{"id":6588,"date":"2024-08-01T21:34:22","date_gmt":"2024-08-01T19:34:22","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6588"},"modified":"2024-08-01T21:34:22","modified_gmt":"2024-08-01T19:34:22","slug":"zwei-zu-eins-natja-brunckhorst-d-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/zwei-zu-eins-natja-brunckhorst-d-2024\/","title":{"rendered":"Zwei zu Eins \u2013 Natja Brunckhorst \u2013 D 2024"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Matthias Bosenick (01.08.2024)<br><br>Einem Ausl\u00e4nder ist es trotz allen Nachlesens und Zeitzeugenzuh\u00f6rens h\u00f6chstwahrscheinlich nicht umfassend m\u00f6glich, das Gef\u00fchl nachzuempfinden, das sich bei der Bev\u00f6lkerung der DDR zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung einstellte, damals, im Hitzesommer 1990. Tr\u00e4ume, Zuk\u00fcnfte, Ideologien, \u00c4ngste, Gewissheiten stehen infrage oder sind gleich komplett aufgehoben, ein pl\u00f6tzliches Leben zwischen Reisefreiheit und Arbeitslosigkeit macht es nahezu unm\u00f6glich, Pl\u00e4ne zu fassen. Fatalismus hilft als Motivator, wenn man pl\u00f6tzlich die Chance hat, der Vernichtung \u00fcberlassenes DDR-Geld in die Finger zu bekommen und damit den Staaten ein Schnippchen zu schlagen. Aus der wahren Geschichte macht Natja Brunckhorst die Dram\u00f6die \u201eZwei zu Eins\u201c mit angemessen gebremstem Tempo, tollen Darstellern, guten Dialogen, sch\u00f6nen Bildern und einer \u00fcberfl\u00fcssigen Dreiecksgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorwissen ist n\u00f6tig, um \u201eZwei zu Eins\u201c en Detail zu verstehen, und selbst mit angeeignetem Wissen ist nicht sicher, dass man alle Feinheiten wirklich erfasst. Wie hier die straff\u00e4llige Bev\u00f6lkerung die Obrigkeit mit den eigenen Argumenten entwaffnet, herrlich \u2013 und auf eine Weise aus dem Leben, dass man Kenntnisse \u00fcber das Vokabular und die Ideologie dahinter haben muss, um den Humor in aller Tiefe zu begreifen. Damit bildet Brunckhorst subtil ab, gestaltet im Grunde eine Geschichtsstunde, aber ohne Lexikonaspekte, daf\u00fcr angenehm umfassend, weil hier viele Menschen zu Wort kommen, deren Vergangenheit, Inneres und Denkweisen man bisweilen lediglich mit einem spitzfindigen Kommentar offenbart bekommt, den man aber einzuordnen wissen muss. Wenn etwa ein Nachbar kriminelle Verdachtsmomente \u00fcber einen anderen Bewohner dadurch entkr\u00e4ftet, dass er nachdr\u00fccklich \u201eNein, der nicht\u201c \u00e4u\u00dfert, ahnt man, dass diese fundierte Kenntnis daher r\u00fchrt, dass er IM war.<br><br>Die Grundgeschichte hinter diesem Film hat sich tats\u00e4chlich zugetragen, nur sind Details nicht mehr rekonstruierbar, was f\u00fcr sich wiederum schon eine bemerkenswerte Angelegenheit ist. In einem Schacht bei Halberstadt versenkte die DDR-Regierung das mittlerweile wertlose DDR-Geld, da der Umtausch in West-Mark zum titelgebenden Kurs bereits vollzogen war. Nicht ganz: Mit Ausnahmen ist es noch kurzfristig m\u00f6glich, das vermeintliche Altpapier wertsch\u00f6pfend in Umlauf zu bringen. Eine Gruppe von Nachbarn hebelt das Finanzsystem mit allerlei Ideen aus.<br><br>Kern sind drei Freunde, die \u2013 und dieser Aspekt tr\u00e4gt zur Handlungsentwicklung so gut wie gar nicht bei \u2013 auch noch amour\u00f6s-eifers\u00fcchtig miteinander verbunden sind. Sie \u00fcberzeugen einen aus dem Familienverbund versto\u00dfenen und geheimnisvoll weitsichtigen NVA-Onkel davon, seine T\u00e4tigkeit als Wache in dem Schacht daf\u00fcr zu missbrauchen, mit ihnen das DDR-Geld ans Tageslicht zu bef\u00f6rdern. Was zun\u00e4chst ein launiger Witz ist, n\u00e4mlich Millionen auf dem K\u00fcchentisch herumliegen zu haben, entwickelt sich zur ungeahnten Geldquelle, als der erste West-Vertreter das eigentlich l\u00e4ngst ung\u00fcltige Ostgeld annimmt, weil er es noch, anders als die