{"id":7773,"date":"2025-05-25T22:30:49","date_gmt":"2025-05-25T20:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=7773"},"modified":"2025-05-26T20:53:52","modified_gmt":"2025-05-26T18:53:52","slug":"christof-doerr-fast-weltweit-verlag-andreas-reiffer-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/christof-doerr-fast-weltweit-verlag-andreas-reiffer-2025\/","title":{"rendered":"Christof D\u00f6rr \u2013 Fast Weltweit \u2013 Verlag Andreas Reiffer 2025"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Christof-Doerr-Fast-Weltweit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"171\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Christof-Doerr-Fast-Weltweit.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7774\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (25.05.2025)<br><br>Eigentlich erz\u00e4hlt \u201eFast Weltweit\u201c vom gleichnamigen Label aus Ostwestfalen, aus dessen Wurzeln in den Neunzigern die Hamburger Schule spross, etwa mit Bernd Begemann, Die Braut haut ins Auge, Die Sterne oder Blumfeld. Andererseits setzt Autor Christof D\u00f6rr dieses Interview-Mosaik zusammen wie einen Roman, erst Coming of Age, Abenteuer, dann Erfolgsgeschichte und zuletzt Drama und Psychogramm, durchgehend spannend, mitrei\u00dfend, erhellend. Von sympathischen Jugendlichen in der Provinz, die davon tr\u00e4umen, mit ihrer unzeitgem\u00e4\u00df deutschsprachigen Musik ber\u00fchmt zu werden, und dieses Ziel gegen alle Erwartungen sogar erreichen. Mit einigen Opfern.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>An sich ist die Geschichte ja allgemeing\u00fcltig, \u00fcberall in der Welt finden sich in der Provinz ambitionierte Musikschaffende, die vom gro\u00dfen Erfolg tr\u00e4umen. In der Regel erf\u00fcllt sich der maximal in einer Tanzkapelle bei Sch\u00fctzenfesten oder im Kellerproberaum, nicht so bei den Protagonisten von Fast Weltweit, die ihre Kreativit\u00e4t b\u00fcndeln und sie in die gro\u00dfe Stadt tragen, um dort Karriere zu machen. Christof D\u00f6rr sprach mit vielen Beteiligten, er spinnt ein feinmaschiges Netz um den Themenkomplex Fast Weltweit \u2013 und l\u00e4sst eine L\u00fccke, zwangsweise, denn Jochen Distelmeyer von Blumfeld verweigert die Teilnahme. In seinem Teil der Geschichte steckt dann auch ein wesentliches Drama, das die Gruppe zum Ende preisgibt.<br><br>Zwar geht D\u00f6rr in der Rekapitulation chronologisch vor und l\u00e4sst die Beteiligten relativ passgenau zu Wort kommen, doch erz\u00e4hlen sie nicht nur den historischen Abriss des kleinen Labels, denn hier kommt weit mehr zum Tragen. Um die Existenz und also die Motivation von Fast Weltweit zu verstehen, muss man die popmusikalische Lage in Westdeutschland in der zweiten H\u00e4lfte der Achtziger kennen: Deutschsprachige Musik war von der Neuen Deutschen Welle zu einer Straftat verkommen, den Rest \u00fcbernahmen Schlager und Altrocker. Es geh\u00f6rte also Mut dazu, sich im Pop zu verorten und deutsche Texte zu verfassen, denn auf Englisch w\u00e4re es jederzeit einfacher gewesen. Diesen einfachen Weg wollten die Ostwestfalen aus Bad Salzuflen aber nicht gehen. Eben deshalb fanden sie sich. Als Freunde, die einander kreativ unterst\u00fctzten.<br><br>Zu diesem gemeinsamen Weg geh\u00f6rten indes nicht ausschlie\u00dflich Musizierende, einer musste schlie\u00dflich Produzent sein, zwei journalistisch vorgehen. Das erh\u00f6ht die Sprecherzahl und damit die Bandbreite der Themen, die dennoch relevant f\u00fcr die Grundgeschichte bleiben. Feminismus, Machotum, m\u00e4nnliche Dominanz geh\u00f6ren dazu, beleuchtet von Bernadette (La) Hengst und den schreibenden Schwestern Kersty und Sandra Grether, die alle wichtige Pfl\u00f6cke setzten, denen der \u00e4u\u00dfere Anschein anhaftet, problemlos erfolgt zu sein, und diesen Anschein die drei Frauen bedauerlicherweise hinfortfegen m\u00fcssen, nur bedingt im Kreise von Fast Weltweit, umso energischer im Rest des Business\u2019, etwa bei Labels oder Magazinen. Auch geh\u00f6rt dazu die Situation in der Provinz, in der die Beteiligten mit dem Forum in Enger einen wichtigen Handlungsort f\u00fcr alternative Musik und somit Inspiration f\u00fcr die eigene Kunst fanden, diesen aber dennoch teilweise nicht zu sch\u00e4tzen wussten und mit der Provinz haderten. H\u00fcrden wie abwinkende oder pleite gehende Labels wie Zickzack sowie die anf\u00e4ngliche Ablehnung der Postille Spex stehen au\u00dferdem im Weg.