{"id":807,"date":"2014-02-26T14:35:49","date_gmt":"2014-02-26T13:35:49","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=807"},"modified":"2014-04-08T17:04:10","modified_gmt":"2014-04-08T15:04:10","slug":"nymphmaniac-lars-von-trier-dkdfbgb-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/nymphmaniac-lars-von-trier-dkdfbgb-2013\/","title":{"rendered":"Nymph()maniac \u2013 Lars von Trier \u2013 DK\/D\/F\/B\/GB 2013"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-667\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1-150x100.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/a><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (26.02.2014)<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte das gedacht, dass der depressive Meister des Co-Traumatisierens nach dem verst\u00f6renden \u201eAntichrist\u201c und dem langweiligen \u201eMelancholia\u201c mit \u201eNymphomaniac\u201c als drittem Teil seiner Depressions-Trilogie nicht nur einen guten, sondern auch noch einen unterhaltsamen Film anfertigt \u2013 den er zudem zuvor irref\u00fchrender- und sicherlich provozierenderweise als Porno vermarktete. Nein, der Film hat Handlung, Tiefgang, bietet Ausfl\u00fcge in Psychologie, Philosophie, Wissenschaft, Kunstgeschichte, ist garniert mit Humor, Tiefgang und nat\u00fcrlich auch expliziten Sexszenen. Am Ende der ersten zwei Stunden der gek\u00fcrzten Fassung (Teil zwei folgt im April) geht man beschwingt und gut unterhalten aus dem Kino. Das ist einem nach einem Lars-von-Trier-Film bislang ausschlie\u00dflich nach \u201eThe Boss Of It All\u201c passiert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Optisch beginnt \u201eNymphomaniac\u201c wie ein Lars-von-Trier-Film, und das ist gut: Man sieht sofort die Handschrift des d\u00fcster-verschmitzten D\u00e4nen, in Dunkelheit, Zeitlupe, Sujet (Wassertropfen etwa); auch Elemente wie gewisse Schnitte, schwankende Kameraf\u00fchrungen und sogar ein direkter Ausschnitt aus \u201eRiget\u201c (die Schiebet\u00fcren des Krankenhauses) sind charakteristisch f\u00fcr von Trier. Seltsam ist allerdings, dass man von billiger Rammsteinmusik empfangen (und wieder entlassen) wird.<\/p>\n<p>Man sieht Joe (Charlotte Gainsbourg) blutend auf dem Boden liegen. Der Anti-Zionist Seligman (Stellan Skarsg\u00e5rd) gibt ihr zu Hause Tee und Bettstatt, weil sie nicht ins Krankenhaus will. Er bittet sie, ihm den Hergang zu schildern, und sie holt weit aus. Joe kasteit sich selbst daf\u00fcr, dass sie Nymphomanin ist, und Seligman versucht, sie davon zu \u00fcberzeugen, auf einem schmalen Brett unterwegs zu sein. Daraus entsteht ein Pingpong zwischen Sexschilderungen einerseits und wissenschaftlichen Abhandlungen, kulturellen Querverweisen und soziologischen Betrachtungen andererseits. Joe findet Ankn\u00fcpfungspunkte in Seligmans \u00c4u\u00dferungen und auch in den Details, die sie in seiner Wohnung sieht, und er findet in ihren Darstellungen immer wieder Bez\u00fcge zu den Themen, mit denen er sich auskennt: Fliegenfischen, Johann Sebastian Bach, Leonardo Fibonacci; Edgar Allan Poe. So ist der Film, \u00e4hnlich wie \u201eOnly Lovers Left Alive\u201c von Jim Jarmusch, eine wundervolle Ode an das Wissen. Im Dialog sind die beiden stets respektvoll und nett miteinander; Skarsg\u00e5rds Synchronstimme jedoch klingt um einiges zu inhaltsschwanger.