{"id":5356,"date":"2023-07-05T21:19:45","date_gmt":"2023-07-05T19:19:45","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5356"},"modified":"2023-07-05T21:19:45","modified_gmt":"2023-07-05T19:19:45","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-stellen-sie-sich-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-stellen-sie-sich-vor\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt \u2013 die Musikkolumne: Stellen Sie sich vor &#8230;"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud \/ Norman Sharp<br><br>Stellen Sie sich vor &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Also, im Sinne von: F\u00fchren Sie sich geistig vor Augen, meine ich. Versuchen Sie, sich vorzustellen, es sei November. Ein tr\u00fcber Sonntagnachmittag tr\u00f6pfelt tr\u00e4ge dahin. Sie h\u00e4ngen mangels eines schickeren Planes bei irgendeinem Ihrer Kumpels herum. Nichts ist angesagt, und folglich tut sich auch nichts. Sie f\u00fchlen sich, als k\u00f6nnten Sie eher keine B\u00e4ume ausrei\u00dfen. Nicht allzu schwer, sich das vorzustellen, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Verlegen Sie die Szenerie aus Gr\u00fcnden gr\u00f6\u00dferer Abstraktion in eine andere Zeit, sagen wir, tief ins Ostdeutschland der Achtziger \u2013 das hei\u00dft, streichen Sie alle schrillen und die meisten bunten Farbt\u00f6ne. Lassen Sie ein wenig Putz br\u00f6ckeln und morsches Mauerwerk darunter hervorscheinen. Als Hintergrund ziehen Sie am besten einen fahlgrauen Packpapierhimmel auf, durchschnitten von kahlem, klammem Ge\u00e4st.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Falls Sie sich noch erinnern, versetzen Sie sich in eine Stimmung, wie auch Sie sie als Teenager gekannt haben m\u00fcssen, als die F\u00e4den Ihres Lebens noch lose vor Ihnen zu liegen schienen, in diesem unsicheren Dasein noch fernab aller m\u00fchsam erk\u00e4mpften Abgekl\u00e4rtheit. Keine Angst, all das spielt sich nur in Ihrem Kopf ab. Gestatten Sie sich ruhig so etwas wie Arglosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>So weit, so trist. So Ihnen diese kleine Imaginations\u00fcbung gelungen ist, malen Sie sich als n\u00e4chstes aus, wie Ihr Freund schlie\u00dflich mit der Idee daherkommt, man k\u00f6nne ja diese Bekannte von ihm besuchen. Die h\u00e4tte ihm letztens ihre Adresse gegeben. Am Sonntagnachmittag h\u00e4tte sie meist sturmfrei, habe sie da gemeint, und allzu weit weg ist es auch nicht. Zwei, drei Fragen Ihrerseits bringen zutage, da\u00df Sie die betreffende Tante vermutlich sogar fl\u00fcchtig kennen; auf irgendeiner Party, glauben Sie, haben Sie doch neulich ein paar Worte mit der gewechselt? Klar, was soll\u2019s, sagen Sie, und sie zockeln zusammen los.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf finden Sie sich im Treppenhaus einer reichlich heruntergekommenen Stadtvilla wieder, und durch die sich in mehreren Farbschichten entbl\u00e4tternde, zitternde Kassettent\u00fcr wummern Ihnen ein paar B\u00e4sse entgegen \u2013 sagenhaft, denken Sie. Ehe Sie Geh\u00f6r finden, m\u00fcssen Sie ausdauernd klingeln, doch das erscheint Ihnen angesichts des Ger\u00e4uschpegels nicht unbedingt verwunderlich. Schlie\u00dflich fliegt die T\u00fcr auf, und dieses schmale, blondbezopfte M\u00e4dchen in ihren hundertfach geflickten Jeans \u00e4ugt Ihnen entgegen, verschwitzt und augenscheinlich etwas unwirsch ob der St\u00f6rung. Die Musik, die Ihnen da so ohrenbet\u00e4ubend entgegendr\u00f6hnt, haben Sie wohl schon mal irgendwo geh\u00f6rt, so will es