{"id":8434,"date":"2025-11-13T20:42:48","date_gmt":"2025-11-13T19:42:48","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=8434"},"modified":"2025-11-13T20:42:48","modified_gmt":"2025-11-13T19:42:48","slug":"willie-nelson-workin-man-willie-sings-merle-legacy-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/willie-nelson-workin-man-willie-sings-merle-legacy-2025\/","title":{"rendered":"Willie Nelson \u2013 Workin\u2019 Man: Willie Sings Merle \u2013 Legacy 2025"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Willie-Nelson-Workin-Man.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Willie-Nelson-Workin-Man.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8435\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (12.11.2025)<\/p>\n\n\n\n<p>Der wilde, wilde Westen, liebe Lesenden, f\u00e4ngt gleich hinter Hamburg an. Dachte ich zumindest vor gut 40 Jahren, als die zwar gro\u00dfartigen, aber die Countrymusik nun nicht wirklich repr\u00e4sentierenden Truck Stop die einzige Band waren, die in meiner Welt die Countrymusik repr\u00e4sentierten. Johnny Cash war damals ein abgehalfterter Tablettenjunkie, der in einer Columbo-Folge sich selbst spielte, neben dem Studio in Maschen waren 30-Tonner-Diesel die beherrschenden Figuren im deutschen Country und ich wusste, dass es sowas wie Nashville gab, wo der kommerzielle Country zuhause war. Und der letzte Nagel an meinem pers\u00f6nlichen Sarg dieses Genres waren die \u201eGood Old Boys\u201c bei den Blues Brothers.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dank Rick Rubins Verdiensten um das Sp\u00e4twerk von Johnny Cash fing ich dann in den 90ern an, mich ernsthaft mit Country und Western zu besch\u00e4ftigen, und \u00fcber die Highwaymen (Johnny Cash, Waylon Jennings, Kris Kristofferson und der hier abgek\u00fcndigte Willie Nelson) und Townes van Zandt wurde ich dann auf den Alternative Country aufmerksam. Und stellte fest, dass es dort nicht um 30-Tonner-Diesel, sondern eher um die Steinbeck\/Springsteensche Kehrseite des amerikanischen Traums sowie um Mama oder Z\u00fcge oder Lastw\u00e4gen oder Gef\u00e4ngnisse oder Betrunkenwerden geht. Und, dass die Tour de France auf ihrem H\u00f6hepunkt der Exzesse der 90er Jahre im Vergleich zur Countrymusik immer noch eine bescheidene, kleine Reiseapotheke darstellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Johnny Cash \u2013 keine Angst, liebe Lesenden, ich finde gleich den Weg zur\u00fcck zu den beiden Protagonisten des hier besprochenen Albums \u2013 sa\u00df zwar, soweit ich wei\u00df, nur eine einzige Nacht im Knast (wegen illegalen Blumenpfl\u00fcckens), Merle Haggard hingegen musste wegen Einbruchs drei Jahre absitzen und \u2013 hier schlie\u00dft sich der Kreis \u2013 wohnte in seiner Zeit als Insasse einem der legend\u00e4ren Gef\u00e4ngniskonzerte von Johnny Cash bei und startete deshalb nach seiner Entlassung eine Karriere als Musiker. Und was f\u00fcr eine: \u201eOkie From Muskogee\u201c (diese verdammten Okies \u2013 hier schlie\u00dft sich dann ein weiterer Kreis, n\u00e4mlich der zu John Steinbeck und seinen Fr\u00fcchten des Zorns) ist wohl sein bekanntestes St\u00fcck, dass \u201eIf We Make It Through December\u201c nicht von Kris Kristofferson, sondern ebenfalls von Haggard geschrieben wurde, habe ich tats\u00e4chlich erst durch das vorliegende Willie-Nelson-Album mitbekommen, und da gibt es noch viel mehr tolle St\u00fccke, und viele davon, n\u00e4mlich elf, sind auf \u201eWorkin\u2019 Man: Willie Sings Merle\u201c enthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Willie Nelson, der \u201eRed Headed Stranger\u201c, ist schon drei Jahre l\u00e4nger im Gesch\u00e4ft als Haggard, mittlerweile ist er 92 Jahre alt (Haggard ist immerhin auch schon 88) und haut jedes Jahre mehrere Alben auf den Markt. \u201eWorkin\u2019 Man\u201c ist heuer sein zweites und enth\u00e4lt ausschlie\u00dflich Haggard-Kompositionen; Nelson singt auf allen davon und spielt dazu auf seiner \u201eTrigger\u201c genannten Gitarre, begleitet von Billy und Paul English (dr\/perc), Kevin Smith (b), Bobbie Nelson (p) sowie Mickey Raphael an der Mundharmonika.