{"id":5990,"date":"2024-01-17T21:12:21","date_gmt":"2024-01-17T20:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5990"},"modified":"2024-01-17T21:12:21","modified_gmt":"2024-01-17T20:12:21","slug":"freiwillige-selbstkontrolle-topsy-turvy-buback-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/freiwillige-selbstkontrolle-topsy-turvy-buback-2023\/","title":{"rendered":"Freiwillige Selbstkontrolle \u2013 Topsy-Turvy \u2013 Buback 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/F.S.K.-Topsy-Turvy.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/F.S.K.-Topsy-Turvy.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5991\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (17.01.2024)<br><br>Wie man das Abseitige und das Eing\u00e4ngige wundervoll in Einklang bringt, belegt die Freiwillige Selbstkontrolle immer wieder und so auch auf dem neuen Album \u201eTopsy-Turvy\u201c. Niemals ist ein Song der M\u00fcnchener Institution auch nur ansatzweise vorhersehbar, niemals folgt die Komposition vertrauten Mustern, und doch sind die acht neuen St\u00fccke herzerw\u00e4rmend und eing\u00e4ngig. Und trotz einer 43 Jahre andauernden Erfahrung wirken ausgew\u00e4hlte Elemente auf eine einnehmende Weise amateurhaft, wenn mal ein Percussionbeat minimal dem Takt nachschl\u00e4gt, der Chorsprechgesang wie von einer Laienschauspieltruppe vorgetragen wirkt oder der Gesang um einen Halbton die eingeschlagene Melodie verfehlt, aber schei\u00df drauf, oder besser: richtig so, glattgeb\u00fcgelt kann jeder, \u201eTopsy-Turvy\u201c hat Seele und Charakter, obendrauf politische Haltung und Humor \u2013 und ist in keine Schublade einzuordnen. Ja, verdammt: Das ist Kunst!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Synthies, Klavier, nat\u00fcrlich Gitarre, Bass und Schlagzeug, kurioses Percussionzeug, viel Stimme, auch mal Cello, Posaune und Trompete, schon die Instrumentenzusammenstellung l\u00e4sst keine wirklichen R\u00fcckschl\u00fcsse darauf zu, was f\u00fcr eine Musik die Freiwillige Selbstkontrolle, wie sich die um 1989 in F.S.K. umbenannte Band hier wieder nennt, auf dem Album zusammenstellt. Das \u00e4ndert sich erfreulicherweise auch nicht, wenn man es h\u00f6rt. Was ist das im Opener \u201eDas Parlament der Dinge\u201c \u00fcberhaupt f\u00fcr ein Rhythmus? Bass-Bass-Bass-Bass-Snare-Becken-Becken-Becken? Und schon ist man mittendrin im besten F.S.K.-Groove, den die Band auf Albumstrecke fortw\u00e4hrend variiert und in alle sonstwie experimentellen Angelegenheiten integriert, um wahlweise sich selbst und die H\u00f6renden mitzurei\u00dfen. Was die Band dann auch damit vollf\u00fchrt, dass nach anf\u00e4nglichen Parolenzitaten im Er\u00f6ffnungsst\u00fcck ein Synthie einen weichen Teppich ausrollt, eine dezente Funk-Gitarre hinzutritt und der Song ein sch\u00f6ner politischer Schunkler wird, \u201eum f\u00fcnf nach zw\u00f6lf\u201c.<br><br>Eine Art Wikipedia-Vortrag, dargeboten in einer an Frank Spilker erinnernden Zwei-Ton-Melodie, \u00fcber den \u201eShoah\u201c-Regisseur \u201eClaude Lanzmann (und sein Bruder)\u201c folgt. Unterlegt ist der Text mit einer schleppenden Percussion, bald thematisch passend abgel\u00f6st von filmorchestraler Opulenz. Zuletzt f\u00e4hrt die Band die Wucht zur\u00fcck und l\u00e4sst ein frei kratzendes Cello an die Stelle der Stimme treten. In \u201eStirn Zeigen\u201c kommt der alte Punk nochmal durch, zumindest im Ausdruck, in allein und im Chor gebellten Parolen, die inhaltlich den Titel mehrdeuten, einmal auf Frisuren bezogen, zum anderen auf politische Haltung. Das St\u00fcck beginnt vom Schlagzeug dominiert, zur Mitte macht das Keyboard daraus einen handgespielten Technotrack \u2013 mit Boogie-Piano. Das Quasi-Titellied \u201eIt\u2019s A Topsy-Turvy World\u201c ist ein gesprochenes Cut-Up, eine fragmentarische mehrsprachige Zitatesammlung, das Lied darunter sanfter Pop, mit watteweichen Synthies, diversen Percussion-Spielereien, minimalistischer Gitarrenmelodie und Krautrock-Beat. Man will alles verstehen, was man h\u00f6rt, kann es nicht inhaltlich erfassen, schlie\u00dft es aber dennoch dringend ins Herz.