{"id":6418,"date":"2024-06-10T23:18:25","date_gmt":"2024-06-10T21:18:25","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6418"},"modified":"2024-06-10T23:18:25","modified_gmt":"2024-06-10T21:18:25","slug":"jens-schaefer-langes-elend-jens-schaefer-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/jens-schaefer-langes-elend-jens-schaefer-2024\/","title":{"rendered":"Jens Sch\u00e4fer \u2013 Langes Elend \u2013 Jens Sch\u00e4fer 2024"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Jens-Schaefer-Langes-Elend.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"177\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Jens-Schaefer-Langes-Elend.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6419\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (09.06.2024)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vorab: Eine kurze Berichterstattung vom B\u00f6r\u00dfumer B\u00fccher Bahnhof, B\u00f6r\u00dfum 2. Juni 2024:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am vergangenen Sonntag besuchten die Liebste und ich zum ersten Mal B\u00f6r\u00dfum, den beliebten Samtgemeindesitz im Landkreis Wolfenb\u00fcttel. Und das ist hier jetzt nicht nur so launig dahingeplappert: Eben diesen Sitz, n\u00e4mlich den B\u00f6r\u00dfumer Bahnhof in der Bahnhofstra\u00dfe, der an diesem Tag zum \u201eB\u00f6r\u00dfumer B\u00fccher Bahnhof\u201c umfunktioniert wurde (was soviel bedeutet wie B\u00f6r\u00dfumer B\u00fccher-Bahnhof oder B\u00f6r\u00dfumer B\u00fccherbahnhof, verzeihen Sie es mir, liebe Lesenden, ichbek\u00e4mpfeimmernochdasLeerzeichenwoimmerichkann), den haben wir besucht. W\u00e4hrend der Fahrt spielten wir \u201eGelbes Auto\u201c, ein Spiel, das meine j\u00fcngste Tochter uns beigebracht hat. Wer zuerst ein gelbes Auto sieht, darf die\/den Andere:n antippen und \u201eGelbes Auto!\u201c sagen. Dabei z\u00e4hlen auch DHL- und ADAC-Fahrzeuge, was immer schmerzhaft f\u00fcr mich ist, wenn T\u00f6chterchen und ich unweit des Wohnsitzes meiner Mutter auf die Schnellstra\u00dfe einfahren und dabei am DHL-St\u00fctzpunkt vorbeikommen. Und vor der T\u00fcr des B\u00f6r\u00dfumer B\u00fccher Bahnhofs Geb\u00e4udes sahen wir zuallererst \u2013 ein gelbes Auto. N\u00e4mlich den B\u00fccherbus des Landkreises Wolfenb\u00fcttel, der 46 Standorte im Landkreis anf\u00e4hrt und somit vielen Menschen die Literatur und andere Medien vor die Haust\u00fcr bringt, die aus Gr\u00fcnden keine Bibliothek aufsuchen k\u00f6nnen. Toll sowas, denn Literatur ist so unendlich wichtig und Einrichtungen, die den Zugang dazu erleichtern, sind aller Lobpreisungen wert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Bahnhofsinnere quoll \u00fcber von B\u00fccherst\u00e4nden, die zumeist von \u00f6rtlichen Buchhandlungen organisiert waren, und dazu gab es in einem kleinen H\u00f6rsaal Lesungen von Autor:innen, im 20-Minuten-Takt w\u00e4hrend der gesamten Veranstaltung. Wir sahen und h\u00f6rten uns den braunschweigischen Thriller-\/Krimi-\/History-Autor Hardy Crueger an, der eine seiner wunderbaren Okergeschichten (die passenderweise in Hornburg, also gleich nebenan, spielte) las und durchma\u00dfen dann die gut besuchten Ausstellungshallen. Dabei fiel uns der Stand des Autoren Jens Sch\u00e4fer aus Werlaburgdorf auf: Sch\u00e4fer hat ein Buch mit dem Titel \u201eLanges \u201eElend\u201c ver\u00f6ffentlicht, und einem informativen Aufsteller am Stand konnten wir entnehmen, dass das Buch von einer Person handelt, die als Kind Allerschlimmstes ertragen musste. Unser Interesse bemerkt habend, stellte sich Jens Sch\u00e4fer zu uns und erz\u00e4hlte, dass es in dem Buch um seine eigene Geschichte geht. Durch Inhaltsangabe und pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch neugierig gemacht, bestellte ich am Folgetag das Buch, zwei Tage sp\u00e4ter wurde