{"id":7942,"date":"2025-07-02T21:03:06","date_gmt":"2025-07-02T19:03:06","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=7942"},"modified":"2025-07-02T21:03:06","modified_gmt":"2025-07-02T19:03:06","slug":"swans-birthing-mute-young-god-records-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/swans-birthing-mute-young-god-records-2025\/","title":{"rendered":"Swans \u2013 Birthing \u2013 Mute\/Young God Records 2025"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Swans-Birthing.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Swans-Birthing.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7943\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (02.07.2025)<br><br>\u201eBirthing\u201c soll laut Bandkopf und Liturg Michael Gira das letzte Album der Swans im alten Sound sein, also in der Gemengelage aus L\u00e4rm und Sch\u00f6nheit, die diese Band seit 1981 so einzigartig in die Welt br\u00fcllt. So richtig zum Br\u00fcllen kommen die Swans auf diesem 17. Album schon jetzt nicht mehr, in den zwei Stunden \u00fcberwiegen hypnotische Loops und Drones und Ch\u00f6re \u00fcber die physisch wahrnehmbaren L\u00e4rmw\u00e4nde. Auf der beigef\u00fcgten DVD kann man sowohl Gira solo als auch die Band dabei beobachten, wie sie ihre einzigartigen Monumente errichtet. Ein Spektakel!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><a><\/a> Das Pastorale exerziert Gira hier bis zum Exzess, er geb\u00e4rdet sich als Exorzist, als Prediger, als Liturg, der der Gemeinde die Apokalypse anschaulich nahebringt, w\u00e4hrend der Kirchenchor dazu zwischen Mahnung und Erbauung die Messe bestreitet. Diese Messe begleitet zudem eine Band, die sich weitgehend zur\u00fcckh\u00e4lt, die mit ihren Eins\u00e4tzen das Dringliche unterstreicht, die eine Spannung generiert und erh\u00f6ht, die die Gemeinde hypnotisiert, in Trance versetzt, einlullt, und die nur selten \u00fcber den Kipppunkt schreitet und die Euphorie in Raserei ausbrechen l\u00e4sst. Wer den vertrauten Swans-L\u00e4rm sucht, braucht Geduld, muss sich mit gebremster Spannung arrangieren, sie auszuhalten lernen, sie akzeptieren und als gleichwertigen Komplement\u00e4r zu der Energie, die die Band ansonsten eruptiv als akustisches Pand\u00e4monium freisetzt. Das geschieht hier wesentlich seltener, aber so eindrucksvoll wie immer, und in den langen Sequenzen bis dahin generieren die Swans zwar auch eine bisweilen verst\u00f6rende Musik aus Drones und ungew\u00f6hnlichen Zusammensetzungen, aber nur selten Atonales, Dissonantes, Schr\u00e4ges au\u00dferhalb der raren wuchtigen Explosionen. Die die Band \u00fcbrigens nicht allein mit Gitarre-Bass-Schlagzeug generiert, sondern auch mit Vibraphon, Saxophon, Fl\u00f6te, Hackbrett (wie passend), Piano, Synthies und der japanischen Kastenzither <em>Taish\u014dgoto<\/em><em>.<\/em><br><br>Entsprechend l\u00e4rmlos startet \u201eThe Healers\u201c mit einem predigenden Gira, der als Tapete lediglich beatfreie milde Drones und den Frauenchor, der das gesamte Album mitgestaltet, hinter sich zeigt. Es dauert acht Minuten, bis \u00fcberhaupt ein Rhythmus einsetzt \u2013 bereits hier ist die Geduld der Bretterfans gefragt. Erst nach 16 Minuten l\u00e4sst Gira die Z\u00fcgel los und die Band \u00f6ffnet kurzzeitig die B\u00fcchse der Pandora, doch Gira \u00fcbernimmt wieder nach Art des Intros, nur noch intensiver skandierend. Bis nun endlich zu einem brutalen Rumpeln, das der Chor weiter begleitet.