{"id":6289,"date":"2024-04-18T20:52:37","date_gmt":"2024-04-18T18:52:37","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6289"},"modified":"2024-04-18T20:52:37","modified_gmt":"2024-04-18T18:52:37","slug":"lol-tolhurst-x-budgie-x-jacknife-lee-los-angeles-pias-2023-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/lol-tolhurst-x-budgie-x-jacknife-lee-los-angeles-pias-2023-2024\/","title":{"rendered":"Lol Tolhurst x Budgie x Jacknife Lee \u2013 Los Angeles \u2013 PIAS 2023\/2024"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Lol-Tolhurst-x-Budgie-x-Jacknife-Lee-Los-Angeles.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Lol-Tolhurst-x-Budgie-x-Jacknife-Lee-Los-Angeles.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6290\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Matthias Bosenick (18.04.2024)<br><br>Endlich ist das Vinyl drau\u00dfen! In anderen Darreichungsformen liegt \u201eLos Angeles\u201c bereits seit Ende November 2023 vor, nun also auch als Doppel-LP. Darauf h\u00f6rt man nicht nur die Musik einer klassischen Supergroup \u2013 \u201eLos Angeles\u201c verh\u00e4lt sich vielmehr wie eine Compilation grandioser Songs verschiedener Genres, weil das verdiente Trio aus den Schlagzeugern Lol Tolhurst und Budgie sowie dem Produzenten Jacknife Lee einen Haufen G\u00e4ste aus allen Ecken der Musikgeschichte hinzuzog. Und zwar nicht nur aus dem Kontext von The Cure, Siouxsie And The Banshees oder aktuellen Chartsproduktionen: Auch LCD Soundsystem, Primal Scream und U2 schickten Abgesandte, um dieses Album zu verfeinern. \u201eLos Angeles\u201c d\u00fcrfte eines der besten, weil anspruchsvollsten und abwechslungsreichsten Post-Punk-Indie-Pop-Alben seit Ewigkeiten sein.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a> Auf f\u00e4llt: Es sind fast keine Frauen an Bord, lediglich Harfenistin Mary Lattimore fand Einlass in diese M\u00e4nnerrunde. Deren Musik ist selbstredend schlagzeugbasiert, viel Percussion, tanzbare Beats, klar, wenn zwei Drittel der Initiatoren Drummer sind. Nicht ausschlie\u00dflich, und der zus\u00e4tzliche Dritte spielt selbst Keyboards und Gitarren, und so erstellte das Trio Tracks, f\u00fcr die es zus\u00e4tzliche als G\u00e4ste Singende und Musizierende fand, die mit ihren eigenen Noten dem Album einen vielseitigen \u00dcberbau verliehen.<br><br>Eine besondere Rolle f\u00e4llt James Murphy zu: Der Neo-Disco-Tanzkapellen-Maestro von LCD Soundsystem hat in \u201eSkins\u201c das letzte Wort und \u00fcberdies das auf dem Titeltrack, dem zweiten Song auf dem Album. Doch zuvor er\u00f6ffnet Bobbie Gillespie, bekannt seinerseits als Schlagzeuger von The Jesus And Mary Chain sowie hernach als Kopf von Primal Scream, den Reigen: Sein \u201eThis Is What It Is (To Be Free)\u201c ist ein eher chilliges, fast psychedelisches St\u00fcck Gospel-Pop, das erst im Verlauf einen Upbeat und zus\u00e4tzliches Instrumentarium bekommt, Streicher etwa. So startet man ein Album: Langsam kommen lassen, die gro\u00dfen Gef\u00fchle ansprechen und dann aufdrehen. Mit den synthetischen Beats von James Murphy n\u00e4mlich, der zum Glam-Rock-Rhythmus von \u201eLos Angeles\u201c mantraartig singt wie bei seiner Stammband, dazu kl\u00f6ppeln Leute auf allerlei Percussion und Schlagstabinstrumenten herum. Mit \u00fcber sechs Minuten ist sein Song zudem der l\u00e4ngste des Albums, sein \u201eSkins\u201c, das das Album so chillig entfleuchen l\u00e4sst, wie es begann, mit gut f\u00fcnf Minuten das drittl\u00e4ngste.<br><br>Mit S\u00e4nger Arrow de Wilde von Starcrawler und Gitarrist Mark Bowen von den Idles wird es erstmals l\u00e4rmig: Deren \u201eUh Oh\u201c, nicht zu verwechseln mit dem Noiserock-Hit von Speaker Bite Me, dringen aufgekratzte Gitarren und hektische Sounds in den Fluss ein, der Song galoppiert und kreischt. \u201eGhosted At Home\u201c mit Bobbie Gillespie k\u00f6nnte mit dem verdrogten Midtempo-Beat, den psychedelischen Sounds, dem Gospel-Refrain und der gedimmten Madchester-Orientierung auch von seiner Band Primal Scream sein. Kaum zu erkennen ist der Gast bei \u201eTrain With No Station\u201c: U2s The Edge entlockt seiner Gitarre Sounds, die er bei seiner Stammband eher in den wenigen experimentelleren St\u00fccken anwenden darf. Er selbst bezieht seine Arbeit hier auf \u201eSnake Charmer\u201c, die ihrerseits experimentelle Dance-EP, die er 1983 mit Holger Czukay von Can und Jah Wobble von PIL sowie weiteren Helden einspielte. Sein St\u00fcck ist \u00fcberdies das erste Instrumental des Albums.