{"id":5311,"date":"2023-06-14T21:48:04","date_gmt":"2023-06-14T19:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5311"},"modified":"2023-06-15T21:49:44","modified_gmt":"2023-06-15T19:49:44","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-wahrer-glaube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-wahrer-glaube\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt \u2013 die Musikkolumne: Wahrer Glaube"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud \/ Axel Mewes<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Freundin hat mir mal von ihrer Beobachtung erz\u00e4hlt, dass M\u00e4nner \u2013 anders als Frauen \u2013 diese eine gro\u00dfe Liebe h\u00e4tten. Die sie bis zum Ende ihrer Tage im Herzen tragen, ganz gleich, was in ihrem Leben passiert. Sie hat recht. Wobei es bei mir und der Musik ein bisschen komplizierter ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Kribbeln in den Trommelfellen sp\u00fcrte ich im Alter von 10 Jahren. Meine gro\u00dfe Schwester besa\u00df einen Kassettenrekorder; irgendwann \u00f6ffnete sich ihre Zimmert\u00fcr, hinter der \u201eEquinoxe\u201c von Jean-Michel Jarre lief. Ein andermal nuschelte Udo Lindenberg durchs Sternholzimitat, \u201eLive Rust\u201c von Neil Young war gerade erschienen, Mark Knopfler zupfte die \u201eSultans Of Swing\u201c. Anf\u00e4nge des musikalischen Jugendlebens, w\u00e4hrend samstags nach der Schule Mutter die Fenster zu Lord Knuds \u201eEvergreens \u00e0 Go Go\u201c vom RIAS Berlin putzte. Was auch irgendwie fetzte, weil die Frau, der ich f\u00fcr den Rest meines Lebens den Satz \u201eF\u00fcrs Tanzen h\u00e4tte ich das Vaterland verraten!\u201c zuschreiben werde, die Gassenhauer lauthals fr\u00f6hlich mitsang und in meiner Erinnerung samstags IMMER die Sonne schien. Wochenend\u2018 und Sonnenschein. Und Musik.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bis zur gro\u00dfen Liebe sollte es noch ein paar Jahre dauern, denn auch in musikalischer Hinsicht war ich ein Sp\u00e4tentwickler. Durch die Pubert\u00e4t halfen mir \u2013 seit der Jugendweihe unterst\u00fctzt durch einen eigenen Babett-Rekorder \u2013 Nenas erste beiden Platten und ab 1983 Depeche Mode. Ansonsten nahm der Kleinstadtjunge popkulturell alles mit, was die Achtziger zu bieten hatten \u2013 mit voller Verachtung f\u00fcr die Machenschaften von Dieter Bohlen und Michael Cretu selbstverst\u00e4ndlich! New Wave statt Rock und Blues, Trevor Horn statt Stock Aitken Waterman. Ich war ein artiger Junge, meine Freizeit bestand an f\u00fcnf Nachmittagen die Woche aus Training, am sechsten aus Bolzen mit Freunden und dem Spiel am Sonntag. Personen bzw. Umst\u00e4nde, gegen die es sich vor 1989 zu revoltieren lohnte, gab es jenseits nervender Lehrer und konditionsbesessener Fu\u00dfballtrainer f\u00fcr mich wenig. Das bisschen Zeit, das \u00fcbrig blieb, geh\u00f6rte der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wurde allerdings immer klarer, dass diese nur deshalb auf dem zweiten Platz meiner Freizeitaktivit\u00e4ten gelandet war, weil der Sport keine Nebenbuhlerin duldete. Es gibt nicht viel, was ich im R\u00fcckblick auf meine Jugend anders machen w\u00fcrde, wenn ich es k\u00f6nnte. Dass ich zweimal die Woche Training gegen das Erlernen eines Musikinstruments tauschen w\u00fcrde, geh\u00f6rt dazu. Da Schule und Sport zwei v\u00f6llig unterschiedliche Welten ohne personelle \u00dcberschneidungen waren, hatte ich zwar reichlich Klassen- und Mannschaftskameraden, mit denen ich auch gut zurechtkam, aber keine wirklichen Freunde. Ich verbrachte einfach zu wenig freie Zeit mit ihnen. Dasselbe galt f\u00fcr meine Familie, die ich eigentlich nur zu den Mahlzeiten an den R\u00e4ndern des Tages und die eine Stunde bis zum Schlafengehen sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich vermute, dass die Musik deshalb fr\u00fch den Platz des besten Freundes und sp\u00e4ter den der ersten Freundin einnahm. Sie war da, wenn ich sie brauchte. Sie k\u00fcmmerte sich um mich, sie gab mir Kraft, Anerkennung und Trost und sie erz\u00e4hlte mir die Geschichten, die mir sonst niemand erz\u00e4hlte. Sie war die Erste, f\u00fcr die ich etwas Besonderes empfand. Depeche Mode raubten mir die musikalische Unschuld und lie\u00dfen mich dann zehn Jahre nicht los, obwohl es nach dem ersten Rausch eine Menge neuer Beziehungen gab. Heute schaue ich mit wohlwollender Gleichg\u00fcltigkeit auf die hyperventilierenden DeMo-Aficionados, die der Band auch im fortgeschrittenen Alter noch auf Ihren Europa-Gigs hinterherfahren. Ich h\u00f6re in neue Alben gern mal rein, aber wenn ich mal ein paar Minuten f\u00fcr Musik habe, bleibe ich beim Scrollen durch meine Phonothek selten bei ihnen h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Sp\u00e4tentwickler passte, dass ich bereits 16 war, als ich zum ersten Mal eine \u00f6ffentliche Disko betrat. Es war die Zeit der sehr bunt bemalten M\u00e4dchen mit sehr hochtoupierten Haaren und der Jungs in Schiedsrichterhemden mit schwarzen Lederkrawatten. Berlin war nicht weit weg, im Club liefen \u201eOur Darkness\u201c, \u201eFade To Grey\u201c und \u201eTainted Love\u201c. Und: \u201eBlue Monday\u201c. Der Song bedeutete mir nichts. Neil Tennant von den Pet Shop Boys hat mal von seinem Erweckungsmoment beim H\u00f6ren des St\u00fcckes gesprochen und wie sehr dieser elektronische \u201eUmpta-Umpta, Umpta-Umpta, Umpta-Umpta\u201c Rhythmus das gewesen sei, was sein Mitstreiter Chris Lowe und er immer hatten machen wollen. Mich lie\u00df der harte, leere elektronische Sound sprichw\u00f6rtlich k\u00fchl. Kein Gef\u00fchl. Das unnahbare sch\u00f6ne M\u00e4dchen an der Bar, von der du sp\u00fcrst, dass sie eine Nummer zu gro\u00df f\u00fcr dich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die coolen Jungs in meinem Freundeskreis wussten damals schon, dass New Order, die hinter \u201eBlue Monday\u201c steckten, aus der Asche einer musikalisch deutlich anderen Band entstanden waren. Das machte mich neugierig auf Joy Division, zu denen ich allerdings erst Zugang fand, als die Zeit f\u00fcr den Austausch tief entt\u00e4uschter Blicke auf dem Betriebsberufsschulhof gekommen war. Da Traurigsein und Singen f\u00fcr einen grunds\u00e4tzlich optimistischen Heranwachsenden auf Dauer doch zu anstrengend sind, war es irgendwann dann auch mal gut mit der Depression. Es dauerte zwar noch Jahre, bis sich auf meinen Mixed Tapes fr\u00f6hliche Songs fanden, aber vielleicht habe ich den verletzungsfreien Abschied von \u201eUnknown Pleasures\u201c, \u201eFloodland\u201c und \u201eDisintegration\u201c nicht zuletzt New Order zu verdanken, die sich nach dem traurigen Ende von Joy Division mit den Jahren h\u00e4uteten und sich in meinen konfusen, aber letztlich doch lebensbejahenden Zeiten als junger Erwachsener in mein musikalisches Herz spielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verliebtsein war in vollem Gange, wechselnde Beziehungen im Albumver\u00f6ffentlichungstakt: Vorfreude, Jubel, Entt\u00e4uschung und die n\u00e4chste bitte. Von der einen gro\u00dfen Liebe keine Spur \u2013 und doch kamen sie beide am Ende dann noch zusammen. Als die mit den gr\u00fcnen Augen mich verlie\u00df, gab sie mir zum Abschied die Compilation \u201eHeart And Soul\u201c in die Hand, die sie sich gekauft hatte, weil wir an zwei verschiedenen Orten lebten. \u201eEs sei die Deine\u201c, sagte sie und brach mir das Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich kaum bessere Musik, um sich in seinem Ungl\u00fcck zu suhlen