{"id":5396,"date":"2023-07-13T22:35:59","date_gmt":"2023-07-13T20:35:59","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5396"},"modified":"2023-07-13T22:35:59","modified_gmt":"2023-07-13T20:35:59","slug":"swans-the-beggar-mute-young-god-records-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/swans-the-beggar-mute-young-god-records-2023\/","title":{"rendered":"Swans \u2013 The Beggar \u2013 Mute\/Young God Records 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Swans-The-Beggar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Swans-The-Beggar.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5397\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (13.07.2023)<br><br>Steile These: Die Swans sind die einzige Band der Erde, die jemals nach einer Reunion k\u00fcnstlerisch relevante Musik ver\u00f6ffentlichte. Und das, ohne sich an Zeitgeiste anzubiedern oder billig die Erwartungen der Altfans zu erf\u00fcllen (okay, so ganz ohne Selbstzitat kommt auch \u201eThe Beggar\u201c nicht aus). F\u00fcr das neue \u2013 nun: Industrial-Indie-Rock-Drone? \u2013 Album mit zwei Stunden Spielzeit reduziert die um Bandkopf Michael Gira teilweise neu zusammengetrommelte Truppe den L\u00e4rm, aber nicht die Gewalt: Brutalit\u00e4t schwingt immer mit, und sei es nur durch Giras nachdr\u00fccklichen, fordernden Gesang oder enervierende fragmentarische Wiederholungen. Und bei jeder neu sich windenden Drehung denkt man nur: Geil, weiter so, nochmal, und bitte die n\u00e4chste Runde r\u00fcckw\u00e4rts! Und die Swans erf\u00fcllen den Wunsch. Und erg\u00e4nzen ihn durch: Sch\u00f6nheit.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nur, wer wei\u00df, wie sch\u00f6ne Musik geht, wei\u00df auch, wie man sie sinnvoll dekonstruiert und neu zusammenf\u00fcgt. Was dabei im Falle von \u201eThe Beggar\u201c herauskommt, ist f\u00fcr offene Geister wiederum sch\u00f6n, und mehr als das, es ist erf\u00fcllend, beseelend, erquickend, bet\u00f6rend, begeisternd, irremachend. Die meisten St\u00fccke tr\u00e4gt allein schon Giras Gesang, der wie ein Prediger kurz vor dem Wahnsinn, aber hell erleuchtet seine Liturgie in die Gemeinde presst. Er singt, in seiner unnachahmlichen Art, klar, tief, durchdringend, fordernd, einnehmend. Er br\u00fcllt nicht, wenngleich die Musik dazu dies bisweilen erfordern k\u00f6nnte. Eher wird er noch lauter, noch durchdringender, aber kippt nicht ins Br\u00fcllen. Wer nicht schreit, hat Recht. Seine Melodien sind fragmentarisch und repetitiv, kurze bis mittellange Bruchst\u00fccke, die Strophe um Strophe ergeben, selten Refrains, wie eben bei einer Liturgie. Der Gothic-Pastor. Der indes komplett ohne Posen auskommt, bei ihm reicht der k\u00fcnstlerische Ausdruck vollkommen aus, um die Gemeinde zu verz\u00fccken.<br><br>Um im Klerikalen zu bleiben: Die Kapelle (Teekesselchen!), die zur Predigt die Musik liefert, ist bestens zusammengestellt. Man k\u00f6nnte glatt den Begriff kongenial anwenden, w\u00e4re er nicht so suboptimal wie der Begriff suboptimal. Die Swans heute bedienen sich dezidiert bei den Swans der zur\u00fcckliegenden 40 Jahre, bei dem, was Gira und Gefolgsleute so kreierten, deuten es neu, spinnen es weiter, picken sich die Perlen heraus und generieren etwas, das den Kanon sinnvoll erg\u00e4nzt und erweitert. Die Industrial-Wucht der ganz alten Alben dringt rudiment\u00e4r durch, nicht so brutal wie damals, eher in der Monotonie manifestiert, in der die Elemente wiederholt aneinandergereiht die Songs ergeben, die im Grunde keine sind. Einen Anflug von Folklore wie im \u00fcberraschend milden \u201eThe Burning World\u201c aus dem Jahr 1989 findet sich etwa darin wieder, dass hier gelegentlich die Lap Steel Guitar zum Blues erklingt; in Nashville d\u00fcrfte der Cowboyhuttr\u00e4ger Gira mit seinen Freunden dennoch eher stirnrunzelnd aufgenommen werden. Kinderstimmensamples wie 1992 auf \u201eLove Of Life\u201c gibt\u2019s hier ebenfalls einmal. Und auch wenn Jarboe die Wiederzusammenkunft der Swans nicht mitmachte, verzichtet Gira nicht auf weiblichen Gesang, der die bet\u00f6rendsten Ch\u00f6re ergibt, w\u00e4hrend der Papst die Messe liest.