{"id":6425,"date":"2024-06-11T22:04:52","date_gmt":"2024-06-11T20:04:52","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6425"},"modified":"2024-06-11T22:04:52","modified_gmt":"2024-06-11T20:04:52","slug":"squerl-music-for-man-ray-sacred-bones-records-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/squerl-music-for-man-ray-sacred-bones-records-2024\/","title":{"rendered":"Sq\u00fcrl \u2013 Music For Man Ray \u2013 Sacred Bones Records 2024"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Squerl-Music-For-Man-Ray.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Squerl-Music-For-Man-Ray.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6426\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (11.06.2024)<br><br>Ein Regisseur macht Musik f\u00fcr anderer Leute Filme. Hier: Jim Jarmusch als Teil des lang schon zum Duo geschrumpften, als Bad Rabbit gestarteten Impro-Drone-Noise-Projektes Sq\u00fcrl vertont vier restaurierte und um die 100 Jahre alte experimentelle Stummfilme des Surrealisten Man Ray. Das Gute bei Sq\u00fcrl-Musik ist, dass sie auch ohne reale Bilder funktioniert \u2013 die Filme muss man nicht kennen, um von sich aus das Kopfkino eingeschaltet zu bekommen. Verr\u00fcckt, wie solch weitgehend strukturbefreite Musik so einnehmend sein kann. Und so ganz auf Struktur verzichten wollen Jarmusch und Carter Logan ja auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vier Filme, vier Tracks, die alle ungef\u00e4hr der L\u00e4nge der Filme entsprechen, weil Sq\u00fcrl sie live zum zu \u201eReturn To Reason\u201c geb\u00fcndelten Film improvisieren, angepasst an das Geschehen auf der Leinwand. \u201eStarfish\u201c als Opener begleitet \u201eL\u2019\u00e9toile de mer\u201c (1928). Zu sehen ist eine auf einem Skript des Darstellers Robert Desnos basierende Romanze mit potentiell m\u00f6rderischem Ausgang, teils durch ein Prisma gefilmt und durchsetzt von Standbildern, zu dem Sq\u00fcrl ihre Musik beinahe atmen lassen, aus sehr milden Drones eine streicher\u00e4hnliche Musik heraussch\u00e4len, durchzogen von verfremdeten und sehr bed\u00e4chtig angeschlagenen, warmen E-Gitarren-T\u00f6nen. Zum Ende hin kommen percussive Effekte hinzu und etwas auf der Gitarre Gefrickeltes, das wie eine Mischung aus Meeresblubbern und unklar verst\u00e4ndlicher Unterhaltung klingt, abgel\u00f6st von verbrummten Klangschalen.<br><br>\u201eLeave Me Alone\u201c greift flie\u00dfend den Drone auf, mit einem hellen und einem etwas dr\u00f6hnenderen Ton, beide in ihrer H\u00f6he gem\u00e4chlich schwankend. Der Film dazu hei\u00dft auf Baskisch \u201eEmak-Bakia\u201c (1927) und zeigt zwischen wechselnden Bildern eine Frau, die aus einem Auto aussteigt. Nach kurzer Drone-Zeit werden Sq\u00fcrl zur Band, greifen aus dem Nichts einen Takt auf, den sie mit Percussion und klimpernd verzerrter Gitarre umsetzen. Die erste greifbare Struktur auf diesem Album, und das auch nur kurz, dann werden Sq\u00fcrl schon wieder introvertiert und mit der dunklen, einsamen Twang-Gitarre lynchesk. Und dann wieder behutsam experimentell dr\u00f6hnend, teilweise k\u00f6nnten Passagen Intros zu besonders depressiven Songs der Fields Of The Nephilim sein. Hier l\u00f6sen Sq\u00fcrl \u00fcberdies Django Reinhardt ab, der im Original zu h\u00f6ren war. Und: Es sind bereits 37 Minuten vergangen.<br><br>Die zweite LP er\u00f6ffnet \u201eThe Return\u201c, quasi dem Titelsong also zu Man Rays Filmdeb\u00fct \u201eLe retour \u00e0 la raison\u201c (1923), der den englischen Titel \u201eReturn To Reason\u201c f\u00fcr diese Kompilation der vier restaurierten Filme gibt und der mit seine assoziativen Bildmontage als einer der ersten dadaistischen Filme \u00fcberhaupt gilt. Der Track beginnt tieftrommelnd mit flirrendem Synthie-Ger\u00e4usch, unterbricht sich f\u00fcr ein Dr\u00f6hnen und kehrt dann abermals tempor\u00e4r zum flirrenden Galopp zur\u00fcck. Mit drei Minuten sind Film und Musik in dieser Zusammenstellung am k\u00fcrzesten geraten.<br><br>Das finale \u201eCastle Of Dice\u201c zu \u201eLes Myst\u00e8res du Ch\u00e2teau du D\u00e9\u201c (1929) \u00fcber w\u00fcrfelspielende Maskierte ist daf\u00fcr fast 27 Minuten lang und passt nicht auf nur eine LP-Seite, es ist also auf der zweiten LP unterbrochen, deshalb z\u00e4hlt die Vinyl-Version f\u00fcnf Tracks statt der tats\u00e4chlichen vier. Das St\u00fcck beginnt so dr\u00f6hnend, wie der Vorg\u00e4nger endete, und entwickelt sich bald zum typischen schleppenden Sq\u00fcrl-Track, doomig, d\u00fcster, trotzdem warm. Bald verliert sich der Beat und die einsame Western-Gitarre bleibt \u00fcbrig. Es folgen weitere Drones und verlassene, warme Gitarrenmotive. Dem Ausklang geh\u00f6ren zum erst dritten Mal ann\u00e4hernd klassisch instrumentierte Rockstrukturen, Sq\u00fcrl mosten nochmal gebremst los.<br><br>So k\u00f6nnte es ewig weitergehen, es erstaunt erheblich, dass eine solche fast durchgehend strukturfreie Musik so angenehm f\u00fcr die Ohren und die Seele sein kann. Typisch Sq\u00fcrl halt auch. Aufgenommen wurde \u201eMusic For Man Ray\u201c im Fr\u00fchjahr 2023 im Centre Pompidou in Paris, als \u201eReturn To Reason\u201c anl\u00e4sslich des 100. Geburtstags von Man Rays erstem Film aufgef\u00fchrt wurde. Das Label brachte die Doppel-LP limitiert auch als schwarz-blaue Dada-Vinyl-Edition heraus, die schon jetzt 200 US-Dollar wert ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (11.06.2024) Ein Regisseur macht Musik f\u00fcr anderer Leute Filme. 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