es geliefert und wiederum zwei Tage sp\u00e4ter hatte ich es durchgelesen. Das Buch hat m\u00e4chtig Eindruck bei mir hinterlassen, darum komme ich\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 <em>nun zum Inhalt und zur Wirkung des Buches \u201eLanges Elend\u201c:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jens Sch\u00e4fer, Jahrgang 1971, beschreibt seine Kindheit von Anfang an. Ab 1975 aus eigener Erinnerung, die Zeit davor hat er aus R\u00fcckschl\u00fcssen sp\u00e4terer Erlebnisse sowie mit Hilfe seiner \u00e4lteren Geschwister rekonstruiert. Ich m\u00f6chte hier nicht zu viel von dem, was Sch\u00e4fer beschreibt, vorwegnehmen und gehe daher in der hoffentlich n\u00f6tigen K\u00fcrze auf den Inhalt ein:<\/p>\n\n\n\n<p>Jens Sch\u00e4fer war das Gegenteil von einem Wunschkind, seine Eltern haben sich geliebt, aber nie vertragen, und so zog der Vater aus und Mutter und Sohn (die \u00e4lteren Kinder hatten den Haushalt bereits verlassen) blieben allein zur\u00fcck. Die Mutter war weder emotional in der Lage noch irgendwie Willens, ihrem kleinen Sohn ein stabiles und liebevolles Zuhause zu bieten, verkaufte ihre drei gut laufenden Kneipen und zog mit Jens von Osnabr\u00fcck nach G\u00f6ttingen, um ihren Ex zur\u00fcckzugewinnen. Was auf ganzer Linie scheiterte und einen finanziellen, sozialen und emotionalen Abstieg einleitete, den Sch\u00e4fer in klaren, schn\u00f6rkellosen Worten erst beschreibt und dann kommentiert und teilweise auch analysiert. Es geht um Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, emotionale und k\u00f6rperliche Gewalt mit daraus resultierenden Problemen in der seelischen Entwicklung, massive Schulprobleme und st\u00e4ndige Angst. Und trotz allem irgendwie noch Liebe zur Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann, Jens ist inzwischen 9 Jahre alt, eskaliert die Situation derart, dass das Jugendamt den Jungen aus dem Haushalt der Mutter herausholt und ein neues Umfeld f\u00fcr ihn sucht. Hier tritt der Vater auf den Plan, der vorher nur jeden zweiten Sonntag wenige Stunden mit Jens verbrachte und ihn ansonsten ignorierte. Er und seine Frau nehmen Jens bei sich auf und geben ihm ein materiell abgesichertes Zuhause, dem jedoch Liebe und W\u00e4rme komplett fehlen. Was schlimmer wird, je mehr Vater und Ehefrau feststellen, dass ein jahrelang traumatisiertes Kind nicht die Erf\u00fcllung ihres jahrelang gehegten Kinderwunsches darstellen kann und wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 17 Jahren zieht Jens in eine eigene Wohnung und beginnt, sein Leben zu gestalten, so gut er es kann. Er entwickelt einen trockenen Humor, mit dem er gut bei seinen Mitmenschen ankommt, beruflich geht es stetig aufw\u00e4rts, bis hin zur T\u00e4tigkeit als quereinsteigender Berufsschullehrer, der nun mit einer Sch\u00fclerklientel konfrontiert ist, die seinem fr\u00fcheren Ich sehr \u00e4hnelt. Sch\u00e4fer l\u00e4sst nicht nur sein fachliches K\u00f6nnen, sondern auch seine Lebenserfahrung einflie\u00dfen, um den ihm anvertrauten jungen Menschen beim Weg ins Leben zu helfen. Gleichzeitig bemerkt er immer neue unerkl\u00e4rliche k\u00f6rperliche Symptome, die ihn nicht nur an den Rand der Verzweiflung bringen, sondern ihn einige Male auch fast das Leben kosten. Bis er beginnt, psychische Ursachen f\u00fcr seine gesundheitlichen Probleme aufzusp\u00fcren und diese durch eine Therapie in den Griff zu bekommen, ist es ein langer Weg, der gepr\u00e4gt ist vom Willen, in jeder Sekunde H\u00f6chstleistungen zu erbringen und alles Erlebte komplett zu verdr\u00e4ngen. Beim Lesen f\u00e4llt mir sehr deutlich auf, dass Sch\u00e4fer beispielsweise so gut wie kein Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber Kollegen aufbringt, die nicht bereit sind, nennenswerte Leistungen zu erbringen und sich