Ihnen jedenfalls scheinen, doch im Moment wissen Sie nicht so recht. Wo das Ganze einordnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen ruft Ihnen zu: Na kommt halt rein, wenn Ihr schon mal da seid, r\u00fcckt ihre mit einem grasgr\u00fcnen Veloursfrosch verzierte Baskenm\u00fctze zurecht, und wupp! taucht sie zur\u00fcck ins Halbdunkel der Wohnung. Ihnen bleibt, einen ratlosen Blick mit Ihrem Freund zu tauschen und hinterherzuspringen. Sie landen in einem mit unbeschreiblich viel Schall angef\u00fcllten Flur von den Ausma\u00dfen einer mittleren Turnhalle, den wahrzunehmen Ihnen allerdings nur am Rande gelingt, denn der allergr\u00f6\u00dfte Teil Ihrer Aufmerksamkeit wird umgehend durch den Anblick Ihrer Gastgeberin in Anspruch genommen, derer Sie nun ansichtig werden, wie sie vor einem riesigen Wandspiegel abrockt oder vielleicht auch nur vergeblich versucht, einen Tobsuchtsanfall unter Kontrolle zu bekommen. \u00dcberm\u00fctige Haarstr\u00e4hnen, die es weder bis in den Zopf noch unter die M\u00fctze geschafft haben, stehen ihr von der Stirn wie kleine Antennen. Sie denken noch, was ist das denn hier, was l\u00e4uft hier ab, und eine Art anschwellendes Rauschen in Ihren Ohren hindert Sie weiterhin an einer erfolgreichen Identifikation der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben die undeutliche Empfindung, Ihr Denken m\u00fcsse auf so etwas wie Notbetrieb umgeschaltet worden sein; seine k\u00e4rglichen Reste kreisen um einige wenige zentrale Fragen wie um einen wei\u00dfen Zwerg: Sollte dies hier tats\u00e4chlich dasselbe M\u00e4dchen sein, dem Sie vor einem knappen Monat bereits einmal begegnet waren? Mit dem Sie lediglich ein paar H\u00f6flichkeitsfloskeln gewechselt hatten, und das Ihnen seither kaum mehr in den Sinn gekommen war? Ist es m\u00f6glich, da\u00df Sie dieses sonderbare Wesen allen Ernstes vergessen konnten?<\/p>\n\n\n\n<p>Zusehends wird Ihnen bewu\u00dft, wie Sie in diesem Flur herumstehen \u2013 sehr wahrscheinlich wie ein Vollidiot \u2013, und als Sie endlich etwas dagegen unternehmen wollen, m\u00fcssen Sie feststellen, da\u00df eine gewisse Weichheit sich ihrer Knie bem\u00e4chtigt hat. Erst Sekunden bevor sie ins Nebenzimmer huscht, um den Plattenspieler abzustellen, wird Ihnen klar, da\u00df Sie die ganze Zeit dem \u201eHighway Star\u201c von Deep Purple lauschten \u2013 einem Werk, mit dem Sie sich eigentlich durchaus vertraut w\u00e4hnten. Mit zerst\u00f6rerischem Knirschen hebt sie die Nadel exakt in dem Moment aus der Rille, da es sich gerade seinem dramaturgischen H\u00f6hepunkt entgegensteigert, unmittelbar vor dem dritten und wahnwitzigsten Part von Richard H. Blackmores Gitarrensolo \u2013 jener notorischen Passage also, die Dieter vornehm weglie\u00df, als die Puhdys das St\u00fcck f\u00fcr eine ihrer ersten Singles coverten. Womit nat\u00fcrlich keineswegs die Verdienste dieser Pioniere ostdeutscher Beatmusik kleinlich herabgew\u00fcrdigt werden sollen. Doch ich schweife ab, verzeihen Sie &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht ja noch weiter! Stellen Sie sich vor!