{"id":7716,"date":"2025-05-19T21:23:25","date_gmt":"2025-05-19T19:23:25","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=7716"},"modified":"2025-05-19T21:23:25","modified_gmt":"2025-05-19T19:23:25","slug":"suzanne-vega-flying-with-angels-cooking-vinyl-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/suzanne-vega-flying-with-angels-cooking-vinyl-2025\/","title":{"rendered":"Suzanne Vega \u2013 Flying With Angels \u2013 Cooking Vinyl 2025"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Suzanne-Vega-Flying-With-Angels.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Suzanne-Vega-Flying-With-Angels.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7717\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (18.05.2025)<\/p>\n\n\n\n<p>Oha, Suzanne Vega. 1990 liebte ich \u201eLuka\u201c (damals nicht wissend, dass es dort um schwere Kindeswohlgef\u00e4hrdung geht, was dem eing\u00e4ngigen und sch\u00f6n klingenden Song einen sehr wichtigen Ernst gibt) und \u201eTom\u2019s Diner\u201c (Schei\u00dfe, jetzt h\u00e4tte ich fast \u201eD\u00f6ner\u201c geschrieben), das ich zun\u00e4chst in der ganz hervorragenden Tanzmusik-Fassung von DNA kennenlernte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bekloppt, wie ich damals war, kaufte ich mir nicht Vegas sophomores \u201eSolitude Standing\u201c, das beide Songs (wenn auch frei von DNA) enthielt, sondern ihre damals gerade neu herausgekommene aktuelle Langspielplatte \u201eDays Of Open Hand\u201c. Die ich mochte, aber so richtig z\u00fcndete sie nicht, und trotz des Erwerbs des Deb\u00fcts \u201eSuzanne Vega\u201c und eben dem besagten \u201eSolitude Standing\u201c verlor ich das Interesse an Suzanne Vegas Musik. Als ich dann irgendwo las, dass sie sich mit \u201e99.9 F\u00b0\u201c mehr in Richtung elektronischer Musik wandte, hatte Frau Vega mich endg\u00fcltig verloren, weil elektronische Musik, die nicht von Anne Clark kam, ging damals f\u00fcr mich gar nicht. Soviel also zum Thema Jugend und zu ihrer sprichw\u00f6rtlichen Weltoffenheit \u2013 vergessen Sie es, liebe Lesenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss erst alt werden wie ein Baum oder wahlweise auch \u00e4lter als ein Schwein, um vielverschm\u00e4hte Tontr\u00e4ger nochmal vor dem Hintergrund seiner oder ihrer mannigfach angeh\u00e4uften Lebenserfahrung nochmal abzuspielen und festzustellen, dass man das Oeuvre so manches K\u00fcnstlers oder so mancher K\u00fcnstlerin aus fragw\u00fcrdigen Motiven oder einfach aufgrund schlichtem Banausentums in die Tonne gekloppt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>So erging es mir mit Suzanne Vega; ich glaube, es war aus Anlass ihrer 2020er Ver\u00f6ffentlichung \u201eAn Evening Of New York Songs And Stories\u201c, das mir quasi eines brennenden Mikrowellenherdes in der CD-Abteilung eines beliebigen Saturnmarktes gleich ins Bewusstsein rief: A) Suzanne Vega ist immer noch da und B) Suzanne Vega hat im Laufe ihrer Karriere so viele wunderbare Songs geschrieben und interpretiert (\u201eMarlene On The Wall\u201c, um nur einen zu nennen), dass es sich wohl lohnen w\u00fcrde, sich mit allem, was ich seit 1992 verpasst habe, nochmal eingehend zu besch\u00e4ftigen. Und siehe da: \u201e99.9 F\u00b0\u201c gef\u00e4llt mir mittlerweile ausgezeichnet, ebenso wie alles, was die K\u00fcnstlerin in den folgenden Jahrzehnten ver\u00f6ffentlicht hat, und auch mit \u201eDays Of Open Hand\u201c (das tats\u00e4chlich auch bei gr\u00f6\u00dferen Experten, als ich es bin, als infolge des ausgiebigen \u201eSolitude Standing\u201c-Betourens eher uninspirierter Karrieretiefpunkt gilt) habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht und h\u00f6re es wieder gerne.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich endlich zum aktuellen Album komme, m\u00f6chte ich hier (\u201ean dieser Stelle\u201c, hihi \u2013 ja an welcher Stelle denn sonst??!?) noch loswerden, dass es vor allem die von 2010 bis 2013 ver\u00f6ffentlichte \u201eClose-Up\u201c-Serie war, die mich dem Werk von Suzanne Vega wieder n\u00e4herbrachte \u2013 eine Folge von 4 Alben plus einer Bonusmaterialsammlung, auf denen Vega ihre fr\u00fcheren Werke akustisch und apselut mitrei\u00dfend interpretiert. Wer da mal reinh\u00f6rt, wird Vega auf ewig verg\u00f6ttern.