{"id":8437,"date":"2025-11-13T20:43:52","date_gmt":"2025-11-13T19:43:52","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=8437"},"modified":"2025-11-13T20:43:52","modified_gmt":"2025-11-13T19:43:52","slug":"therapie-fuer-wikinger-den-sidste-viking-anders-thomas-jensen-dk-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/therapie-fuer-wikinger-den-sidste-viking-anders-thomas-jensen-dk-2025\/","title":{"rendered":"Therapie f\u00fcr Wikinger (Den sidste viking) \u2013 Anders Thomas Jensen \u2013 DK 2025"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (13.11.2025)<br><br>In D\u00e4nemark ist man nicht gerade zimperlich, scheint es. Dort gibt es wohl eine Tradition der brutalen Alltagsfilme, die ins Gangstermilieu her\u00fcberschwappen und die in Blut und Gewalt baden. Und Humor, wenn man Gl\u00fcck hat, und das hat man bei den Filmen von Anders Thomas Jensen in der Regel. So auch bei \u201eDer letzte Wikinger\u201c, wie \u201eTherapie f\u00fcr Wikinger\u201c im Original hei\u00dft. Die Schauspieler und insbesondere das Drehbuch machen diesen Film zum Genuss, auch wenn man vielleicht mit einem solchen drastischen Blutspiel seine Probleme haben mag. Der Film lief beim Braunschweig International Film Festival.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><a><\/a> Mads Mikkelsen, Hollywood-Liebling und d\u00e4nischer Superstar, ist sich nicht zu schade, seit \u201eBlinkende Lichter\u201c aus dem Jahr 2000 in allen Filmen des Regisseurs und Drehbuchautors Anders Thomas Jensen mitzuspielen, was mit \u201eDen sidste viking\u201c zwar erst zum sechsten Mal der Fall ist, aber immerhin, der Mann ist loyal und auf dem Boden geblieben. Und hat hier halblange Locken, tr\u00e4gt eine h\u00e4ssliche Brille, hei\u00dft Manfred, hat eine dissoziative St\u00f6rung und so manche Eigenschaft, die zun\u00e4chst lediglich sehr lustig ist, sich im Verlauf des Filmes dann aber noch als handlungsrelevant herausstellt. Und schon ist man mittendrin in den herausragenden Qualit\u00e4ten dieses Films, denn dieses Drehbuch punktet mit genau solchen nebens\u00e4chlichen Zirkelschl\u00fcssen. Und einer schonungslosen Konsequenz.<br><br>Anker sa\u00df nach einem Raub\u00fcberfall mit Todesfolge 15 Jahre lang im Knast. Seinem psychisch auff\u00e4lligen Bruder Manfred trug er noch auf, eine Tasche voll mit dem erbeuteten Geld am fr\u00fcheren Elternhaus zu verbuddeln, und will sich nach der Entlassung dieses Geld nun holen. Zumal ihn ein fr\u00fcherer Mitverbecher, der freundliche Flemming, der dies eher nicht ist, physisch unter Druck setzt, bei ihm Schulden zu begleichen. Das Problem ist nur: Sobald Anker zu Bruder Manfred und Schwester Freja zur\u00fcckkehrt, weigert sich Manfred, sich an das Versteck zu erinnern, weil Anker ihn nicht John nennen will, wie er jetzt hei\u00dft, da er sich f\u00fcr John Lennon h\u00e4lt.<br><br>Nach einem absurden Autounfall soll Manfred in der Psychiatrie verbleiben, doch mit Hilfe von Psychologieexperte Lothar setzt Anker den Bruder frei. Lothar meint nun, eine Methode gegen Manfreds Erinnerungsverweigerung gefunden zu haben: Er bringt die Beatles wieder zusammen, und zwar, indem er einen D\u00e4nen, der sich f\u00fcr Ringo Starr h\u00e4lt, und einen Schweden mit rund 50 Pers\u00f6nlichkeiten, darunter neben Heinrich Himmler und Johannes Brahms auch Paul McCartney und George Harrison, was Personal spart, zusammentr\u00e4gt. Derweil treffen Anker und Manfred in dem an Bate\u2019s Motel erinnernden Elternhaus ein, das inmitten weiter W\u00e4lder liegt und l\u00e4ngst einem selbstgerechten, aber gescheiterten Paar geh\u00f6rt, das ausgew\u00e4hlte R\u00e4ume bei Airbnb anbietet. So kommen die Br\u00fcder dort unter \u2013 und die Katastrophen und Dramen nehmen ihren Lauf.