{"id":753,"date":"2013-12-28T12:38:58","date_gmt":"2013-12-28T11:38:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=753"},"modified":"2013-12-28T12:38:58","modified_gmt":"2013-12-28T11:38:58","slug":"onyl-lovers-left-alive-jim-jarmusch-usa-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/onyl-lovers-left-alive-jim-jarmusch-usa-2013\/","title":{"rendered":"Onyl Lovers Left Alive \u2013 Jim Jarmusch \u2013 USA 2013"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-667\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (28.12.2013)<\/p>\n<p>Das ist ein echter Jim Jarmusch. Still, aber nicht langweilig, sch\u00f6ne Bilder, kaum Handlung, aber fesselnd, ein gro\u00dfartiger Soundtrack, den es leider nicht als Tontr\u00e4ger gibt, und dazu ist der Film ein Hochgesang auf das Wissen und eine vernichtende Kritik an der Gesellschaft. Dabei fungieren die Vampire gottlob lediglich als Medium, als Tr\u00e4ger der Botschaft, und nicht als M\u00f6glichkeit des Regisseurs, auf einen Trendzug aufzuspringen und Kohle zu machen \u2013 denn \u201eTwilight\u201c-Guckern wird \u201eOnyl Lovers Left Alive\u201c vermutlich gar nicht gefallen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wenn zwei Wesen seit Jahrhunderten auf der Erde leben, erleben sie eine Menge. Als Kontrapunkt zur gegenw\u00e4rtigen Haltung, Wissen sei \u00fcberfl\u00fcssiger Ballast, den man getrost ignorieren oder ins Internet auslagern kann, haben die beiden Hauptfiguren Adam und Eve ein beeindruckendes Ma\u00df an Kenntnissen parat und jederzeit abrufbar. Damit nehmen sie ihre Umwelt viel bewusster wahr: Sie erkennen das Besondere, weil sie es kennen und sogar benennen k\u00f6nnen. Ihr Wissen langweilt sie nicht, sondern l\u00e4sst sie sich an Besonderheiten erfreuen. Das ist der wahre Luxus, den Wissen mit sich bringt, und es bereitet ein riesiges Vergn\u00fcgen, ihnen dabei zuzusehen, wie sie ihr Wissen genie\u00dfen. Sie kennen alle lateinischen Bezeichnungen s\u00e4mtlicher Bioformen und wissen, wann Fliegenpilze ihre Zeit haben, erkennen Holzsorten und das Alter von Naturmaterialien bei Ber\u00fchrung, und k\u00f6nnen einem vandalisch zerst\u00f6rten Musikinstrument noch die Freude abgewinnen, die Verarbeitungsstruktur betrachten zu d\u00fcrfen. Sie lobpreisen die Kunst und die Wissenschaft, die sie beinahe auf eine Ebene mit den kulturellen Errungenschaften der Menschen heben. Umso verzweifelter sind sie dar\u00fcber, dass die Menschen, die sie, selbst Wesen der Horrorlekt\u00fcre, als andere Wesen der Horrorlekt\u00fcre bezeichnen, als Zombies n\u00e4mlich, so ignorant gegen\u00fcber dem Sch\u00f6nen sind. Nun, bisweilen, so sagt es der Film, waren es gar nicht die Menschen, die die Kulturg\u00fcter schufen, sondern Vampire, die ihre Produkte, um unerkannt zu bleiben, manchmal Menschen unterschoben. \u201eDas war, als ich &#8218;Hamlet&#8216; geschrieben habe\u201c, sagt John Hurt als Christopher Marlowe einmal. Marlowe gilt in der Tat als einer der wahren Shakespeare-Autoren. Solches Wissen muss man haben, um jede Anspielung in dem Film verstehen zu k\u00f6nnen \u2013 aber gottlob l\u00e4sst Jarmusch den Film auch ohne Detailkenntnisse wirken. Doch ist er eine wahre Fundgrube f\u00fcr Checker, Nerds und Neugierige: Eve bl\u00e4ttert in B\u00fcchern, unter denen \u201eDon Quixote\u201c das bekannteste ist, oder betrachtet eine Bildergalerie, die auch Buster Keaton, Iggy Pop und Bo Diddley zeigt.