{"id":769,"date":"2014-01-20T22:53:12","date_gmt":"2014-01-20T21:53:12","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=769"},"modified":"2014-01-20T22:53:12","modified_gmt":"2014-01-20T21:53:12","slug":"stop-making-sense-jonathan-demme-talking-heads-usa-1984","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/stop-making-sense-jonathan-demme-talking-heads-usa-1984\/","title":{"rendered":"Stop Making Sense \u2013 Jonathan Demme &#038; Talking Heads \u2013 USA 1984"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-667\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (20.01.2014)<\/p>\n<p>Dieser Text ist auch erschienen auf der Seite des <a title=\"Caf\u00e9 Riptide\" href=\"http:\/\/www.cafe-riptide.de\/archives\/414\" target=\"_blank\">Caf\u00e9 Riptide<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Freitag, 17. Januar<\/strong><\/p>\n<p>Was Braunschweig schon wieder f\u00fcr ein Gl\u00fcck hat. Eigentlich war es vom Verleih anscheinend gar nicht vorgesehen, den Film \u201eStop Making Sense\u201c im Kino wiederaufzuf\u00fchren. Am 27. Februar erscheint Jonathan Demmes 1984 erstmals gezeigter Konzertfilm \u00fcber die Talking Heads zwar als Neuauflage auf DVD und BluRay, aber nicht f\u00fcr den Kinobetrieb. Au\u00dfer, man hat es mit dem Universum-Kino zu tun, genauer: mit Beate, die die Sound-On-Screen-Reihe mit dem Riptide organisiert. F\u00fcr die Januar-Ausgabe der Reihe holte sie sich aus New York die Erlaubnis, \u201eStop Making Sense\u201c zum 30. Geburtstag des Films doch noch mal auf gro\u00dfer Leinwand zur vollen Entfaltung zu bringen. Und Braunschweig wei\u00df diese Initiative zu w\u00fcrdigen: Schon Tage im Voraus ist der Film ausverkauft. Das ist erst das ungef\u00e4hr f\u00fcnfte Mal, dass ein Sound-On-Screen-Film bis zum letzten Platz belegt ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Schon im Vorfeld brennt die Luft, alle haben \u2013 mit Verlaub \u2013 einen tierischen Bock auf den Film. Interessant ist die wilde Mischung an Leuten, die \u201eStop Making Sense\u201c sehen wollen. Die Talking Heads machten eben keine Schubladenmusik. Als CBGB-Geburt w\u00fcrde man sie grob f\u00fcr Punk halten, schlie\u00dflich, wie Beate in ihrer Anmoderation bemerkte, er\u00f6ffneten sie seinerzeit in den 70ern mit ihrem ersten Live-Gig f\u00fcr die Ramones. Selbst mit New Wave wird man der Musik nicht gerecht. Funk, Disco, Pop \u2013 man findet viel in der Musik, und ebenso viel im Publikum wieder. Auch recherchierte Beate, dass die Opening Credits, wie die Schrift im Vorspann ja nun hei\u00dft, von demjenigen gestaltet wurden, der sie auch f\u00fcr \u201eDr. Stangelove\u201c von Stanley Kubrick angefertigt hatte. \u201ePablo Ferro, aber den kennt wahrscheinlich niemand\u201c, stellt Beate wahrscheinlich korrekt fest. Auch ermittelte sie, dass es sich bei Regisseur Jonathan Demme um ebenjenen handelt, der auch \u201eDas Schweigen der L\u00e4mmer\u201c dokumentierte.<\/p>\n<p>Es knistert zwischen den Sitzreihen, der Film startet, die Leute sind gespannt. Und machen dann etwas, das man nun wirklich nicht erwartet: Nach jedem Song applaudieren und jubeln sie, als w\u00e4re die Band leibhaftig auf der B\u00fchne. Die Stimmung ist unglaublich, mit dieser R\u00fcckmeldung quittieren die G\u00e4ste ein- und ausdr\u00fccklich, wie sehr sie sich auf den Film gefreut haben. Und \u00fcber ihn freuen. Am Ende ert\u00f6nen sogar vereinzelte \u201eZugabe\u201c-Rufe. So ist Braunschweig!