<br><br>Auch \u201eI Am A Tower\u201c startet als Geduldprobe: Ihre Gewalt produzieren die Swans \u00fcber Intensit\u00e4t, mit der hier der Prediger und der Chor zu den Drones im Einklang singen. Das Schlagzeug zischt und rauscht dazu, aber es drischt nicht. Irgendwo flirrt ein Sound herum, der an das Intro von \u201eMoney For Nothing\u201c von den Dire Straits erinnert. Sieben Minuten vergehen hier bis zum L\u00e4rm, der abermals nicht andauert. Stattdessen bauen die Swans hier Momente der Sch\u00f6nheit, der Klarheit, der \u00c4sthetik und der Filigranit\u00e4t in die Rohheit ein und schwanken wie eine in Seenot geratene Folklorekapelle mit Frauenchor und Hund. Den h\u00f6rt man hier sympathischerweise tats\u00e4chlich irgendwo im Studio bellen. Bis dann der alte Kumpel Rock\u2019n\u2019Roll losbrettert, zu dem Neil Young freundlich nickt, bis es selbst ihm zu monoton wird und das Epos als Gospel ausl\u00e4uft.<br><br>Mit Glitzer-Synthies wie Sonne auf dem krisseligen Meer beginnt der Titeltrack \u201eBirthing\u201c. Das St\u00fcck arbeitet mit sich gem\u00e4chlich steigernder Wiederholung und einer dem Siebziger-Prog entliehenen sph\u00e4rischen Gitarre, Gira f\u00e4llt mit textlosem Gesang ein und der Frauenchor bleibt bei seinen Leisten. Ein Kind brabbelt alsbald und winkt damit kurz in Richtung \u201eYou Know Everything\u201c vom Vor-Split-Swans-Album \u201eLove Of Life\u201c, nur dass es dort eher quengelt. Nur Geduld, es wird noch wuchtig \u2013 was dann n\u00e4mlich lospoltert, ist eine Industrial-Polka. Die einem wundersch\u00f6nen Teil das Feld freir\u00e4umt, mit im Hintergrund leicht taktend folkartiger Musik zu Giras klarem, versunkenem Gesang. Wie zur Ank\u00fcndigung feuert die Band eine kurze L\u00e4rmattacke ein, Gira f\u00e4llt aber flugs in eine Solo-Liturgie und endlich gibt\u2019s wieder Walzer-L\u00e4rm, dieses Mal l\u00e4nger \u2013 der Track und damit die erste CD endet als Terrorhypnose.<br><br>Die zweite H\u00e4lfte startet mit \u201eRed Yellow\u201c und einem spooky Horrorfilm-Intro. Der Song wandert langsam h\u00fcpfend los, Gira klagt im Hintergrund und der Chor kommentiert ihn bissig, was singen die? \u201eNimm das Wasser, Hundertwasser, wird noch nasser\u201c? Hier gibt\u2019s auch mal nebenbei schr\u00e4ge Tr\u00f6ten zu h\u00f6ren \u2013 und ein abruptes Ende, sch\u00f6n. \u201eGuardian Spirit\u201c beginnt mit einem mittelalterlich anmutenden Geisterchor und sp\u00e4rlichen spukigen Sounds und geht \u00fcber in eine Art Ritualgesang mit Stampfen. Gira schreit seine Botschaften in den langsam aufbrausenden L\u00e4rm, der Chor singt dazu wie Sirenen von Einsatzfahrzeugen.<br><br>Das komplexeste und sperrigste St\u00fcck ist \u201eThe Merge\u201c. Nach dem von einem Kind ge\u00e4u\u00dferten Satz \u201eI love you, mommy\u201c startet ein noisiges Industrial-Durcheinander. Daraus erwachsen hallige, fette Drums, und zwar ausschlie\u00dflich, zumindest f\u00fcr eine Weile. Erst allm\u00e4hlich punktieren sich Schnipsel von Sounds, Drones, Dissonanzen, Soundglitches in die Fl\u00e4chen. Bis ein Kind auf Deutsch bis zehn z\u00e4hlt und ganz abrupt der Chor und die Drones ohne Schlagzeug das Ruder \u00fcbernehmen. Nach einer Weile f\u00e4llt Gira mit ein, der Chor kippt ab und Gira singt allein zur Akustischen, wie er es auf seinen Solo-Touren tat. Irgendwelche Geistersamples spuken herum, bis pl\u00f6tzlich ein sozialistischer Empowerment-Frauenchor ein kurzes \u201epomm pomm pomm\u201c anstimmt \u2013 und der Song endet.