<br><br>Den Auftakt des Filmes nutzt Jensen, um Charaktereigenschaften und Running Gags zu etablieren. Mit denen garniert er dann die eigentliche Handlung, die n\u00e4mlich die Geschichte der drei Geschwister betrifft, die den Film mithin zu einem Familiendrama macht. Parallel zu dem Gangster-Film und der Psychologie-Kom\u00f6die, was der Film auch noch mitbringt. Die Verr\u00fcckten spielen in Jensens Filmen ja regelm\u00e4\u00dfig eine Rolle, und er verwendet deren \u2013 aus neuronormativer Sicht gesehene \u2013 Unberechenbarkeit, um sie charakterlich zu etablieren und sie dann im Grunde berechenbar zu machen, weil man sich auf ihre definierten Eigenheiten dann verlassen kann. Ein gro\u00dfes Plus f\u00fcr das Script, zumal Jensen diese Gags trotz ihrer Wiederholung unvorhergesehen einsetzt. Eine solche Ausdefinierung erfahren auch die nicht als verr\u00fcckt deklarierten Figuren und handeln entsprechend. Es ist ein Fest.<br><br>Das die Schauspieler mitfeiern: Jensen schart sein \u00fcbliches Ensemble um sich, und jeder geht knietief in seiner Figur auf. Mikkelsen als Manfred verliert jeden Glamour, so grandios beugt er sich zu seiner Figur herab. Wie eine Art Arnold Schwarzenegger stellt Stammmime Nikolaj Lie Kaas den Anker dar, der seine Gewaltimpulse nicht unter Kontrolle hat; Ursachen daf\u00fcr erkl\u00e4rt der Film noch. Ein weiterer Dauergast sogar bereits seit dem Kurzfilm \u201eWahlnacht\u201c ist Nicolas Bro, der hier den freundlichen Flemming darstellt, der in seiner Performance nicht selten an das Dumme Schwein aus der Olsenbande erinnert. Die einstige \u201eKommissarin Lund\u201c Sofie Gr\u00e5b\u00f8l war bei \u201eBlinkende Lichter\u201c dabei und kommt hier als boxendes Ex-Handmodel schlagfertig heraus. Lediglich an \u201eMen &amp; Chicken\u201c, dem einzigen wirklich unertr\u00e4glichen Film von Jensen, war ihr Filmgatte und \u201eLund\u201c-Kollege S\u00f8ren Malling zuvor beteiligt. An Michael Palin von Monty Python erinnert die Performance von Lars Brygmann, der bei Jensen erstmals auftritt und hier den Ikea- und Psychologieexperten Lothar umwerfend \u00fcberzeugend darstellt. Nicht zuletzt Kardo Razzazi ist eine optimale Wahl f\u00fcr den schwedischen Abba-Fan, der eigentlich die Beatles spielen sollte.<br><br>Jensen scheut sich nicht, in dieses Familiendrama und Psychogramm eine realistische Brutalit\u00e4t und H\u00e4rte einzubringen, die ausnehmend drastisch ist, die er aber mit beil\u00e4ufigem Humor wieder entsch\u00e4rft. So blutig war 1996 auch \u201ePusher\u201c von Nicolas Winding Refn, wenn auch wesentlich weniger humorvoll, in dem Mads Mikkelsen seine erste Rolle hatte, und seit \u201eBlinkende Lichter\u201c l\u00e4sst Jensen in jedem seiner Filme Blut im \u00dcberma\u00df flie\u00dfen. Das geschieht hier indes so comichaft, dass die Verletzten stets unbeschadet aus allem herauskommen. Die meisten zumindest. Und Jensen macht auch keine Geschlechterunterschiede: Die Frauen kriegen hier kaum weniger heftig auf die Fresse als die M\u00e4nner. Und wissen sich zu wehren.<br><br>Was bleibt, ist ein Ende der Gewalt \u2013 das Jensen nur damit erreicht, dass er die Gegens\u00e4tze einander akzeptieren l\u00e4sst. Das zerstrittene Paar, die zerstrittenen Br\u00fcder, die \u00fcber Offenbarungen entsetzte Schwester und nicht zuletzt die psychisch auff\u00e4lligen Personen, die diese Vers\u00f6hnungen teils erst einfordern \u2013 weil die nicht zu dieser Gruppe Geh\u00f6renden ihre Ziele nur dann erreichen, wenn sie diese Mitmenschen akzeptieren. Damit f\u00fchrt Jensen dem Publikum auch die Diskrepanzen im eigenen Denken vor. Eine Inklusion dar\u00fcber herzustellen, dass man die Unterschiede der Einzelnen auf alle \u00fcbertr\u00e4gt, f\u00fchrt demnach zwar in den Tod, aber in einen gl\u00fccklichen, \u00fcberspitzt es der D\u00e4ne am Schluss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (13.11.2025) In D\u00e4nemark ist man nicht gerade zimperlich, scheint es. Dort gibt es wohl eine Tradition der brutalen Alltagsfilme, die ins Gangstermilieu her\u00fcberschwappen und die in Blut und Gewalt baden. 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