{"id":5893,"date":"2024-01-02T17:18:51","date_gmt":"2024-01-02T16:18:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5893"},"modified":"2024-01-02T17:18:51","modified_gmt":"2024-01-02T16:18:51","slug":"real-rueckzug-nagelwork-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/real-rueckzug-nagelwork-2023\/","title":{"rendered":"Real \u2013 R\u00fcckzug \u2013 Nagelwork 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Real-Rueckzug.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"122\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Real-Rueckzug.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5894\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (02.01.2024)<br><br>Nicht alles, was elektronisch ist, muss Techno oder EBM sein, nicht alles, was Sprechgesang ist, muss Rap sein, und nicht alles, was hart ist, muss schnell sein: Auf \u201eR\u00fcckzug\u201c, dem zweiten Album von Jens Nagels neuem Projekt mit dem nicht googelbaren Namen Real, findet sich alles davon, in allen Ausrichtungen, sehr minimalistisch und dennoch \u00fcberraschend eing\u00e4ngig, dabei theatralisch, zynisch, hoffnungslos. Nagel gibt der Menschheit wenig \u00dcberlebenschance \u2013 widersprechen mag man ihm nicht, aber wenn der Soundtrack zum Untergang so gro\u00dfartig ist, erlebt man den eben gern mit.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> Kein Song ist wie der andere, Nagel wildert in den Genres und verleiht ihnen seinen eigenen Anstrich: Hier h\u00f6rt man Electropop, Breakbeat, Minimal-Electro, auch Industrial, EBM und Techno, aber alles als Transportvehikel f\u00fcr die Ideen, das Konzept, die musikalische Visitenkarte, die Nagel hier \u00fcberreicht. Seine Melodien sind minimalistisch, reduziert auf wenige T\u00f6ne, repetitiv, und doch erreicht er damit eine unwiderstehliche Eing\u00e4ngigkeit. Trotz d\u00fcsterer Visionen und in der Gruftiszene ausgeborgter Genres l\u00e4sst sich Real dort nicht verorten, weil er daf\u00fcr zu viel Humor hat. B\u00f6sartigen. Sein eingebauter Pop l\u00e4sst sich sicherlich mit dem der Achtziger assoziieren, aber lediglich in Sachen Zug\u00e4nglichkeit oder Struktur, nicht in der technischen Herangehensweise: Nagel bleibt in der Gegenwart, wenn nicht sowieso in der Zukunft, so kalt und futuristisch, wie seine Musik bisweilen erklingt. Dazu spricht er mehr als er singt, in einer dunklen, angenehmen Tonlage, der man gern zuh\u00f6rt, die auch in ihrem Minimalismus eing\u00e4ngig ist und die zwar ansatzweise an Rap erinnert, aber vielmehr die Theaterb\u00fchne innehat, also \u2013 auch mit der Kombination aus Zynismus und Elektronik \u2013 eher an das ebenfalls regional ans\u00e4ssige Kr\u00fcger-Glantz-Quartett angelehnt ist als an Nagels fr\u00fchere Band Phase V.<br><br>Den zehn Tracks liegt eine Dramaturgie inne: Los geht es drei St\u00fccke lang mit sich steigernder Intensit\u00e4t, technoid und tanzbar etwa \u201eDer weise Mann\u201c, b\u00f6se br\u00fcllend \u201eUnvers\u00f6hnlich\u201c, bis im vierten St\u00fcck \u201eFahrstuhl\u201c pl\u00f6tzlich f\u00fcr sechs Minuten alle Beats herausgenommen sind und Nagel erz\u00e4hlt, wie gern er sich dem Auf und Ab des Aufzugs hingibt, um f\u00fcr sich zu sein, trotz der Mitreisenden, weil die nur tempor\u00e4r dabei sind und zudem \u00fcberwiegend schweigen. Das St\u00fcck erinnert an die j\u00fcngeren Einst\u00fcrzenden Neubauten, wenn Blixa Bargeld zu minimalistischer Musik vor sich hin assoziiert. Mit \u201e20.000 Meter\u201c wechselt Nagel zum einen die L\u00e4ngenma\u00dfeinheit von Jules Verne und zum anderen abermals die Ausrichtung: Der Song ist zwar rhythmisch, bleibt aber ohne Beats. Die kommen erst anschlie\u00dfend hinzu, in \u201eWie Dreck\u201c, von dem man annimmt, es beschreibe die Abscheulichkeit einer Person, doch \u00fcberrascht Nagel mit einer anderen Eigenschaft der titelgebenden Substanz: \u201eMich kriegt man nicht mehr weg.\u201c<br><br>Im Titelst\u00fcck zieht Nagel Nachrichtensamples und Politikerinterviews heran, um seine Abscheu der Menschheit gegen\u00fcber zum Ausdruck zu bringen: \u201eGier ist geil\u201c, l\u00e4sst er uns wissen, auch wenn man zun\u00e4chst noch glauben will, ihn hedonistisch \u201eBier ist geil\u201c rufen zu h\u00f6ren, aber Pustekuchen, hier gibt\u2019s die tanzbare Botschaft. In \u201eDer Pakt\u201c erinnert seine erhoben im Hintergrund rufende Stimme an Sven V\u00e4th alias Off in dessen St\u00fcck \u201eBe My Dream\u201c, da kommen die Achtziger wieder zum Ausdruck. Sein \u201eSpiritus\u201c hingegen gemahnt in Downbeat und Gitarre an die sp\u00e4teren The Fair Sex, ungef\u00e4hr \u201eLabyrinth\u201c 1995. Abschlie\u00dfend kredenzt Nagel ein gigantisches St\u00fcck Hoffnungslosigkeit: \u201eDer freie Wille\u201c zieht einem die Tanzschuhe aus und den Teppich unter den nun nackten F\u00fc\u00dfen weg. \u201eEs gibt keine L\u00f6sung, keinen Ausweg, keinen Sinn\u201c, m\u00f6chte man Oswald Henke zitieren, und mit Nagel schlie\u00dfen: \u201eAber danke f\u00fcr den freien Willen.\u201c<br><br>Trotz einiger feststellbarer Analogien ist Nagel als Real ausnehmend eigen. Sein \u201eR\u00fcckzug\u201c hat etwas Beklemmendes, durch die reduzierten Melodien und die stetige Wiederholung, und das ist nicht die einzige Emotion neben Zynismus, die er vermittelt: Eine gewisse Ausweglosigkeit l\u00e4sst sich heraush\u00f6ren, und nicht nur daraus resultiert eine Wut. Wie gut, dass Nagel seine Gef\u00fchle in rhetorischen Mitteln \u00e4u\u00dfert, nicht physisch. So hat man als K\u00e4ufer der CD nachhaltig etwas davon.<br><br><a href=\"http:\/\/real-musik.de\" data-type=\"link\" data-id=\"real-musik.de\">real-musik.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (02.01.2024) Nicht alles, was elektronisch ist, muss Techno oder EBM sein, nicht alles, was Sprechgesang ist, muss Rap sein, und nicht alles, was hart ist, muss schnell sein: Auf \u201eR\u00fcckzug\u201c, dem zweiten Album von Jens Nagels neuem &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/real-rueckzug-nagelwork-2023\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-5893","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5893","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5893"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5893\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5895,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5893\/revisions\/5895"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}