{"id":9033,"date":"2026-05-03T20:50:16","date_gmt":"2026-05-03T18:50:16","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=9033"},"modified":"2026-05-03T20:50:16","modified_gmt":"2026-05-03T18:50:16","slug":"christin-nichols-christin-nichols-pias-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/christin-nichols-christin-nichols-pias-2026\/","title":{"rendered":"Christin Nichols \u2013 Christin Nichols \u2013 PIAS 2026"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Christin-Nichols-Christin-Nichols.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Christin-Nichols-Christin-Nichols.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9034\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (02.05.2026)<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich wollte ich diesen Text in Anlehnung an einen ca. 30 Jahre alten Die-Sterne-Titel mit \u201eDon\u2019t schei\u00df auf deutsche Texte Vol. 1\u201c \u00fcberschreiben, aber dann bef\u00fcrchtete ich a) dass das von der K\u00fcnstlerin und ihrem aktuellen Album ablenken und b) denken machen k\u00f6nnte, dass \u201eDeutsche Texte\u201c ein eigenes Musikgenre w\u00e4re, was es nicht ist, ebensowenig wie \u201eFemale Fronted [hier bitte ein Musikgenre einsetzen]\u201c \u2013 eine Schublade, in die Christin Nichols ebenfalls hineinpassen w\u00fcrde, wenn es sie denn g\u00e4be. Aber es gibt sie nicht, gl\u00fccklicherweise. Also die Schublade. Christin Nichols gibt es nat\u00fcrlich, und mit ihrem selbstbetitelten dritten Album macht sie unger\u00fchrt so weiter wie auf den beiden vorherigen:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Musik ist sch\u00f6nes Postpunk-\/New Wave-\/Indiepopgeschrammel und textlich widmet sich Frau Nichols weiterhin in hervorragender Art und Weise dem Feminismus und haut dabei haufenweise gut zitierf\u00e4hige Slogans raus. Gleich beim ersten Song \u201eSpotlight\u201c geht es sehr gut los mit \u201eIch will alles oder nichts und dazu ein Beerenmixgetr\u00e4nk.\u201c Ein wenig h\u00e4rter und sehr viel ernster geht es weiter auf \u201eKeine Kontrolle\u201c: \u201eIch hab keine Kontrolle, und kein Serontonin. Weil wenn ich davon mehr h\u00e4tte, w\u00e4r\u2019 ich zu m\u00e4chtig f\u00fcr sie. H\u00e4tt\u2019 ich ein reguliertes Nervensystem und kein PMDD \u2013 ich w\u00fcrd\u2019 den Laden \u00fcbernehmen.\u201c PMDD (premenstural dysphoric disorder) hei\u00dft auf deutsch PMDS (Pr\u00e4menstruelle Dysphorische St\u00f6rung) und ist eine psychische Erkrankung, die w\u00e4hrend der Menstruation f\u00fcr Depression, Hoffnungslosigkeit und Kontrollverlust bis hin zu suizidalen Gedanken sorgt. Christin Nichols lenkt mit ihrem Song die Aufmerksamkeit der Zuh\u00f6renden auf diese in zu geringem Ma\u00df beachtete und zu wenig ernst genommene Erkrankung, und das ist ein gro\u00dfer und wichtiger Moment auf einem Popmusikalbum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das folgende \u201eUnsterblich\u201c flirrt musikalisch sch\u00f6n elektropoppig dahin und r\u00fchrt textlich wieder auf: \u201eAlles wird gut, sagen sie. Dass ich nicht lache, dass ich nicht lache.\u201c Am Ende ist die Protagonistin dennoch unsterblich und steigt auf den Berg aus Tr\u00fcmmern und erstrahlt im neuen Glanz. Und wenn das gar nicht stimmt, dann war\u2019s nicht so gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eChelsea Boots\u201c weist dann mehr Elektronik auf als die vorhergehenden Songs, und das ist toll: Der ruhige und dennoch doll nach vorne dr\u00fcckende Song handelt davon, dass heute Nacht mal alles gut ist, die Protagonistin dazu auch noch sch\u00f6n aussieht und es etwas sp\u00e4ter wird. In der Stadt gl\u00e4nzen die Lichter und an der Protagonistin ihre Chelsea Boots. Die Welt ist sch\u00f6n und sie ist ein Teil davon. Hier wird Party gemacht und alles ist gewaltig, und dann kommt \u201eDu sagst, ich sei so sch\u00f6n, und dass Du mich nie betr\u00fcgst. Ich l\u00e4chel\u2019 Dir zur\u00fcck, ich sag \u201aIch wei\u00df, dass Du l\u00fcgst\u2018\u201c. Und nun ist doch nicht alles gut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBittere Pillen\u201c ist ein seltsames Liebeslied. Die Erz\u00e4hlerin w\u00e4re gern verliebt in ihr Gegen\u00fcber, schafft es aber nicht und fordert es auf, sie high zu machen, denn \u201esonst klappt es nicht\u201c. \u201eNur bitte gib nicht auf \u2013 brich\u2019 mir meinen Willen. Trigger meine Lust, Du Hund, mach, dass ich noch mehr will. Gib mir alles, was Du hast, mach mir meinen Kopf still.