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Cover-Alben erstelle ich mir immer eine Playlist, die immer im Wechsel die Originale und die Coverversionen enth\u00e4lt, und diese Herangehensweise macht sich auch im vorliegenden Fall bezahlt: Das Titelst\u00fcck \u201eWorkin\u2019 Man Blues\u201c besticht im Original durch eine knackig fingergepickte Gitarre und Haggards pointierten, leicht schneidenden Gesang. Der Mann hat eine gro\u00dfartige Stimme, und f\u00fcrwahr \u2013 so eine hat auch Nelson. Wenn auch eine ganz anders geartete: Sein immer leicht nuscheliger, nasaler und warm-weicher Gesang entlockt dem St\u00fcck ganz andere Facetten, auch die Gitarre klingt w\u00e4rmer und sanfter, dabei macht er nichts anderes als weiland Merle Haggard, und dass Nelson das St\u00fcck auf ungef\u00e4hr doppelte L\u00e4nge ausdehnt, ist gro\u00dfe Klasse. Dadurch gibt er der Band unter anderem Raum f\u00fcr tolle Klaviersoli und brilliert daneben auch mit zahlreichen Soli auf der Akustikgitarre. Also auf Trigger.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSilver Wings\u201c ist ein ruhiges, hymnisches St\u00fcck, also quasi der Stadionrock im Country; bei Merle Haggard ist mir der Song nie gro\u00df aufgefallen, Nelson hingegen geht bei und macht aus den urspr\u00fcnglichen knapp zweieinhalb Minuten ein Sechsminutenepos Neilyoungschen Ausma\u00dfes. Ein leitet er mit Mundharmonika und Akustikgitarrengegniedel (jawohl, liebe Lesenden, um anst\u00e4ndig zu gniedeln, bedarf es weder eines Verst\u00e4rkers noch eines Verzerrers!) und beginnt dann bet\u00f6rend zu singen. Der Song pl\u00e4tschert vor sich hin und langweilt dennoch nie, es ist eine Freude, Nelson beim nasal genuschelten Intonieren zuzuh\u00f6ren und sich dann auf das n\u00e4chste Mundharmonikasolo zu freuen, das vom n\u00e4chsten Akustikgitarrensolo abgel\u00f6st wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei \u201eTonight The Bottle Let Me Down\u201c h\u00e4lt sich Nelson eng am Original, aber auch hier f\u00e4llt wieder auf, dass Haggards Vortrag irgendwie die Hochglanz-Version des alternativen Country ist \u2013 der Gesang gl\u00e4nzt immer irgendwie chromblitzend und steht damit in sch\u00f6nem Kontrast zu den d\u00fcsteren Aussagen der Texte \u2013, w\u00e4hrend Nelson immer die leicht kaputte, aber charmante und zuverl\u00e4ssig funktionierende Plan-B-Variante der originalen Countrymusik liefert, und genau das macht seine Musik so einzigartig und so ber\u00fchrend. Sein leicht zitternder Gesang passt dann auch hervorragend zum Text von \u201eTonight The Bottle Let Me Down\u201c, einem Song, indem der Protagonist beklagt, dass er sich \u00fcberhaupt nicht gen\u00fcgend betrinken k\u00f6nne, um den Gedanken an seine verflossene Liebe (\u201eThe one true friend I thought I\u2019d found\u201c) wieder loszuwerden. Und auch hier gilt wieder: Bei Haggard ist es recht konventionelle Country Music mit d\u00fcsterem Text, bei Nelson ist es irgendwas komplett Neues, irgendwo zwischen Folk und Country und mit viel Klavier, und dazu viel Gitarre und obendrein wird die Harfe geblasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso macht es Nelson bei \u201eToday I Started Loving You Again\u201c: W\u00e4hrend Haggard beigeht und den Text glitzernd und pardauzend rausposaunt, klingt Nelson wackelnd und nachdenklich, was dem Lied sehr gut zu Gesicht steht. Aber ich bin ungerecht: Haggard hat die Songs nicht als alter Mann, sondern in der Bl\u00fcte seiner Jugend aufgenommen, w\u00e4hrend Nelson sie jetzt als vor Lebenserfahrung schier berstender Gentleman in den besten Jahren pr\u00e4sentieren kann \u2013 und f\u00fcrwahr, er ist noch sehr gut in der Lage, hier mehr als \u00fcberzeugend abzuliefern, nat\u00fcrlich singt, spielt und arrangiert er dann das j\u00fcngere Ich Merle Haggards an die sprichw\u00f6rtliche Wand. Also Hut ab vor Haggard: Er hat das alles geschrieben und aufgenommen, und das in vortrefflicher Art und Weise, und jetzt kommt der alte, weise und virtuose Nelson und schickt sich an, ihm die Schau zu stehlen. Man sollte ihn als Nachteilsausgleich in eine Papiert\u00fcte singen lassen, Trigger verstimmen und einen Drehmomentschl\u00fcssel auf die Klaviersaiten