{"id":8736,"date":"2026-02-11T20:49:01","date_gmt":"2026-02-11T19:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=8736"},"modified":"2026-02-11T20:49:01","modified_gmt":"2026-02-11T19:49:01","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-ddr-spezial-gestaendnisse-eines-spus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-ddr-spezial-gestaendnisse-eines-spus\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt \u2013 die Musikkolumne (DDR-Spezial): Gest\u00e4ndnisse eines SPUs"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud<\/p>\n\n\n\n<p>Auflegen durfte offiziell nicht jeder. Um in der DDR als DJ arbeiten zu d\u00fcrfen, ben\u00f6tigte man eine sogenannte \u201eStaatliche Spielerlaubnis f\u00fcr Schallplattenunterhalter\u201c, die umgangssprachlich \u201ePappe\u201c genannt wurde. \u201eSchallplattenunterhalter\u201c (oder kurz SPU) war der Ersatz f\u00fcr den Begriff \u201eDiskjockey\u201c. Denn um sich vom Westen abzuheben, legte die DDR statt Anglizismen auf eigene Wortkreationen Wert. Angehende SPUs mussten Lehrg\u00e4nge wie Musikgeschichte, Stilrichtungen und Sprecherziehung durchlaufen, um \u00fcberhaupt zur Eignungspr\u00fcfung zugelassen zu werden, die vor einer Kommission der Konzert- und Gastspieldirektion (KGD) des jeweiligen Bezirks abzulegen war.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Diese Kommission bestand aus Funktion\u00e4ren und K\u00fcnstlern und beurteilte das musikalische Knowhow, das m\u00f6glichst ausgewogene Musikprogramm und die technischen Kenntnisse. Neben der Moderation war auch die Organisation von Partyspielen, Quizrunden und anderen interaktiven Unterhaltungsangeboten wichtig. Und nicht zuletzt die Bef\u00e4higung zur Erf\u00fcllung des Bildungsauftrags. Die B\u00fcrger des Arbeiter- und Bauern-Staates sollten auch in ihrer Freizeit sozialistisch gepr\u00e4gt werden. Und daf\u00fcr war die ideologisch korrekt vorgetragene politische Gesinnung des Unterhalters nicht unerheblich. Letztlich war den Diskothekern und auch manchem Pr\u00fcfer in der KGD-Kommission klar, dass es sich beim politischen Teil der Pr\u00fcfung meist um pures Theater handelte. Andererseits kann es nicht falsch sein, dass DJs generell \u00fcber eine gute technische und k\u00fcnstlerische Ausbildung verf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach erfolgreicher Pr\u00fcfung wurde der frischgebackene SPU in die Amateurkategorie A (= gut), in seltenen F\u00e4llen auch gleich in B (= sehr gut) eingestuft. Mit Weiterbildungsveranstaltungen bereitete er sich dann auf die n\u00e4chste Einstufung vor. Sie fand alle zwei Jahre statt, denn mit Stufe C (= ausgezeichnet) erschlossen sich wieder neue M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Amateur mit Stufe A durfte man offiziell nur im eigenen Stadtbezirk auflegen. Mit Stufe B waren Auftritte in ganz Dresden und Umland erlaubt. Und mit Stufe C durfte man Engagements in der gesamten DDR annehmen. Mit der darauffolgenden Sonderstufe S befand man sich dann schon in der Warteschleife f\u00fcr den Profi-Status. Auch die Profis waren dann noch mal in drei Honorarstufen von A bis C eingeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Einstufung wurde auch der Stundenlohn von 5,- bis 10,50 Mark f\u00fcr Amateure und bis zu 380,- Mark Abendhonorar f\u00fcr Profis festgelegt. Zuschl\u00e4ge gab es f\u00fcr Fahrtkosten, Nutzung der eigenen Anlage und der eigenen Tontr\u00e4ger. Obwohl das nicht nach viel