{"id":5725,"date":"2023-11-09T21:53:23","date_gmt":"2023-11-09T20:53:23","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5725"},"modified":"2023-11-09T21:53:23","modified_gmt":"2023-11-09T20:53:23","slug":"perfect-days-wim-wenders-j-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/perfect-days-wim-wenders-j-2023\/","title":{"rendered":"Perfect Days \u2013 Wim Wenders \u2013 J 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (09.11.2023)<br><br>Endlich wieder Filmfest in Braunschweig, auch BIFF genannt! Und endlich auch mal wieder Filme von vertrauten Regisseuren: Den Auftakt macht Wim Wenders mit seinem Zen-Film \u201ePerfect Days\u201c, in dem er einen sympathischen Toilettenreiniger in Tokyo dabei begleitet, wie er beinahe wortlos seinen Alltag verbringt und sich \u00fcber Kleinigkeiten freut. Bis es einigen Anlass zu abweichenden Gem\u00fctslagen gibt. Zwei Stunden Achtsamkeit in Omu mit 60er-70er-Rock-Soundtrack und auch ohne Cinemascope ansehnlichen Bildern.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><a><\/a> Die erste Tagesroutine begleitet man ausf\u00fchrlich: Hirayama erwacht vom Ger\u00e4usch einer Stra\u00dfenfegerin, rollt seinen Futon zusammen, absolviert K\u00f6rperhygiene und Pflanzenpflege, holt sich aus einem Automaten vor dem Haus eine Dose Kaffee und f\u00e4hrt mit seinem Kleintransporter durch das autobahnquirlige Tokyo, den markanten Fernsehturm Skytree immer im Blick und Tapes mit Rockalben im Kassettendeck. An jeder \u00f6ffentlichen Toilette, die er zu reinigen hat, ist er unterschiedlichen Ablenkungen ausgesetzt, zwischendurch nervt ihn sein jugendlicher Kollege, in der Mittagspause fotografiert er seinen Lieblingsbaum. Nach Feierabend geht\u2019s ins Badehaus, zum Ramen-Imbiss, in die Buchhandlung, zum Fotolabor, zur Nacht liest er auf dem Futon B\u00fccher, nachts tr\u00e4umt er in Schwarzwei\u00df von den Erlebnissen des vergangenen Tages. Der n\u00e4chste Tag verl\u00e4uft identisch, jedenfalls nahezu, den je l\u00e4nger man Hirayama begleitet, desto mehr entwickeln sich Ereignisse um ihn herum: Sein Kollege wird unzuverl\u00e4ssig, sein Imbisswirt ist im Stress, wenn Baseball im TV l\u00e4uft, und pl\u00f6tzlich steht seine Nichte vor seiner T\u00fcr und l\u00e4sst unbew\u00e4ltigte Ereignisse aus seiner Vergangenheit in Hirayamas Leben zur\u00fcckflie\u00dfen. Er lehrt letztlich, wie man trotzdem gl\u00fccklich sein kann.<br><br>Einmal die Routine vollst\u00e4ndig und beim zweiten Mal verk\u00fcrzt gezeigt zu bekommen ebnet den Weg f\u00fcr die Abweichungen, denn danach kann Wenders die Tage verk\u00fcrzen und der Zuschauende wei\u00df trotzdem, an welchem Punkt von Hirayamas Tag er sich gerade befindet. Zun\u00e4chst sind die Abweichungen neutral bis positiv: ignorante Leute, die dringend aufs Klo m\u00fcssen, verlorene Kinder, die er zur\u00fcckbringt, ein anonymes Tic-Tac-Toe-Spiel mit einem WC-Benutzer, ein Schattenspiel hier, eine Reflexion dort, Hirayama hat den Blick f\u00fcr Details. Darin erinnert \u201ePerfect Days\u201c an den Manga \u201eDer spazierende Mann\u201c von Jir\u014d Taniguchi (\u8c37\u53e3 \u30b8\u30ed\u30fc), ein Lehrst\u00fcck in Achtsamkeit quasi.