{"id":6558,"date":"2024-07-22T21:24:30","date_gmt":"2024-07-22T19:24:30","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6558"},"modified":"2024-07-22T23:10:34","modified_gmt":"2024-07-22T21:10:34","slug":"andreas-kuehne-hg-der-jugendclub-extrem-verlag-kettler-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/andreas-kuehne-hg-der-jugendclub-extrem-verlag-kettler-2024\/","title":{"rendered":"Alexander K\u00fchne (Hg.) \u2013 Der Jugendclub Extrem \u2013 Verlag Kettler 2024"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Andreas-Kuehne-Der-Jugendclub-Extrem.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"142\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Andreas-Kuehne-Der-Jugendclub-Extrem.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6559\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (22.07.2024)<br><br>Eigentlich vielmehr ein bebilderter Erinnerungsband f\u00fcr Dabeigewesene, das Dokument eines eskapistischen Abenteuers, ist \u201eDer Jugendclub Extrem\u201c vielmehr zu einem Geschichtsbuch geworden, an dem auch Interessierte Freude und Erkenntnisgewinn ziehen k\u00f6nnen, die es nicht zwischen 1984 und 1994 nach Lugau in der Niederlausitz schafften \u2013 geschweige denn, in der DDR aufwuchsen und somit \u00fcberhaupt Gelegenheit f\u00fcr den Clubbesuch hatten. Grundlage f\u00fcr dieses dicke Buch bilden Fotos, die Henri Manigk und Frank Kiesewetter vom Clubleben machten, erg\u00e4nzend sammelte Herausgeber und Clubmitgr\u00fcnder Alexander K\u00fchne Berichte und Interviews von Machern, Muszierenden und G\u00e4sten des Indie-Clubs mit seiner nicht nur f\u00fcr DDR-Verh\u00e4ltnisse ungew\u00f6hnlichen Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> Lugau, 500 Einwohner, Ortsteil von Doberlug-Kirchhain, Niederlausitz, heute Elbe-Elster-Kreis, im Wegkreuz Berlin-Dresden und Leipzig-Cottbus, Braunkohle hier, Spreewald dort, abseits von allem und doch ein Zentrum, zumindest zehn Jahre lang, von 1984 bis 1994, als eine Gruppe von Leuten um Alexander K\u00fchne den Jugendclub Extrem gr\u00fcndete, um dort Bands spielen zu lassen, die im repressiven System der DDR mit Missbilligung bis Drangsalierung leben mussten, um dort Partys zu feiern, bei denen im Radio mitgeschnittene Westmusik lief, um dort eine Freiheit auszuleben, die es in der DDR gar nicht geben durfte und die trotzdem r\u00e4tselhafterweise geduldet war. In dem Club sammelten sich s\u00e4mtliche Subkulturen, von Punk bis Pop, von Gruft bis Techno, von Rockabilly bis Stino; jener Begriff ist so veraltet, dass man sich wundert, dass er hier ohne Decodierung Verwendung findet. Ausgrenzungen gab es also keine, bis auf Nazis selbstredend, und Blues-Macker, die waren offenbar das einzige Feindbild damals.<br><br>Folgt man den vorliegenden Berichten, erscheint auch der Sozialismus nicht als das \u00fcbergro\u00dfe Monster, das er war. Hier wirken DDR-Staatsmacht und Vopos eher wie l\u00e4stige Plagegeister, dem man auszuweichen hatte, indem man erforderliches Regularium schulterzuckend einhielt und ansonsten Anarchie walten lie\u00df. Man fand immer Wege und Schlupfl\u00f6cher und lachte \u00fcber Polizeiberichte und Stasi-Akten. Solche St\u00f6cke zwischen den Beinen empfanden die Macher offenbar als derartige Nebens\u00e4chlichkeiten, dass sie sie im Buch eher beil\u00e4ufig abtun; das erschwert etwas das Verst\u00e4ndnis, weil man an sich schwerwiegende, existentielle Ereignisse den Abdrucken offizieller Dokumente oder den Bildunterschriften entnehmen muss und die Berichte anschlie\u00dfend lediglich darauf Bezug nehmen, man also sehr aufmerksam mitlesen muss, sofern man nicht dabei war und die Geschichte sowieso im Herzen tr\u00e4gt. Aber es ist m\u00f6glich, alles zu verstehen, und diese Form unterstreicht nur die respektlose Haltung dem Staat gegen\u00fcber und freut die Lesenden, die selbst stets den Stinkefinger gegen\u00fcber Willk\u00fcrherrschaften bei sich tragen.