{"id":6325,"date":"2024-05-05T23:14:06","date_gmt":"2024-05-05T21:14:06","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6325"},"modified":"2024-05-05T23:14:06","modified_gmt":"2024-05-05T21:14:06","slug":"niedeckens-bap-zeitreise-live-im-sartory-universal-music-group-vertigo-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/niedeckens-bap-zeitreise-live-im-sartory-universal-music-group-vertigo-2024\/","title":{"rendered":"Niedeckens BAP \u2013 Zeitreise (Live im Sartory) \u2013 Universal Music Group\/Vertigo 2024"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Niedeckens-BAP-Zeitreise.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Niedeckens-BAP-Zeitreise.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6326\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (29.04.2024)<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich bei \u201eDoctor Who\u201c existieren verschiedene Inkarnationen von BAP, die ich im Unterschied zur Fernsehserie allerdings nicht am Hauptdarsteller (der war und ist immer Wolfgang Niedecken), sondern am jeweiligen Leadgitarristen festmache: Da war die erste Zeit als \u201eWolfgang Niedeckens BAP\u201c mit Hans Heres an der Gitarre und nur einem Album (\u201e&#8230;rockt andere k\u00f6lsche Leeder\u201c), dann die \u00c4ra Klaus \u201eMajor\u201c Heuser von 1980 bis 1999 mit allen bedeutenden BAP-Alben, aber auch dem musikalisch schlechtesten Werk der Band, dem unertr\u00e4glich seicht-poppigen \u201eX f\u00fcr e U\u201c (1990); \u201ePik Sibbe\u201c (1993), \u201eAmerika\u201c (1996) und \u201eComics und Pin-Ups\u201c (1999) klangen dann deutlich besser, und in der \u00c4ra Helmut Krumminga von ebenfalls 1999 (\u201eTonfilm\u201c) bis 2014 (letztes Studioalbum \u201eHalv so wild\u201c 2011) lieferten BAP ganz wunderbare Alben wie das Plugged\/Unplugged-Werk \u201eRadio Pandora\u201c (2008) ab, und seit 2014 ist nun Ulrich \u201eUlle\u201c Rode f\u00fcr die erste Gitarre zust\u00e4ndig und BAP firmieren nun als \u201eNiedeckens BAP\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das hat seinen Grund nicht in einem Egotrip des Bandleaders, sondern ist vertraglich bedingt, da BAP nunmehr ein Niedecken-Projekt mit wechselnden Begleitmusiker:innen, die ihrerseits zus\u00e4tzlich anderswo vertraglich gebunden sind, darstellt. Diese im Bandnamen verankerte Flexibilit\u00e4t sei der gro\u00dfen alten Ikone des mundartlich eingef\u00e4rbten Protestrocks, dem \u201eDylan von der S\u00fcdstadt\u201c von Herzen geg\u00f6nnt, denn nat\u00fcrlich war BAP immer ganz viel Niedecken und Niedecken umgekehrt auch immer ganz viel BAP. Das 2022er Erz\u00e4hl- und Musik-Hybridalbum \u201eDylanreise\u201c hat Niedecken beispielsweise unter dem Namen \u201eWolfgang Niedecken\u201c ver\u00f6ffentlicht, obwohl es auch nach BAP klingt, dort sind jedoch andere Musiker zugange. \u201eNiedeckens BAP\u201c besteht in der Hauptsache aus Niedecken, besagten Ulle Rode an der Gitarre sowie Werner Kopal am Bass (seit Mitte der 90er Jahre bei BAP!), Anne de Wolff an verschiedenen anderen Instrumenten (Streicher, Gitarre, Percussion) und S\u00f6nke Reich am Schlagzeug, ist also f\u00fcr ein Projekt mit wechselnden Begleitmusikern sehr konstant besetzt. Hinzu kommen auf \u201eZeitreise\u201c Michael Nass an den Tasteninstrumenten, Axel M\u00fcller am Saxofon, Benny Brown an der Trompete und Johannes Goltz an der Posaune.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eZeitreise 81\/82\u201c-Tour von BAP beginnt im November 2024 und enth\u00e4lt alle St\u00fccke der Alben \u201eF\u00fcr usszeschnigge\u201c (1982) und \u201eVon drinne noh drusse\u201c (1982) sowie ein paar andere Nummern, die ebenfalls mindestens 40 Jahre alt sind. Die beiden Alben gelten als die besten und wichtigsten der Band, ich pers\u00f6nlich z\u00e4hle da allerdings noch \u201eZwesche Salzjeb\u00e4ck un Bier\u201c (1984) und \u201eDa Capo\u201c (1988) mit dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr vor Tourbeginn spielten BAP das volle Programm schon mal an einigen Abenden im K\u00f6lner Sartory-Keller durch und brachten nun das vorliegende Konzertalbum heraus. Anders als \u201eSalzjeb\u00e4ck\u201c und \u201eDa Capo\u201c sind die beiden hier dargebotenen Alben soundtechnisch nicht so ganz optimal gealtert, bei den Synthesizer- und Percussion-Spielereien (Sorry, Schmal, sorry, Effendi!) und (Sorry, Major!) auch dem Gitarrensound der fr\u00fchen 1980er Jahre klingeln mir beim H\u00f6ren so manches Mal die Zahnf\u00fcllungen, w\u00e4hrend Niedeckens Songwriting- und Gesangsf\u00e4higkeiten und vor allem seine textliche Brillanz mich immer noch begeistern.