{"id":9189,"date":"2026-06-14T22:09:56","date_gmt":"2026-06-14T20:09:56","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=9189"},"modified":"2026-06-14T22:09:56","modified_gmt":"2026-06-14T20:09:56","slug":"paul-mccartney-the-boys-of-dungeon-lane-capitol-records-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/paul-mccartney-the-boys-of-dungeon-lane-capitol-records-2026\/","title":{"rendered":"Paul McCartney \u2013 The Boys Of Dungeon Lane \u2013 Capitol Records 2026"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Paul-McCartney-The-Boys-Of-Dungeon-Lane.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Paul-McCartney-The-Boys-Of-Dungeon-Lane.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9190\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Guido D\u00f6rheide (14.06.2026)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja oh Hammer \u2013 der mittlerweile 83j\u00e4hrige Paul McCartney ist nicht nur angeblich seit Jahrzehnten tot, er wird auch nicht m\u00fcde, mit immer besser werdenden Ver\u00f6ffentlichungen auf sich aufmerksam zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgewachsen in einem rockmusikfernen Haushalt, habe ich mit Paul McCartney erstmals 1993 mit \u201eHope Of Deliverance\u201c so richtig Bekanntschaft gemacht. Nat\u00fcrlich kannte ich viele seiner Beatles-Gro\u00dftaten vom H\u00f6rensagen und Schonmalgeh\u00f6rthaben, aber diese Musik lief \u201ezu meiner Zeit\u201c nicht st\u00e4ndig im Radio und hatte zuhause weniger Stellenwert als sagen wir mal Rondo Veneziano, Hermann Prey und James Last. Also dann 1993 \u201eHope Of Deliverance\u201c in Heavy Rotation auf Music Television, und ich dachte, \u201eWas f\u00fcr ein abgeschmackter Schei\u00df!\u201c Allein schon Sir Paul ihm seine Haarfrisur \u2013 aber es wurde ja auch nicht sein Hairstylist zum Ritter geschlagen, sondern Paul himself, und au\u00dferdem geschah das ja auch erst wenige Jahre darauf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Jahre zogen ins Land und ich erarbeitete mir mit wachsender Begeisterung den Werdegang der Beatles, die in absolut irrer Geschwindigkeit von Jahr zu Jahr (und das einige Jahre vor meiner Geburt) die Rockmusik immer wieder neu erfanden. Danach kamen dann die Soloalben der Ex-Beatles dran und nat\u00fcrlich auch die Wings, und ich stellte fest, dass Paul McCartney mit Werken wie \u201eMcCartney\u201c (1970), \u201eRAM\u201c (1971, zusammen mit seiner Ehefrau Linda), \u201eFlowers In The Dirt\u201c (1989 \u2013 unterst\u00fctzt vom gro\u00dfartigen Elvis Costello) oder \u201eChaos And Creation In The Backyard\u201c (2005) \u00fcber Jahrzehnte hinweg immer wieder gro\u00dfartige Alben ver\u00f6ffentlicht hat und dar\u00fcber hinaus mit den \u201eFireman\u201c-Alben (zusammen mit dem Killing-Joke-Bassisten Youth) gezeigt hat, dass er auch \u00fcberaus experimentell zu Werke gehen kann, und dann auch noch live (unter Verwendung einer gro\u00dfartig grotesken selbstgebauten Gitarre) Bestandteil einer Nirvana-Reunion war. Zwischendurch erscheinen immer wieder Durchhalte-Alben von mediokrer Qualit\u00e4tsanmutung (hatte ich die Single \u201eHope Of Deliverance\u201c nebst zugeh\u00f6riger Haarfrisur erw\u00e4hnt?), aber alleine schon \u201eMcCartney III\u201c im Jahr 2020 machte deutlich, dass es bei McCartney nicht darauf hinausl\u00e4uft, mit zunehmendem Alter immer schw\u00e4cher und damit immer bedeutungsloser zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegenteil: Mit \u201eThe Boys Of Dungeon Lane\u201c legt McCartney ein Album vor, das mich zun\u00e4chst nicht gelangweilt, aber auch nicht vom Hocker gerissen hat, das dann aber bei jedem weiteren H\u00f6ren immer und immer besser wird. McCartney erz\u00e4hlt aus seiner Kindheit, l\u00e4uft stimmlich zu H\u00f6chstformen auf und liefert eins seiner musikalisch \u00fcberzeugendsten Soloalben ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAs You Lie There\u201c beginnt mit Sprechgesang, dann wird es toll melodisch, ab Minute 3 klingt die Gitarre wie die von George Harrison, danach beginnt Paul zu schreien, und das klingt richtig klasse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLost Horizons\u201c ist weniger abwechslungsreich als das Er\u00f6ffnungsst\u00fcck, sondern sehr l\u00e4ssiger Rock mit mitrei\u00dfender Melodie, vor allem im Refrain (\u201eDaaaaaaaay breaks\u201c, ohne dass die sich im neunten Jahrzehnt ihrer Existenz befindliche Stimme zittert); der Song w\u00fcrde auch