{"id":5678,"date":"2023-10-24T21:34:57","date_gmt":"2023-10-24T19:34:57","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5678"},"modified":"2023-10-24T21:34:57","modified_gmt":"2023-10-24T19:34:57","slug":"lolita-terrorist-sounds-st-lola-titanium-sound-factory-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/lolita-terrorist-sounds-st-lola-titanium-sound-factory-2023\/","title":{"rendered":"Lolita Terrorist Sounds \u2013 St. Lola \u2013 Titanium Sound Factory 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Lolita-Terrorist-Sounds-St.-Lola.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Lolita-Terrorist-Sounds-St.-Lola.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5679\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (24.10.2023)<br><br>Von jemandem namens Maurizio Vitale erwartet man eine etwas lebensbejahendere Musik als die auf \u201eSt. Lola\u201c, dem Deb\u00fct seines seit sieben Jahren in Berlin vor sich hin schwelenden Projektes mit dem zweifelhaften Namen Lolita Terrorist Sounds. Unter anderem bei den Swans geborgte Mitmusiker (Christoph Hahn) generieren mit ihm eine unter anderem bei den Swans in Schule gegangene schleppende Industrial-Noise-Musik, aber eben nicht nur: In Vitales Dunkelheit liegt Sch\u00f6nheit, seine noisigen Effekte \u00fcbert\u00fcncht er mit warmen Melodien, unter anderem generiert von Cellistin Anke Brauweiler und Pianist Roderick Miller. Laut Info ist dieses spartanisch aufgenommene Album au\u00dferdem das Verm\u00e4chtnis des Performancek\u00fcnstlers Robert \u201eBob\u201c Rutman.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> Der Einfluss der Swans l\u00e4sst sich nicht \u00fcberh\u00f6ren, besonders der fr\u00fcheren, von vor dem Split und vor der Evolution zu einer Band, die auch Popmusik zu machen in der Lage ist: Die Drums, von Vitale teils wie bei den Einst\u00fcrzenden Neubauten, eines weiteren Einflusses, auch aus Fundsachen wie Gastanks, Metallteilen und anderen Materialen zusammengestellt, rummsen wuchtig und zumeist schleppend, die Musik drumherum bleibt vornehmlich monoton, tieft\u00f6nig und derangiert, Vitale selbst skandiert dazu tiefstimmig wie Swans-Chef Michael Gira. Wenn dann Christoph Hahn noch seine Lap-Steel-Gitarre auspackt, die man von ihm zuletzt eben ma\u00dfgeblich bei den Swans vernahm, dringt deren Anmutung umso deutlicher hervor. Die Vergleiche zu den New Yorkern reichen bis hin zum atonalen Rauswerfer \u201eLiving-In-Glory\u201c, der aus gelegentlich gezupftem Bass, raschelndem Noise und einem geisterhaften Chor besteht, auch so etwas riecht stark nach den Swans.<br><br>Doch dabei bel\u00e4sst es Vitale nicht. Sobald seine Musik an Tempo zulegt, wie im \u201ePrison Song\u201c, und er zu singen beginnt, dringt wahrhaftige Sch\u00f6nheit in den Sound, und das, obwohl er im Hintergrund seine Mitstreitenden verst\u00f6rende Ger\u00e4usche generieren l\u00e4sst. Dr\u00e4ut er eindringlich vor sich hin, erinnert seine Darbietung an den kaputten Rock der alten Sachen von Nick Cave And The Bad Seeds; das schleppende \u201eRed Carpet\u201c etwa k\u00f6nnte aus jener Epoche stammen, gleichsam gebrochen und melodisch. \u201eMind The Gap\u201c zieht das Tempo wieder an und gibt sich der Illusion eines klassischen Rocksongs hin, w\u00e4ren da nicht die s\u00e4gende Gitarre und das monotone Grundger\u00fcst. In \u201eCurse\u201c lebt die Band ihren Hang zum Industrial richtig fett aus, das St\u00fcck hat Wucht, donnert m\u00e4chtig, mit verzerrten Stakkato-Riffs ginge es glatt als Metal-St\u00fcck durch, kurz vor Schluss scheint Vitale den Them-Hit \u201eGloria\u201c zu zitieren. Der Titeltrack beginnt mit kreischendem Noise und schwenkt dann in alte Swans um. Zuletzt gibt\u2018s eben das gespenstische \u201eLiving-In-Glory\u201c, das mitnichten danach klingt.<br><br>Um alle Aspekte an \u201eSt. Lola\u201c erfassen zu k\u00f6nnen, muss man sich mit der Info auseinandersetzen. Und die ist \u00fcppig. Hinter jedem Song steckt eine Botschaft, Vitale orientierte sich in seiner Lyrik an der von Nick Cave. Seine Themen reichen weit, von den kulturellen Unterschieden zwischen Berlin und London \u00fcber Liebesdramen, Auseinandersetzungen mit dem Ruhm, Ritualen, LGBTQ+ und ASMR, die Autonome Sensorische Meridianreaktion, also das angenehme Kribbeln auf der Kopfhaut. Noch wichtiger sind ihm beinahe die Umst\u00e4nde der Aufnahmen, so die Info: \u201eDie auf \u201aSt. Lola\u2018 pr\u00e4sentierten Songs wurden in einem ehemaligen Ostberliner Geisterhaus aufgenommen, das zu Mauerzeiten von den Geheimdiensten genutzt wurde.