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann das Zeitreise-Album nun den Beweis antreten, dass die Songs von damals auch heute wieder auf ganzer Linie begeistern k\u00f6nnen? Es kann!<\/p>\n\n\n\n<p>Los geht es mit \u201eKoot v\u00fc\u00fcr Aach\u201c: Mit von Publikumsklatschen begleitetem Klavier und wirklich wirklich stimmungsvollem Saxofon besingt his Wolfgangness das Gef\u00fchl, mit einer siebenk\u00f6pfigen Band auf der B\u00fchne zu stehen und das Konzert zu beginnen. Werner Kopals Bass setzt g\u00e4nsehauterzeugend bei der Zeile \u201eMir weed flau, ich beneide d\u00e4 Basstyp, d\u00e4 jlisch em Halvdunkel links hinger mir steht\u201c ein, dazu gniedelt Rode ein geiles Solo nach dem anderen hin und Reich schlurft dazu einen tollen Beat hin \u2013 was f\u00fcr eine Er\u00f6ffnung!<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend synthetisiert Nass ein sch\u00f6\u00f6n langsames Intro, dass mit einem \u201eOne two three four!\u201c des Drummers in einen typischen 80er-Jahre-Rock\u2019n\u2019Roll mit viel Keyboard \u00fcbergeht, und dann wird klar, dass wir es mit \u201eS\u00fcdstadt verz\u00e4ll nix\u201c zu tun haben, in dem Niedecken die Gentrifizierung des von ihm bewohnten K\u00f6lner Stadtteils besingt \u2013 Hammer, von diesem Ph\u00e4nomen habe ich erst Jahrzehnte nach diesem Song zum ersten Mal geh\u00f6rt, Niedecken brachte schon 1981 auf den Punkt. Und das rockend. Genauso geht es weiter: \u201eNemm mich met\u201c ist ein typischer Fr\u00fchachtziger-BAP-Kracher mit diesem typischen N\u00e4hmaschinen-Major-Gitarrengekratze, von dem auch \u201eVerdamp lang her\u201c (mehr dazu sp\u00e4ter) lebt und das Ulrich Rode wunderbar zeitgem\u00e4\u00df soundtechnisch in die 2020er Jahre \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und als w\u00e4re das noch nicht genug, rocken und rollen Niedecken und seine Mitstreiter mit \u201eWo mer endlich Sommer hann\u201c und \u201eWaschsalon\u201c noch gleich mal so weiter, um dann mit \u201eEns em Vertraue\u201c in den Schunkelmodus \u00fcberzugehen. Eine humorvolle und nachdenkliche Abrechnung mit dem Prozess des Lieder-Schreibens, inkl. Weltwortneusch\u00f6pfung \u201emanisch-aggressiv.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und gleich anschlie\u00dfend \u201eNit f\u00fcr Kooche\u201c in allen beiden Teilen \u2013 eine mit Karnevalsmusik beginnende und dann in Schweinerock \u00fcbergehende Besch\u00e4ftigung mit dem Umstand, dass sich BAP zu Zeiten des Karnevals niemals in K\u00f6ln aufhalten w\u00fcrden \u2013 zu begehen, ein Song, der einem ehemaligen Insassen der Heimatl\u00f6wenstadt des gr\u00f6\u00dften norddeutschen Karnevalsumzugs mehr als einfach nur aus der Seele spricht \u2013 nit f\u00fcr Braunkohl bliev ich zum Schoduvel hier, sarickma. Mit \u201eAhn \u2019ner Leitplank\u201c geht es dann nachdenklich weiter, es geht dabei um einen t\u00f6dlichen Autounfall und selten wurde in deutscher (?) Sprache ergreifender \u00fcber so etwas gesungen. Dann \u201eWellenreiter\u201c mit einer der geilsten Schweineorgeln des gesamten Deutschrocks und einem Rhythmus, der die H\u00f6renden gleichsam auff\u00e4ngt, umarmt und einlullt. Einer meiner liebsten BAP-Songs. Nicht nur meiner, das Auditorium singt textsicher mit. Ebenso wie beim folgenden Reggae \u201eM\u00fcsli M\u00e4n\u201c. Stunn mer friedlich an der Frittenbuud und finden uns dann im \u00d6RG wieder, es fehlt nur das Lastenrad.