{"id":5999,"date":"2024-01-18T18:51:56","date_gmt":"2024-01-18T17:51:56","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5999"},"modified":"2024-01-18T18:51:56","modified_gmt":"2024-01-18T17:51:56","slug":"der-junge-und-der-reiher-%e5%90%9b%e3%81%9f%e3%81%a1%e3%81%af%e3%81%a9%e3%81%86%e7%94%9f%e3%81%8d%e3%82%8b%e3%81%8b-the-boy-and-the-heron-hayao-miyazaki-%e5%ae%ae%e5%b4%8e-%e9%a7%bf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/der-junge-und-der-reiher-%e5%90%9b%e3%81%9f%e3%81%a1%e3%81%af%e3%81%a9%e3%81%86%e7%94%9f%e3%81%8d%e3%82%8b%e3%81%8b-the-boy-and-the-heron-hayao-miyazaki-%e5%ae%ae%e5%b4%8e-%e9%a7%bf\/","title":{"rendered":"Der Junge und der Reiher (\u541b\u305f\u3061\u306f\u3069\u3046\u751f\u304d\u308b\u304b\/The Boy And The Heron) \u2013 Hayao Miyazaki (\u5bae\u5d0e \u99ff) \u2013 J 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (18.01.2024)<\/p>\n\n\n\n<p>Dem vermutlich jetzt wirklich letzten langen Film des inzwischen 83j\u00e4hrigen Studio-Ghibli-Mitgr\u00fcnders Hayao Miyazaki misst man selbstredend eine besondere Aufmerksamkeit bei. Mit seinen Animes verzaubert er die Welt, weil jene in diesen Filmen kopfsteht, nicht nur aus westlicher Sicht, und weil seine Animationen bahnbrechend sind. In den zweist\u00fcndigen \u201eDer Junge und der Reiher\u201c, der auf Japanisch ungef\u00e4hr \u201eWie lebt ihr?\u201c hei\u00dft, l\u00e4sst er vertraute Elemente fr\u00fcherer Filme in eine Geschichte \u00fcber Entwurzelung, Adoleszenz, Trauer und Krieg einflie\u00dfen. Fantasievoll ist das Wort, das \u00fcber allem schwebt, r\u00e4tselhaft, sch\u00f6n \u2013 aber auch schwerm\u00fctig, passend zur Zeit. Eskapismus ist nicht das Kernvorhaben dieser Jugendbuchverfilmung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Tokio befindet sich im Krieg (gemeint ist der Pazifikkrieg, 1937 bis 1945; zu dieser Zeit passt der neoklassische, teils minimalistische Score von Joe Hisaishi), die Mutter des zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Mahito verbrennt nach einem Angriff an ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus und der Vater zieht mit dem Spr\u00f6ssling aufs Land, um die j\u00fcngere Schwester der Verstorbenen zu ehelichen und mit ihr ein Geschwister zu zeugen. Das Anwesen birgt einen verborgenen Turm, der vor Ewigkeiten vom Himmel fiel und in dem in dem einst der Gro\u00dfonkel verschwand. Ein namenloser, bald anthropomorpher Graureiher mit unornithologischer Physiognomie (diese Z\u00e4hne!) nimmt Kontakt zu Mahito auf, um ihn zur angeblich doch nicht toten Mutter zu bringen. Der wehrt sich mit Waffengewalt, kann seinem Schicksal aber nicht entrinnen und verirrt sich bald in einer Paralleldimension, in der man sich auch als Betrachter erstmal zurechtfinden muss. Die meisten Personen, denen Mahito begegnet und die keine menschenfressenden V\u00f6gel sind, kennt er bereits, erkennt dies aber erst sp\u00e4ter und mit ihm die Zuschauenden. Man folgt dem Jungen bereitwillig, auch wenn \u2013 wie zun\u00e4chst auch bei \u201eChihiros Reise ins Zauberland\u201c \u2013 nicht ganz klar ist, welches Ziel er ansteuert. Hier ist es die Abwendung vom Eskapismus in Fantasiewelten, ersetzt durch Trauerbew\u00e4ltigung und das Gestalten des eigenen Lebens nach dem Tod anderer, was in der Tat erst auf den letzten Metern offenbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcnstlerisch ist \u201eDer Junge und der Reiher\u201c \u00fcberw\u00e4ltigend prachtvoll, ganz wie erhofft und eigentlich auch erwartet. Ein Bilderrausch, im Wechsel zwischen bedrohlicher Dynamik und belasteter Kontemplation: Die Flammen, die aus dem Krankenhaus schlagen und in die schnelle Bewegung derer \u00fcbergehen, die die Eingeschlossenen zu retten versuchen. Das Wasser, wie es flie\u00dft, Wellen bildet, an den Strand schl\u00e4gt, aus Karaffen rinnt. Kleidung ist nie statisch, stets verliert sich Wind in den Stoffen. Keine Figur bewegt sich wie die andere, hier ist nichts gestempelt, nicht einmal in den Massenszenen mit Pelikanen, Kr\u00f6ten, Sittichen oder Warawaras. Jede Bewegung von Lebewesen wirkt wie an der Realit\u00e4t abgefilmt, nicht wie gezeichnet und animiert. Wie immer bei Ghibli-Filmen muss man sich ab und zu vergegenw\u00e4rtigen, dass man es gerade mit einem Zeichentrickfilm zu tun hat. Einzig die Lippenbewegungen passen im japanischen Original nicht immer exakt zu den \u00c4u\u00dferungen, das verwundert bisweilen.