{"id":6275,"date":"2024-04-11T23:48:19","date_gmt":"2024-04-11T21:48:19","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6275"},"modified":"2024-04-11T23:48:19","modified_gmt":"2024-04-11T21:48:19","slug":"andrea-laesst-sich-scheiden-josef-hader-a-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/andrea-laesst-sich-scheiden-josef-hader-a-2023\/","title":{"rendered":"Andrea l\u00e4sst sich scheiden \u2013 Josef Hader \u2013 A 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (11.04.2024)<br><br>Keine Kom\u00f6die, auch wenn Josef Hader draufsteht \u2013 dieser Hinweis ist mehr als angebracht, wenn man sich \u201eAndrea l\u00e4sst sich scheiden\u201c anguckt, weil man ansonsten entweder denkt, die Gags seien Schei\u00dfe, oder einfach \u00fcberhaupt entt\u00e4uscht feststellt, dass der Film nicht witzig ist, denn das soll er auch gar nicht sein. L\u00e4sst man sich darauf ein, haut das trocken\u00f6de Provinzdrama m\u00e4chtig rein. Dabei ist der Titel etwas irref\u00fchrend, denn noch vor der Scheidung f\u00e4hrt die Titelfrau ihren Noch-Gatten tot, und damit beginnt das Drama, in dem der Regisseur selbst eine Figur spielt, die der irrigen Annahme ist, den Mann get\u00f6tet zu haben. \u00d6sterreichkenntnisse sind f\u00fcr den vollen Genuss vonn\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es befremdet zun\u00e4chst ein Wenig: Man erwartet eine Polizei-Provinzposse aus dem Blick des Gro\u00dfst\u00e4dters, der mit geschliffenen und pointierten Dialogen das Absurde aus der in der digitalen Zeit im Gestern verhafteten Dorfbev\u00f6lkerung herausarbeitet und \u00fcberdreht, quasi eine Art modernes \u201eKarniggels\u201c aus Nieder\u00f6sterreich. Doch das Gegenteil ist der Fall: \u201eAndrea l\u00e4sst sich scheiden\u201c ist beinahe nackt, heruntergestrippt auf das N\u00f6tigste, in Bild und Dialog, und r\u00fcckt damit die l\u00e4ndliche \u00d6dnis ohne Humor ganz weit nach vorn ins Sichtfeld. Alles ist Pastell, die jungen Erwachsenen tragen Hellblau und Beige, wenn nicht kleinkariertes Hemd, und sind eingesperrt zwischen Wirtshaus, Elternpflege, Familiengr\u00fcndung und Arbeit. Dar\u00fcber macht Hader sich nicht lustig, er zeigt es nur schonungslos und l\u00e4sst sein Drama darin stattfinden.<br><br>M\u00f6glicherweise trifft der Eindruck von fehlgez\u00fcndetem Humor auf die Eingangssequenz noch zu: Zwei Polizeibeamte stehen an einer unbefahrenen Landstra\u00dfe, warten auf Raser und sprechen \u00fcber runde Geburtstagsfeiern und deren Kosten. Ein Trecker rollt beh\u00e4big vorbei. Das ist so nah an der Realit\u00e4t, dass es als Witz nicht funktioniert; da steckt kein Quentin Tarantino drin und auch kein Detlev Buck. Das ist bereits das Drama, und so bleibt es auch den ganzen Film \u00fcber. Der erste und einzige Raser ist der Noch-Gatte von Polizistin Andrea, die sich nicht auf eine milde Sonderbehandlung einl\u00e4sst. Sp\u00e4ter kreuzt er auch im Wirtshaus auf der 30. Geburtstagsfeier von Andreas Kollegen auf, bei der sie sich gepflegt langweilt und tumben Ann\u00e4herungsversuchen erwehren muss, nachdem sie den volltrunkenen Gatten dazu zwang, zu Fu\u00df nach Hause zu gehen. Auf dem Heimweg brettert Andrea den Typen versehentlich \u00fcber und begeht Fahrerflucht \u2013 das Drama im Drama beginnt hier. Noch in der Nacht wird sie von Kollegen aus dem Haus geklingelt, weil ein als trockener Alkoholiker bekannter Lehrer \u00fcber die Leiche gefahren ist und nun als der Todesverursacher gilt. Wie nun also geht Andrea mit der Sache um?<br><br>Sie versucht, dem Religionslehrer einen Anwalt zu besorgen, und verzweifelt an dessen gottergebener Demut. Sie l\u00e4sst ihr Auto von einem alten Schulbekannten von den Unfallsch\u00e4den befreien. Sie organisiert sich eine Versetzung ins nahe St. P\u00f6lten. Sie hat sich mit Geschwistern um ihren klapprigen Vater zu k\u00fcmmern, bei dem sie nach der Trennung wohnt und der nach einem Sturz ins Krankenhaus kommt. Sie l\u00e4sst sich \u2013 unklar, ob amour\u00f6s oder platonisch \u2013 auf einen Kollegen in St. P\u00f6lten ein, der nach Obduktion und weiteren Ermittlungen hinter Andreas Tat kam. Sie kreuzt den Weg des Lehrers, der l\u00e4ngst seine Koffer f\u00fcr das Gef\u00e4ngnis gepackt hat und t\u00e4glich auf die Inhaftierung wartet, absichtlich immer wieder, darunter in einer Schlagerdisco. Sie besucht ihre trauernde Schwiegermutter. Sie macht routiniert ihren tristen Alltagsjob. Sie stellt sich der Situation, die sie generierte, n\u00e4mlich als Witwe unter den Dorfbewohnern zu leben, die ihr schlechtes Gewissen als Trauer fehlinterpretieren. Da bekommt der Film tats\u00e4chlich einige L\u00e4ngen, aber das passt ja zum Sujet.