{"id":8968,"date":"2026-04-12T22:53:27","date_gmt":"2026-04-12T20:53:27","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=8968"},"modified":"2026-04-12T22:53:27","modified_gmt":"2026-04-12T20:53:27","slug":"la-grazia-paolo-sorrentino-i-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/la-grazia-paolo-sorrentino-i-2025\/","title":{"rendered":"La Grazia \u2013 Paolo Sorrentino \u2013 I 2025"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (12.04.2026)<br><br>\u201eLa Grazia\u201c ist ein Film von Paolo Sorrentino, wie man ihn sich w\u00fcnscht: Wunderbare Bilder, knappe, pointierte Dialoge, wundervolle Charaktere, ein knallender Einsatz von Musik und eine Geschichte auf dem h\u00f6chsten politischen Parkett. Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo spielt hier einen aus dem Amt scheidenden Staatspr\u00e4sidenten, der diverse Krisen dadurch bew\u00e4ltigte, dass er \u2013 nun \u2013 Ruhe bewahrte, und sich nun doch noch einigen politischen wie privaten Herausforderungen zu stellen hat. Ernste Themen, scharfer Humor.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man nimmt Servillo den Pr\u00e4sidenten ab. Man w\u00fcnscht sich gar, von Servillo regiert zu werden. Sein Mariano De Santis ist zwar ein gl\u00e4ubiger, selbstredend katholischer Christdemokrat, aber er d\u00fcrfte der erste sympathische Politiker darstellen, den man bei Sorrentino in einer Hauptrolle zu sehen bekommt. De Santis ist freundlich, kultiviert, stilvoll, schlagfertig, sozial, gerecht. Jede Bewegung, jede Wort ist ein strahlender Ausdruck von Souver\u00e4nit\u00e4t. Ein halbes Jahr hat er noch im Amt des Pr\u00e4sidenten, und diese Zeit will er mit glatten Wogen \u00fcberbr\u00fccken.<br><br>Nun beginnt die Geschichte wie bei Sorrentino gewohnt fragmentarisch, schlaglichtartig, punktiert, mit allerlei Situationen und Herausforderungen, die nicht miteinander zusammenzuh\u00e4ngen scheinen. Doch entkn\u00e4ult Sorrentino das Drehbuch hier dieses Mal auf eine Weise, dass man der Geschichte leicht folgen kann, die n\u00e4mlich nach und nach Punkt f\u00fcr Punkt mit Linien verbindet und gewisse Schwerpunktthemen erkennbar macht.<br><br>De Santis ist Jurist, mehr als er Politiker ist, sagt er selbst. Er meisterte diverse Staatskrisen, und sein Spitzname \u201eBetonkopf\u201c l\u00e4sst ahnen, dass er dazu neigt, Entscheidungen zu vertagen, bis sich Probleme von selbst aus der Welt r\u00e4umen. So erarbeitete er sich den Ruf des ma\u00dfvollen Diplomaten und Schlichters. Das Problem ist nur, dass er mit diesem Verhalten sein Umfeld auf die Palme bringt, weil er kneift, wenn es drauf ankommt. Das Pferd \u201eElvis\u201c von seinem Leiden erl\u00f6sen? Muss er nachdenken. Zwei Begnadigungsantr\u00e4gen stattgeben? Muss er nachdenken. Ein Gesetz zur Sterbehilfe unterzeichnen? Muss er nachdenken. Seine Tochter Dorotea unterst\u00fctzt ihn administrativ und verzweifelt an der Bremse, seine beste Freundin Coco erdet ihn schlagfertig und dialogreich.<br><br>Au\u00dferdem ist De Santis Witwer und auf der eifers\u00fcchtigen Suche nach dem Nebenbuhler, den seine verstorbene Frau 40 Jahre zuvor einmal hatte. Mit Verd\u00e4chtigungen bringt er sich in schr\u00e4ge Bilder, die Coco f\u00fcr ihn gerader\u00fcckt. Dann bespricht er sich noch mit den Papst, der in dieser Geschichte ein rastatragender Jamaikaner ist. Er tr\u00e4umt sich ins All, wie der italienische Astronaut, zu dem er keine technische Verbindung hergestellt bekommt. Sein K\u00fcrassier ist ihm stets bei allen Belangen eine hilfreiche Hand. Und er verzweifelt an der modernen Rapmusik, die seine Tochter h\u00f6rt.<br><br>All das l\u00e4sst Sorrentino neben-, unter- und umeinander geschehen \u2013 und bekommt es doch noch verkn\u00fcpft. Er l\u00e4sst es zu, dass der Pr\u00e4sident dazulernt, die Einfl\u00fcsse und Ideen in seinem zerrissenen Herzen wirken zu lassen und am Ende doch noch wertvolle Entscheidungen f\u00e4llt, privat wie politisch. Damit dieser streckenweise t\u00f6dliche Ernst \u2013 bei den Gnadenersuchen geht es um Morde \u2013 nicht allzu schwer wiegt, setzt Sorrentino immer wieder enorm humorvolle Kontrapunkte.<br><br>Innenaufnahmen sind das gr\u00f6\u00dfte Pfund Sorrentinos, dieser Palast als Kulisse bietet unendlich viele Perspektiven, Ausschnitte, Kompositionen, und der Regisseur nutzt sie alle. W\u00e4hrend er die vermeintlichen Handlungsfragmente kombiniert, arbeitet er zus\u00e4tzlich mit Musik; einzelne Themen tauchen immer wieder als verbindende Elemente auf, mal klassisch, mal technoid; einmal zitiert er \u201eStreet Hassle\u201c von Lou Reed, das wiederkehrende Electro-Fragment erinnert an \u201eSandstorm\u201c von Darude. Den Rap nicht zu vergessen, der hier ebenfalls De Santis\u2019 Wandlungsf\u00e4higkeit verdeutlicht, mit einem g\u00e4nzlich unerwarteten Kniff.<br><br>Dieses Mal l\u00e4sst Sorrentino keine L\u00fccken, vielleicht bis auf die mit dem Roboterhund, der am Ende zweimal zu sehen ist. Ansonsten lassen sich alle Szenen mit den sp\u00e4teren Erkenntnissen erkl\u00e4ren, etwa die mit dem in Zeitlupe gefilmten portugiesischen Staatsbesuch im Platzregen, die man auf De Santis\u2019 eigene Verletzbarkeit \u00fcbertragen kann, mit der er sich als scheidender alter Mann auseinanderzusetzen haben wird.<br><br>\u201eLa Grazia\u201c ist ein Fest, politisch wie \u201eIl Divo\u201c und \u201eLoro\u201c, optisch umwerfend wie \u201eLa Grande Bellezza\u201c und so harmonisch wie \u201eThis Must Be The Place\u201c. Damit l\u00e4sst er seine Altherrenausrutscher gottlob vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (12.04.2026) \u201eLa Grazia\u201c ist ein Film von Paolo Sorrentino, wie man ihn sich w\u00fcnscht: Wunderbare Bilder, knappe, pointierte Dialoge, wundervolle Charaktere, ein knallender Einsatz von Musik und eine Geschichte auf dem h\u00f6chsten politischen Parkett. 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