<\/p>\n<p>Den Soundtrack zum Film habe ich seit Ewigkeiten, den Film indes noch nie gesehen. So geht es vielen, doch gibt es auch eine Menge Leute im Publikum, die schon dabei waren, als die Lupe den Film vor 30 Jahren zeigte. Oder sie waren bei einer der vielen Wiederauff\u00fchrungen danach. Wie gesagt, ich kenne die Musik \u2013 und bin \u00fcberrascht, welchen Dimensionszuwachs sie mit den Bildern erf\u00e4hrt. Die altvertrautren Songs sind nicht mehr l\u00e4nger einfach nur die altvertrauten Songs. Es stellen sich Aberdutzende von Aha-Effekten ein. Und das direkt von Anfang an: David Byrne geht auf die v\u00f6llig leere B\u00fchne, stellt einen Ghettoblaster neben den Mikrost\u00e4nder, nuschelt \u201eich mach mal eben ne Kassette an\u201c und justiert seine Akustikklampfe. Vom Tape ert\u00f6nt der Beat zu \u201ePsycho Killer\u201c. Kenne ich, denke ich, und stelle fest, dass das gar nicht richtig stimmt. Nat\u00fcrlich ist mir der Song mehr als vertraut, doch war es mir nie bewusst, dass es sich dabei um so eine Art Techno handelt. Schon jetzt ist klar, dass ich den Soundtrack k\u00fcnftig sozusagen mit neuen Ohren h\u00f6ren werde. Byrne zappelt im grauen Anzug ungelenk \u00fcber die B\u00fchne; das wird sein Markenzeichen den ganzen Konzertfilm \u00fcber sein. Eine Ausdauer hat der Mann! Und eine Qualit\u00e4t hat der Sound! Ist der wirklich schon 30 Jahre alt?<\/p>\n<p>Tina Weymouth gesellt sich zu Byrne auf die B\u00fchne, mit ihrem Bass. Sie performen zu zweit und ohne Beats die Ode an die Kneipe \u201eHeaven\u201c. Nach und nach schieben schwarzgekleidete Roadies weitere Instrumente auf die B\u00fchne, mit ihnen die dem Ur-Quartett angeh\u00f6renden Chris Frantz und Jerry Harrison, aber auch noch schwarze Percussionisten, Keyboarder, Gitarristen, S\u00e4ngerinnen, genau gesagt: Lynn Mabry, Edna Holt, Bernie Worrell (von Parliament und Funcadelic), Steve Scales und Alex Weir, die den zackigen Wei\u00dfe-Leute-Funk um soulig-groovenden schwarzen Funk anreichern. Auch das ist eine Erkenntnis, die mir einen neuen Zugang zur alten Musik erzwingt. Aus dem New Wave und dem Art Pop wird so Funk und Disco, inklusive \u201eGenius Of Love\u201c in der Inkarnation als Tom Tom Club, dem Lied, in dem sie ihre Vorbilder aufz\u00e4hlen, wie Kurtis Blow, Hamilton Bohannon und James Brown, also reinrassigen Punkrock, nat\u00fcrlich. Wenn man sich das so ansieht und anh\u00f6rt, wei\u00df man au\u00dferdem, wo zeitgen\u00f6ssische handgespielte Tanzmusikkapellen wie !!! oder LCD Soundsystem den Most herholen. Holten, LCD Soundsystem gibt es ja nicht mehr, und die Doku \u201eShut Up And Play The Hits\u201c lief vor exakt einem Jahr bei Sound On Screen.<\/p>\n<p>Noch eine Erkenntnis, auf die ich eigentlich auch alleine h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen, ohne \u201eStop Making Sense\u201c gesehen zu haben: Eine meiner Lieblingsszenen in Paolo Sorrentinos \u201eCheyenne\u201c, der im Original \u201eThis Must Be The Place\u201c hei\u00dft, weil David Byrne mitspielt und Hauptfigur Cheyenne in der Mitte des Filmes auf einem Konzert des Musikers ebenjenen titelgebenden Song h\u00f6rt, ist genau diese mit dem Konzert. Man sieht: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und manik\u00fcrt sich schunkelnd die Finger, w\u00e4hrend ein Haufen Musiker den Song spielt. Die Leinwand mit der Projektion von der Frau schwingt vor die Band, David Byrne taucht im Blickfeld der Kamera auf, als sei er Eddie von Iron Maiden knapp vor der Verwesung. Gro\u00dfartig. In \u201eStop Making Sense\u201c spielen die Talking Heads den Song wie in einem Wohnzimmer, Byrne tanzt akrobatisch mit einer Stehlampe. R\u00fcckblickend wirkt es, als habe Sorrentino die Sequenz auf eine moderne Ebene heben wollen. Ebenso gro\u00dfartig. Was beim besten Willen nicht hei\u00dft, dass \u201eStop Making Sense\u201c unmodern w\u00e4re.