{"id":6846,"date":"2024-10-18T15:36:08","date_gmt":"2024-10-18T13:36:08","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6846"},"modified":"2024-10-18T15:36:08","modified_gmt":"2024-10-18T13:36:08","slug":"in-liebe-eure-hilde-andreas-dresen-d-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/in-liebe-eure-hilde-andreas-dresen-d-2024\/","title":{"rendered":"In Liebe, Eure Hilde \u2013 Andreas Dresen \u2013 D 2024"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (18.10.2024)<br><br>Warum sollte man sich ein Ticket f\u00fcr einen Film l\u00f6sen, in dem die Nazis gewinnen? Nicht nur angesichts gegenw\u00e4rtiger Wahlergebnisse ist das keine attraktive Aussicht. Aber \u201eIn Liebe, Eure Hilde\u201c ist von Andreas Dresen, das ist ein Argument daf\u00fcr. Und Dresen l\u00f6st jede Erwartung ein \u2013 im Guten wie im Schlechten: Seine Bildsprache und seine Erz\u00e4hlweise sind rein filmisch betrachtet mehr als sehenswert \u2013 und die Geschichte ist in ihrem Ausgang absolut unertr\u00e4glich und ersch\u00fctternd. Man begleitet die in der gesamtdeutschen Historie aus dem Blickfeld verschwundene kommunistische Widerstandsk\u00e4mpferin Hilde Coppi parabelartig vorw\u00e4rts in ihre Exekution und r\u00fcckw\u00e4rts in ihre Rolle als Geliebte und antifaschistische Verschw\u00f6rerin. Und Dresen h\u00e4lt erbarmungslos drauf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><a><\/a> Dabei beginnt der Film so harmlos: Die schwangere Hilde erntet Erdbeeren und wird von freundlich, aber bestimmt auftretenden M\u00e4nnern mit Autos abgeholt und r\u00fccksichtsvoll dazu aufgefordert, auch warme Kleidung mitzunehmen, was ja schon in Aussicht stellt, dass der Mitnahme eine durchaus l\u00e4ngere Abwesenheit von Zuhause folgen d\u00fcrfte. Sie wird ob ihrer Aktivit\u00e4ten im Verbund mit russischen Spionen verh\u00f6rt, ein gefolterter, blutender H\u00e4ftling wird ihr als Druckmittel vorgef\u00fchrt, sie wird in ein Gef\u00e4ngnis \u00fcbergeben. Die Farben sind grau, dunkel, gedeckt, bedr\u00fcckend. Und pl\u00f6tzlich taghell, farbenfroh: Hilde und einige andere junge Leute sitzen gutgelaunt am Strand eines Sees, als eine andere junge Frau herangeprescht kommt und erz\u00e4hlt, dass ihr Mann verschwunden und wom\u00f6glich inhaftiert worden ist. Die Gruppe ist aufgebracht, weil die jungen Menschen Verfolgung wittern, und stiebt auseinander.<br><br>Diesen Kontrast beh\u00e4lt der Film bei, den Wechsel zwischen linear voranschreitender Zeit im Gef\u00e4ngnis als Mutter sowie r\u00fcckw\u00e4rts die vorangehenden Ereignisse nacherz\u00e4hlender Sequenzen rund um Liebe, Widerstand, Aktionismus, Verschw\u00f6rung und der unterschwelligen Angst, aufzufliegen. Wie berechtigt die ist, ist bekannt, und wie fatal das Auffliegen landesverr\u00e4terischer Aktivit\u00e4ten im faschistischen Deutschland der fr\u00fchen Vierziger wird, bekommt man hier als Zuschauender vorgesetzt, mit voller Wucht.