<br><br>Was die Beteiligten nicht alles zu erdulden hatten! Einiges Grunds\u00e4tzliches wei\u00df man aus vielen vergleichbaren Berichten, sofern man es nicht selbst erlebte. \u00dcberwachung, Auftrittsverbote, Zensur, Kontrollen; Privatmenschen hatten schon Schwierigkeiten, unangepasste Kunstschaffende noch umso mehr. Literatur dazu findet man zum Beispiel in \u201eKein Land in Sicht\u201c der Herausgeber Michael Kleff und Hans-Georg Wenzel sowie in den beiden B\u00e4nden \u201eIch liebe Musik\u201c von Herausgeber J\u00f6rg Hiecke. Was man als Westdeutscher erst lernen musste, war, dass ein Vergn\u00fcgen auch im grauen Alltag des Sozialismus m\u00f6glich war, und in \u201eDer Jugendclub Extrem\u201c bekommt man viele zus\u00e4tzliche und f\u00fcr Unbeteiligte sicherlich auch neue Aspekte dieses Sachverhalts erz\u00e4hlt. Ebenso vom Wandel der Umst\u00e4nde mit dem Mauerfall, als Verbotenes pl\u00f6tzlich m\u00f6glich war \u2013 und man sich abrupt auch den Nachteilen des neuen Systems ausgesetzt sah, denen des Kapitalismus\u2018 n\u00e4mlich. Waren die Aktivit\u00e4ten des Clubs anfangs noch ein Aufb\u00e4umen gegen den DDR-Alltag, war es nach 1989 eines gegen die Zw\u00e4nge des Geldes.<br><br>Und was die Beteiligten andererseits aber auch alles erlebten! Nicht ausschlie\u00dflich vereinzelten lokalen Widerstand, sondern sehr viel Zusammenhalt. Diverse Location- und Ortswechsel. Kreative Erweiterungen. Die krassesten Bands traten auf, nicht nur die vom Staat offiziell geduldeten und so genannten \u201eanderen\u201c; im Anhang findet sich eine Auswahl-Liste, darunter so f\u00fcr Au\u00dfenstehende, sicherlich trotz DT64-Sozialisation selbst aus der DDR, obskure Namen wie M\u00fcller Beat, die hier auch zu Wort kommen und die Peter Richter in seinem Roman \u201e89\/90\u201c indes ebenfalls erw\u00e4hnt, oder WK 13, zu denen es im Buch einen QR-Code mit Youtube-Link gibt. Heimlich eingeschmuggelte westdeutsche Bands waren eine Seltenheit, hingegen brachen 1989 die D\u00e4mme und die Liste der auftretenden Acts wurde nur umso beeindruckender; hier kommen etwa Alexander Hacke und Bela B. zu Wort. Wer bei der Geschichte um The Wedding Present keine Tr\u00e4nen verliert, sollte seine Leidenschaft einer grunds\u00e4tzlichen \u00dcberpr\u00fcfung unterziehen.<br><br>Kern des Buches sind nat\u00fcrlich die Fotos, die Frank Kiesewetter und Clubmitglied Henri Manigk in den zehn Jahren mit ihrer Praktica anfertigten. In Schwarzwei\u00df zumeist, aus \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden, nur wenige Fotos entstanden in Farbe. Aus \u00fcber 4000 Bildern suchten sie rund 200 f\u00fcr dieses Buch aus. Zu sehen sind Auftritte von Bands, \u00dcbersichten und Details vom Publikum, Dokumentationen von anderen Aktionen wie Modenschauen und Partys, Bilder aus dem Alltag. Manche Parallele zur eigenen Jugend im Westen lassen sich ausmachen, sobald der Fokus auf der Subkultur liegt und die R\u00e4ume dunkel und schummerig sind, was f\u00fcr Au\u00dfenstehende den Bezug erleichtert und dann reichlich Raum f\u00fcr die Wahrnehmung der Unterschiede bereith\u00e4lt. Der Protest des Extrem-Universums gegen das System DDR ist nachhaltig sp\u00fcrbar, auch ohne dass er explizit ge\u00e4u\u00dfert werden musste. Der Wunsch nach Leben springt die Lesenden aus allen Seiten an \u2013 und der Wunsch nach Vertiefung au\u00dferdem. Als n\u00e4chstes kommt der Roman zum Thema auf die Wunschliste, \u201eD\u00fcsterbusch City Lights\u201c und die Fortsetzung \u201eKummer im Westen\u201c von Alexander K\u00fchne. Und der \u201eParocktikum\u201c-Sampler. Und das Amiga-Kleeblatt \u00fcber \u201eDie anderen Bands\u201c. Und die DVD \u201eSchleimkeim \u2013 Otze und die DDR von unten\u201c. Und \u201efl\u00fcstern &amp; SCHREIEN\u201c. Und \u2026<br><br>Das Buch mit seinem spektakul\u00e4r ungew\u00f6hnlichen Einband eignet sich \u00fcbrigens bestens als Geschenk, empfiehlt der dankbare Empf\u00e4nger.<br><br>Die Ausstellung zum Jugendclub Extrem im Museum Schloss Doberlug l\u00e4uft noch bis zum 7. Oktober 2024.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (22.07.2024) Eigentlich vielmehr ein bebilderter Erinnerungsband f\u00fcr Dabeigewesene, das Dokument eines eskapistischen Abenteuers, ist \u201eDer Jugendclub Extrem\u201c vielmehr zu einem Geschichtsbuch geworden, an dem auch Interessierte Freude und Erkenntnisgewinn ziehen k\u00f6nnen, die es nicht zwischen 1984 und &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/andreas-kuehne-hg-der-jugendclub-extrem-verlag-kettler-2024\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-6558","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6558"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6558\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6561,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6558\/revisions\/6561"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6558"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6558"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}