<\/p>\n<p>In der Struktur erinnert der Film an Quentin Tarantinos \u201ePulp Fiction\u201c (auch im Stil: Eine Sequenz ist beispielsweise aus dramaturgischen Gr\u00fcnden in Schwarzwei\u00df gedreht). Im vorliegenden ersten Teil sind es f\u00fcnf Kapitel, in denen Joe Seligman ihre Schlechtigkeit plausibel machen will. Sie erz\u00e4hlt von ihrer kindlichen Sexualit\u00e4t, von ihrem Sexualpartner-Sammelwahn, von Samenraub, Verf\u00fchrung, Ehebruch und ihrer verderblichen emotionalen Unber\u00fchrtheit. Seligman h\u00e4lt immer dagegen, indem er Referenzen zur Biologie, Soziologie und Psychologie findet, die ihr Verhalten plausibilisieren sollen. Nur Vordergr\u00fcndig geht es bei Joes Schilderungen um den reinen Sex. Auch geschnitten sind zwar explizite Szenen zu sehen, aber erstaunlicherweise wirkt es nicht so gek\u00fcnstlet auf effektive Nacktheit geb\u00fcrtstet wie in anderen Filmen. Vielmehr erscheint es als selbstverst\u00e4ndlich, all die \u00fcblicherweise hinter verschlossenen T\u00fcren stattfindenen K\u00f6rperlichkeiten hautnah mitzuverfolgen. Es geh\u00f6rt dorthin, es ist eine logische Folge. Und ist eben auch immer nur ein Vehikel f\u00fcr die eigentlichen Themen.<\/p>\n<p>Die sind so vielf\u00e4ltig wie Joes Episoden. Sie sucht Sex ohne Liebe, kann sich gegen dieses Gef\u00fchl aber nicht wehren. Sie braucht zehn Liebhaber t\u00e4glich, erlebt aber die Konsequenzen in Form einer mitsamt ihrer drei Kinder bei ihr auftauchenden Betrogenen (gigantisch gut gespielt von Uma Thurman). Das Verh\u00e4ltnis zu ihren Eltern, der Tod, Verantwortung: Joe grast die gro\u00dfen Themen des Lebens ab. Und das bisweilen mit fantastischem schwarzen Humor.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist Joe zwar aktiv darin, ihre Sexpartner f\u00fcr sich zu gewinnen, wird aber im Moment des Gefundenseins und f\u00fcr den \u00fcbrigen Teil ihres Lebens passiv und distanziert. Sie reagiert nur noch, betrachtet, bleibt blass, auch optisch, in ihren furchtbaren Kleidungsst\u00fccken, bei denen man sich jeweils wundert, wie sie in dem Outfit so viele Lover findet. Mit der sich selbst anklagenden Joe erf\u00fcllt von Trier \u00fcberdies einen Vorwurf, den man ihm f\u00fcr viele seiner Filme macht: Bei ihm sei die Frau die Wurzel allen \u00dcbels, Joe sieht sich hier praktischerweise gleich selbst so. Doch in der Figur des Seligman hat von Trier das Gegenargument gleich dabei. Interessant ist \u00fcbrigens, dass beide Figuren zwar sagen, nicht religi\u00f6s zu sein, Joe jedoch den christlichen Begriff der S\u00fcnde und das Mittel der Selbstkasteiung anwendet und Seligmann als gefallener Jude christlich inspirierte Musik von Bach h\u00f6rt.<\/p>\n<p>In diesem ersten Teil wundert man sich, wie grunds\u00e4tzlich eher harmonisch die ganzen Geschichten sind. Bei einem so gro\u00dfen Verschlei\u00df an Sexgebern w\u00e4re es zu erwarten gewesen, dass da auch Gewalt, \u00dcbergriffe oder \u00c4hnliches in den Erz\u00e4hlungen auftauchen. Auch bleiben noch sexuelle Aspekte wie etwa Homosexualit\u00e4t oder Gruppensex offen. Sollte Teil zwei so bleiben wie der erste, k\u00f6nnte man bei \u201eNymphomaniac\u201c fast von Familienunterhaltung sprechen. Doch man hat es mit Lars von Trier zu tun \u2013 das dicke Ende kommt sicher noch, oder, wie es eine Kinobesucherin ausdr\u00fcckte: Das war nur das Vorspiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (26.02.2014) Wer h\u00e4tte das gedacht, dass der depressive Meister des Co-Traumatisierens nach dem verst\u00f6renden \u201eAntichrist\u201c und dem langweiligen \u201eMelancholia\u201c mit \u201eNymphomaniac\u201c als drittem Teil seiner Depressions-Trilogie nicht nur einen guten, sondern auch noch einen unterhaltsamen Film anfertigt &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/nymphmaniac-lars-von-trier-dkdfbgb-2013\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-807","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=807"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":846,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/807\/revisions\/846"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}