<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden, der den Soundtrack kennt, ist der ganze Film voller Hits. Nat\u00fcrlich freut man sich besonders \u00fcber die, die auch in echt Hits sind, wie \u201eBurning Down The House\u201c und \u201eOnce In A Lifetime\u201c, aber selbstverst\u00e4ndlich ist es jeder Song wert, ihn st\u00fcrmisch applaudierend gutzuhei\u00dfen. \u201eGirlfriend Is Better\u201c ist, wie auch Beate eingangs erw\u00e4hnte, das St\u00fcck, aus dem die Zeile \u201eStop Making Sense\u201c stammt. Nat\u00fcrlich, es gibt keine Atempause, \u201eTake Me To The River\u201c, \u201eLife During Wartime\u201c, man glaubt gar nicht, dass die Talking Heads zum Ende des Films noch furioser werden, als man sie von Anfang an wahrnimmt. Nur schwer h\u00e4lt es uns in den Sitzen. \u201eIch h\u00e4tte am liebsten jetzt schon getanzt\u201c, sagt eine Zuschauerin zwei Pl\u00e4tze neben mir.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist f\u00fcr einen Musikfilm, dass er nicht in der hektischen MTV-Schnittfolge zusammengesetzt ist. Demme l\u00e4sst sich Zeit f\u00fcr einzelne Musiker und Impressionen. Bisweilen f\u00fchrt das zu dem Ph\u00e4nomen, dass er Leute fokussiert, die irgendetwas tun, und die Musik gerade Kapriolen schl\u00e4gt, von denen man sich als Zuschauer w\u00fcnscht, Demme w\u00fcrde die Kamera auf den Kapriolen-Erzeuger halten. In der Regel aber zeigt er sehr wohl, was man sehen muss, etwa das breite Grinsen auf den Gesichtern der Mitmusiker, die Action, die die beiden S\u00e4ngerinnen veranstalten, und auch den Umstand, dass Byrne und Weymouth keinen Augenkontakt haben. Das f\u00e4llt besonders mit dem Wissen um das fragw\u00fcrdige Ende der Band acht Jahre sp\u00e4ter auf, als Byrne sie auf eine Art und Weise zu den Akten legte, die die \u00fcbrigen drei Musiker etwas verschnupft reagieren lie\u00df, etwa damit, unter dem Namen \u201eThe Heads\u201c das Album \u201eNo Talking, Just Head\u201c mit unz\u00e4hligen Gasts\u00e4ngern herauszubringen. Das war leider nicht besonders gut, Byrnes Stimme fehlte einfach. Und auch sein B\u00fchnengebaren, das er in \u201eStop Making Sense\u201c im allseits bekannten \u00fcbergro\u00dfen Sakko darbot. Auch eigenwillig f\u00fcr einen Konzertfilm \u00fcbrigens: Erst zum Schluss sieht man das bunt zusammengew\u00fcrfelte gl\u00fccklich grinsende Publikum wie entr\u00fcckt mitgrooven. Nun, auf der Leinwand wie vor der Leinwand.<\/p>\n<p>Tja, und nach \u201eStop Making Sense\u201c war dann \u201eRoad To Nowhere\u201c, f\u00fcr viele Fans der Anfang vom Ende. Ich hingegen lernte sie damals als Radioh\u00f6render genau damit erst kennen und m\u00f6gen. Wie selbstverst\u00e4ndlich kaufte ich mir dann auch \u00e4ltere Alben und wunderte mich gar nicht, dass die so deutlich anders klangen und komponiert waren als die Radiohits von sp\u00e4ter, zu denen auch der Song geh\u00f6rt, der einer anderen Band den Namen gab: \u201eRadiohead\u201c. So war es f\u00fcr mich zum Beispiel auch bei OMD und den Simple Minds: Ausgehend von ihren Mittachzigerhits, legte ich mir die d\u00fcsteren, monotonen fr\u00fchen Alben zu und nahm das, was ich da h\u00f6rte, als selbstverst\u00e4ndlich hin, ohne zu bemerken, dass es sich dabei um keinerlei Chartsmusik mehr handelte. Das waren Zeiten! Denn in die Charts kam solche Musik trotzdem.