{"id":5732,"date":"2023-11-12T16:15:35","date_gmt":"2023-11-12T15:15:35","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5732"},"modified":"2023-11-12T16:15:35","modified_gmt":"2023-11-12T15:15:35","slug":"the-old-oak-ken-loach-gb-f-b-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/the-old-oak-ken-loach-gb-f-b-2023\/","title":{"rendered":"The Old Oak \u2013 Ken Loach \u2013 GB\/F\/B 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (12.11.2023)<br><br>Die Welt ist Schei\u00dfe, und ein extrem negativer Faktor ist die Gemengelage aus Rassismus, Rechtsruck und Neofaschismus, die sich allerorts ungehemmt in die Mitte der Gesellschaft ausbreitet. Die Welt k\u00f6nnte mit Humanismus und Solidarit\u00e4t ein so viel besserer Ort sein, findet auch der 87j\u00e4hrige Ken Loach, der zuverl\u00e4ssige Abbilder sozialer Themen aus linker Perspektive, und l\u00e4sst ein vergessenes Kohledorf im Nordosten Englands auf die Ankunft syrischer Gefl\u00fcchteter reagieren. Zentrale Personen sind der Pubwirt TJ und die Syrerin Yara, die eine Dorfgemeinschaft zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen erwirken wollen \u2013 und Loach flicht alles ein, was es an Negativit\u00e4t in diesem Kosmos zu berichten gibt. Und potentiell Positivem: \u201eThe Old Oak\u201c ist damit ein M\u00e4rchen \u2013 leider.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Im Pub mit dem titelgebenden Namen sitzen die Dorfbewohner und echauffieren sich \u00fcber die Situation im Land: Immobilienheuschrecken, Arbeitslosigkeit nach der Grubenschlie\u00dfung, Armut, Verwahrlosung, Krankheit, ausbleibende Hilfe vom Staat, und dann kommen noch Leute aus Syrien, Muslime mit Kopft\u00fcchern gar, um sich zu bereichern und den Engl\u00e4ndern alles wegzunehmen, und wer wei\u00df denn, ob da nicht sogar versteckte Islamisten mit bei sind. Noch schlimmer: Ihr Wirt TJ stellt sich auf deren Seite, freundet sich mit Yara an, organisiert mit Kumpelin Laura Spendenlieferdienste an die H\u00e4user, in denen die syrischen Familien untergekommen sind, und stellt ihnen sogar den stillgelegten Saal seines Pubs zur Verf\u00fcgung, was er seinen alten Kunden verweigerte, als sie darin eine fremdenfeindliche Sitzung abhalten wollten.<br><br>Eine unertr\u00e4gliche Szenerie, der man sich hilflos ausgesetzt f\u00fchlt. Was Loach hier vermeidet, ist die zu bef\u00fcrchtende Gewalt; ein Junge wird von Mitsch\u00fclern verpr\u00fcgelt, physischer entl\u00e4dt sich hier kein Hass, aber daf\u00fcr psychisch, und das nicht zu knapp. Was auch deshalb so schmerzhaft trifft, weil alle Beteiligten an der Seele getroffen sind: die Syrer, weil ihre Heimat zerbombt wird und das Schicksal zur\u00fcckgelassener Familienmitglieder unklar ist, und die Einheimischen, weil sie den wirtschaftlichen Niedergang ihrer Region miterleben mussten. TJ verlor seinen Vater in der Grube und Frau und Sohn an seine Arbeit, lediglich sein Hund bleibt ihm, der ihn einst vor Suizid bewahrte. Belastet sind sie eben alle, auch die Engl\u00e4nder vor Ort (\u201eIch bin auch Fl\u00fcchtling, mein Vater kam aus Irland\u201c), und das vergisst Loach bei seinem Pl\u00e4doyer nicht. Deshalb kommen Laura, Yara und TJ ja auch auf die Idee, den Saal des Pubs wie weiland beim Gro\u00dfen Streik in den Achtzigern zweimal w\u00f6chentlich f\u00fcr gemeinsame Verpflegung zu nutzen, mit gespendeten Lebensmitteln und gemeinschaftlich ehrenamtlich zubereitet. Widerstand von den bekannten Rechtsdenkern gibt es trotzdem. Und eine L\u00f6sung, die die Brutalit\u00e4t des Kriegs mit etwas M\u00e4rchenhaftem kombiniert. So sch\u00f6n k\u00f6nnte es sein, und man wei\u00df: wird es nie, daf\u00fcr sind Menschen seit schon immer viel zu Schei\u00dfe.