\u201c Rein von der Melodie her klingt das alles lieblich, ansonsten eher nicht. Anschlie\u00dfend wird es auf \u201eAndere Frauen\u201c dann musikalisch noch lieblicher, textlich nat\u00fcrlich auch hier wiederum nicht: Zu sch\u00f6nem Synthie-Pop sehnt sich die Erz\u00e4hlerin nach einer coolen Frau, die sie mal k\u00fcsst. \u201eIch liebe andere Frauen, und andere Frauen lieben mich. Ich bin genau wie andere Frauen. Und wir lachen \u00fcber Dich.\u201c \u201eWie w\u00e4re es mal mit Therapie? Es hei\u00dft nicht \u201aBeziehungsdrama\u2018, es hei\u00dft \u201aFemizid\u2018\u201c hei\u00dft es sp\u00e4ter im Text. Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken und Christin Nichols legt mal wieder genau den richtigen Finger in die richtige Wunde. Das folgende \u201eKeine Depressionen\u201c haut exakt in dieselbe Kerbe: \u201eDas ist keine Liebe, das ist nur ein bekanntes Leiden. Festgehalten in dem Loop, schwer, das zu begreifen. Ich k\u00e4mpf\u2019 nicht mehr um Zuneigung, muss mich nicht mehr beweisen, atme tief die frische Luft \u2013 endlich frei sein. Und es stellt sich raus: Ich habe keine Depressionen. Es liegt einfach nur an Dir.\u201c Ich denke, dass es viele Menschen gibt, die sich und einen Teil ihres Lebens in diesem Text wiederfinden und denen Christin Nichols hier aus der Seele spricht. Nichols fasst es dann zusammen mit den Worten \u201eKeine Macht \u00fcber mich \u2013 durch niemand!\u201c und macht mit diesem abgewandelten Ton-Steine-Scherben-Zitat deutlich, dass sie wie kaum jemand anders in der Lage ist, Stimmungen in Slogans zu fassen und damit den Gebeutelten und Gequ\u00e4lten eine Stimme zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNoch wach\u201c beginnt herrlich 80erjahrepoppig und behandelt eine positivere Seite von Zweierbeziehungen als die vorherigen Songs. \u201eWenn Du bei mir bist, ist es bisschen nicer. Hey hey hey \u2013 bist Du noch wach, ich wei\u00df es ist sp\u00e4t, doch ich hab an Dich gedacht.\u201c Ich bin total verwiert, aber freue mich, dass Christin Nichols neben toxischer M\u00e4nnlichkeit auch junge Verliebtheit thematisiert, und hoffe, dass diese nicht im Laufe des weiteren Kennenlernens in den reinen Horror umschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf \u201eCheerleader\u201c feiert Nichols sich vordergr\u00fcndig selbst, die Textzeile \u201eWenn\u2019s bleibt, wie es ist, dann wird sich nichts \u00e4ndern\u201c stimmt aber zumindest nachdenklich, und dann holt Nichols den Hammer raus: \u201eKein Leben ohne mich und kein Ich ohne mein Leben. Was w\u00e4re denn so schlimm, h\u00e4tte es mich nie gegeben?\u201c Autsch! Und dann kriegt Christin Nichols die Kurve aus dieser selbstzerfleischenden Gemengelage hinaus mit jeder Menge W\u00fcrde: \u201eWas z\u00e4hlt, ist das Jetzt, weil alles andere war schon eben, ich habe nichts, doch das w\u00fcrd\u2019 ich Dir gern geben.\u201c Und dann f\u00e4ngt sie am Angels\u00e4chseln, dass es eine wahre Freude ist (nor, Micha?): \u201eHab weder guten Schlaf noch gute <em>physical features<\/em>, und trotzdem gebe ich nicht auf, was ich mach\u2019, denn ich lieb\u2019 das. Und wenn aus dieser <em>situationship<\/em> nix wird \u2013 mal wieder \u2013 hab ich ja noch mich, ich bin mein eigener Cheerleader.\u201c Self-Empowerment ist kein concern f\u00fcr Christin Nichols, sondern ein issue, und das sollte mandatory sein! \u201eDie Welt geht unter, alles schei\u00dfegal. Bitte geh\u2019 noch nicht, k\u00fcss\u2019 mich noch einmal.\u201c Ja genau, das ist der wahre Geist!