klingt, verdienten Diskotheker durchaus besser als normale Facharbeiter, die einen durchschnittlichen Monatslohn von 700,- Mark nach Hause brachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Einstufung und Honorarordnung sortierten die DDR-Beh\u00f6rden die Diskotheker in die bereits bestehende Verordnung f\u00fcr Unterhaltungskunst ein, die f\u00fcr Berufsk\u00fcnstler wie Schauspieler, S\u00e4nger, Artisten, Drehbuchautoren und Regisseure galt. Absolventen der Musikhochschulen erhielten nach ihrem Abschluss automatisch den Berufsausweis Kategorie A. Diskotheker waren sozusagen Quereinsteiger und mussten daher vor der Einstufungskommission vorspielen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele DJs in der DDR blieb das Auflegen meist ein Hobby neben dem eigentlichen Beruf. Alle SPUs mit Amateureinstufung hatten nebenher einen \u201eordentlichen\u201c Beruf, der ihnen ihre n\u00e4chtliche T\u00e4tigkeit gestattete. Denn allgemein bestand eine Arbeitspflicht in der DDR. Wer keiner geregelten Arbeit nachging, hatte keine Krankenversicherung und konnte zur Aufnahme einer Arbeit gen\u00f6tigt oder sogar ins Gef\u00e4ngnis gesteckt werden. F\u00fcr Diskotheker mit der Profi-Einstufung galt das Auflegen hingegen offiziell als Beruf. Sie durften ausschlie\u00dflich ihrer Musik nachgehen und verdienten f\u00fcr DDR-Verh\u00e4ltnisse richtig gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Offiziell konnten die Diskotheker nicht einfach die Musik spielen, die sie wollten. Die 60\/40-Regel legte strikt fest, dass mindestens 60% der Musik \u201eSW\u201c sein, also aus der \u201esozialistischen Welt\u201c stammen musste. Dies musste mit Titellisten nachgewiesen werden, die f\u00fcr die DDR-Verwertungsgesellschaft AWA pro Auftritt erstellt wurden. Nur 40% der am Abend gespielten Musik durfte \u201eNSW\u201c, also \u201enicht-sozialistische Welt\u201c sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Umstand galt es offiziell einzuhalten, was der DDR-F\u00fchrung nicht ungelegen kam, die argw\u00f6hnisch darauf achtete, dass sich ihre Jugend nicht zu aufm\u00fcpfig verhielt. Nat\u00fcrlich konnte sich kein DJ an diese Regelung halten. Ihm w\u00e4re das Publikum weggelaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so wurde die 60\/40-Regel eigentlich nur beim Vorspielen vor der Einstufungskommission oder bei sehr offiziellen Anl\u00e4ssen eingehalten. Sie spiegelte in keiner Weise die Realit\u00e4t in den DDR-Diskos wieder. Aber auch wenn der Staat die DJs in den allermeisten F\u00e4llen gew\u00e4hren lie\u00df, konnten Tatbest\u00e4nde wie illegale Westimporte oder Verst\u00f6\u00dfe gegen die 60\/40-Regel immer als Vorwand genutzt werden, um auff\u00e4llig gewordene Diskotheker abzustrafen. Die Ma\u00dfnahmen reichten von weniger Auftr\u00e4gen durch die KGD \u00fcber ein au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiges Vorspielen zur erneuten Best\u00e4tigung der Einstufung bis hin zum Verlust der SPU-Lizenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich erschienen die Diskotheker den Beh\u00f6rden sehr viel unverd\u00e4chtiger als kritische Liedermacher. Und die unverf\u00e4ngliche Bespa\u00dfung des Volkes nach Feierabend war ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht. Aber wer sich nicht an das Gew\u00fcnschte hielt, war raus. Das war die Hintert\u00fcr, die sich der DDR-Staat immer offenhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also wurde