{"id":6044,"date":"2024-02-07T21:21:59","date_gmt":"2024-02-07T20:21:59","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=6044"},"modified":"2024-02-07T21:21:59","modified_gmt":"2024-02-07T20:21:59","slug":"poor-things-yorgos-lanthimos-gb-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/poor-things-yorgos-lanthimos-gb-2023\/","title":{"rendered":"Poor Things \u2013 Y\u00f3rgos L\u00e1nthimos \u2013 GB 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (07.02.2024)<br><br>Wer Emma Stone gern st\u00e4ndig nackt und beim Sex sehen m\u00f6chte, ist bei \u201ePoor Things\u201c genau richtig. In diesem Film spielt sie eine Frau, die nach ihrem erfolgreichen Suizid das Gehirn ihres ungeborenen Kindes eingepflanzt bekommt, wieder zum Leben erweckt wird und zum Zwecke der Selbsterm\u00e4chtigung damit beginnt, herumzuv\u00f6geln, unter anderem als Prostituierte \u2013 und damit die patriarchisch eingerichteten M\u00e4nner, bei denen es sich vermutlich um die titelgebenden \u201ePoor Things\u201c handelt, auf den Kopf stellt. Viel Story bleibt abseits einiger punktgenauer psychologischer Dialoge nicht haften, daf\u00fcr aber die Ausstattung: Optisch grob Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt, beh\u00e4lt man aus 140 Minuten Film die futuristisch an Seilen \u00fcber den D\u00e4chern von Lissabon schwebenden Stra\u00dfenbahnen am l\u00e4ngsten im Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Filmisch bietet \u201ePoor Things\u201c einiges Unerwartetes und Unkonventionelles. Nach der Suizidsequenz, dem Sturz einer Frau von einer Londoner Br\u00fccke, f\u00e4hrt der Film in Schwarzwei\u00df fort. Die ersten Szenen, in denen man noch uneingeweiht bleibt, sind sehr ruckartig und hektisch montiert, es kehrt keine Ruhe ein, w\u00e4hrend man Bella Baxter dabei zusieht, wie sie sich in einer \u00fcppig ausgestatteten Residenz roboterartig mit dem Alltag auseinandersetzt, begleitet von einem vernarbten Wissenschaftler und einer Haush\u00e4lterin, bald zudem von einem Medizinstudenten, der ihre Entwicklung dokumentiert, sich absurderweise in die kindhafte Bella verliebt und sie auch noch, angestachelt vom besitzergreifenden Wissenschaftler, heiraten will. Nachdem Bella jedoch die Freuden der Selbstbefriedigung f\u00fcr sich entdeckt, l\u00e4sst sie den findigen Anwalt, der den Ehevertrag aufsetzen soll und Gefallen an der verf\u00fchrerischen wie leicht zu verf\u00fchrenden Monsterfrau findet, in jeder Hinsicht an sich heran und b\u00fcxt mit ihm nach Lissabon aus \u2013 ihr erster Ausflug in die Freiheit, zack-zack.<br><br>Damit wechselt der Film von Schwarzwei\u00df auf knallige Farben, beh\u00e4lt die filmischen Mittel aber bei: Einige Szenen sind durch ein fischaugiges Camera-Obscura-Loch gedreht; meistens wechselt hernach etwas, die Stimmung oder die emotionale Ausrichtung. Viele Szenen sind in extremem Weitwinkel gedreht, was einen besseren \u00dcberblick \u00fcber die R\u00e4ume erlaubt und eine beinahe schrille Dynamik mittr\u00e4gt. Au\u00dfenszenen sind von einem k\u00fcnstlichen, aber beeindruckend gestalteten Himmel untermalt. Und Au\u00dfenszenen gibt es bei den kulissenhaften Stationen Lissabon, dem Mittelmeerdampfer und Paris einige. Dazu gesellt sich ein Score, der mit Fug und Recht als kongenial zu bezeichnen ist: Die Musik gibt nicht wie bei Hans Zimmer die Emotionen vor, sondern begleitet die Wechsel in den Stimmungen akustisch, mit an digitale Shreds grenzenden Stakkatos, ins falsch Gestimmte neigenden Melodien, abruptem L\u00e4rm-Bombast.<br><br>In Lissabon also vergn\u00fcgt sich die bereits vergebene Bella mit dem selbst au\u00dferordentlich promiskuitiven Anwalt \u2013 und bald auch mit anderen M\u00e4nnern. Der Anwalt wird rasend vor Eifersucht und entf\u00fchrt sie auf einen Dampfer, dessen Enge ihren Freiheitswillen indes nicht wie erwartet eind\u00e4mmt. Aus Gr\u00fcnden verarmt, kommen sie in Paris unter, wo sich Bella als Prostituierte einen sch\u00f6nen Lebensstil erwirtschaftet und ihre sexuellen Horizonte massiv erweitert, w\u00e4hrend der Anwalt verzweifelt das Weite zu suchen hat. Bis Bella erf\u00e4hrt, dass der Wissenschaftler, bei dem sie ihr zweites Bewusstsein erlangte, im Sterben liegt, sie also nach London zur\u00fcckkehrt, den Studenten heiraten will, vorm Altar von ihrem ersten Gatten weggeschleppt wird, der noch durchgeknallter ist als der Anwalt, der ihn aufhetzt, und sie wieder zur\u00fcck und dann den Studenten doch noch ehelicht und mit ihrer Lieblingskollegin aus dem Bordell und den lustigen Hybridwesen auf dem Anwesen des krebskranken Wissenschaftlers einen Cocktail und wo waren wir gerade?