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf \u201eIch wei\u00df\u201c wird es dann wieder nachdenklicher, aber am Ende sehr entschieden und sehr nachahmenswert positiv: \u201eIch wei\u00df. F\u00fcr jeden kommt einmal seine Zeit. Ich bin bereit. Ich nehme keine R\u00fccksicht, ich werde gl\u00fccklich.\u201c Und mit \u201eIch lass es einfach zu. Ich bin zwar weit entfernt davon, ein Phoenix zu sein, aber immerhin bin ich nicht Du!\u201c tritt Christin Nichols nochmal nach gegen alle, die sie davon abhalten wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eIch w\u00fcrde mich gern selber so lieben, wie jemand, der sich gesund ern\u00e4hrt, nicht nur von Pommes\u201c und \u201eDu hast Angst, Deinen Geburtstag zu feiern, weil meistens keiner gekommen ist\u201c haut Christin Nichols im vorletzten Song \u201eProm Queen\u201c gleich ganz am Anfang mal zwei Hammerslogans raus, und es bleiben nicht die einzigen in diesem an starken Slogans nicht eben armen Song. Dennoch beklagt die Ich-Erz\u00e4hlerin, dass sie es nie zur \u201eProm Queen\u201c bringen wird, und auch nicht zum Superstar. Ja, warum eigentlich nicht? Weil sie eigentlich nur der Mensch sein will, den \u201eDu schon immer in mir sahst\u201c? Da klingt ja doch noch ein wenig Glaube an die Einsch\u00e4tzung ihres Umfeldes an sowie an die Hoffnung, dieses k\u00f6nnte sie so m\u00f6gen, wie sie wirklich ist. Diese verletzliche Seite ihres lyrischen Ichs betont Christin Nichols auf dem letzten St\u00fcck \u201eAlles ist falsch\u201c noch einmal mehr und zerschmettert darin den Glauben an ihr Umfeld umso mehr. Der Text ist unbestimmt und teilweise kryptisch und endet immer bei \u201eAlles ist falsch, alles ist falsch, alles ist falsch\u201c, und das klingt nachvollziehbar eher nachdenklich und nachdenkensw\u00fcrdig als jammernd und bei der Zeile \u201eUnd was war denn jetzt so schlimm, den anderen geht\u2019s wie Dir?\u201c mag man wahlweise die Erz\u00e4hlerin tr\u00f6sten oder den anderen in die Fresse treten oder in das abschlie\u00dfende immer wieder wiederholte \u201eAlles ist falsch\u201c oder noch besser in das daran anschlie\u00dfende \u201eDann reagier ich mich ab, dann leg\u2019 ich mich auf den Boden, mach\u2019 doch, geh\u2019 doch mit dem beschissenen Flow. Vielleicht passiert ja was Sch\u00f6nes, wenn man gar nichts macht, ich hab keine Ahnung\u201c einstimmen. Gesanglich ist \u201eAlles ist falsch\u201c dar\u00fcber hinaus ein wahrhaftig \u00fcberw\u00e4ltigendes Weltwerk jenseits von dieser Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Christin Nichols\u2019 gro\u00dfartige feministische Lyrik ist gleicherma\u00dfen stark, selbstbewusst, verletzlich, empathisch, manchmal verdienterma\u00dfen vernichtend, jedoch niemals selbstgerecht oder verletzend, und musikalisch passt auch alles \u2013 ich hoffe, dass sehr viele Menschen sich dieses Album anh\u00f6ren und die richtigen Schl\u00fcsse draus ziehen, denn das k\u00f6nnte die Welt besser machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (02.05.2026) Eigentlich wollte ich diesen Text in Anlehnung an einen ca. 30 Jahre alten Die-Sterne-Titel mit \u201eDon\u2019t schei\u00df auf deutsche Texte Vol. 1\u201c \u00fcberschreiben, aber dann bef\u00fcrchtete ich a) dass das von der K\u00fcnstlerin und ihrem aktuellen &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/christin-nichols-christin-nichols-pias-2026\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-9033","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9033","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9033"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9033\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9035,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9033\/revisions\/9035"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9033"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9033"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9033"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}