{"id":618,"date":"2013-10-14T15:16:41","date_gmt":"2013-10-14T13:16:41","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=618"},"modified":"2013-11-15T13:16:05","modified_gmt":"2013-11-15T12:16:05","slug":"00-schneider-im-wendekreis-der-eidechse-helge-schneider-d-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/00-schneider-im-wendekreis-der-eidechse-helge-schneider-d-2013\/","title":{"rendered":"00 Schneider \u2013 Im Wendekreis der Eidechse \u2013 Helge Schneider \u2013 D 2013"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-667\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (14.10.2013)<\/p>\n<p>So gut war Helge Schneider als Filmemacher noch nie. Klar, an \u201eTexas\u201c als Ersttat dieser Art kratzt kein neuerer Film von ihm, aber \u201eIm Wendekreis der Eidechse\u201c ist einfach viel stimmiger als alle auf \u201eTexas\u201c folgenden Filme. Die Ideendichte ist \u00e4hnlich hoch wie bei \u201eTexas\u201c, die filmische Technik und die Stringenz des Drehbuchs f\u00f6rdern aber den Filmgenuss um L\u00e4ngen mehr als \u201eJagd auf Nihil Baxter\u201c oder \u201ePraxis Doktor Hasenbein\u201c. Die Eidechse \u00fcberfl\u00fcgelt gar den \u201eJazzclub\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieser Film punktet in unz\u00e4hlbar vielen Aspekten. Filmtechnisch ist er so dicht am Kino wie \u201eJazzclub\u201c, weil nicht einfach nur wie nebenbei mit der Hand gedreht. Man hat als Zuschauer nicht mehr den Gedanken: Das h\u00e4tte ich auch so hinbekommen. H\u00e4tte man auch inhaltlich nicht. Zwar ist die Handlung d\u00fcnn \u2013 ein Krimineller stiehlt eine Schachtel Zigaretten und ein Huhn und wird von der Polizei gesucht \u2013, aber das Drehbuch verknotet dieses Mal die absurden Seitenarme miteinander und greift einzelne Gags im Verlauf des Films ein zweites Mal auf. Dieser Kniff macht selbst den abstrusesten Einfall schl\u00fcssig und den Film dadurch nicht so beliebig. Weniger improvisiert wirkt er deshalb nicht, aber Schneider f\u00e4ngt seine Improvisationen besser auf. Auch die Ausstattung h\u00e4tte sich ein Privatfilmer nicht leisten k\u00f6nnen: Uralte Autos und sonstige \u00fcberkommene Technik (W\u00e4hlscheibentelefone!) bestimmen das Bild.<\/p>\n<p>Diese veraltete \u00c4sthetik ist der direkteste Link zu Schneiders Intention: \u201eIm Wendekreis der Eidechse\u201c greift den Stil typischer Polizei-Filme der 60er und 70er Jahre auf. Schneiders Figur Roy Schneider tr\u00e4gt die Analogie bereits im Namen, aber auch am Leib, in Form eines Trenchcoats und einer Sonnebrille. Die Ermittler sind zumeist aus der Perspektive der Sohlen ihrer Schuhe zu sehen, die sie auf Schreibtischen ablegen, nat\u00fcrlich mit den Beinen drin. Alle rauchen permanent, au\u00dfer dem Kommissar. Die Jazzmusik, nat\u00fcrlich von Helge und seiner Band eingespielt und zum Teil auf dem Album \u201eSommer, Sonne, Kaktus\u201c zu h\u00f6ren, unterstreicht den Eindruck. Selbst die Bewegungen der Polizisten wirken \u00fcbertrieben und erinnern stark an alte Filme. Als Schauspieler verpflichtete Schneider zumeist seine Mitmusiker. Deshalb tragen sie auch als Ermittler die Polizeiuniformen ihrer Heimatl\u00e4nder und keine deutschen und sprechen ihre Heimatsprachen, also Italienisch und Englisch. Wobei der Ort des Geschehens nicht ganz klar ist. Schneider f\u00e4hrt mit einem Fantomas-Citro<span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">\u00eb<\/span>n mit uraltem M\u00fclheimer Kennzeichen durch das Ruhrgebiet, das allerdings direkt am andalusischen Meer liegt.<\/p>\n<p>Zur Handlung: Roy Schneider ermittelt gegen einen franz\u00f6sischen Ausbrecher namens Jean-Claude Pillemann alias \u201eDie Eidechse\u201c. Dieser Verbrecher hat die Eigenschaft, ein Sekret abzusondern und damit seine Opfer zu l\u00e4hmen. Auf diese Weise stiehlt er in einem Kiosk eine Schachtel Zigaretten und von einem Bauernhof ein Huhn. Schneider stellt ihm eine Falle. Bis dahin schreibt er seine Memoiren, f\u00e4ngt einen Sittenstrolch (und schreckt dabei nicht vor \u00fcberzogener Gewalt zur\u00fcck), l\u00e4sst sich von einem Trickbetr\u00fcger als Tante Tyree aus America ausnehmen und erlebt Skurrilit\u00e4ten beim Kuchenessen, beim Zahnarzt oder bei einem Psychologen. Gro\u00dfes Kino, ehrlich mal: Schneider erfindet Situationen, die man nur unter Schnappatmung verfolgen kann.<\/p>\n<p>Einige Ideen greift Schneider aus \u00e4lteren Filmen auf, wandelt sie aber dankbarerweise ab, etwa das Erdbeben aus \u201eTexas\u201c (\u201eUm diese Uhrzeit?\u201c), den Kugelsessel aus \u201eJagd auf Nihil Baxter\u201c oder das Gehirn-Modell aus \u201eJazzclub\u201c. Die Darsteller agieren so h\u00f6lzern und \u00fcbertrieben wie in den alten Filmen, sogar Vollprofi Rocko Schamoni als Eidechse passt sich dem an. Es gibt mehrere Wiedersehen mit Peter Thoms, meistens als Frau. Schneider tanzt, wie er es auch auf der B\u00fchne inzwischen ausgiebig tut, und man sieht dem agilen Mann seine 58 Jahre nicht an. Ohnehin ist er die coolste Sau des Planeten.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte den Film sofort zweimal sehen, mindestens. Doch f\u00fcr Einwohner der Region Braunschweig bedeutet selbst das erste Mal einen Aufwand: Lediglich im stra\u00dfenbaulich vom Rest der Welt abgetrennten Cineplex in Goslar l\u00e4uft \u201eIm Wendekreis der Eidechse\u201c. Seltsam, f\u00fcr den wom\u00f6glich besten deutschen Film des Jahres.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (14.10.2013) So gut war Helge Schneider als Filmemacher noch nie. 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