{"id":5378,"date":"2023-07-10T20:56:06","date_gmt":"2023-07-10T18:56:06","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5378"},"modified":"2023-07-10T20:56:06","modified_gmt":"2023-07-10T18:56:06","slug":"raymond-macherot-anatol-gegen-die-schwarzen-ratten-chlorophylle-contre-let-rats-verts-chlorophylle-et-les-conspirateurs-carlsen-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/raymond-macherot-anatol-gegen-die-schwarzen-ratten-chlorophylle-contre-let-rats-verts-chlorophylle-et-les-conspirateurs-carlsen-2023\/","title":{"rendered":"Raymond Macherot \u2013 Anatol gegen die schwarzen Ratten (Chlorophylle contre let rats verts\/Chlorophylle et les conspirateurs) \u2013 Carlsen 2023"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Raymond-Macherot-Anatol-gegen-die-schwarzen-Ratten-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"149\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Raymond-Macherot-Anatol-gegen-die-schwarzen-Ratten-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5379\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (10.07.2023)<br><br>Nachdem die Comics von Raymond Macherot ohnehin erst versp\u00e4tet und dann noch stiefm\u00fctterlich in Deutschland publiziert wurden, besinnt sich der Carlsen-Verlag jetzt des belgischen Comiczeichners mit der klaren Linie und bringt dessen Deb\u00fctalbum inklusive Fortsetzung um den anthropomorphen Anti-Disney-Gartenschl\u00e4fer (keine Brillenmaus!) Anatol (im Original Chlorophylle) neu getextet (der Hinweis darauf fehlt komplett, sieht man davon ab, dass mit Marcel Le Comte der gegenw\u00e4rtige Carlsen-Standard-\u00dcbersetzer erw\u00e4hnt ist und nicht Uta Benz-Lindenau), mit einigen Erg\u00e4nzungen und als Hardcover abermals nach 1983 in den Handel, jetzt mit \u201egegen\u201c statt \u201eund\u201c im Titel. Man sp\u00fcrt diesem Doppelband an, dass der Zweite Weltkrieg 1956 noch tief sa\u00df; nicht, dass es hier explizit gegen Nazis geht, aber der \u00dcberfall einer Rattenpopulation auf ein friedliches Tal voller lieblicher Kleintiere, die in den Widerstand gezwungen werden, legt gewisse Assoziationen nahe. Diese Neuauflage darf der Anlass sein, dieses Mal mehr als nur sieben B\u00e4nde in f\u00fcnf B\u00fcchern und auch nur mehr als diese Serie herauszubringen; \u201eSibylline\u201c, \u201eMirliton\u201c, \u201eIsabelle\u201c und \u201eChaminou\u201c dr\u00e4ngen sich noch auf, um \u201ePercy Pickwick\u201c hingegen braucht man sich ja keine Sorgen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Macherots unbekleidete Tierchen haben durchweg und durchaus etwas Niedliches, was auch an seiner gro\u00dfartigen Zeichenkunst liegt: Mit wenigen Strichen gestaltet er ausdrucksstarke, dynamische Charaktere und kreiert so ein animalisches Idyll, das einem auch als humanoider Lesender erstrebenswert erscheint. Doch gibt es, und da liegt der Hase im Pfeffer, in Macherots Welt immer den Counterpart, den Antagonisten, und der ist ein fieser M\u00f6pp, der, anders, als es die Niedlichkeit erwarten l\u00e4sst, auch vor Mord und Gewalt nicht zur\u00fcckschreckt. Kriegsmetaphern sind \u201eAnatol\u201c nicht fremd, der Widerstand gegen uniforme Unterdr\u00fccker \u2013 hier eine Rattenpopulation \u2013 tr\u00e4gt deutlich unniedliche Z\u00fcge. Im ersten \u201eAnatol\u201c-Band steigt Macherot auch gleich mit der verheerenden Ausgangslage ein, ohne langwierig das Setting vorzustellen: Eine Zeitungsmeldung gibt knapp bekannt, dass eine alte M\u00fchle abgerissen wird, die zuletzt Behausung von unliebsamen Ratten war, und die fallen nun ab dem zweiten Bild in das Tal ein, in dem Anatol mit Freunden lebt.