<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen Sie sich vor, das M\u00e4dchen verstaut das Album mit der goldfarbenen H\u00fclle wieder im Schrank ihres NVA-bedingt aush\u00e4usigen gro\u00dfen Bruders \u2013 nicht ohne darauf hinzuweisen, letzterer br\u00e4chte sie gewi\u00df mindestens um, bek\u00e4me er je heraus, da\u00df sie sich auch nur in die N\u00e4he seiner unersetzlichen Westplatten gewagt hat. Mit M\u00fche gelingt es Ihnen, den Titel zu registrieren, \u201eMade In Japan\u201c. Ja richtig, wie hatte Ihnen das nur entfallen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser pl\u00f6tzlichen, \u00fcberbordenden Stille werden Sie nun in die K\u00fcche gebeten, wo Kaffee f\u00fcr Sie bereitet wird, geradezu h\u00f6llisch stark, wie Sie finden. Nach und nach stellen sich weitere G\u00e4ste ein, die Ihnen ausnahmslos v\u00f6llig unbekannt sind. Ihr Puls scheint Ihnen leicht erh\u00f6ht, was Sie gern dem Kaffee zugutehalten m\u00f6chten. Von den sich im weiteren Verlauf entspinnenden Gespr\u00e4chen \u2013 einschlie\u00dflich Ihrer eigenen Beitr\u00e4ge dazu \u2013 wird Ihnen noch am selben Abend kein einziges Wort mehr erinnerlich sein; das Muster der Wachstuchdecke auf dem K\u00fcchentisch dagegen k\u00f6nnen Sie noch Jahre sp\u00e4ter aus dem Ged\u00e4chtnis hinzeichnen. Bisweilen versteigen sich Ihre Augen unter halbgesenkten Lidern zu kurzen Blicken auf die matt schimmernden Arme des M\u00e4dchens, das Ihnen genau gegen\u00fcbersitzt, in ihrem lila gef\u00e4rbten Herrenunterhemd jetzt ohne die M\u00fctze mit dem Frosch, die Haare auf r\u00e4tselhafte Weise hochgesteckt.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnen Sie sich das vorstellen? Und k\u00f6nnen Sie sich vorstellen, in Ihrem Kopf f\u00e4nde w\u00e4hrenddessen unausgesetzt eine Art geistiger Leerlauf statt, eine irre Abfolge s\u00e4mtlicher Symbole, die Sie jemals erlernt haben, um sich in dem zurechtzufinden, was wir mangels eines treffenderen Ausdrucks als Realit\u00e4t bezeichnen \u2013 eine nichtendenwollende Kaskade von Piktogrammen, eingefrorenen Bewegungsmustern, Zahlen und Buchstabenkombinationen am Rande Ihres Gesichtsfeldes, die sich nicht abstellen l\u00e4\u00dft, selbst dann nicht, als Sie l\u00e4ngst zusammen mit Ihrem Freund und all diesen beunruhigenden Fremden das M\u00e4dchen zum Bahnhof begleitet haben, wo es lachend in einen Zug gestiegen und im Handumdrehen Ihren Blicken entschwunden ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun denn. Nach solch anstrengender Hirnakrobatik will ich den eventuellen Fortgang der Geschichte gern vollkommen Ihrer Phantasie \u00fcberlassen. Nicht ganz unvorstellbar w\u00e4re ja eventuell das folgende Szenario: Die Wege der beiden Hauptgestalten trennen sich, wie das eben so geht, nach einigen gemeinsamen Jahren. Das Album mit der goldfarbenen H\u00fclle hingegen, welches der m\u00e4nnliche Protagonist dank seiner trefflichen Verstrickungen in den landesweiten Schwarzhandel mit Schallplatten aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet ohne gro\u00dfen Verzug f\u00fcr seiner Meinung nach absolut vertretbare 220 Ostmark erwirbt, schlummert auch Jahrzehnte sp\u00e4ter noch wohlverwahrt in dessen Plattenschrank. Nur noch selten geh\u00f6rt wohl. Mitnichten eine seiner heiligen Lieblingsplatten. Weggeben indessen ist dennoch keine Option.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dieser Text erschien zuerst im Buch \u201eVarious Artists \u2013 Ich Liebe Musik Vol. 2\u201c (2020, Windlust Verlag) und wurde von Norman Sharp \u00fcber den Song \u201eHighway Star\u201c von Deep Purple geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud \/ Norman Sharp Stellen Sie sich vor &#8230; Also, im Sinne von: F\u00fchren Sie sich geistig vor Augen, meine ich. Versuchen Sie, sich vorzustellen, es sei November. Ein tr\u00fcber Sonntagnachmittag tr\u00f6pfelt tr\u00e4ge dahin. 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