<br><br>Bernd Begemann nun war der erste, der Ostwestfalen verlie\u00df. Er ging nach Hamburg und generierte damit f\u00fcr die anderen einen Sog \u2013 kreativ, n\u00e4mlich darin, sich in der Heimat darauf vorzubereiten, fit genug f\u00fcr die gro\u00dfe Welt zu werden, und den Mut betreffend, dann auch wirklich weitere Schritte zu unternehmen. So zog es einzelne Leute nach K\u00f6ln oder Berlin, erst sp\u00e4ter einige auch nach Hamburg. Oder wieder zur\u00fcck nach Ostwestfalen und raus aus der Musik, wie im Falle von Michael Girke von der Band Jetzt!.<br><br>Die ganzen Verstrickungen der Beteiligten untereinander bilden den Kern der Geschichte, das gemeinsame Wachstum, die Findungszeit. Und dann allm\u00e4hlich die individuelle Auspr\u00e4gung, von Jetzt!-Musiker Mijk van Dijk, der von Berlin aus in den Techno abwanderte, von Achim Knorr alias Der Fremde, der von K\u00f6ln aus Comedy macht, von Bernadette La Hengst, die ihren Traum von einer ausschlie\u00dflich weiblich besetzten Band erf\u00fcllt und dann doch solo re\u00fcssiert, und nat\u00fcrlich von Frank Spilker und Jochen Distelmeyer, die dem Fast-Weltweit-Paten Bernd Begemann nach Hamburg folgen und dort als Quasi-Au\u00dfenarm des ostwestf\u00e4lischen Labels Mitbegr\u00fcnder der Hamburger Schule werden.<br><br>Und dann folgt das Drama. Zum Geleit des Buches hei\u00dft es, man w\u00fcrde verstehen, warum sich Distelmeyer daran nicht beteiligen wollte. Es dauert bis kurz vor Schluss, bis dies eintritt. Denn es kommt zum Bruch zwischen ihm und Begemann, aus politisch-ideologischen Gr\u00fcnden, wie es in der linken Szene leider Usus ist, die sich lieber gegenseitig zerfetzt, als gemeinsame Gegner ins Auge zu fassen. In Distelmeyers Horn stie\u00dfen auch die Goldenen Zitronen, die Begemann als Teil der Hamburger Schule ins Aus stie\u00dfen. Dieser Aspekt des Buches r\u00fcckt einzelne Stars und Helden in ein unerwartetes Zwielicht und von einem Sockel herunter; da ist es bedauerlich, dass man weder von Distelmeyer noch von den Goldies etwas dazu erf\u00e4hrt, etwa ihre heutige Sicht auf die Dinge von vor 30 Jahren. Man schluckt jedenfalls schwer.<br><br>Dissonanzen sind bei der Lekt\u00fcre indes allgegenw\u00e4rtig, subliminal zun\u00e4chst, kaum angedeutet, schon wieder abgeschw\u00e4cht. Die Interviewten singen das Lied der Freundschaft, der Harmonie, der symbiontischen Kreativit\u00e4t, das man auch unglaublich gern h\u00f6rt, weil es so anr\u00fchrend ist, so warmherzig vorgetragen. Ja, Fast Weltweit zerbrach 1989, 1990, aber das sind doch weiterhin alles Freunde, m\u00f6chte man wissen, und bekommt die Zustimmung dann auch weitgehend. Es hat etwas von \u201eEs\u201c von Stephen King: Lediglich Gralsh\u00fcter Frank Werner, in dessen Garage damals die Aufnahmen von fast Weltweit entstanden, hat ein Adressbuch mit allen Nummern, bei den anderen verblassen einzelne Eintr\u00e4ge, und man erwischt sich dabei, wie man darob so manches Tr\u00e4nchen verdr\u00fcckt. Und doch verl\u00e4sst man diese Geschichte voller Hoffnung, denn das Label erfuhr j\u00fcngst eine Reaktivierung, einzelne Archivaufnahmen fanden den Weg an die \u00d6ffentlichkeit und das letzte Wort \u00fcber die gr\u00f6\u00dften musikalischen Geheimnisse \u2013 etwa Distelmeyers Aufnahmen mit Die Bienenj\u00e4ger \u2013 ist noch nicht gefallen.<br><br>Man schlie\u00dft sie alle ins Herz, jede, jeden, mit ihren Motivationen, Emotionen, Kreationen, findet zu einzelnen einen neuen Zugang und zu anderen den alten wieder, r\u00e4umt mit Urteilen und Vorurteilen auf und w\u00fcnscht sich, die ganze alte Musik mal zu h\u00f6ren zu bekommen. Auszugsweise geht das, Frank Werner kuratierte eine Spotify-Playlist, die am Schluss per QR-Code abrufbar ist und bei Begemanns erster Band mit dem sch\u00f6nen Namen Vatikan startet. Eine Zeittafel und eine ausf\u00fchrliche Liste der Beteiligten runden diese Gespr\u00e4chssammlung ab.<br><br>Und keine 50 Kilometer weiter gab es in Detmold, ebenfalls Ostwestfalen, gleichzeitig eine Indierock-Szene, die mit Christopher \u201eKrite\u201c Uhe und Dirk \u201eSchneider TM\u201c Dresselhaus ebenfalls zwei bis heute wichtige Vertreter abwarf. Die etwa ab 2001 mit Vredeber Albrecht das Projekt Paincake betrieben, und der Mann war ab 2003 Keyboarder bei Distelmeyers Band Blumfeld. Alles zieht Kreise, einige sogar Fast Weltweit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (25.05.2025) Eigentlich erz\u00e4hlt \u201eFast Weltweit\u201c vom gleichnamigen Label aus Ostwestfalen, aus dessen Wurzeln in den Neunzigern die Hamburger Schule spross, etwa mit Bernd Begemann, Die Braut haut ins Auge, Die Sterne oder Blumfeld. 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