<\/p>\n<p>Mit Andeutungen wie diesen greift Jarmusch gern auf sein eigenes Oeuvre zur\u00fcck. Iggy Pop war schon in \u201eDead Man\u201c und \u201eCoffee And Cigarettes\u201c dabei, in letzterem auch Jack White, an dessen Geburtshaus Adam und Eve vorbeifahren, und Thema war f\u00fcr White damals der umstrittene Wissenschaftler Nicola Tesla, von dem wiederum Adam schw\u00e4rmt. Typisch Jarmusch sind die Vorbeifahrten an Landschaften und Gegenden. Angelehnt an den Vorg\u00e4ngerfilm \u201eThe Limits Of Control\u201c verwendet Jarmusch auch hier f\u00fcr den Soundtrack zumeist Post Rock, Sludge Metal, Drone oder wie auch immer genannte Musik, die so sehr Subkultur ist, dass er sich mit im Film teilweise voll ausgespielten Tracks beim besten Willen an kein Trendpublikum anbiedert. Ebenso wie bei \u201eThe Limits Of Control\u201c beteiligte er sich an manchen St\u00fccken; damals mit seiner Band \u201eThe Bad Rabbit\u201c, dieses Mal als \u201eSq\u00fcrl\u201c (von denen gibt es zwei 12\u201c-EPs) oder mit dem niederl\u00e4ndischen Komponisten Jozef van Wissem, mit dem er 2012 auch einige Alben ver\u00f6ffentlichte. Jarmusch erweist sich, wie sein Kollege Quentin Tarantino, in seiner weiteren Songauswahl als gewohnt geschmackssicher; Adam und Eve tanzen etwa zu der Soul-Single \u201eTrapped By A Thing Called Love\u201c von Denise Lasalle, einem Song mit einem wunderbar gebrochenen Beat.<\/p>\n<p>Adam und Eve nun sind ein Kommentar auf die Gegenwart, auf das Sozialgef\u00fcge unserer Zeit, und das so global, wie es die Wirtschaft gerne w\u00e4re: Eve lebt in Tanger, Adam in Detroit. Adam hat Depressionen und bereitet sich auf den Weltuntergang vor, Eve ist \u2013 obwohl untot \u2013 lebenslustig. Beide brauchen Blut zum \u00dcberleben, holen sich das aber als Konserven und t\u00f6ten eigentlich nicht mehr daf\u00fcr. Der Kick, den ihnen ein Schluck reinen Blutes gibt, ist dann eigentlich auch die einzige direkte Komponente des Vampirthemas. Obgleich Jarmusch dem Umstand den ein- oder anderen Gag entlockt, wie Adam etwa im Krankenhaus mit dem Namensschild \u201eDr. Faust\u201c bei jemandem namens \u201eDr. Watson\u201c die mit Blut gef\u00fcllten Gef\u00e4\u00dfe ordert. Tilda Swinton als Eve nun sieht nicht nur hinrei\u00dfend gut aus, sondern verk\u00f6rpert einen liebenswerten Charakter: Sie hat Wissen, Humor, Geschmack und Nachsicht, genie\u00dft gern, spielt gern Schach, ist loyal. Erstaunlich, dass sie am depressiven Adam h\u00e4ngt, aber die Musik, die er macht, und die Geschichten, die er erz\u00e4hlt, faszinieren und begeistern sie. Zusammen sehen sie aus wie Yin-und-Yang-Gothics: sie strahlend wei\u00df, er dunkelschwarz.<\/p>\n<p>Eine Handlung hat der Film eigentlich nicht. Zun\u00e4chst wirkt er wie eine Dauereinf\u00fchrung der Charaktere, sp\u00e4ter kommt Eves Schwester Ava dazu, die nervt und sich an Adams \u201eZombie\u201c-Kumpel Ian vergreift, den Adam und Eve dann entsorgen m\u00fcssen. Kleiner Gag am Rande: Ian trifft in einem Club jemanden namens Scott \u2013 Scott Ian spielt bei Anthrax. Ansonsten begleitet man die Vampire schlichtweg bei ihrem Tun und Reden, und das ist, wie erw\u00e4hnt, keineswegs langweilig, wenn auch still. Daf\u00fcr sind Jarmuschs Bilder einfach zu sch\u00f6n. Und Tilda Swinton auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (28.12.2013) Das ist ein echter Jim Jarmusch. 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