<br><br>Loach kennt alle Argumente, die der Fremdenfeinde wie die der Besonnenen; er bringt gute Argumente f\u00fcr Solidarit\u00e4t und widerlegt die schlechten mit Taten. Er l\u00e4sst TJ auf den Punkt das Schl\u00fcsselargument bringen, dass es im Land schon Schei\u00dfe war, bevor die Gefl\u00fcchteten kamen, und dass es f\u00fcr sie eine einfache L\u00f6sung ist, die daf\u00fcr verantwortlich zu machen, also nach unten zu treten und nicht nach oben. Er zeigt, dass sich Geschichte wiederholt, dass Streikbrecher bei den Bergarbeiterprotesten 1984 auch nicht verhindern konnten, dass die Gruben geschlossen wurden, dass eine Antihaltung also zu nichts f\u00fchrt, sondern dass auch damals schon die Solidarit\u00e4t die Gemeinschaft st\u00e4rkte.<br><br>Wie immer findet Loach ausdrucksstarke Schauspieler f\u00fcr sein Personal. Man sieht es Loachs Stammdarsteller Dave Turner als TJ vom ersten Moment an an, dass er ein verl\u00e4sslicher Zeitgenosse ist, w\u00e4hrend Newcomerin Ebla Mari, geb\u00fcrtig aus den Golanh\u00f6hen, als aufm\u00fcpfige Yara zun\u00e4chst ob ihrer besch\u00e4digten Kamera auf Konfrontation aus ist, was ihrem Stand im Ort nicht eben f\u00f6rderlich ist. Die Frauen im Fris\u00f6rsalon, die Pubbesucher, die Jungs mit den Kampfhunden auf der Stra\u00dfe, jedes dritte Wort ist \u201efuckin\u2019\u201c, bei dem Slang und Dialekt ist man dankbar f\u00fcr die Untertitel, es ist fuckin\u2019 authentisch, was man da zu sehen bekommt, und nat\u00fcrlich nicht frei von empathischem Humor. Zu sehen bekommt man zudem einen Film, der das Hauptaugenmerk auf die Geschehnisse und die Emotionen lenkt und nicht zwingend cineastisch arbeitet, aber dennoch nicht billig wirkt; Loach arbeitet die Spannungsfelder zwischen N\u00e4he und Distanz handlungsdienlich ein. Auch \u00fcberfrachtet er den Film nicht mit Score, sondern bleibt reduziert bei der Sache; musikalischer H\u00f6hepunkt ist die Diashow mit Yaras Fotografien im Pubsaal, die ein Syrer live auf der Oud begleitet.<br><br>Aufgrund der Erfahrungen, die man als Zuschauer mit dem machte, was man von Rechtsdenkern zu erwarten hat, geht man w\u00e4hrend des Filmguckens permanent davon aus, dass demn\u00e4chst Blut flie\u00dfen w\u00fcrde. Loach erspart uns das, gottlob, es ist schlimm genug, was er trotzdem abbildet. Das Ende ist anr\u00fchrend ohne Ende und angesichts der Realit\u00e4t m\u00e4rchenhaft \u2013 leider: So wird es nie, nie werden auf dieser Welt. Umso l\u00e4nger bleibt dieser Film in Herz und Hirn haften. Wenn es stimmt, was Loach ank\u00fcndigt, legt er nach \u201eThe Old Oak\u201c die H\u00e4nde in den Scho\u00df \u2013 einer wie er wird der Welt fehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (12.11.2023) Die Welt ist Schei\u00dfe, und ein extrem negativer Faktor ist die Gemengelage aus Rassismus, Rechtsruck und Neofaschismus, die sich allerorts ungehemmt in die Mitte der Gesellschaft ausbreitet. 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