<br><br>Wobei sich diese Wucht erst allm\u00e4hlich aufbaut. Eine permanente unterschwellige Bedrohung, eine Beklemmung liegt den Geschehnissen zugrunde, schlie\u00dflich hat man es mit gewissenlosen, r\u00fccksichtslosen, skrupellosen und unberechenbaren Arschlochnazis zu tun, die ihr Tun nicht hinterfragen, sondern ihre Befehle einfach ausf\u00fchren oder gar erteilen. Hilde kommt ins Gef\u00e4ngniskrankenhaus, um dort ihren Sohn, den sie nach dem Vater Hans benennt, der ebenfalls in dem Gef\u00e4ngnis einsitzt, wie der Rest der Verschw\u00f6rergruppe, auf diese verdammte kackbraune Welt zu bringen. Dort begegnet sie Nazischergen in Form von \u00c4rzten oder Krankenschwestern, die ihr mit leichter bis unverhohlener Ablehnung, Abscheu und Arroganz begegnen, sowie Mitgefangenen, die ebenfalls M\u00fctter geworden sind. Als Zahnarzthelferin und als empathische Tr\u00f6sterin der Leidensgenossinnen strahlt sie eine n\u00fcchterne St\u00e4rke aus, der die uniformierten Erf\u00fcllungsgehilfinnen alsbald mit einigem Respekt zu begegnen scheinen, was deren Mitt\u00e4terschaft noch weniger nachvollziehbar macht. Obschon sich Hilde in einer tr\u00fcgerisch sicheren Szenerie bewegt, ist ihr Schicksal unausweichlich.<br><br>Da man die Vorgeschichte r\u00fcckw\u00e4rts erf\u00e4hrt, erlebt man die Aktivistin- und Mutterwerdung Hildes quasi verdreht. Die Katastrophe ebbt sozusagen ab, alles wird unschuldiger, bekommt den Anschein von juvenilem Abenteuer. Auch \u00fcber die Liebesgeschichte von Hilde und Hans erf\u00e4hrt man mehr: Beide sind eigentlich vergeben, Hilde an den j\u00fcdischen Franz, der indes l\u00e4ngst das Land verlie\u00df, w\u00e4hrend seine Mutter ihr Hab und Gut bei Hildes Mutter versteckt. Im Zuge gemeinsamer Aktionen vertieft sich die Zuneigung der beiden Dissidenten bis zur\u00fcck zum Kennenlernen auf einer Hochzeitsfeier.<br><br>Freundliche, sympathische, engagierte junge Menschen, die in Freiheit leben wollen, die daf\u00fcr in Kauf nehmen, dabei entdeckt zu werden, wie sie illegalen Kontakt zu Funkern in Russland aufnehmen, und die daf\u00fcr zum Tode verurteilt und hingerichtet werden. Die Kamera bleibt in ihren letzten Momenten elend und qu\u00e4lend lang auf Hilde gerichtet, man kann ihr nicht ausweichen, ihrer Ausweglosigkeit und wie sie dieser beinahe ersch\u00fctternd stoisch begegnet. Zack, R\u00fcbe ab und Schnitt zur Hochzeitsparty. Bamm. Bis dahin hat man schon einiges an Salzwasser am Kinn. Wie Hilde ihrer Mutter im Gef\u00e4ngnis verr\u00e4t, dass sie hingerichtet werden soll. Was f\u00fcr eine unvorstellbar katastrophale Situation f\u00fcr die Mutter, deren Reaktion man auszuhalten gezwungen ist. Wie Hilde ihrem Baby Hans zum Abschied ein besseres Leben w\u00fcnscht und dass er sie nicht vergessen m\u00f6ge. Ihren Schrei nach dem Schlie\u00dfen der Zellent\u00fcr schreit man innerlich lauthals mit. Wie Hilde damit umgehen muss, dass ihr Mann Hans bereits von den Nazis umgebracht wurde. Wie sie in der Schlange zum Schafott steht und ein letztes Mal in die Sonne guckt. Alter, Dresen!