<br><br>Anatol, der Gartenschl\u00e4fer, ist mit Raben, Ottern, Kaninchen, M\u00e4usen und Igeln befreundet, von denen jeder Eigenschaften tr\u00e4gt, die daf\u00fcr hilfreich sind, die Ratten zur\u00fcckzuschlagen, beinahe wie in Superheldencomics. Menschen treten lediglich mit ihren verlassenen Geb\u00e4uden und anderen Relikten auf, erst gegen Ende des zweiten Bandes ist eine Frau zu sehen, die sich \u00fcber die vermeintliche Brillenmaus in ihrem Wassereimer erschreckt. Zwischen dem Anf\u00fchrer der Ratten, hier pl\u00f6tzlich Blacky statt Anthrazit genannt, und Anatol entbrennt eine Fehde, die sofort ins Pers\u00f6nliche geht und die im Grunde eine Aneinanderreihung von retardierenden Momenten ist, denn immerfort f\u00e4llt Anatol der Ratte in die H\u00e4nde, kann sich befreien und setzt zum Gegenschlag an, um nur einmal mehr in Gefangenschaft zu geraten. Macherot scheint sich von der Geschichte selbst zu ihrem Fortgang inspirieren lassen zu haben, einen gro\u00dfen, alles \u00fcberspannenden Bogen gibt es nicht, vielmehr ist die Handlung episodisch, elliptisch. Das kann erm\u00fcden, weil es nicht vorangeht, aber Macherot \u00fcbertrumpft sich selbst in Ideen, wie Ratten und Talbewohner gegeneinander vorgehen, bis hin zu Flammenwerfern.<br><br>Blacky ist nicht der einzige Umbenannte, auch Anatols Otterfreund Turbo hei\u00dft pl\u00f6tzlich Torpeda und ist zudem weiblich; das scheint ein Zugest\u00e4ndnis an die Moderne zu sein, in der rein m\u00e4nnliche Geschichten schlechter zu vermarkten und wom\u00f6glich Shitstorms zu erwarten sind. Auch ist die \u00dcbersetzung an die Gegenwart angepasst, wenn auch vergleichsweise behutsam, und dennoch, \u201eNull\u201c statt \u201enicht\u201c oder \u201eeh\u201c statt \u201esowieso\u201c h\u00e4tte 1983 noch niemand gesagt, 1956 noch weniger, das tr\u00fcbt etwas den Genuss, ebenso, dass das Lettering ein mechanisch imitiertes Handlettering zu sein scheint. Auch ist das Titelbild neu koloriert, das erkennt man an dem extrem k\u00fcnstlichen Farbverlauf an Anatols Nase und Schwanz; der direkte Vergleich zeigt, dass das Cover von 1983 farblich wesentlich besser ausgestaltet war. Daf\u00fcr indes bekommt man eine in der 1983er-Ausgabe v\u00f6llig fehlende Seite erstmals kredenzt sowie im Bonusteil Macherots seinerzeit bereits in einem kurzlebigen Jugendmagazin auf Deutsch erschienene und hier als Faksimile abgedruckte Kurzgeschichte \u201eMission \u201aCh\u00e8vrefeuille\u2018\u201c aus dem Jahre 1954, die \u201eAnatol\u201c und die Kriegssituation mit Luftangriffen und Abwehr vorwegnimmt, nur weit weniger attraktiv und detailliert gezeichnet.<br><br>Vier weitere f\u00fcr das Journal Tintin ver\u00f6ffentlichte Pr\u00e4-\u201eAnatol\u201c-Kurzgeschichten Macherots sind auf Deutsch noch nie erschienen, nach sieben B\u00e4nden \u201eAnatol\u201c in f\u00fcnf B\u00fcchern und den erst als Band 10 erschienenen ersten drei \u201ePercy Pickwick\u201c-Geschichten war es in Deutschland um Macherot ohnehin still, zumindest beim Carlsen-Verlag, der etwa in D\u00e4nemark weit mehr Macherot-B\u00e4nde und \u2013Serien (\u201eSibylline\u201c!) herausgab. Nur der uns\u00e4gliche Rolf Kauka verwurstete einiges von Macherot noch vor Carlsen, allerdings