{"id":8098,"date":"2025-08-11T21:42:04","date_gmt":"2025-08-11T19:42:04","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=8098"},"modified":"2025-08-12T22:12:30","modified_gmt":"2025-08-12T20:12:30","slug":"ethel-cain-willoughby-tucker-ill-always-love-you-daughters-of-cain-records-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/ethel-cain-willoughby-tucker-ill-always-love-you-daughters-of-cain-records-2025\/","title":{"rendered":"Ethel Cain \u2013 Willoughby Tucker, I\u2019ll Always Love You \u2013 Daughters Of Cain Records 2025"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ethel-Cain-Willoughby-Tucker-Ill-Always-Love-You.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ethel-Cain-Willoughby-Tucker-Ill-Always-Love-You.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8099\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (10.08.2025)<\/p>\n\n\n\n<p>Was h\u00f6rt man eigentlich, wenn man gerade keine Lust auf Lady Gaga oder \u2013 noch besser \u2013 Lana del Rey hat? Anna von Hausswolff und Chelsea Wolfe haben immerhin lange kein neues Album ver\u00f6ffentlicht. Dann also Ethel Cain? Zumindest hat sie sich mit ihrem 2022er Deb\u00fctalbum \u201ePreacher\u2019s Daughter\u201c aus meiner Sicht mit Vehemenz und sehr kompetent in die Fu\u00dfstapfen der Vorgenannten geschmissen (ein Album, von dem ich zugegebenerma\u00dfen und in diesem Magazin nachlesbar erst Jahrende nach der Ver\u00f6ffentlichung Kenntnis erlangt hatte), aber seit dem gerade erst vor wenigen Monaten ver\u00f6ffentlichten Zweitlingswerk (das trotz der langen Spielzeit als EP z\u00e4hlt, somit ist \u201eWilloughby Tucker etc.\u201c erst ihr zweites Album und damit passt es schon wieder, zuvor Ge\u00e4u\u00dfertes zu erwarten) \u201ePerverts\u201c war ich mir nicht sicher, in welche Richtung sich das Werk der geb\u00fcrtigen Floridaerin aus nunmehr Pennsylvania entwickeln w\u00fcrde. \u201ePreacher\u2019s Daughter\u201c war irgendwie sowas wie seeehr seeehr dunkler Folk mit Dreampopeinfl\u00fcssen, wundersch\u00f6nen Melodien und verst\u00f6renden Inhalten, auf \u201ePerverts\u201c trat dann mehr das verst\u00f6rende Element in den Vordergrund. Drone-Elemente wechselten sich mit Ambient-Passagen ab und zwischendurch schimmerte immer mal wieder der d\u00fcstere Folk durch, und die Texte taten ihr \u00dcbriges zur beeindruckenden Gesamtwirkung bei.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz hatte Ethel Cain aber angek\u00fcndigt, dass \u201ePreachers Daughter\u201c der Beginn einer Trilogie sein sollte, und hier bekommen wir es also mit deren zweitem Teil zu tun. Was man deutlich h\u00f6rt: Das Er\u00f6ffnungsst\u00fcck \u201eJanie\u201c ist finsterer Folk, wie man ihn sich w\u00fcnscht. Mit einer sachte angeschlagenen Akustikgitarre beginnt das St\u00fcck und nur kurz sp\u00e4ter beginnt Ethel Cain langsam und in dunkler Stimmlage zu singen, um sich dann in h\u00f6here Tonlagen hinaufzuschrauben, und dazu singt sie Zeilen wie \u201eHalt mich, Mehltau, ich m\u00f6chte sterben in diesem Raum\u201c. Nicht irgendwo in der Mitte des Songs, sondern gleich zu Anfang, damit wir wissen: Das hier wird kein Spa\u00df. Die Ich-Erz\u00e4hlerin des Songs tut so, als w\u00fcrde sie nicht zusehen, wie die\/der andere geht, aber sie wird sie\/ihn f\u00fcr immer lieben. Sieht nicht gut aus (tat es das jemals?), geringes Risiko, weniger Glaube, aber sie wird warten. Die\/der andere ver\u00e4ndert sich, sie selber bleibt gleich, bl\u00e4ttert