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden wird es dann wieder politisch, anklagend und prophetisch: \u201eZehnter Juni\u201c, \u201eWenn es bedde sich lohne d\u00e4\u00e4ht\u201c und \u201eKristallnaach\u201c sind drei Niedecken-Songs, die an Aktualit\u00e4t eher gewinnen als alles andere, und das alles dazu noch toll getextet und musikalisch \u00fcber jeden sprichw\u00f6rtlichen Zweifel erhaben. BAP w\u00e4re aber nicht BAP, wenn es nicht auch mal eine ganz lange Strecke lang so richtig toll gef\u00fchlsduselig zugehen k\u00f6nnte. Und auch dazu brauchen BAP nicht eine Jahrzehnte umspannende Diskografie, nein, auch f\u00fcr \u201eEins f\u00fcr Carmen un en Insel\u201c, \u201eWeisste noch?\u201c, \u201eFuhl am Strand\u201c, \u201eHundertmohl\u201c und \u201eJupp\u201c bedienen sich BAP aus nur diesen gro\u00dfartigen zwei Alben aus 1981 und 1982.<\/p>\n\n\n\n<p>Alsdann folgt einer der umhauendsten Songs aller Zeiten: \u201eNe sch\u00f6ne Jroo\u00df\u201c. Ne sch\u00f6ne Jroo\u00df ahn all die, die unfehlbar sinn, vun nix en Ahnung hann, die \u00e4vver, immerhin su dunn als ob, weil op Fassade, do stonn se halt drop \u2013 Stammtischpolitiker gab es schon immer und sie werden nicht kreativer, so dass dieser Song, der damals noch echte Altnazis und deren S\u00f6hne im Fokus hatte, jetzt 1 zu 1 auf die ignoranten und in h\u00f6chstem Ma\u00dfe dummen AfD-J\u00fcnger passt. Direkt im Anschluss l\u00e4sst sich Niedecken bezugnehmend auf eine bestimmte Songzeile (und sind so einige Zeilen mehr, die hier zutreffen) zu einer kurzen und treffenden AfD-Kritik hinrei\u00dfen, die durch das anschlie\u00dfende \u201eVerdamp lang her\u201c leider zu sehr verblasst. Erst \u201eNe sch\u00f6ne Jroo\u00df\u201c, dann AfD-Kritik, dann \u201eKristallnaach\u201c, so w\u00fcnschte ich mir das. Aber wurscht, Niedecken ist ein gro\u00dfer Dichter, ein gro\u00dfer Musiker und er versteht es wie kaum ein Anderer, kluge politische Aussagen und verdamp geile Rockmusik nur wenige Millimeter voneinander entfernt aufzuf\u00fchren. Nach \u201eVerdamp lang her\u201c gibt er \u201eFrau ich freu mich\u201c, in dem er das Rockstarleben knapp oberhalb des Existenzminimums, die Sehnsucht nach der Liebsten und wundervolle Tasteninstrumente kongenial unter eine warme Decke bringt, sowie einige andere wundersch\u00f6ne Gassenhauer wie \u201eDo kanns zaubere\u201c, \u201eAnna\u201c, \u201eJraaduss\u201c, \u201eWie ne Stein\u201c zum besten und kurz vor Schluss folgt \u201eEt letzte Leed\u201c, das ich schon damals, als ich irgendwann um 1990 zum ersten Mal die 1983er-BAP-Live-LP \u201eBess demn\u00e4\u00e4hx\u201c h\u00f6rte und seitdem tief in meinem Herzen trage. Anschlie\u00dfen tut sich noch \u201eHelfe kann Dir keiner\u201c \u2013 eins der \u00e4ltesten BAP-Lieder (\u201edann haben wir einen Kasten Bier leergeprobt und sind anschlie\u00dfend einen trinken gegangen\u201c \u2013 bei Niedecken klingt auch solch eine Alkoholverherrlichung sehr sympathisch) und wundersch\u00f6n mit Akustikklampfe und Niedeckens Signature-Vortrag, sowas Sch\u00f6nes!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00e4tte ja niemals gedacht, dass ich eine andere deutsche Mundart au\u00dfer Th\u00fcringisch (Danke, Liebste!) oder Plattd\u00fctsch (Danke, Frieda und Otto, meine Gro\u00dfeltern!) so feiern k\u00f6nnte wie ausgerechnet K\u00f6lsch (und das mir, als studiumsbedingt bekennendem D\u00fcsseldorf-Fan), aber: \u201eDat nervt mich ald sick Johren datt ich nie dat machen kann wov\u00f6hr ich Lust hann, h\u00fcck besonders, wo mer endlich Sommer han\u201c, besser hat nie jemand Eddie Cochran \u00fcbersetzt. Mit Helmut Kohl an der Posaune.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (29.04.2024) \u00c4hnlich bei \u201eDoctor Who\u201c existieren verschiedene Inkarnationen von BAP, die ich im Unterschied zur Fernsehserie allerdings nicht am Hauptdarsteller (der war und ist immer Wolfgang Niedecken), sondern am jeweiligen Leadgitarristen festmache: Da war die erste Zeit &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/niedeckens-bap-zeitreise-live-im-sartory-universal-music-group-vertigo-2024\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-6325","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6325"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6327,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6325\/revisions\/6327"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}