<br><br>Sehr puh, ja. Bellas Verhalten ist unbedarft, weil, wie man erf\u00e4hrt, von einem Gehirn gesteuert, das eigentlich einem Ungeborenen geh\u00f6rte, also Leben, Sprache, Bewegung, Gesellschaft, Konventionen und alles erst noch erlernen muss. Mit dieser Unbedarftheit spiegelt sie ihre Umwelt, da liegt viel Humor. Zun\u00e4chst f\u00e4llt sie auf die Verlockungen neuer Begegnungen herein, passt aber nach ersten unappetitlichen Erfahrungen ihr Weltbild und damit ihr folgendes Verhalten an. Ihr Bestreben ist die eigene Freiheit, die zuvorderst sexuell motiviert ist, und darauf, nun, reitet der Film \u00fcberreichlich herum. Als g\u00e4be es zum Thema Emanzipation keine weiteren Aspekte. Gibt es, aber die treten in den Hintergrund; wenn der Anwalt behauptet, Bella habe mit ihrer Vielv\u00f6gelei sein Leben ruiniert, kommt die Replik zu kurz, dass er f\u00fcrs Ruinieren seines Lebens schon ganz gut selbst verantwortlich war. Umgekehrt ist es eine schwer nachvollziehbare Haltung des Studenten, dass es ihm egal sei, wie viele Typen Bella in ihrer Abwesenheit v\u00f6gelte, und dass das Geld, dass sie daf\u00fcr nahm, seiner Ansicht nach sogar viel zu gering gewesen sei. Angesichts der Tatsache, dass er eine wiederbelebte Leiche datet, muss man da wohl von Kadavergehorsam sprechen.<br><br>Viel Geficke also, und das auch so bezeichnet, was etwas merkw\u00fcrdig ist: Einerseits ist der Film optisch Ende des 19. Jahrhunderts zu vermuten, bereichert um retrofuturistische Steampunk-Elemente, die den Betrachter zutiefst beeindrucken, andererseits sprechen die Personen zum Teil wie heute, besonders im vulg\u00e4ren Vokabular. Diese relativ monothematische Orientierung ums Untenrum verhindert zudem eine Bindung zu den Charakteren, die teilweise zwar interessant erscheinen, aber dauerhaft nicht viel zu bieten haben. Die Figuren lassen einen einfach mal kalt.<br><br>Und das trotz der teilweise guten bis gro\u00dfartigen Schauspielkunst. Willem Dafoe als zerfurchter asexueller Wissenschaftler Godwin Baxter mit dem lustig-subtilen Rufnamen God bereitet einige Freude, \u00fcbertroffen nur von Emma Stone, die die Entwicklung von der ungelenken Ex-Leiche \u00fcber die naive Teenagerin zur selbstbestimmten Frau \u00fcberzeugend performt; auch bekleidet: Sobald sie mal nicht nackt ist, tr\u00e4gt sie zu ihrer Profession passend Puff\u00e4rmel. Die Figur, die Hanna Schygulla darstellt, unterh\u00e4lt sehr angenehm. Die M\u00e4nner hingegen sind karikaturesk \u00fcberzeichnet, vom wahnsinnigen Anwalt \u00fcber den manischen Ex-Gatten \u00fcber die endlose Phalanx der voyeuristisch-kuriosen Freier bis hin zum \u00fcberbraven Studenten.<br><br>Feminine Selbsterm\u00e4chtigung durch sexuelle Freiz\u00fcgigkeit bleibt als angenommener Schwerpunkt dieses Filmes haften. Als Spiegel der verklemmten Gesellschaft, die ein solches Leben im Verdeckten ebenfalls f\u00fchrt oder gern f\u00fchren w\u00fcrde, ein netter Aspekt, aber man h\u00e4tte diese Inhalte auch weniger explizit und monothematisch zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen. Ach ja, der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei nat\u00fcrlich der naheliegende Bezug erw\u00e4hnt: Mary Shelleys \u201eFrankenstein oder Der neue Prometheus\u201c, der hier in der Romanvorlage \u201ePoor Things: Episodes From The Early Life Of Archibald McCandless M.D. Scottish Public Health Officer\u201c von Alasdair Gray aufgeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (07.02.2024) Wer Emma Stone gern st\u00e4ndig nackt und beim Sex sehen m\u00f6chte, ist bei \u201ePoor Things\u201c genau richtig. 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