<br><br>Es erstaunt, wie zur\u00fcckgenommen die Band hier auf weiten Strecken agiert, man m\u00f6chte sich glatt das Wort altersmilde verkneifen. Das Schlagzeug dezent, die Gitarren mild flirrend, der Bass dezent begleitend, dazu diverse eingestreute Elemente anderer Urspr\u00fcnge, alles indes wie geloopt gespielt, aber best\u00e4ndig in Intensit\u00e4t und Zusammensetzung wechselnd, da muss man schon dranbleiben, sich den Tracks ausliefern, da kommt noch was, das bleibt nicht so, das geht nur still los, das steigert sich, wenn auch nur kurz, dann bricht doch mal der alte Industrial aus, meist kurz, oder dann lassen die Swans den Drone vom Stapel, wie kurz nach der Reunion, als der L\u00e4rm h\u00f6her gewichtet war als der Song, nur dass sie den L\u00e4rm hier als Atmosph\u00e4re einsetzen, als Grundierung, als Hypnosemittel, nicht als Sch\u00e4delspalter. So richtig die Leine locker lassen die Swans im einzigen nicht auf der Vinyl-Version enthaltenen Track \u201eThe Beggar Lover (Three)\u201c, der beinahe eine Dreiviertelstunde lang ist und somit l\u00e4nger als die meisten ganzen Alben dieser Zeit, und der einen erbaulichen Ritt durch die Ideenwelt des Swans darstellt, mal der blanke Horror, mal himmlischer Wohlklang. Der Rest gestaltet sich zun\u00e4chst eher ruhig und zur\u00fcckgenommen, vorangetrieben durch Giras Gesang und dann erg\u00e4nzt um die genannten Ausdrucksmittel. Man kann nur and\u00e4chtig niederknien.<br><br>Zur Band geh\u00f6ren auf dem in Berlin aufgenommenen \u201eThe Beggar\u201c vorrangig Leute, die mit Gira bereits bei den Swans oder dem Interimsprojekt Angels Of Light involviert waren. Da ist der als Despot verschriene Gira sehr ausf\u00fchrlich, auf der Bandcamp-Seite zum Album listet er seine Mitmusiker detailliert auf. Nat\u00fcrlich ist Gira der Kopf, der die Songs ersann (und zun\u00e4chst, wie so oft, als limitierte Fundraiser-Demo-Versionen mit dem Titel \u201eIs There Really A Mind?\u201c ver\u00f6ffentlichte). Sein Hauptpartner ist seit 1989 der Berliner Kristof Hahn, der hier die diversen Gitarren in den H\u00e4nden hat. Seit Ende der Neunziger ist Schlagzeuger Larry Mullins dabei, nicht zu verwechseln mit Larry Mullen Jr., dem Schlagzeuger von U2. Mullins lebt in Berlin, spielte mit Iggy Pop und ist hauptberuflich bei den Bad Seeds, hier ist er f\u00fcr alles Percussive sowie f\u00fcr Mellotron und Keyboards verantwortlich. Dana Schechter, ebenfalls Berlinerin, war schon bei den Angels Of Light und spielt hier Bass, Lap Steel, Keyboards und Piano. Bereits zur Kernband nach der Reunion geh\u00f6rte der New Yorker Bassist, Gitarrist und Keyboarder Christopher Pradvica, den man noch von Xiu Xiu kennt. Gr\u00fcndungsmitglied der gro\u00dfartigen New Yorker Industrial-Indie-Band Cop Shoot Cop war Phil Puelo, der hier ebenfalls alles Percussive sowie Piano und exotische Windinstrumente hinzuf\u00fcgt. Sp\u00e4ter war er bei der Industrial-Supergroup (muss man so sagen) Human Impact, heute lebt er in Chicago. Ben Frost aus Reykjav\u00edk erg\u00e4nzt die Band mit Gitarren, Synthies und Soundmanipulationen. Die beiden Ex-Swans-Musiker Paul Wallfisch und Norman Westberg sind zus\u00e4tzliche willkommene G\u00e4ste.<br><br>Gesang liefern die Hauptmusiker zus\u00e4tzlich alle, au\u00dferdem sind daf\u00fcr G\u00e4ste dabei, n\u00e4mlich Ex-Deine-Jugend-S\u00e4ngerin Laura Carbone, Lucy Kruger sowie Michaels Ehefrau Jennifer Gira. Die \u00fcbrigens 2014 auch fest zu ihrem Gatten hielt, als ihm die Songwriterin Larkin Grimm vorwarf, sie 2008 bei der Produktion ihres Albums \u201eParplar\u201c vergewaltigt zu haben. Die Eheleute wiesen die Vorw\u00fcrfe ausdr\u00fccklich zur\u00fcck, hernach verlief alles ohne Gerichtsvorladung oder andere Konsequenzen im Sande. Gira mag ein Despot sein, folgt man den Auslassungen fr\u00fcherer Mitmusiker, aber gottseidank offenbar kein Sexualstraft\u00e4ter.<br><br>\u201eThe Beggar\u201c gilt als das 16. Studioalbum des Swans in 40 Jahren, aber der Fan und Sammler kann dar\u00fcber nur irre kichern. Es gibt so viele Live-Alben, Fundraising-Demos, EPs, Singles, Bootlegs, Solo- und Nebenprojekte, Rereleases, die man ebenfalls alle braucht, weil sie alle gut sind, weil sie einzigartig sind, weil es so etwas wie die Swans nicht nochmal gibt, weil sie einem die Seele erst auspeitschen, zerlegen, zerschreddern und sie dann neu zusammengesetzt wohlduftend einbalsamieren. \u201eThe Beggar\u201c ist au\u00dferdem Giras Reaktion auf ausgefallene Konzerte und kulturellen Stillstand w\u00e4hrend der Corona-Pandemie; eigentlich waren die Swans einmal mehr l\u00e4ngst Geschichte. Wie sch\u00f6n, dass dies nicht zutrifft. Lustig \u00fcbrigens: Gira behauptet im Zusammenhang mit diesem Album, seine Lieblingsfarbe sei Pink. Das kann man h\u00f6ren, ja: Es ist nicht ganz so dunkel wie die Alben davor. Und trotzdem gnadenlos.<br><br>Und die These stimmt nat\u00fcrlich nicht, es gibt noch ein, zwei andere Bands, die nach dem Bruch gutes Zeug ver\u00f6ffentlichten. Aber die Swans sind schon eigen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (13.07.2023) Steile These: Die Swans sind die einzige Band der Erde, die jemals nach einer Reunion k\u00fcnstlerisch relevante Musik ver\u00f6ffentlichte. 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