<br><br>Den Soul bringt Lonnie Holley ins Album ein, er kn\u00f6delt und grantelt sein \u201eBodies\u201c zu einem technoiden Beat. Die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung bei diesem zweitl\u00e4ngsten St\u00fcck des Albums ist der \u00dcbergang zum Harfenteil, den Mary Lattimore zu dezenten Ambient-Fl\u00e4chen vollf\u00fchrt. Wundersch\u00f6n, das gef\u00e4llt Loreena McKennitt, und der singende K\u00fcnstler l\u00e4sst sich auch nochmal kurz h\u00f6ren. \u201eEverything And Nothing\u201c ist das zweite Instrumental und kommt ohne G\u00e4ste aus, hier treibt sich das Trio im Club herum und formt Streicher, eine dezente Melodie sowie reichlich percussive Spielereien zu den Beats. Der n\u00e4chste Gast ist Pan Amsterdam: Unter diesem Alias tritt der Jazz-Trompeter Leron Thomas als Rapper auf, und so verf\u00e4hrt er auch in \u201eTravel Channel\u201c, einem Downbeat-Trip-Hop-St\u00fcck mit Scratches und Trompeten-Samples.<br><br>Seinen dritten und letzten Auftritt hat Bobby Gillespie in \u201eCountry Of The Blind\u201c, abermals einem nach bewusstseinserweiternden Mitteln klingenden Song im unteren Midtempo, der in \u201eThe Past (Being Eaten)\u201c, ein Ambient-Instrumental, ausgleitet, dem letzten St\u00fcck ohne G\u00e4ste und mit anderthalb Minuten das k\u00fcrzeste St\u00fcck des Albums. Isaac Brock alias Modest Mouse holt in \u201eWe Got To Move\u201c rhythmisch den DAF-Stil ins Album, man k\u00f6nnte es fast in \u201eI\u2019m A Gabi\/G\u00f6rl\u201c umtaufen, doch passt da der Gesang nicht, der ist viel zu melodisch. Der zweite Einsatz von The Edge im trippigen Instrumental \u201eNoche Obscura\u201c klingt abermals nach \u201eSnake Charmer\u201c, und auch nach LCD Soundsystem, die ja erst im n\u00e4chsten, dem letzten Song an der Reihe sind. So geil werden U2 wohl leider nie wieder sein.<br><br>Interessant ist die Entstehungsgeschichte dieses Albums: Zun\u00e4chst traten The-Cure-Mitgr\u00fcnder Laurence Tolhurst und Siouxsie Sioux\u2018 Ex-Gatte Budgie, die sich seit 1979 kennen, mit Bauhaus-Schlagzeuger Kevin Haskins zusammen, den aber seine Hauptband live einspannte, weshalb er das Trio wieder verlie\u00df. Die ersten Aufnahmen empfanden die drei als zu nah am erwartbaren Sound, weshalb sie sie wieder l\u00f6schten. Als neuen dritten Mann holte Tolhurst dann seinen Nachbarn Garret Jacknife Lee an Bord, mit dem sie an Schlagzeug, Gitarre und Keyboards sowie k\u00fcnstlichen Stimmen herumexperimentierten, bis pl\u00f6tzlich The Edge vor der T\u00fcr stand und sich mit seiner Gitarre einbrachte. Die Pandemie verhinderte eine Vollendung der Aufnahmen, weshalb das Trio beabsichtigte, diese instrumental zu ver\u00f6ffentlichen, bis James Murphy sich anbot, Gesang beizusteuern. Damit brachen die D\u00e4mme und das Basis-Trio lud die weiteren G\u00e4ste ins Studio. Alle Singenden schrieben zudem ihre Texte selbst zu den Tracks.<br><br>Vermutlich ist es diese unorthodoxe Entstehung, die \u201eLos Angeles\u201c, benannt nach der Stadt, die auch das Kernthema des Albums bildet, so gro\u00dfartig macht. Keine Pl\u00e4ne, keine Absichten, einfach zusammensetzen und jammen, Kumpels in die H\u00fctte holen und los. Fast eine Stunde Musik kommt dabei heraus, und die ist so gelungen, dass man sich nicht entscheiden kann, ob man sich eine Fortsetzung w\u00fcnschen sollte oder besser nicht. Mit den Gothic-Rock-Bands, aus denen zwei der drei Kernmusikern stammen, hat \u201eLos Angeles\u201c nur sehr wenig zu tun, allenfalls mit Budgies Band The Creatures, in der das Rhythmische einen h\u00f6heren Stellenwert hatte. Wenn, dann lassen sich allenfalls Vergleiche zu den fr\u00fchen Talking Heads ziehen, wegen Kunst und Disco als Melange. Aber Vorbilder haben die Beteiligten gar nicht n\u00f6tig, solche sind sie ja selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (18.04.2024) Endlich ist das Vinyl drau\u00dfen! In anderen Darreichungsformen liegt \u201eLos Angeles\u201c bereits seit Ende November 2023 vor, nun also auch als Doppel-LP. 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