f6ren, und anders als bei Kraftwerk ist die Musik hier nicht einfach das letzte Remix-Album mit Applaus. Hier kombinieren sich Mensch und Maschine zu elektronischer K\u00f6rpermusik, wie sie vor 40 Jahren gemeint war.<br><br>Wie krass manche neuen Elemente hier sind: In \u201eFunkhadafi\u201c meint man, einen Amboss zu h\u00f6ren, und \u201eQuite Unusual\u201c l\u00e4sst die Electrosounds glasklar aus den Lautsprechern knallen, zudem bricht der Schlagzeuger hier mit dem Takt, man kommt als Kenner des Hits ins Stolpern und freut sich dar\u00fcber. In \u201eGripped By Fear\u201c h\u00f6rt man den Amboss abermals, der Track besticht ja au\u00dferdem durch seine basslastigen Synthies.<br><br>\u201eGenerator\u201c ist das erste von drei neuen St\u00fccken, komponiert gar nicht mal in der als klassisch anzunehmenden Besetzung, da Daniel Bressanutti sich vor einiger Zeit aus der Band verabschiedete. Seinen Anteil \u00fcbernahm f\u00fcr diesen Song und f\u00fcr \u201eFix It\u201c David Baboulis, und je nachdem, wie gro\u00df dessen Beitrag ist, kann man nur feststellen, dass es gelungen ist, zeitgem\u00e4\u00dfe Front-242-Songs zu erstellen, die sich genau zwischen klassisch und in die Zukunft weisend bewegen, k\u00f6rperbetont, kraftvoll, treibend, energetisch; eine N\u00e4he zu milderen The Prodigy lie\u00dfe sich dezent anmerken. Jener Baboulis \u00fcbernahm auch den Mix des Albums, also ist sein Anteil wohl eher nicht so gering. F\u00fcr \u201eHide And Seek\u201c, den dritten neuen Song, steht als viertes ein \u201eD.Meier\u201c in den Credits, nicht weiter ausgef\u00fchrt und wom\u00f6glich ein Tippfehler; bei dem St\u00fcck scheint es sich um eines von UnderViewer zu handeln, einem Pr\u00e4-Front-242-Projekt von Patrick Codenys und Jean-Luc de Meyer. Auf dem erst sp\u00e4t nachgereichten UnderViewer-Album \u201eWonders &amp; Monsters\u201c ist der Track jedenfalls nicht enthalten, in der Bonus-Abteilung einer der vielen \u201eGeography\u201c-Neuver\u00f6ffentlichungen, dem Deb\u00fct von Front 242, auch nicht. Ein Synthie-Melodiefragment in dieser Power-Ballade erinnert kurioserweise an \u201eIrgendwie, irgendwo, irgendwann\u201c von Nena.<br><br>\u201eCommando Mix\u201c nimmt das Treibende wieder auf, das tut der Song im Original bereits. Hier wird nochmal deutlich, dass sich Front 242 auch gern nicht an bestehende Songstrukturen hielten. Ebenso \u201ePunish Your Machine\u201c, das ja eigentlich 1990 ein Remix von \u201eTragedy \u25b7For You\u25c1\u201c war und erst auf der B\u00fchne ein Eigenleben erfuhr, erstmals dokumentiert nur zwei Jahre sp\u00e4ter auf \u201eLive Target\u201c. Wer genau hinh\u00f6rt, w\u00e4hrend er sich die Seele aus dem Leib groovt, h\u00f6rt gegen Ende sogar noch die urspr\u00fcnglichen Synthiesounds des Originaltracks heraus. Kurioserweise schlie\u00dft \u201eTragedy \u25b7For You\u25c1\u201c direkt daran an, jedoch nicht nahtlos; verpasste Chance, aber der Track hat tats\u00e4chlich eine andere Stimmung als der dazugeh\u00f6rige Mix, der \u00fcber die Jahrzehnte eine psychedelisch-hypnotisches Identit\u00e4t entwickelte. Und trotz aller Nonkonformit\u00e4t haben Front 242 stapelweise Songs im Oeuvre, und nicht selten zeigt sich, was f\u00fcr eine Freude es ist, Jean-Luc de Meyer dabei zuzuh\u00f6ren, wie er sie singt, tief, eindringlich, emotional.<br><br>Und dann freut mich sich auch noch \u00fcber Rarit\u00e4ten, etwa \u201eRed Team\u201c, im Original auf dem dritten Album \u201eOfficial Version\u201c und eigentlich nicht Teil des Live-Kanons. Ein echtes EBM-St\u00fcck, voller Sequenzen und stampfender Beats, genau so, wie man sich das Genre vorstellt. F\u00fcr den Auslauf sparen sich Front 242 noch die gro\u00dfen Hits auf: das an Sprachsamples reiche \u201eWelcome To Paradise\u201c mit der gebellten Empfehlung \u201ebe your fucking self\u201c am Ende, der Techno-Treiber \u201eHappiness\u201c und das obligatorische \u201eHeadhunter\u201c vom \u00fcberraschend wenig vertretenen Hit-Album \u201eFront By Front\u201c. Und damit soll die Party aus sein? Traurig! Das Feuer brennt doch noch? Und au\u00dferdem fehlen hier ja einige Hits?