<br><br>Hirayamas Stimme bekommt man erst sp\u00e4t im Film l\u00e4nger zu h\u00f6ren, wenn die Einbr\u00fcche in seine Routinen mehr Text von ihm einfordern: Sein aufgedrehter jugendlicher Kollege Takashi bettelt ihn um Geld an und will ihn \u00fcberreden, in einem beeindruckend riesigen Plattenladen seine wertvollen Tapes zu verkaufen, damit er Takashi Geld geben kann, mit dem er Aya beeindrucken will. Als seine Nichte Niko bei ihm Unterschlupf sucht, bekommt man erst mit, dass Hirayama \u00fcberhaupt so etwas wie Familie hat \u2013 mit seiner offenbar eher wohlhabenden Schwester, die wegen seiner einfachen Lebensweise Abstand zu ihm h\u00e4lt, sprach er ewig nicht und wei\u00df daher auch nicht, dass sie geschieden ist und dass ihr Exmann Krebs und daher nicht mehr lang zu leben hat. Und als Takeshi k\u00fcndigt und er dessen Schicht \u00fcbernehmen muss, ist Hirayama sogar einmal w\u00fctend zu erleben. Hirayama muss reagieren und sich auseinandersetzen, bleibt dabei oft unkonventionell und l\u00e4sst doch Tr\u00e4nen und Trauer in sein Gl\u00fcck flie\u00dfen, im minutenlangen \u00fcberw\u00e4ltigenden Minenspiel am Schluss zum Ausdruck gebracht.<br><br>Man erwartet eigentlich ruhigere Bilder und Abl\u00e4ufe, als der Film tats\u00e4chlich zeigt. Hirayama wickelt seine Routinen oft im Eiltempo ab, auch wenn es kontemplativ sein soll. Entsprechend begleitet ihn auch die Kamera ungebremst durch den Tag. Die Bilder sind dieses Mal nicht so fotografisch durchkomponiert, wie man es bei Wenders kennt, sondern eher dokumentarisch gehalten, nah am Menschen, beil\u00e4ufig bisweilen, der Ausschnitt im alten TV-Format 4:3 gehalten, und doch gewinnen die Bilder an Sch\u00f6nheit, je l\u00e4nger man den Protagonisten verfolgt. Wie bei Wenders gewohnt ist auch hier Musik ein wichtiger Bestandteil, indem er Hirayama Tapes von den Animals oder van Morrison h\u00f6ren l\u00e4sst und Aya sich an \u201ePatti Sumisu\u201c, also Patti Smith, erfreut. Und klar, der Titel des Films ist an \u201ePerfect Day\u201c von Lou Reed angelehnt. Einen zus\u00e4tzlichen Chen Score gibt es nicht, und die Songs kommen vornehmlich nur dann zum Einsatz, wenn Hirayama herumf\u00e4hrt.<br><br>Das Achtsame dr\u00fcckt Wenders auch damit aus, dass die Technik, die Hirayama nutzt, veraltet ist: Tapes statt Spotify, ein Klappmobiltelefon statt eines Smartphones, B\u00fccher statt Fernsehen. Mit K\u014dji Yakusho (\u5f79\u6240 \u5e83\u53f8) fand Wenders einen perfekten Schauspieler, um den sympathischen Nukleus des Films darzustellen: Man begleitet ihn gern, sieht ihn gern l\u00e4chelnd auf seine Begegnungen reagieren. Kein Wunder, dass er in Cannes daf\u00fcr die Goldene Palme bekam, auch wenn Preise ja kein Qualit\u00e4tsma\u00dfstab sind. Und man lernt nebenbei etwas \u00fcber die Toilettenkultur in Tokyo und bekommt die Funktionsweise der halbtransparenten \u00d6rtchen erl\u00e4utert. Kein Wunder, ist die Ausgangslage f\u00fcr den Film doch eine Anfrage der gezeigten Firma The Tokyo Toilet, eine Doku \u00fcber das Unternehmen zu drehen, aus der Wenders kurzerhand und spontan in nur zwei Wochen diesen Spielfilm machte. Nicht der erste Ausflug Wenders\u2018 nach Japan \u00fcbrigens: 1985 drehte er die Doku \u201eTokyo-Ga\u201c \u00fcber den Regisseur Yasujir\u014d Ozu.<br><br>Ist Wenders\u2018 \u201ePina\u201c echt schon wieder zw\u00f6lf Jahre her? Danach drang nix von ihm weiter zum Rezensenten durch, bis jetzt zu \u201ePerfect Days\u201c. Aber nun steht ja auch \u201eAnselm \u2013 Das Rauschen der Zeit\u201c an, das Portr\u00e4t des K\u00fcnstlers Anselm Kiefer, dessen Arbeiten auch im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (09.11.2023) Endlich wieder Filmfest in Braunschweig, auch BIFF genannt! 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