\u201c Das hatten wir ja so \u00e4hnlich beispielsweise bei Can auch schon; interessant ist nur, wie man aus einem Geisterhaus ein ehemaliges Geisterhaus macht \u2013 Exorzismus? Von einem \u201eesoterischen Ansatz\u201c ist jedenfalls die Rede, und da m\u00f6chte man schon fast wieder wegh\u00f6ren, doch bezieht Vitale das auf eher unesoterische Elemente, n\u00e4mlich die Zahl und die Beschaffenheit der Mikrofone, die er im Raume aufstellte, und, nat\u00fcrlich, dann doch wieder \u201edie Magie des Augenblicks\u201c. Um welches Geb\u00e4ude es sich handelte, l\u00e4sst Vitale jedoch offen, wohlweislich.<br><br>Und es gibt noch einige harte Fakten, etwa zu den zus\u00e4tzlich zu den bereits genannten weiteren beteiligten Musikern, wie die Bassisten Simon Goff und Ralf Goldkind (erprobt unter anderem bei Hugo Race &amp; The True Spirit und Lucilectric, eine \u00e4hnliche Spannbreite wie bei Cellistin Brauweiler, die mit Quarks, Ezio und Freddy Fischer arbeitete). Nicht zu vergessen der Beitrag von Robert Elias Maria Rutman, der im Juni 2021 verstarb und zu \u201eShaved Girl\u201c in beiden Fassungen (der Song kam bereits 2017 als zwei Minuten l\u00e4ngere Live-12\u201c mit Etching auf der B-Seite auf dem The-Residents-Label Psychofon Records heraus) das Cello und das Glockenspiel beitrug. Der Neapolitaner Vitale selbst hat zudem ebenfalls eine umfangreiche Biografie, parallel ver\u00f6ffentlichte er etwa mit der Band The Heat Inc. das Deb\u00fct \u201eAsleep In The Ejector Seat\u201c. Die Info verr\u00e4t erg\u00e4nzend: \u201eVitale hat in der Vergangenheit und Gegenwart mit Mitgliedern bekannter Bands wie den Einst\u00fcrzenden Neubauten, Swans, Iggy Pop, Th\u00e5str\u00f6m, PJ Harvey und Faust zusammengearbeitet. Sein Talent stand im Dienst des legend\u00e4ren Sabar-Schlagzeugers Doudou N&#8217;Diaye Rose (SN) und er hat mit der deutschen S\u00e4ngerin Andrea Schr\u00f6der [Schroeder, Red.] im Studio und live gespielt.\u201c Aus diesen Quellen speist sich nun also \u201eSt. Lola.\u201c<br><br>Den etwas befremdlichen Namen Lolita Terrorist Sounds kombinierte Vitale nach Cut-Up-Methode, indem er dem Titel von Vladimir Nabokovs Buch etwas Gewaltvolles entgegensetzte und es mit dem Begriff f\u00fcr Klang erg\u00e4nzte. Okay, das ist \u00e4hnlich kontr\u00e4r wie der Bandname Good Girl Massacre. Seinen kritischen Blick auf das Lolita-Thema belegt Vitale auch damit, dass er die als \u201eEmanzipations-Hymne\u201c bezeichnete Single \u201eShaved Girl\u201c als neue Studioversion im Pride Month ver\u00f6ffentlichte. Und damit einen Gig von Anna von Hauswolff er\u00f6ffnete. Weitere Fakten aus der Info: Reinhard Kleist, der diverse Musikerbiografien als Comic zeichnete, gestaltete das Cover von \u201eSt. Lola\u201c. W\u00e4hrend der Pandemie etablierte die Band eine Kochshow namens \u201eLolita Kitchen Sounds\u201c als Stream. Und damit soll es nun gut sein.<br><br>Die Musik auf \u201eSt. Lola\u201c ist f\u00fcr Leute, die die Einfl\u00fcsse von Lolita Terrorist Sounds bereits im Regal stehen haben, keine besonders innovative Angelegenheit, vielmehr ein gegl\u00fccktes Experiment, eine \u00fcberzeugende Zusammenf\u00fcgung verschiedener Quellen und eigener Ideen. Eine Art exquisiter Retro-Arbeit also f\u00fcr H\u00f6rende, die damals noch nicht dabei waren, und f\u00fcr solche, die Musik dieser Art heute vermissen. Them ja, Kinks nein \u00fcbrigens: Eine Neufassung von \u201eLola\u201c gibt es hier nicht zu h\u00f6ren. Vielleicht kommt die ja noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (24.10.2023) Von jemandem namens Maurizio Vitale erwartet man eine etwas lebensbejahendere Musik als die auf \u201eSt. Lola\u201c, dem Deb\u00fct seines seit sieben Jahren in Berlin vor sich hin schwelenden Projektes mit dem zweifelhaften Namen Lolita Terrorist Sounds. &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/lolita-terrorist-sounds-st-lola-titanium-sound-factory-2023\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-5678","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5678","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5678"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5678\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5680,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5678\/revisions\/5680"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5678"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5678"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5678"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}