legen, w\u00e4hrend man Ahornsirup in die Mundharmonika gie\u00dft. Es tut mir auch Leid, dass ich am Ende jedes Songs feststelle, dass mir Nelsons Interpretation besser gef\u00e4llt als das Original. Also hier nochmal: Haggard hat den ganzen Kram geschrieben und er hat ihn toll aufgenommen, und dass Nelson das ganze jetzt in seiner ganzen Nelsonheit kongenial interpretiert, ist quasi ein Nobelpreis f\u00fcr Haggards songwriterisches und interpretatorisches Genie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber genug herumges\u00fclzt: Wir n\u00e4hern und dem H\u00f6hepunkt all dessen, was mit Merle Haggards \u00fcber jeden Zweifel erhabenen Werkes zu tun hat: \u201eOkie From Muskogee\u201c. Neben \u201eBorn In The USA\u201c und \u201eRockin\u2019 In The Free World\u201c ist das wohl das am meisten missverstandenste (sic!) Lied in der amerikanischen Geschichte: Haggard l\u00e4sst sich sehr ironisch dar\u00fcber aus, dass in Muskogee, Oklahoma, USA kein Marihuana geraucht wird, keine LSD-Trips eingeworfen werden und keine offene Liebe praktiziert wird, w\u00e4hrend bei den langhaarigen Gammlern in San Francisco Sodom, Gomorrha und Babylon fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde feiern. Die evangelikale Rechte hat sich den Song zu eigen gemacht wie die CDU \u201eTage wie diese\u201c von den linksliberalen Ex-Punkrockern aus D\u00fcsseldorf und sich damit eindrucksvoll in beide Knie geschossen. \u00dcberfl\u00fcssig, hinzuzuf\u00fcgen, dass Nelsons Interpretation des eh schon gro\u00dfartigen Songs wieder einmal mehr \u00fcber jeden Zweifel erhaben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eMama Tried\u201c und \u201eI Think I\u2019ll Just Stay Here And Drink\u201c folgen zwei wunderbare, melancholische typische Haggard-Songs, ersterer handelt von einem Lebensl\u00e4nglichen ohne M\u00f6glichkeit der Bew\u00e4hrung, an den nur noch seine Mama glaubt, zweiterer ist ein Country-Blues ohne viel Hoffnung, daf\u00fcr aber voller Melancholie. Wundersch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSomewhere Between\u201c kenne ich vom gemeinsamen Album \u201eDjango And Jimmie\u201c, das Haggard und Nelson 2015 ver\u00f6ffentlicht haben. Dort erg\u00e4nzen sich die beiden sehr sch\u00f6n, hier stemmt Nelson es allein und er macht es wie immer gro\u00dfartig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIf We Make It Through December\u201c beschreibt das Problem, durch den kalten Dezembermonat zu kommen, wenn man nicht in der gl\u00fccklichen Lage ist, sich eine Weihnachtsstimmung leisten zu k\u00f6nnen. Und ich stelle fest, dass ich es mit \u201eHelp Me Make It Through The Night\u201c verwechselt habe. Das ist tats\u00e4chlich von Kris Kristofferson, w\u00e4hrend das Dezember-Lied von Merle Haggard stammt. In der Nelson-Version liefern sich die Akustikgitarre und das Klavier wieder wundersch\u00f6nste Duelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Schluss des Albums bildet \u201eRamblin\u2019 Fever\u201c, das bei Haggard sch\u00f6\u00f6n vor sich hinstampft und mit einem tollen Saxophon als Verzierung aufwartet, w\u00e4hrend bei Nelson die Mundharmonika begeistert und Willie sich anscheinend eine W\u00e4scheklammer auf die Nase gesetzt hat. So nasal wie hier klingt sein ohnehin schon nasaler Gesang auf dem ganzen Album nicht. Am Ende dann wieder Klavier und Gitarre, wunderbar!<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist toll, mitanzuh\u00f6ren, wie ein 92j\u00e4hriger Ausnahmek\u00fcnstler den gro\u00dfartigen Kompositionen eines nur vier Jahre j\u00fcngeren Kollegen so zahlreiche neue Aspekte abzugewinnen in der Lage ist, dass sie einerseits den Originalen ein w\u00fcrdiges Denkmal setzen und andererseits f\u00fcr sich selbst genommen auf das Wunderbarste funktionieren. Und allen, denen das Werk Merle Haggards bisher unbekannt ist, sei auf das W\u00e4rmste anempfohlen, sich mal mit einer seiner Best-of-Kompilationen vertraut zu machen, es lohnt sich sehr!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (12.11.2025) Der wilde, wilde Westen, liebe Lesenden, f\u00e4ngt gleich hinter Hamburg an. 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