als Joy Division, aber als ich den Kopf so langsam aus der Schlinge bekam, wurde es allm\u00e4hlich hell. Ich behaupte mal, dass dies 1994 der Ausl\u00f6ser daf\u00fcr war, dass ich etwas zur\u00fcckspulte und mich an New Order erinnerte. Ich hatte die fr\u00fchen Platten geh\u00f6rt aber Schwierigkeiten mit der Metamorphose von Joy Divisions D\u00fcsterkeit zur Disko-Mucke ihrer Nachfolgeband. Als 1987 \u201eSubstance\u201c erschien, stand mir der Sinn einfach noch nicht nach Tanzen. Die richtige Band zur falschen Zeit. Allerdings waren mir der Elektroniksound, Peter Hooks Bass und der eher d\u00fcnne und vielleicht gerade deshalb unverwechselbare Gesang von Bernard Sumner in Erinnerung geblieben. Und ich wurde langsam erwachsen \u2013 Disko ging und selbst Lachen auf der Tanzfl\u00e4che war erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit siebenj\u00e4hriger Versp\u00e4tung h\u00f6rte ich mir \u201eSubstance\u201c sch\u00f6n und irgendwann blieb ich immer wieder beim letzten Song der ersten CD h\u00e4ngen. Wie bei einer Menge anderer Bands, deren gr\u00f6\u00dfte Erfolge selten auch meine Lieblingssongs sind, ging und geht es mir mit New Order. \u201eBlue Monday\u201c finde ich mittlerweile OK, aber sollte ich noch einmal in die Lage geraten, mir bei einem DJ einen Song zu w\u00fcnschen, dann wird dies derselbe sein wie jener, auf den ich mich schon Wochen vor den raren Konzerten der Band freue: \u201eTrue Faith\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist mein Lied, es ist perfekt. Es ist Pop und Indie. Es ist tanzbar, ohne Funk oder R&amp;B zu sein. Es ist ein Song, der die Dunkelheit Joy Divisions noch in sich tr\u00e4gt, aber auch die Aussicht auf bessere Zeiten. Es ist das gelobte England fern hinter dem Eisernen Vorhang, es ist Manchester in den Achtzigern. Es hatte die besten, fettesten Synthesizer, als ich noch Synthesizern hinterhergestiegen bin. Es hat die Hook Line. (Auch wenn der Peter leider Fan des v\u00f6llig falschen Fu\u00dfballvereins ist!) Es hat ein Video, das ein Kunstwerk seiner Zeit war. Es hat eines der sch\u00f6nsten Plattencover aller Zeiten. Es hat die beste aller New Order B-Seiten. Es hat einen Text, der mit Drogen zu tun hat, aber nicht von ihnen handelt. Die erste Halbstrophe reicht mir, um mich an miesen Tagen von \u00fcbler Laune zu befreien:<\/p>\n\n\n\n<p><em>I feel so extraordinary,<\/em><br><em>Something\u2019s got a hold on me<\/em><br><em>I get this feeling I\u2019m in motion<\/em><br><em>A sudden sense of liberty<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und wie oft habe ich in Momenten, in denen lang gehegte Hoffnungen in Erf\u00fcllung gingen oder gro\u00dfe Anstrengungen belohnt wurden, unwillk\u00fcrlich l\u00e4chelnd<\/p>\n\n\n\n<p><em>I used to think that the day would never come<\/em><br><em>I\u2019d see delight in the shade of the morning sun<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>vor mich hingesummt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es macht mich sentimental, aber es h\u00e4ngt mir noch immer nicht zum Halse raus. Es erinnert mich. Es ist mit mir \u00e4lter geworden und ich liebe seine Falten. Es ist meins. Es ist Liebe. Die eine \u2013 f\u00fcr immer. True Faith.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dieser Text erschien zuerst im Buch \u201eVarious Artists \u2013 Ich Liebe Musik Vol. 2\u201c (2020, Windlust Verlag) und wurde von Axel Mewes \u00fcber den Song \u201eTrue Faith\u201c von New Order geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud \/ Axel Mewes Eine Freundin hat mir mal von ihrer Beobachtung erz\u00e4hlt, dass M\u00e4nner \u2013 anders als Frauen \u2013 diese eine gro\u00dfe Liebe h\u00e4tten. 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