bei Zack und als \u201ePiefke\u201c, sowie diverse B\u00e4nde, die Macherots Nachfolger von \u201eAnatol\u201c gestalteten, zun\u00e4chst als \u201eKnips &amp; Knaps\u201c, erst sp\u00e4ter analog zu Carlsen als \u201eAnatol\u201c; unter den Macherot-Erben war De Groot, der auch dessen \u201ePercy Pickwick\u201c, im Original \u201eClifton\u201c, \u00fcber Belgien hinaus popul\u00e4r machte. Auch im Yps-Heft war Macherot vertreten; diese Magazinreihe war es auch, die \u201eClifton\u201c umbenannte, weil sie parallel die verwechselbare Reihe \u201ePerry Clifton\u201c beinhaltete. Kauka gab \u201eClifton\u201c seinerseits einen neuen Namen, dort hie\u00df er \u201eSir Harold\u201c, warum auch immer. Der Titel \u201eKnips &amp; Knaps\u201c, also \u201eAnatol\u201c mit zwei Protagonisten, l\u00e4sst sich indes herleiten: Im Verlauf der zweiten Episode \u201eChlorophylle et les conspirateurs\u201c, die Teil von \u201eAnatol gegen die schwarzen Ratten\u201c ist, f\u00fchrt Macherot die Theatermaus Minimum ein, die fortan Anatols Sidekick wird.<br><br>Anatol auf Deutsch bei Carlsen bislang:<br>01 Anatol und\/gegen die schwarzen Ratten (Doppelband mit Chlorophylle contre let rats verts und Chlorophylle et les conspirateurs), 1983\/2023<br>02 Keine Wurst f\u00fcr Lucie (Pas de Salami pour C\u00e9lim\u00e8ne), 1983<br>03 Anatol auf Ferienfahrt (Chlorophyll et les Croquillards), 1984<br>04 Der Finsterling schl\u00e4gt zu (Zizanion le terrible), 1984<br>05 Anatols R\u00fcckkehr (Doppelband mit Le retours de Chlorophyll und Le Furet gastronome), 1985<br><br>Bei Carlsen unver\u00f6ffentlicht sind damit noch \u201eLe bosquet hant\u00e9\u201c (gab\u2018s 1978 in Fix &amp; Foxi), \u201eLa revanche d\u2019Anthracite\u201c und \u201eChloro \u00e0 la rescousse\u201c, die Post-Macherot-B\u00e4nde nicht mitgez\u00e4hlt. Interessant w\u00e4re \u00fcberdies noch die Zeichentrickserie, die in den F\u00fcnfzigern entstand. Und die elf \u201eSibylline\u201c-B\u00e4nde. Und \u201eIsabelle\u201c, die Reihe, die Macherot mit Yvan Delporte, Will und sogar Andr\u00e9 Franquin gestaltete, nachdem er von Tintin zu Spirou gewechselt war. Vielleicht ist \u201eAnatol gegen die Schwarzen Ratten\u201c ja wirklich der erfreuliche Auftakt einer Ver\u00f6ffentlichungsreihe, schlie\u00dflich gibt es \u201eSibylline\u201c in Frankreich als fette Sammelreihe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (10.07.2023) Nachdem die Comics von Raymond Macherot ohnehin erst versp\u00e4tet und dann noch stiefm\u00fctterlich in Deutschland publiziert wurden, besinnt sich der Carlsen-Verlag jetzt des belgischen Comiczeichners mit der klaren Linie und bringt dessen Deb\u00fctalbum inklusive Fortsetzung um &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/raymond-macherot-anatol-gegen-die-schwarzen-ratten-chlorophylle-contre-let-rats-verts-chlorophylle-et-les-conspirateurs-carlsen-2023\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12,23],"tags":[],"class_list":["post-5378","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-comic","category-klassiker-rereleases"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5378","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5378"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5378\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5380,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5378\/revisions\/5380"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}