<\/p>\n\n\n\n<p>So \u2013 jetzt aber, gehen wir es an, das neue Werk: Schon das Albumcover macht deutlich, dass Suzanne Vega ebenso sehr f\u00fcr New York City steht wie weiland Lou Reed oder die Ramones: Auf der Schwarzwei\u00dfaufnahme steht Frau Vega mit einer Lederjacke bekleidet an eine Mauer gelehnt, steckt die linke Hand in die Tasche und schaut nachdenklich gen Himmel. Das wirkt schon mal wirklich cool, wahrhaft ikonisch und macht neugierig auf die Musik. Und die ist genau das, was ich mir gew\u00fcnscht habe \u2013 in der Hauptsache melancholischer Gro\u00dfstadt-Folk mit ein wenig Pop und ein wenig Rock und das ganze auf routiniert hohem Niveau, ohne auch nur ansatzweise zu langweilen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSpeaker\u2019s Corner\u201c beginnt mit einer l\u00e4ssig-jangelnden Gitarre und einer Melodie, die mich sehr gefangennimmt \u2013 irgendwie hypnotisch, einfach und genial. Der Text besch\u00e4ftigt sich mit den politischen Predigern, die auf Pl\u00e4tzen und an Ecken stehen und ihre Weltuntergangsbotschaften in die Welt schreien, und zun\u00e4chst klingt es, als ginge es um Warner und Mahner, denen zuzuh\u00f6ren sich lohnt, aber so nach und nach kippt das Ganze in Negative und es wird deutlich, dass es den Predigern nur darum geht, mit ihren Prophezeiungen immer Recht zu haben, wobei sie eigentlich verzerrte Fakten predigen, Wunder versprechen und Geld in ihre Taschen f\u00fcllen. In der letzten Strophe beklagt Vega diejenigen, die nur nachplappern, was sie h\u00f6ren, und ruft dazu auf, das Speaker\u2019s Corner endlich mal vern\u00fcnftig zu nutzen, bevor es so etwas nicht mehr gibt. Und das alles so gro\u00dfartig getextet und vorgetragen, dass es sich komplett gro\u00dfartig anh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt der Titelsong \u201eFlying With Angels\u201c, ruhiger als der Opener, von Akustikgitarre getragen und mit kryptischem Text \u00fcber das Fliegen, es klingt allerdings weniger nach grenzenloser Freiheit als vielmehr nach Kontrollverlust.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Song des Albums, \u201eWitch\u201c, beginnt ganz ruhig und die Ich-Erz\u00e4hlerin beschreibt einen Spaziergang mit ihrem Liebsten und dann taucht vor ihnen eine Person auf, die die Stimmung zum Umkippen bringt: die Hexe. Irgendwas hat die Hexe mit dem Liebsten gemacht \u2013 Jolene? Nein, es scheint hier nicht um das Ausgespanntkriegen des Partners zu gehen, vielmehr bem\u00e4chtigt sich die Hexe (bei der es sich anscheinend nicht unbedingt um ein weibliches Wesen handeln muss) des Verstandes des Partners, l\u00e4sst ihn verstummen, alle sind schockiert und niemand kann ihm helfen. W\u00e4hrenddessen \u00e4ndert sich die Musik, die Melodie weicht einem dominierenden Rhythmus, w\u00e4hrend im Hintergrund eine psychedelische Gitarre spielt. \u201eWe&#8217;re living in a state of a permanent emergency \/ Suddenly speech is a show of absurdity\u201c, singt Vega; hier scheint es tats\u00e4chlich darum zu gehen, dass eine vorher vertraute Person auf einmal Gedankeng\u00e4nge produziert, die niemand in ihrem Umfeld f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte, und niemand kann es \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Song Nummer vier \u2013 \u201eChambermaid\u201c \u2013 halte ich f\u00fcr das Highlight des Albums, wenn nicht sogar f\u00fcr eins der apseluten Highlights in Suzanne Vegas Karriere: Schon die Gitarre zu Anfang klingt sehr nach Bob Dylans \u201eI Want You\u201c und Vega imitiert auch die typischen Gesangsmelodien seiner Bobness auf das Vortrefflichste. Und in der Tat ist \u201eChambermaid\u201c eine neue Version von \u201eI Want You\u201c, in der sich Vega in die Rolle des Zimmerm\u00e4dchens hineinbegibt, die Dylan im Original in Strophe 3 erw\u00e4hnt \u2013 das Zimmerm\u00e4dchen kennt alle schmutzigen Geheimnisse des Protagonisten und schweigt dar\u00fcber \u2013 hier singt sie nun endlich dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden \u201eLove Thief\u201c wechselt Vega da Genre hin zum Soul \u2013 \u00fcberraschend und auch wieder gro\u00dfartig. Das sich daran anschlie\u00dfende \u201eLucinda\u201c ist sowohl musikalisch als auch textlich eine Hommage an die vom Schreiber dieser Zeilen unheimlich verehrten Lucinda Williams \u2013 der \u201eDusty Springfield of the South\u201c, wie Suzanne Vega es formuliert. Und wie bei \u201eChambermaid\u201c schafft es Vega, den typischen Sound der gro\u00dfen Lucinda Williams zu reproduzieren \u2013 wobei sie den Williams-typischen, immer leicht lallenden Gesang durch ihre eigene Art, zu singen, ersetzt. Das Resultat ist umwerfend.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf \u201eLast Train From Mariupol\u201c besch\u00e4ftigt sich Suzanne Vega mit dem Angiffskrieg gegen die Ukraine und beschreibt dabei mit wenigen, aber umso eindringlicheren Worten die Schrecken, die sich in der Ukraine seit \u00fcber drei Jahren (naja, eigentlich schon einige Jahre l\u00e4nger) abspielen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlley\u201c ist ein wundersch\u00f6nes St\u00fcck Musik, Vega haucht mehr, als dass sie singt, und leitet wunderbar zum n\u00e4chsten Highlight des Albums \u00fcber: \u201eRats\u201c. Eine klappernde Violent-Femmes-aus-den-80ern-Gitarre empf\u00e4ngt die H\u00f6renden und Vega singt beinahe schon rotzig \u00fcber Ratten, die nichts zu essen haben und sich daher auf dem Kriegspfad befinden, im Hintergrund jault eine schrille Orgel. Die Schlusszeile des Refrains, \u201eSurvival of the fittest is never very pretty\u201c und die Schlusszeile des Songs, \u201eRats, rats, rats \u2013 Oh no \u2013 Welcome to this urban life\u201c machen dann deutlich, dass es hier nicht um Nagetiere, sondern um menschliches Verhalten in den USA der Gegenwart dreht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eGalway\u201c wird das Album dann am Schluss nochmal wirklich richtig sch\u00f6n. Trotz des irischen Titels klingt der Song zu 100 Prozent nach dem typischen Suzanne-Vega-Gro\u00dfstadt-Folk, f\u00fcr den wir sie seit \u2013 ohne Schei\u00df \u2013 40 Jahren lieben. Und es geht tats\u00e4chlich um Galway, wohin ein Verehrer die Protagonistin locken will, und sie sagt, dass er zurzeit nicht Teil ihrer Zukunft ist, sie es ihn aber wissen lassen wird, falls es sich \u00e4nderte. Die beiden treffen sich immer und immer wieder und der arme Kerl l\u00e4sst nicht locker, hat aber am Ende eine ansehnliche Anzahl an K\u00f6rben um sich geschart. Und es wird nix aus Galway. Sch\u00f6ner Mist.<\/p>\n\n\n\n<p>Unglaublich an \u201eFlying With Angels\u201c ist, dass sich Suzanne Vegas Stimme \u00fcber die Jahrzehnte kaum ver\u00e4ndert hat: Vega, die in den n\u00e4chsten Wochen 66 Jahre alt wird, h\u00f6rt sich grunds\u00e4tzlich immer noch so an wie damals auf \u201eSolitude Standing\u201c, man h\u00f6rt weniger ein h\u00f6heres Lebensalter als vielmehr l\u00e4ngere Lebenserfahrung und \u2013 ja, in der Tat \u2013 Weisheit aus ihrer Stimme heraus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (18.05.2025) Oha, Suzanne Vega. 1990 liebte ich \u201eLuka\u201c (damals nicht wissend, dass es dort um schwere Kindeswohlgef\u00e4hrdung geht, was dem eing\u00e4ngigen und sch\u00f6n klingenden Song einen sehr wichtigen Ernst gibt) und \u201eTom\u2019s Diner\u201c (Schei\u00dfe, jetzt h\u00e4tte ich &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/suzanne-vega-flying-with-angels-cooking-vinyl-2025\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-7716","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7716","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7716"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7716\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7718,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7716\/revisions\/7718"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7716"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7716"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7716"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}