<br><br>Bis es zu einer Situation kommt, in der der Lehrer abermals betrunken in den Graben rollt und Andrea, die neben dem Auto herlief, den eintreffenden Kollegen weismachen will, sie habe es gefahren. Denn der Lehrer nimmt diese Offerte nicht an und die Schuld auf sich. Da steht sie nun mit ihrem Gewissen \u2013 und der Film gelangt an seinen allerbesten Moment, als man gerade glaubt, es mit einem langweiligen St\u00fcck Kino zu tun zu haben. Hier richtet sich alles zu voller Gr\u00f6\u00dfe auf und kann hernach befreit weiterrollen.<br><br>Merkw\u00fcrdig ist nur, dass so ziemlich alles ohne Konsequenz bleibt. Jedenfalls erf\u00e4hrt man nichts davon, wie es juristisch mit Andrea weitergeht; sie scheint einfach ihren neuen Job in St. P\u00f6lten anzutreten und bekommt daf\u00fcr auch noch das Auto des Lehrers im Tausch gegen eine Moka, also quasi geschenkt. Und dieser Lehrer: Der m\u00fcsste doch stinksauer auf sie sein, schlie\u00dflich ruinierte sie ja sein Leben, indem sie ihn selbst und den Rest der Welt glauben lie\u00df, er habe einen Menschen get\u00f6tet, was dazu f\u00fchrt, dass er in den Alkoholismus zur\u00fcckf\u00e4llt und sogar seinen Job und noch mehr Ansehen verliert. An dem Punkt ger\u00e4t der Film zu einem M\u00e4rchen, und genau das nimmt man auch aus dem Kino mit, dass es trotz allem auch mal gut gehen kann. Wobei, hey: Es geht ja um Leben und Tod!<br><br>Hader inszeniert seinen zweiten Film staubtrocken, die Menschen und die Siedlungen sind monochrom und gleichf\u00f6rmig, manche H\u00e4userseiten haben gar keine Fenster, die Landschaft ist wellig und leer, man h\u00f6rt indes idyllisch V\u00f6gel und Insekten, im Dorfkern prangt eine nachts beleuchtete \u00fcberdimensionale Knoblauchzehe inmitten des Kreisverkehrs, Dialoge sind aufs N\u00f6tigste reduziert, so viel Buck gibt\u2019s dann doch, und in Mundart gehalten, da w\u00fcnscht man sich bisweilen Untertitel, kann aber dennoch gut folgen. In nur ganz wenigen Momenten gibt es wirklich etwas zu lachen, dezidiert sind \u00c4u\u00dferungen absurd, insbesondere die des Lehrers, doch ist \u201eAndrea l\u00e4sst sich scheiden\u201c weit weg davon, eine Kom\u00f6die zu sein. Und das ist auch gut so. Hader will Schauspieler und Regisseur sein, K\u00fcnstler mithin, also etwas anderes als der Kabarettist, als der er gefeiert ist, zu Recht. \u201eAndrea l\u00e4sst sich scheiden\u201c mit der grandios phlegmatischen Birgit Minichmayr in der Titelrolle ist Kunst \u2013 und ist wesentlich besser als Haders Regiedeb\u00fct \u201eWilde Maus\u201c. Und er empfiehlt Opas Diandl aus S\u00fcdtirol, Italien, als auch jenseits der Alpen zu entdeckende Band: \u201eMuaters St\u00fcbele\u201c im Abspann ist ein Knaller!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (11.04.2024) Keine Kom\u00f6die, auch wenn Josef Hader draufsteht \u2013 dieser Hinweis ist mehr als angebracht, wenn man sich \u201eAndrea l\u00e4sst sich scheiden\u201c anguckt, weil man ansonsten entweder denkt, die Gags seien Schei\u00dfe, oder einfach \u00fcberhaupt entt\u00e4uscht feststellt, &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/andrea-laesst-sich-scheiden-josef-hader-a-2023\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-6275","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6275","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6275"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6275\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6276,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6275\/revisions\/6276"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}