<br><br>Nur auf Spotify und in der Doppel-CD-Version sind \u00fcbrigens die drei unverzichtbaren St\u00fccke \u201eMasterhit\u201c, \u201eSoul Manager\u201c und \u201eNo Shuffle\u201c zu haben. H\u00f6rt man sich die diversen Livealben von Front 242 an, darf man zumindest feststellen, dass die Belgier in einigen F\u00e4llen sehr darauf achteten, live etwas Ungeh\u00f6rtes darzubieten, das auch f\u00fcr den Konservenkonsum noch attraktiv ist. \u201e[Re:Boot (Live)]\u201c 1998 machte den Anfang, als der synthetische EBM-Sound pl\u00f6tzlich mit dem Live-Schlagzeug von Tim Kroker enorm organisch wurde; hier hat noch die LP-Version die Bonus-Tracks. Ganz im Kontrast dazu stand 2008 \u201eMoments 1\u201c, dem zwar nie eine Fortsetzung folgte, das es aber in so vielen Varianten gab, dass es f\u00fcr sich bereits hinreichend Momente ergibt. Da jedenfalls griffen Front 242 live auf historische Synthies zur\u00fcck und verpassten auch j\u00fcngeren Songs ein altes Gewand, indes wiederum mit Tim Kroker an Bord. Mit \u201eBlack Out\u201c stehen den acht Studio-Alben jetzt offiziell und ohne die rein digital ver\u00f6ffentlichten genau zehn Live-Alben gegen\u00fcber. Vor zwei Jahren erschien der Livemitschnitt \u201eAtmosphere 312\u201c zum 40. Geburtstag der Band, da sind \u201eGenerator\u201c und \u201eFix It\u201c bereits zu h\u00f6ren, au\u00dferdem das exklusive St\u00fcck \u201eDeeply Asleep\u201c. Da ist also noch Potential!<br><br>\u201eBlack Out\u201c, Deluxe-Edition:<br>CD1<br>01. W.Y.H.I.W.Y.G. (von \u201eOfficial Version\u201c, 1987)<br>02. Moldavia (von \u201eTyranny \u25b7For You\u25c1\u201c, 1991)<br>03. Body To Body (Single, 1981)<br>04. Don\u2019t Crash (von der \u201ePolitics Of Pressure\u201c-12\u201c, 1985)<br>05. Operating Tracks (von \u201eGeography\u201c, 1982)<br>06. U-Men (von \u201eGeography\u201c, 1982)<br>07. Funkhadafi (von der \u201ePolitics Of Pressure\u201c-12\u201c, 1985)<br>08. Quite Unusual (von \u201eOfficial Version\u201c, 1987)<br>09. Generator (exklusiv)<br>10. Commando Mix (von \u201eNo Comment\u201c, 1984)<br>11. Masterhit (von \u201eOfficial Version\u201c, 1987)<br><br>CD2<br>12. Gripped By Fear (von \u201eTyranny \u25b7For You\u25c1\u201c, 1991)<br>13. Take One (von der \u201eEndless Riddance\u201c-12\u201c, 1983)<br>14. Red Team (von \u201eOfficial Version\u201c, 1987)<br>15. Fix It (exklusiv)<br>16. Punish Your Machine (Remix von \u201eTragedy \u25b7For You\u25c1\u201c, 1990)<br>17. Tragedy \u25b7For You\u25c1 (von \u201eTyranny \u25b7For You\u25c1\u201c, 1991)<br>18. Soul Manager (von \u201eTyranny \u25b7For You\u25c1\u201c, 1991)<br>19. Hide And Seek (exklusiv)<br>20. No Shuffle (von \u201eNo Comment\u201c, 1984)<br>21. Welcome To Paradise (von der \u201eHeadhunter\u201c-12\u201c, 1988)<br>22. Happiness (von \u201e05:22:09:12 Off\u201c, 1993)<br>23. Headhunter (von \u201eFront By Front\u201c, 1988)<br><br>Nicht ber\u00fccksichtigt: \u201e06:21:03:11 Up Evil\u201c (1993) und \u201eP.U.L.S.E.\u201c (2003). Die 12\u201c-Tracks gibt\u2019s auch auf \u201eBack Catalogue\u201c (1987) sowie auf den Rereleases der Studioalben bis 1988.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (19.06.2026) Einmal noch die H\u00fctte anz\u00fcnden, bevor es in den Live-Ruhestand geht. Einen letztg\u00fcltigen Abschied nehmen die EBM-Erfinder Front 242 noch nicht, lassen aber offen, was das zu bedeuten hat. 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