DDR-B\u00fcrger, umtauschen darf. So setzt ein West-G\u00fctertransfer an den skeptischen Blicken des Abschnittsbevollm\u00e4chtigten vorbei ein und die Beteiligten planen, diese G\u00fcter wiederum in Westgeld umzusetzen. Da aber immer noch Millionen im Schacht liegen, kommen sie auf die n\u00e4chste Idee: Aus dem Ausland zur\u00fcckkehrende DDR-Diplomaten haben eine verl\u00e4ngerte Umtauschfrist \u2013 und sind \u00fcberraschend bereit, sich auf die Halberst\u00e4dter Trickser einzulassen, die von dem Erl\u00f6s den lokalen VEB \u00fcbernehmen wollen. Ewig gut geht das indes nicht, es gibt interne Eigenmotivationen und versehentlich in die \u00d6ffentlichkeit gelangte Geldscheine, die nie f\u00fcr den Umlauf vorgesehen waren.<br><br>Geraubte Illusionen, zerst\u00f6rte Tr\u00e4ume bleiben besonders haften, da schluckt man sehr. Wenn der Ex-IM erkennt, dass das vorgebliche R\u00fcckgrat der DDR, n\u00e4mlich der Metallstift, den sein VEB produzierte, f\u00fcr nicht mehr als Ikea-Regale Verwendung fand, brechen die Tr\u00e4nen aus ihm heraus, \u201ewir wurden verkauft und verraten\u201c. Nicht nur er verliert den Glauben an noch kurz zuvor g\u00fcltige Realit\u00e4ten. Gleichzeitig finden die kapitalistischen Neuheiten ebenso wenig Anklang, trotz aller ersehnten Vorteile; der Onkel etwa f\u00fchlt sich \u201ein einer Schlange aus Schlangen\u201c, als er beh\u00f6rdlich vorspricht, um den VEB zu erwerben. Und wiederum gleichzeitig stellt genau diese unabw\u00e4gbare Situation eine Chance dar, oder, wie es der Graffiti und Skateboard verehrende Teenager sagt: \u201eDas ist die geile Zeit\u201c, der leere Raum zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, w\u00e4hrend der letzten Zuckungen der noch existierenden DDR.<br><br>Brunckhorst erz\u00e4hlt diese Geschichte in einem angemessen gebremsten Tempo, sie l\u00e4sst den Figuren und den Entwicklungen Zeit. Sie filmt in sonnendurchfluteten Farben und findet auch in der heruntergekommenen Architektur noch Symmetrien und Strukturen, die als optisch beeindruckende Kulisse herhalten k\u00f6nnen. Sie verzichtet darauf, authentische Musik aus der Zeit einzusetzen, sondern bedient sich im Heute, indem sie vereinzelt moderne Songs spielen l\u00e4sst und ansonsten dezidiert einen gef\u00fchlt kontrabassigen Score einsetzt. Der Film ist mit Musik nicht \u00fcberfrachtet, die erste Klausequenz in den Sch\u00e4chten etwa kommt komplett ohne aus und wirkt eher trocken, wie \u00fcberhaupt die Action eher beh\u00e4big inszeniert ist, was wiederum zum Film passt. Denn Brunckhorst nutzt nicht nur die lebensechten Dialoge, dargeboten \u00fcberdies von einem \u2013 bis auf den schmierigen Westvertreter Olli Dittrich \u2013 rein ostdeutschen Schauspielerensemble, allen voran Sandra H\u00fcller \u2013, um die Geschichte zu erz\u00e4hlen, sondern auch mal wortlos ihre Bilder. Da sieht man auch dar\u00fcber hinweg, dass man den Pl\u00e4nen der Gauner nicht immer sofort folgen kann und dass manche Schnitte etwas holprig sind.<br><br>Lediglich diese Dreiecksgeschichte mit Eifersucht und Vaterschaftsfragen st\u00f6rt etwas, zumal Brunckhorst sie auch noch als Pl\u00e4doyer daf\u00fcr nutzt, eine Beziehung zu dritt plus zwei Kindern zu f\u00fchren; nix dagegen, sollen sie machen, aber es wirkt in diesem Umfeld wie ein Fremdk\u00f6rper. Ansonsten ist \u201eZwei zu Eins\u201c mehr als sehenswert \u2013 und im Grunde ein M\u00e4rchen, und zwar eines, das der Seele wohltut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (01.08.2024) Einem Ausl\u00e4nder ist es trotz allen Nachlesens und Zeitzeugenzuh\u00f6rens h\u00f6chstwahrscheinlich nicht umfassend m\u00f6glich, das Gef\u00fchl nachzuempfinden, das sich bei der Bev\u00f6lkerung der DDR zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung einstellte, damals, im Hitzesommer 1990. 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