<br><br>Das finale \u201e(Rope) Away\u201c ist, wie der Titel es ahnen l\u00e4sst, zweigeteilt. Lediglich, m\u00f6chte man anf\u00fcgen, verglichen mit dem Song davor. Zun\u00e4chst begleitet eine unverzerrte Gitarre den Chor mit nur einem wiederholt angeschlagenen Ton. Bald ziehen weitere Gitarren schwankende T\u00f6ne in das Soundgemenge, was \u00fcberraschend angenehm harmonisch klingt. Das Ganze schaukelt sich postrockig-shoegazig auf, immer noch ohne Schlagzeug, das sich erst sp\u00e4ter, nach zw\u00f6lf Minuten, auf eine Weise in den Sound hineinrauscht, dass man es kaum wahrnimmt, eher als weiteres Drone-Instrument, das erst allm\u00e4hlich und nur gelegentlich rhythmisch wird. Der Track wogt schwerf\u00e4llig, und nach einer Viertelstunde beginnt der zweite Song. Gira singt, die Instrumente ergeben ohne Schlagzeug eine rhythmische Folklore. Dieses letzte St\u00fcck h\u00e4tte es in solcher Klarheit bereits auf der \u201eLove Of Life\u201c geben k\u00f6nnen.<br><br>Der Digipak-Doppel-CD ist in einem unscheinbaren Schlitz unter der zweiten CD die DVD beigef\u00fcgt. Darauf h\u00f6rt und sieht man eine Stunde lang Gira solieren und anderthalb Stunden lang die komplette Band w\u00fcten. Ersterer Film nennt sich \u201eLive Solo 2022: I Wonder If I&#8217;m Singing What You&#8217;re Thinking Me To Sing\u201c, zweiterer \u201eLive 2024: (Rope) The Beggar\u201c. Monolithisch wie seine Musik baut sich auch Gira auf der B\u00fchne auf, ernsthafte Blicke streuend und seine Akustikgitarre anschlagend, bisweilen sogar ohne zweite Hand auf dem Griffbrett, was dann gar nicht wie zu erwarten nach einem Amateur an der Klampfe klingt, sondern so be\u00e4ngstigend, dr\u00fcckend, lastend wie die Musik der Swans bei voller Last. Beachtlich. Diese DVD lieg tauch der Vinyl-Version bei, auf der indes \u2013 wie bereits bei fr\u00fcheren Swans-Alben \u2013 einzelne Songs gek\u00fcrzt wurden, hier \u201eThe Healers\u201c und \u201eBirthing\u201c.<br><br>17 Studioalben in fast 45 Jahren inklusive zweier Pausen sind eine \u00fcberblickbare Anzahl, m\u00f6chte man meinen, wird aber von Nebenprojekten, Livealben und Compilations gepl\u00e4ttet. Daf\u00fcr ist man zum Schmunzeln geneigt, wenn Gira zum wiederholten Male in Aussicht stellt, etwas enden zu lassen; dieses Mal den Sound der Band und die Zentrierung um ihn als Kopf. Abwarten. Bisher geh\u00f6ren die Swans jedenfalls in die bedauerlicherweise extrem kurze Liste der Bands, die nach einer Reunion musikhistorisch und k\u00fcnstlerisch bemerkenswerte neue Studioalben aufnahmen. \u201eBirthing\u201c geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (02.07.2025) \u201eBirthing\u201c soll laut Bandkopf und Liturg Michael Gira das letzte Album der Swans im alten Sound sein, also in der Gemengelage aus L\u00e4rm und Sch\u00f6nheit, die diese Band seit 1981 so einzigartig in die Welt br\u00fcllt. &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/swans-birthing-mute-young-god-records-2025\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,4],"tags":[],"class_list":["post-7942","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album","category-musik-dvd"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7942"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7944,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7942\/revisions\/7944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}