die Seite um, die leer bleibt bis auf ihren Namen. Der\/die Verlassende liebt eine andere, die zun\u00e4chst die Schwester der Verlassenen war. Geht wohl nicht gut aus und nimmt die H\u00f6renden mit, und so freue ich mich \u00fcber das darauf folgende \u2013 wenn auch nicht fr\u00f6hliche \u2013 Instrumental \u201eWilloughby\u2019s Theme\u201c, ein sch\u00f6nes ruhiges Klavierst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf folgt \u201eFuck Me Eyes\u201c, mein Lieblingsst\u00fcck auf dem Album. Es handelt von einer jungen Frau, die eine ziemliche Wirkung auf die jungen M\u00e4nner in der Gemeinde hat, die alle mit ihr ausgehen wollen, aber niemand will sie mit nach Hause nehmen. Sie sieht aus wie ihre Mudda vor all den Drogen, wei\u00df das und kommentiert ihre Mutter mit den Worten \u201eShe&#8217;s no good at raising children, but she&#8217;s good at raising Hell\u201c. Das ist erstmal eine Geschichte, die jemand erz\u00e4hlt und die sehr deprimiert, und gegen Ende des Songs nimmt sich die Erz\u00e4hlerin der Protagonistin ihrer Erz\u00e4hlung an, vergleicht sich mit ihr, erst herabw\u00fcrdigend und dann anerkennend, und am Ende bleibt es offen, ob Erz\u00e4hlerin oder Protagonistin bemitleidenswerter sind. Das alles zu wunderbar tragischer und melancholischer streicherdominierter Folkmusik mit elektronischen Schlagzeugelementen mit einer Stimme vorgetragen, die zwischen deprimiertem Gelangweiltsein und leidender Anteilnahme hin und her changieren. Besser kann es jetzt nicht mehr kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber immerhin k\u00f6nnte die K\u00fcnstlerin sich M\u00fche geben, das Niveau beizubehalten und beim Barte des Propheten \u2013 das tut sie:<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Song (\u201eNettles\u201c) beginnt Ethel Cain, sich mit dem titelgebenden Willoughby Tucker zu besch\u00e4ftigen, ihrer ersten Liebe, die eines Tages verschwand. Das macht sie bildhaft deutlich, indem sie den Geliebten zun\u00e4chst angeschossen werden und dann nach und nach dahinschwinden l\u00e4sst, ein Bild, dass mich an den Western \u201eDead Man\u201c erinnert und auch ebenso unheimlich\/gruselig klingt. Und das ganze acht Minuten lang und keine davon ist zu viel. Auch das sich anschlie\u00dfende Instrumental-Zwischenspiel \u201eWilloughbys Interlude\u201c ist f\u00fcr ein solches mit siemenhalb Minuten recht lang \u2013 und dennoch durchaus ordentlich \u2013 geraten. Ethel Cain denkt sich ihre Lieder nicht nur selber aus, sondern produziert sie auch, und das macht sie gut. Gegen Ende von \u201eWilloughbys Interlude\u201c ert\u00f6nt dann ein Geklimper, dass auf mehr Fr\u00f6hlichkeit im n\u00e4chsten Lied hoffen macht \u2013 schauen wir mal, ob \u201eDust Bowl\u201c diese freudige Erwartungshaltung best\u00e4tigen machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4\u00e4\u00e4h, nein! Kann es nicht, \u201eDust Bowl\u201c ist wieder ein Brecher voll freudloser Schwerm\u00fctigkeit, und ein wundersch\u00f6ner dazu. Der Song ist eine Lobhudelei auf Willoughby Tucker und was er f\u00fcr die Ich-Erz\u00e4hlerin bedeutet, und das klingt trauriger, als man sich eine Lobhudelei vorzustellen vermag. Es endet mit den Worten \u201ePretty boy \/ Consumed by death \/ With the holes in his sneakers \/ And his eyes all over me \/ Over me, over me.