stattdessen \u201edurchmogeln\u201c, und das durchaus von sich ebenfalls durchmogelnden Vorgesetzten gedeckt. Diese Ungerechtigkeit regt ihn auf, und ein ums andere Mal war ich versucht, dem Erz\u00e4hler des Buches zuzurufen, er m\u00f6ge sich mal ein wenig zur\u00fccknehmen und die an ihn selbst gestellten Anspr\u00fcche nicht auf die ganze Welt \u00fcbertragen. Bis mir auffiel, dass eben diese unendliche Leistungsbereitschaft und das unerbittliche Immer-weiter-Hochlegen der Messlatte das war, was Sch\u00e4fer antrieb, Halt gab und die grausame Kindheit einigerma\u00dfen in den Hintergrund zu dr\u00e4ngen vermochte. Jedoch nicht dauerhaft, wie bereits erw\u00e4hnt. Weshalb Sch\u00e4fer eine station\u00e4re Therapie aufnimmt, w\u00e4hrend der er lernt, dass die in knapp 20 Jahren erworbenen Verletzungen niemals heilen werden, sondern dass es darum geht, mit ihnen leben zu lernen. Am Ende bleibt offen, wie weit Sch\u00e4fer das bisher gelungen ist, da die Therapieerfahrung erst sehr kurz zur\u00fcckliegt. Nach der Lekt\u00fcre seines Buches bin ich jedoch nahezu \u00fcberzeugt, dass ihm das gelingen wird, und ich dr\u00fccke die Daumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zahlreiche Dinge sind mir aufgefallen an \u201eLanges Elend\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>Nach manchen Kapiteln tauchen Texte in kursiver Schrift auf, in denen Jens Sch\u00e4fer das zuvor Erz\u00e4hlte wertet, einordnet und aus seiner heutigen Sicht beschreibt. Dadurch erfahren die Lesenden, was den Autor beim Aufschreiben seines Werdegangs bewegt hat, wie er Dieses und Jenes f\u00fcr sich selbst einordnet und \u2013 vor allem \u2013 welche Ereignisse besonders schlimm oder besonders pr\u00e4gend waren. F\u00fcr den Rezensenten, der wie viele seiner Altersgenossen aus einem dysfunktionalen und patriarchalisch gepr\u00e4gten Scheidungshaushalt stammt, seine Kindheit aber als insgesamt okay einordnen w\u00fcrde, ist so ziemlich alles, was Sch\u00e4fer in seinem Buch beschreibt, jenseits des Vorstellbaren, und so ist es sehr hilfreich, das Gelesene und Unvorstellbare ein wenig eingeordnet zu bekommen. Au\u00dferdem rekapituliert Sch\u00e4fer an einigen Stellen des Buches das bisher Beschriebene\/Erlebte und fasst Abschnitte in seinem Werdegang nochmal zusammen, ordnet sie in Kurzform in einen Gesamtzusammenhang ein und l\u00e4sst die Lesenden dadurch verstehen, was wie, in welchem Zusammenhang und in welcher Intensit\u00e4t abgelaufen ist. Des weiteren fiel mir auf, dass Sch\u00e4fers Schilderung frei von Selbstmitleid ist. Obwohl er keinen Zweifel daran l\u00e4sst, dass die ihm widerfahrenen Dinge wohl mehr sind, als die meisten Menschen zu ertragen in der Lage sind, macht er durch seine pathosfreie Schilderung deutlich, dass \u00dcberleben und im weiteren Leben erfolgreich sein die einzige Option waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLanges Elend\u201c ist ein Buch, dass gleicherma\u00dfen schockiert und Hoffnung macht. Und, wie Jens Sch\u00e4fer im letzten Kapitel, \u201eAbschluss\u201c, schreibt, soll es kein Ratgeber sein. Aber es zu lesen und zu verstehen hilft und macht Mut. Das reicht. Mehr als.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLanges Elend\u201c l\u00e4sst sich online bestellen auf <a href=\"https:\/\/jensschaefer.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>https:\/\/jensschaefer.com\/<\/u><\/a>, ISBN 978-3-00-078849-9.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (09.06.2024) Vorab: Eine kurze Berichterstattung vom B\u00f6r\u00dfumer B\u00fccher Bahnhof, B\u00f6r\u00dfum 2. Juni 2024: Am vergangenen Sonntag besuchten die Liebste und ich zum ersten Mal B\u00f6r\u00dfum, den beliebten Samtgemeindesitz im Landkreis Wolfenb\u00fcttel. 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