<br><br>Ebenso abgehangen groovend beginnt die B-Seite \u2013 das Album gibt\u2019s physisch ausschlie\u00dflich auf Vinyl \u2013 mit \u201eHome Office\u201c, das zun\u00e4chst mit Orgel und pulsierendem Basslauf auf einem dezenten Country-Rhythmus die H\u00f6renden sanft einnimmt, um das St\u00fcck dann abrupt mit dr\u00fcbergelegten Freejazzpiano und -trompete in eine v\u00f6llig unerwartete, aber absolut \u00fcberzeugende Richtung zu wenden. In \u201eKaufhalle Revisited\u201c bedienen sich F.S.K. bei sich selbst und \u00fcbertragen ihre 1981 auf der 7\u201c \u201eTeilnehmende Beobachtung\u201c ver\u00f6ffentlichte heute noch g\u00fcltige Konsumkritik auf die Gegenwart. Minimalistisch ist die Musik geblieben, indes handgespielt, mit leisem Schlagzeug und lediglich einigen Ger\u00e4uschen statt irgendwelchen Melodien, die eine Liturgie des Kapitalismus\u2018 transportieren, \u00fcber die man alsbald lachen muss, so absurd ist sie in ihrer Treffsicherheit: \u201eEin entschiedenes Nein zu Hertie!\u201c<br><br>Ein elektronisch begleitetes Landschaftsbild einer Gegend im Odenwald stellt \u201eAmorbach\u201c dar, benannt nach der Lieblingsstadt von Theodor W. Adorno. Wer, nebenbei, wei\u00df schon, wof\u00fcr das \u201eW.\u201c in \u201eTheodor W. Adorno\u201c steht? \u201eWiesengrund\u201c, sprechsingen F.S.K., und nennen den Philosophen aus Frankfurt am Main kumpelhaft \u201eTeddy\u201c, w\u00e4hrend sie beschreiben, wie er mit seinen \u201ezwei M\u00fcttern\u201c einen Berg besteigt. Mit der Frage \u201eWer hat die Kokosnuss geklaut\u201c beginnen F.S.K. das letzte St\u00fcck \u201eDigital Benin (November 2022)\u201c, das den Umgang mit kolonialer Raubkunst behandelt und seinerseits eine Art kulturellen Raub begeht: Ein Afrobeat dominiert diesen skandierten politischen Aufruf, zu dem man immer noch tanzen kann.<br><br>Die Freiwillige Selbstkontrolle hat keine Geheimnisse. Auf ihrer Bandcamp-Seite ver\u00f6ffentlicht die Band Infos und Hintergr\u00fcnde zu allen Songs und zur eigenen Biografie, was einen transparenten Kontrast setzt zur scheinbar verr\u00e4tselten Platte. F.S.K. sind seit 1980 in Originalbesetzung zusammen, das sind, und hier kann man die Info direkt \u00fcbernehmen: \u201eJustin Hoffmann an Keyboards und Gitarre, Thomas Meinecke an Gitarren, Kornett und Drum Pads, Michaela Meli\u00e1n an Bass und Cello, Wilfried Petzi an Gitarre, Mandoline und Posaune. Seit 1990 gibt es als f\u00fcnftes festes Mitglied den Schlagzeuger Carl Oesterhelt, der die Drum Machine ersetzte und als einziger im Line-up nicht auch singt.\u201c Alle f\u00fcnf sind nebenbei bis hauptberuflich auch anderweitig aktiv: Michaela Meli\u00e1n als bildende K\u00fcnstlerin, Thomas Meinecke als Schriftsteller, Wilfried Petzi als Fotograf, Carl Oesterhelt als Komponist und Justin Hoffmann als Leiter des Kunstvereins Wolfsburg.<br><br>\u201eTopsy-Turvy\u201c ist das erste Lebenszeichen von F.S.K. auf Tontr\u00e4ger seit dem 2017er Live-Album mit dem begnadeten Titel \u201eEin Haufen Schei\u00df und ein zertr\u00fcmmertes Klavier\u201c, das letzte Studioalbum \u201eAkt, eine Treppe hinabsteigend\u201c ist bereits aus dem Jahr 2012. Davor unternahm die Band zahllose stilistische Ausfl\u00fcge, auf denen sie sich nie festlegte, \u00fcber analogen Techno, Post-Punk, US-Folklore bis hin ins Studio des DJ-Helden John Peel. Das Konzept, Vorhandenes zu zerlegen und f\u00fcr sich neu zu nutzen, behalten F.S.K. auch auf \u201eTopsy-Turvy\u201c bei, das man mit allem k\u00fcnstlerischen Anspruch, mit allen edukativ vermittelten Inhalten und mit aller pseudo-dilettantischer Schr\u00e4gheit tanzend liebt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (17.01.2024) Wie man das Abseitige und das Eing\u00e4ngige wundervoll in Einklang bringt, belegt die Freiwillige Selbstkontrolle immer wieder und so auch auf dem neuen Album \u201eTopsy-Turvy\u201c. 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