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem ersten Film nach seinem Abgang \u2013 und daher vermutlich wahrhaftig in seinem letzten \u2013 greift Miyazaki auf vertraute Elemente seiner fr\u00fcheren Arbeiten zur\u00fcck, inhaltlich wie visuell. Die alten Tanten am Anwesen der neuen Mutter sehen aus wie die Hexe aus \u201eChihiros Reise ins Zauberland\u201c, das Thema Entwurzelung von Kindern kennt man aus \u201eMein Nachbar Totoro\u201c, die Kletterpartien und potentiellen Abst\u00fcrze am Geb\u00e4ude sind aus \u201eDas Schloss im Himmel\u201c bekannt, Parallelwelten gab es auch in \u201eDas wandelnde Schloss\u201c, die Warawaras, Seelen ungeborener Menschen, erinnern an invertierte Ru\u00dfbolde. Auch der uneindeutige Umgang mit Gut und B\u00f6se tritt hier wieder auf: Den Graureiher fasst Mahito zun\u00e4chst \u2013 f\u00fcr Betrachtende etwas unmotiviert \u2013 als Gegner auf und bezeichnet ihn sp\u00e4ter als Freund, auch die Rolle und Motivation des Turmherren wandeln sich. Anders ist hier indes, dass die Hauptfigur nicht weiblich ist, trotz wichtiger weiblicher Figuren im Film, insbesondere der Flammenfrau Himi.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kommt das Aber, und das liegt vermutlich in der Schwermut des Filmes begr\u00fcndet. Auch bei Chihiro oder \u201eDas wandelnde Schloss\u201c hatte man Schwierigkeiten, dem Verlauf der Geschehnisse zu folgen, war aber von den Einf\u00e4llen und bunten, oft humorvollen, munteren, gleichfalls auch beeindruckenden b\u00f6sen und \u00fcbersinnlichen Randelementen so eingenommen, dass man den Film einfach wirken lie\u00df und am Ende sehr wohl auch inhaltlich auf seine Kosten kam. Beim Graureiher ist das anders gelagert: Miyazaki reiht die Etappen aneinander, er l\u00e4sst sie nicht \u00fcberlappen, und rei\u00dft einige lediglich an, ohne sie aufzul\u00f6sen. Dadurch befindet man sich immer wieder in anderen R\u00e4umen und Gesellschaften, zwischen vollgepropft und leer, und kann sich auf keine Situation lang genug einlassen, um zu erfassen, worauf die Handlung jetzt eigentlich aus ist. Zum Ende hin webt Miyazaki diverse Aha-Effekte ein, \u00fcber das wahre Wesen einiger handelnder Personen, und diese Momente braucht man auch, nur wirken sie nicht auf die Weise erl\u00f6send, wie es ihm in fr\u00fcheren Filmen gelingt, sondern vielmehr wie Punkte auf dem Klemmbrett, die er abhakt. Und abgehackt ist auch der Schluss, einmal mehr, auch das ist typisch f\u00fcr Ghibli, entl\u00e4sst die Zuschauenden hier aber \u00fcber die Ma\u00dfen abrupt in den Kinosaal.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch, es ist immer ein Fest, einen Ghibli-Film auf gro\u00dfer Leinwand zu sehen. Das Buch von Genzabur\u014d Yoshino ist nach dem Erfolg dieser Verfilmung immerhin auch auf Englisch zu bekommen; Miyazaki gibt an, dass es ihn in seiner eigenen Kindheit sehr pr\u00e4gte. Nun, auch das Buch zu \u201eKikis kleiner Lieferservice\u201c von Eiko Kadono sollte sich doch endlich auf Deutsch \u00fcbersetzen lassen, oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (18.01.2024) Dem vermutlich jetzt wirklich letzten langen Film des inzwischen 83j\u00e4hrigen Studio-Ghibli-Mitgr\u00fcnders Hayao Miyazaki misst man selbstredend eine besondere Aufmerksamkeit bei. 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