zum Einlass um 19 Uhr zumeist unverf\u00e4ngliche Instrumentalmusik aus den sozialistischen L\u00e4ndern gespielt. Und dann ab 20:30 Uhr die Musik aufgelegt, zu der die Jugend tats\u00e4chlich tanzen wollte. Auch bei den immer mal wieder eingeschobenen Showauftritten z.B. von Artisten oder T\u00e4nzern wurde bevorzugt Ost-Musik gespielt. Schlie\u00dflich wollte man der Quote zumindest ein wenig n\u00e4herkommen. Die Titellisten der Radiosendung \u201eMetronom\u201c (ausschlie\u00dflich Titel zur 60%-Kategorie) boten bei der Auswahl eine gute Orientierung. Au\u00dferdem wurde die Playlist in der Zeitschrift \u201eJunge Welt\u201c abgedruckt und j\u00e4hrlich in der Zeitschrift \u201eIn Sachen Disko\u201c zusammengefasst ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Einsatz kamen neben den Schallplatten der staatlichen Plattenfirma Amiga zumeist Tonbandmitschnitte aus dem Radio. Im DDR-Rundfunk gab es daf\u00fcr Musiksendungen wie \u201eTippdisco\u201c, \u201eMetronom\u201c, \u201eMaxistunde\u201c, \u201ePodiumsdiskothek\u201c oder \u201eDuett \u2013 Musik f\u00fcr den Rekorder\u201c, wo pro Sendung eine komplette Albumseite ohne Moderation zum Mitschneiden gespielt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der sicheren Seite waren Diskotheker auch mit Lizenzplatten von westlichen Musikern, die bei Amiga herauskamen. Genau wie DDR-Produktionen zum Einheitspreis von 16,10 Mark f\u00fcr LPs und 8,10 Mark f\u00fcr die \u201eQuartett\u201c-Singles mit vier St\u00fccken. Diskotheker bekamen dank ihrer staatlichen Spielerlaubnis diese Platten bevorzugt. Weniger Privilegierte bildeten lange Schlangen vor den Plattenl\u00e4den, wenn mal wieder ein beliebter Westk\u00fcnstler auf Lizenzplatte erh\u00e4ltlich war, denn West-Vinyl war schwer zu kriegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich lief in den Diskos der DDR ein breitgef\u00e4chertes Programm. W\u00e4hrend in der Hauptstadt bestimmte L\u00e4den durchaus eine gewisse musikalische Ausrichtung hatten, wurde das Publikum anderswo mit speziellen \u201eRunden\u201c abgeholt. Mal eine Heavy- oder Blueser-Runde f\u00fcr die Rockfans, eine \u201eDeMo\u201c-Runde f\u00fcr die Depeche-Mode-Fans, eine Funk-Runde oder der Boogie-Soundtrack f\u00fcr eine Breakdance-Performance. Und auch mindestens eine langsame Runde f\u00fcr den Engtanz musste sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik war jedoch nicht alles: Die Diskotheker lernten ja in den Vorbereitungskursen zur Einstufungspr\u00fcfung ebenso die Kunst der Unterhaltung. Dazu geh\u00f6rte nicht nur die fortw\u00e4hrende Moderation, sondern oft auch die komplette Planung des Abendprogramms mit zus\u00e4tzlichen Showauftritten von Tanzgruppen, Breakdancern oder Bands.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies alles war beim Publikum nicht verp\u00f6nt, sondern wurde erwartet. Die Grundidee war es letztlich, dass die rollende Disko eine Art Live-Radiosendung im Club mit tanzbarer Musik und interessantem Rahmenprogramm pr\u00e4sentierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Onkel Rosebud<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Editorische Notiz: Dieser Text ist ein Remix des Artikels \u201eDJs in der DDR: Die Diskotheker\u201c von Mijk van Dijk, ver\u00f6ffentlicht am 03.10.2024 auf bonedo.de.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud Auflegen durfte offiziell nicht jeder. 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