<\/p>\n<p>Nach dem Film ist vor dem Riptide, wie immer bei Sound On Screen. In dem Caf\u00e9 laufen kenntnisreich ausgew\u00e4hlte New-Wave-, Post-Punk- und Indie-Hits, aber die Leute sind zum Reden da, gefeiert wird sp\u00e4ter. Und es sind, weil der Film ausverkauft war, so viele Leute, dass sich die Party auch im gerade nichtsokalten Januar drau\u00dfen im Achteck fortsetzt. Ausverkauft ist ein Stichwort, denn Beate gelingt es, den Film ein zweites mal auff\u00fchren zu lassen, und zwar am Montag, 27. Januar, ab 21 Uhr. Auch das ist nicht der erste Sound-On-Screen-Film, der eine zweite Chance bekommt. Sogar dritte Chancen gab es schon. Und es gibt schon jetzt das nachfolgende Programm: Am Donnerstag, 6. Februar, zeigt das Universum im Rahmen des Warmen Winters den Film \u201eAnd You Belong: Scream Club\u201c \u00fcber das Hip-Hop-Duo Scream Club. Regie f\u00fchrte Julia Ostertag, fr\u00fchere HBK-Studentin. Scream-Club-Mitglied Sarah Adorable legt anschlie\u00dfend im Riptide auf. Am 20. Februar folgt dann der n\u00e4chste regul\u00e4re Beitrag: \u201eScott Walker \u2013 30 Century Man\u201c.<\/p>\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n<p>Wem habe ich es zu verdanken, dass ich in den proppevollen Saal \u00fcberhaupt hineingekommen bin? Micha nat\u00fcrlich, er besorgte mir kurz vor knapp ein Ticket. Wie es sich geh\u00f6rt, trafen wir uns zur Ticket\u00fcbergabe im Riptide, tags darauf auch im Kino, nach dem Film im Riptide und am Samstag erneut ebendort. Dann aber stie\u00df er zu einer bestehenden Runde dazu. Samstag im Riptide, es ist Winter \u2013 es h\u00e4ngen viele Leute bei Serge in der Lounge herum. Er hat seinen Laden im Blick, obwohl Jakob \u201eNathan, der Weise\u201c lesend darauf aufpasst. Neben Serge bildet Markus wie immer mit ihm eine Laptopgemeinschaft. Kamila erf\u00fcllt uns unsere sehns\u00fcchtigsten Getr\u00e4nke- und Speisew\u00fcnsche und ist dabei mindestens so charmant wie ihr Chef Andr\u00e9, der uns durch die Scheibe zuwinkt und seinen Charme dieses Mal nur optisch wirken l\u00e4sst. Die Runde um Serge pulsiert. Niclas ist da, Philipp kommt und geht und kommt und geht und bleibt das n\u00e4chste Mal bei uns, nachdem er in Serges Laden ein Buch fand und es bei ihm erstand. Micha tritt in die Runde, Carsten und Iris sto\u00dfen dazu, Carsten hat noch einen Auftritt in der Funzel, Dorothea gesellt sich kurzzeitig zu uns. Wir sind immerzu in tiefen Gespr\u00e4chen versunken, und auch bei abweichender oder gegens\u00e4tzlicher Haltung eint uns, dass wir einander zugetan sind. Ja, es geht in die Tiefe, ist existentiell. Was macht das Leben aus? Serge hat die radikalste Haltung gefunden, aus Sicht derer zumindest, die sie nicht \u2013 oder noch nicht? \u2013 haben. Niclas erz\u00e4hlt mir, dass ihm Serge essentielle Denkanst\u00f6\u00dfe gab, sein Leben zu \u00e4ndern. Niclas wagt einschneidende Schritte, das ist mutig. Ich kann ihn verstehen, und ich sehe auch, welche Wirkung jemand wie Serge auf junge Leute hat; dazu z\u00e4hlen Menschen zwischen 15 und 45, Gleichaltrige bleiben kaum bei dem 68-J\u00e4hrigen h\u00e4ngen. \u201eIch sehe einen seidenen Faden in deiner Argumentation\u201c, sagt Serge zu mir gegen Ende des mehrst\u00fcndigen Beisammenseins. \u201eDenk mal dr\u00fcber nach.\u201c Er muss es mir dann doch verraten, weil ich nicht darauf komme, und ich best\u00e4tige, dass er tats\u00e4chlich eines meiner pers\u00f6nlichen Themen entdeckt hat, was ich in dem Zusammenhang selbst gar nicht ausgemacht h\u00e4tte. Daraus kann ich wieder eine Menge f\u00fcr mich und \u00fcber mich ableiten. Die Samstagnachmittage im Riptide. H\u00f6r nicht auf, einen Sinn zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (20.01.2014) Dieser Text ist auch erschienen auf der Seite des Caf\u00e9 Riptide. Freitag, 17. 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