\u201c Ich wei\u00df nicht, ob Liebeslieder immer so weh tun m\u00fcssen, aber bei Ethel Cain tun sie das und es klingt gro\u00dfartig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eA Knock At The Door\u201c startet mit den Worten \u201eSatan\u2019s in the State Penn\u201c \u2013 ja wie nu, im Staate Pennsylvania, an der Penn State University oder im Staatsgef\u00e4ngnis (State Penitentiary)? Cains Stimme klingt hier h\u00f6her als auf den vorangegangenen Titeln, es erklingt eine einsame Akustikgitarre mit laut quietschenden Umgreifger\u00e4uschen, jammerndem Chorgesang und wieder einmal mehr eine wundersch\u00f6ne Melodie. Danach haben wir wieder ein Instrumental verdient, finde ich, und Ethel Cain findet das auch und nimmt mit \u201eRadio Towers\u201c erstmal ordentlich Tempo aus der ohnehin nicht temporeichen, aber daf\u00fcr umso mitnehmenderen und forderenden Darbietung. Repetitiv und echoreich w\u00fcrde ich es auf jedem anderen Album der Irrelevanz schelten \u2013 hier dagegen tut es dringend Not, damit man zwischendurch mal durchatmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin sind ja gut 25 Minuten des insgesamt 73min\u00fctigen Albums noch nicht geh\u00f6rt, und diese verteilen sich auf nurmehr zwei Songs: \u201eTempest\u201c, ein 10min\u00fctiger Todesamerikanaalbtraum allerbester Machart, der sich \u00fcber die gesamte Spielzeit von albtraumhaft-verspielt zu krachig-klirrend-d\u00fcsterdonnernd steigert und unbedingt im Dunkeln mit dem Kopfh\u00f6rer genossen werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte St\u00fcck, \u201eWaco, Texas\u201c (Heimatstadt des unl\u00e4ngst verstorbenen gro\u00dfen Dramatikers Robert Wilson), tr\u00e4gt dieselben Initialen wie Willoughby Tucker und handelt nicht davon, wof\u00fcr Waco bekannt ist (n\u00e4mlich der Erst\u00fcrmung der Ranch des komplett irren Sektenf\u00fchrers David Koresh durch das FBI im Jahr 1993, wobei knapp 80 Sektenmitglieder umkamen), sondern wieder einmal mehr um besagten (und mittlerweile ja auch viel besungenen) Willoughby Tucker. Auch hier kommt er wieder echt nicht gut weg, die Beziehung zwischen der Erz\u00e4hlerin und dem jungen Herrn Tucker scheint eine komplett toxische gewesen zu sein, und das fasst Ethel Cain ein ums andere Mal in wundersch\u00f6ne Worte und kleidet es in wundersch\u00f6ne Melodien. Die Zuh\u00f6renden k\u00f6nnen Ethel Cain um ihre Erinnerungen an den Tucker-Typen nicht beneiden, sondern nur mit ihr mitleiden. Das verlangt ihnen was ab, aber wurscht \u2013 wahre Leidenschaft geht anscheinend nicht ohne eine Extraportion Blut, Schwei\u00df, Tr\u00e4nen &amp; Palm\u00f6l.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar dieses Jahres hatte ich ob Ethel Cains EP \u201ePerverts\u201c noch gefragt, wie irgendjemand dieses Werk an textlicher und musikalischer Tiefe, an Wirkung und an authentischer Gef\u00fchlsvermittlung noch \u00fcbertreffen will. Knappe sieben Monate sp\u00e4ter hat die K\u00fcnstlerin selber \u201ePerverts\u201c zwar nicht \u00fcbertroffen, ihm aber ein ebenb\u00fcrtiges und aufs Wunderbarste an \u201ePreacher\u2019s Daughter\u201c ankn\u00fcpfendes sophomores Album an die Seite gestellt. Und ich denke, so eine Gro\u00dftat wird ihr in diesem Jahr niemand mehr nachmachen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (10.08.2025) Was h\u00f6rt man eigentlich, wenn man gerade keine Lust auf Lady Gaga oder \u2013 noch besser \u2013 Lana del Rey hat? Anna von Hausswolff und Chelsea Wolfe haben immerhin lange kein neues Album ver\u00f6ffentlicht. 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