gut auf eins der j\u00fcngeren Alben von Richard Starkey passen, aber Paule singt echt besser als Ringo, also ist es hier gut aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDays We Left Behind\u201c beginnt mit zerbrechlicher, fast weinender Stimme und einer sp\u00e4rlichen Akustikgitarrenbegleitung (ein Stilmittel, dessen sich McC auf diesem Album des \u00f6fteren in ansprechender Weise bedient). Die zweite Strophe f\u00e4ngt mit \u201eSee the boys of Dungeon Lane, along the Mersey shore\u201c an, wir haben es hier also mit sowas wie dem Titelsong zu tun. Der Refrain \u201eNothing ever stays, Nothing comes to mind. No one can erase the days we left behind\u201c ist in all seiner McCartneyness schlicht gro\u00dfartig. Also schlicht und gro\u00dfartig, und gro\u00dfartig in seiner Schlichtheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eRipples In A Pond\u201c zeigt, das Paul McC einer der Erfinder des Britpop ist. Nicht satth\u00f6ren kann ich mich hier an der Gitarrenarbeit, wenn es von der Strophe zum Refrain \u00fcbergeht und vice versa.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMountain Top\u201c ist seicht pl\u00e4tschernder Pop und dennoch wunderbar. Und am Ende wird es richtig psychedelisch, was am Anfang des Songs wohl niemand erwartet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDown South\u201c wird komplett von Pauls Stimme getragen, dazu gibt es Akustikklampfe \u2013 so reduziert kommt Pauls Stimme (hatte ich die Qualit\u00e4t von Pauls Stimme schon erw\u00e4hnt? Falls nicht, sei hiermit darauf hingewiesen, dass Sir Paul sich auf diesem Album anschickt, sich gesanglich selber in den Schatten zu stellen, was mit einem Lebensalter jenseits der 80 auch ein guter Platz zum Verweilen ist, allein schon wegen der zugenommen habenden UV-Strahlung) super zur Geltung \u2013 Parallelen zum Sp\u00e4twerk von Johnny Cash sind un\u00fcbersehbar, allerdings brilliert McCartney hier nicht mit Coverversionen und Neuaufnahmen alter St\u00fccke, sondern mit neuen eigenen Kompositionen. Bis auf f\u00fcnf St\u00fccke hat McCartney alles selber geschrieben, bei den f\u00fcnf \u00fcbrigen wird Andrew Watt als Mitsongwriter gelistet. Allem Anschein nach hat der heutige McCartney mehr Selbstvertrauen und eigene Ideen als derjenige von 1989. Damals, bei \u201eFlowers In The Dirt\u201c, betrachtete er die Hilfe von Elvis Costello zum einen als bitter n\u00f6tig, zum anderen f\u00fchrte die Kollaboration der beiden aber auch zu einem wunderbaren Ergebnis. Hier ist es also der New Yorker Musiker und Produzent Andrew Watt \u2013 der zwar altersm\u00e4\u00dfig locker der Enkelsohn des ehemaligen Beatle sein k\u00f6nnte, aber bereits durch seine Zusammenarbeit mit Ozzy, Iggy und Eddie (um nur einige zu nennen) gezeigt hat, dass er mit Legenden umgehen und vor allem arbeiten kann \u2013 der als Co-Produzent des gesamten Albums und Co-Autor der besagten f\u00fcnf St\u00fccke zum Gelingen des Unterfangens, den Jungs aus der Verliesfahrbahn ein w\u00fcrdiges Denkmal zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit \u201eWe Two\u201c scheint sich McCartney um einen st\u00e4ndigen Sitz in den Traveling Wilburys zu bewerben \u2013 aber mal ehrlich: Sir Paul und His Bobness in ein und demselben Studio \u2013 welcher Versicherer w\u00fcrde dazu sein OK geben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit \u201eCome Inside\u201c und \u201eNever Know\u201c gibt uns Paul ein wenig Zeit zum Verschnaufen, beide St\u00fccke sind sehr sch\u00f6n, aber lassen einem nicht andauernd vor Ergriffenheit das Herz stillstehen. Anders verh\u00e4lt es sich mit \u201eHome To Us\u201c: Ex-Beatleskollege Ringo Starr zeigt der Jugend hier nicht nur, dass ein apselut herausragendes Weltklasseschlagzeugspiel auch sehr achtsam, entschleunigt und unaufgeregt klingen kann \u2013 man erkennt Ringo einfach immer heraus, sein Spiel ist unkopierbar \u2013 , nein, er singt auch im Duett mit Paul und geradewegs als ob die beiden \u00e4lteren Herren ihren eigenen Sangesk\u00fcnsten nicht in erforderlichem Ma\u00dfe \u00fcber den Weg getraut h\u00e4tten, haben sie auch noch Sharleen Spiteri von (ja, richtig \u2013 \u201evon\u201c, nicht \u201eaus\u201c) Texas und Chrissy Hynde f\u00fcr den Backgroundgesang verpflichten k\u00f6nnen. Der Song funktioniert an sich schon super als Lobhudelei auf einen Ort, der alles andere als perfekt, aber die Heimatstadt und damit die Heimat an sich ist, und durch das Superstaraufgebot