<br><br>Daf\u00fcr nimmt man den etwas m\u00fchsamen Anfang in Kauf. Sexszenen, Nacktszenen von Hilde-Darstellerin Liv Lisa Fries \u00fcberhaupt, die die Figur andererseits offenbar authentisch als Mischung aus innerem Terminator und \u00e4u\u00dferlichem Mauerbl\u00fcmchen darstellt, oder auch als \u201eGouvernante\u201c, wie die jungen M\u00e4nner \u00fcber sie sagen. Die Geburtsszene ist etwas gedehnt, wenn auch die Wucht der Emotionen nachf\u00fchlbar ist: Ein Kind zu bekommen ist euphorisierend, im Naziknast aber Schei\u00dfe. Auch in Kauf nimmt man den Umstand, dass man den historischen Kontext teilweise recherchieren muss, n\u00e4mlich die Geschichte der Roten Kapelle, wie der funkende kommunistische Widerstand gegen das Naziregime von der Gestapo genannt wurde, indes eben nicht im Film. Der funktioniert auch so, schlie\u00dflich ist der erforderliche Widerstand gegen Nazis allgemeing\u00fcltig und \u201eIn Liebe, Eure Hilde\u201c keine reine Geschichtsdokumentation. Auch recherchieren muss man, warum Franz\u2018 Mutter Hilde fortw\u00e4hrend mit Betti anspricht: Hilde Coppi hie\u00df geb\u00fcrtig Betti Gertrud K\u00e4the Hilda Rake.<br><br>Marginalien angesichts eines solch gro\u00dfartig inszenierten und nachhaltig belastenden Films. Der seine unangenehme Wucht \u00fcberdies zwar aus der unberechenbaren Bedrohung, aber nicht aus der Darstellung von Gewalt zieht: Lediglich den blutenden Mith\u00e4ftling sieht man einmal, aber nicht, wie es zur Blutung kommt, und auch gegen Hilde wird nie die Hand oder sonst etwas erhoben \u2013 bis auf die Guillotine am Schluss. Dresen generiert die bedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re auf rein psychischer Ebene und verleiht ihr umso mehr Schwere, indem er die scheinbar unbeschwerte sonnendurchflutete vorhergehende Zeit dagegenschneidet. Die inhaltlich an sich nur bedingt Erhellendes mitbringt, aber die Figuren vertieft und eben der effektive Gegenentwurf ist zu dem Schei\u00dfleben, das man unter Nazis zu f\u00fchren gezwungen ist.<br><br>Worauf Dresen ebenfalls verzichtet, ist Musik, was die Unmittelbarkeit nur verst\u00e4rkt. Der farbliche Kontrast zwischen den Erz\u00e4hlebenen ist nicht der einzige visuelle Kniff des Films: Die Bilder sind Kompositionen, die Figuren nicht plump frontal in der Mitte gefilmt, die Ausweglosigkeit steht als unsichtbares Objekt im Raum. Abermals greift Dresen hier zudem wiederholt auf vertraute Mitwirkende zur\u00fcck: Kamerafrau Judith Kaufmann und Drehbuchautorin Laila Stieler sind wieder involviert, Alexander Scheer und Steffi K\u00fchnert nehmen wichtige Rollen ein. Und der in Gera geborene Dresen befasst sich einmal mehr mit einem Thema, das in der DDR relevanter war als in der Bundesrepublik, in der die Rote Kapelle ihrer kommunistischen Haltung wegen eher mit Argusaugen betrachtet wurde.<br><br>Das Schlusswort nimmt Ex-SED-Funktion\u00e4r Hans Coppi ein, der Sohn von Hilde, dessen erste Monate im Film zu verfolgen waren: Er spricht sich f\u00fcr den Widerstand gegen Nazis aus und berichtet, dass seine Recherchen ergaben, dass die Russen von der Gruppe um Hilde lediglich einen einzigen Funkspruch empfangen konnten, einen harmlosen Gru\u00df zudem, schlichtweg, weil die Reichweite der Amateuranlagen nicht gro\u00df genug war. Was den sinnlosen Mord der Nazis an der gesamten Gruppe noch sinnloser macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (18.10.2024) Warum sollte man sich ein Ticket f\u00fcr einen Film l\u00f6sen, in dem die Nazis gewinnen? 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