hinter den Mikrofonen wird er keineswegs schlechter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLife Can Be Hard\u201c steckt voller Beatles-Songideen inklusive der Streichenden aus \u201eEleanor Rigby\u201c. Ich versinke in Beatles-Nostalgie und McCartney besingt in wundersch\u00f6nen Worten eine gro\u00dfe Liebe. Ich hatte erst Linda Eastman im Kopf, aber da das vorliegende Album inhaltlich ja eher die Pr\u00e4-Beatles-\u00c4ra abdeckt, vermute ich, dass hier von einer Freundin aus der Jugend des K\u00fcnstlers die Rede ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit \u201eFirst Star Of The Night\u201c leitet Paul McCartney dann das grandiose Albumfinale ein: Allein schon die Zeilen \u201eFirst star of the night shows her light to me, and I know my little world is still alright\u201c sind so gut, dass sie auch von einem Kazoo oder einer singenden S\u00e4ge begleitet werden k\u00f6nnten, ohne gro\u00dfartig kaputtzugehen, aber dass sich Macca hier f\u00fcr ein eher traditionelles Instrumentarium aus Gitarre, Bass und Schlagzeug entscheidet, ist sicher die richtige Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hernach folgt dann mein Lieblingsst\u00fcck auf dem Album: \u201eSalesman Saint\u201c, mit einer bet\u00f6rend knarzigen Trompete, einem scheppernden Schlagzeug und einem Paul McCartney, der anscheinend in eine Dose singt (ob er daf\u00fcr zehn Dollar bekommen hat, ist nicht \u00fcberliefert). Und WIE er singt: F\u00fcr diese Melodie hat er sicher lange an einer Kreuzung gestanden und alles M\u00f6gliche an zwielichtige M\u00e4nner in schwarzen Anz\u00fcgen verkauft, Seele, Omma, Stra\u00dfenbahnfahrkarte, was eben so zur Hand war. Und diesen Preis war es zweifelsohne wert: \u201eSalesman Saint\u201c ist ein grandioser Song, dessen Musik alles beinhaltet, was es an McCartney zu lieben gibt, zuz\u00fcglich der wirklich \u00fcberraschenden Tompete. Der Text handelt von Paul McCartneys Eltern, und alleine schon der Einstieg \u201eMy father was a salesman and my mother was a saint\u201c ist eine willkommene Abwechslung zum ansonsten \u00fcblichen \u201eYour mother was a hamster and your father smelled of elderberries\u201c. Hier wird den Eltern ein Denkmal gesetzt, die gegen Ende des Krieges am Rande der Stadt wohnten, nicht mehr konnten, aber dennoch weitermachen mussten und das unter Zuhilfenahme eines Klaviers, eines Radios sowie Tee und Zigaretten auch schafften, letzten Endes hielten sie zusammen und gr\u00fcndeten eine Familie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass das nicht so einfach und konfliktfrei abging, wird im letzten Song des Albums, \u201eMomma Gets By\u201c, deutlich: \u201eMomma gets by while papa gets high\u201c, Mama arbeitet, um die Familie \u00fcber Wasser zu halten, sie wei\u00df, dass Papa kompliziert ist, aber schei\u00dft sich nix und hat ihre eigene Lebensphilosophie. Sie liebt ihn mit ihrem ganzen Herzen und ihrer ganzen Seele. Und das alles fasst McCartney in knappe, zu Herzen gehende Worte: \u201eShe&#8217;s working all day to bring in the pay, she&#8217;s taking good care of me \u2013 giving me every opportunity. And if it rains, she never complains, she&#8217;s tough enough to make it through the storm, mm-hm\u201c. Das alles ist Jahrzehnte her, aber man h\u00f6rt es McCartneys Stimme an, dass ihm die Geschichte seiner Eltern und die stunning performance seiner Mutter bis heute sehr nahe geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts von \u201eThe Boys Of Dungeon Lane\u201c ist es mir nun komplett Wurscht, ob Paul nun tot ist (was ich \u00fcbrigens nicht glaube) oder lebt (was ich \u00fcbrigens sehr hoffe) \u2013 ich hoffe, das dieses Album keine Abschied ist (was niemanden anhand der thematischen Ausrichtung an der Kindheit Wunder n\u00e4hme) und Sir Paul noch lange weiter musiziert. Seinen Status als einen meiner pers\u00f6nlichen Helden und als einen der gr\u00f6\u00dften Helden der Popmusikgeschichte hat er hier mal wieder auf das Entschiedenste bekr\u00e4ftigt. Kann man einen Status bekr\u00e4ftigen? Egal: Nicht nur vom Gesang her hat mich McCartney noch nie so sehr begeistert wie hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (14.06.2026) Ja oh Hammer \u2013 der mittlerweile 83j\u00e4hrige Paul McCartney ist nicht nur angeblich seit Jahrzehnten tot, er wird auch nicht m\u00fcde, mit immer besser werdenden Ver\u00f6ffentlichungen auf sich aufmerksam zu machen. 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