{"id":5296,"date":"2023-06-07T21:26:57","date_gmt":"2023-06-07T19:26:57","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5296"},"modified":"2023-06-07T21:26:57","modified_gmt":"2023-06-07T19:26:57","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-die-beschriftung-der-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-die-beschriftung-der-menschen\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt \u2013 die Musikkolumne: Die Beschriftung der Menschen"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud \/ J\u00f6rg Mewes<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Essen spielt man nicht. Mit Feuer auch nicht, denn es best\u00fcnde die M\u00f6glichkeit, sich nicht nur die Finger zu verbrennen. Solcherlei K\u00fcchen- und Lebensratschl\u00e4ge d\u00fcrften jeden Heranwachsenden in den fr\u00fchen Jahren seines idealerweise unbeschwert bewerkstelligten Daseins begleitet haben. K\u00fcrzlich war es wieder so weit. Eine Band, deren Name nicht genannt werden darf, gastierte in unserer Stadt, um ungestraft der akustischen Umweltverschmutzung zu fr\u00f6nen. Wohnortsbedingt war es mir nicht verg\u00f6nnt, um den Auftrittsort einen angemessen gro\u00dfen Bogen zu machen. Das zustr\u00f6mende Publikum verspr\u00fchte den Charme der sonst zweiw\u00f6chig zu ebendiesem Veranstaltungsort Pilgernden, denen ihre fragw\u00fcrdige Auffassung von Gemeinschaft und Zusammengeh\u00f6rigkeit im Sinne von Vereinheitlichung erstrebenswert erscheint. Der urinfarbende Anteil der visuellen Peinigung entfiel jedoch \u2013 die Meute floss als schwarze Br\u00fche daher.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Veranstaltungsort war zu klein, das Ganze an einem Abend \u00fcber die B\u00fchne zu bringen. Die hohe Anzahl der Willigen verdeutlichte den Zustand der Gesellschaft. Was keine \u00dcberraschung war, kennt man doch die sich in Nuancen \u00e4ndernden, aber sich stetig wiederholenden besorgniserregenden Wahlergebnisse im Bundesland. Auff\u00e4llig beim resignierten Beobachten der Prozession war vor allem die v\u00f6llige Missachtung des 1. Hauptsatzes aus dem \u201eHandbuch zum Besuch einer Konzertveranstaltung\u201c: Trage niemals ein Band-T-Shirt der auftretenden K\u00fcnstler. Niemals! Aber so wenig ernst die Band ihr Publikum zu nehmen scheint, so wenig bereiteten sich die G\u00e4ste offensichtlich auf den Abend durch eine Achtung des Bekleidungscodexes vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlimmer als die Ignoranz von Benimmregeln war jedoch das zu Lesende. Die Lekt\u00fcre der Kleidung gibt mitunter besorgniserregenden Aufschluss \u00fcber das Wesen des in der Textilie Lebenden. \u201eManche f\u00fchren, manche folgen\u201c. Manche f\u00fchren sich damit selbst vor, manche folgen dem Wahn, F\u00fchrer sein zu wollen. Ebenso befremdlich ist die Haltung einer Musikformation, die mit solchen Slogans der Provokation willen spielt und sich vermutlich in die Hosen schifft vor lauter Spa\u00df. Wat ham wa wieda jelacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte auch nicht lange, bis nach dem \u201eF\u00fchrer-Wir folgen-Bild\u201c fast folgerichtig ein Shirt \u00fcber einer schwergewichtigen Frau angewatschelt kam, welches der gleiche stilisierte Adler mit ausgebreiteten Schwingen zierte, der in den schweren Jahren zwischen 33 und 45 auf die Uniform von echten deutschen M\u00e4nnern gepinnt war, die dem F\u00fchrer zu folgen hatten. Statt Kreuz mit Haken (oder in der Variante Totenkopf auf den schwarzen Uniformen der Spezialabteilung \u201ebesonders treue und ehrhafte M\u00e4nner\u201c) hatte der Reichsgreif das Bandlogo in seinen widerw\u00e4rtigen Klauen. What? H\u00e4\u00e4\u00e4h? Why? Lustig? Soll das Punk sein? Haben Sekt und Tequila den Ideengebern Verstand und Haltung ausgesp\u00fclt? Ist die zelebrierte Pyrotechnomanie der Band nur Ausdruck f\u00fcr das Spiel mit dem Feuer? Sind sie sicher, die gerufenen Geistlosen wieder loszuwerden? Wehe denen w\u00e4chst der Wille zur Tat! Ist die billige Provokation nur ein besonders simples Mittel, die Gier nach dem schnellen Zaster zu befriedigen? Funktioniert ja immer. Da sind sie ja nicht alleine. Welcher Sinn steckt sonst in den musikbranchenspezifischen Varianten von Grenz\u00fcberschreitungen? Und erw\u00e4hlt die Kapelle nicht erst dadurch das ihr zustr\u00f6mende Pack?<br>Kommt mir nicht mit: Die sind doch gar nicht so, k\u00f6nnen nichts f\u00fcr ihr Publikum. Wer den Geistesf\u00fcllstand seiner Zielgruppe beim Verkauf von Identifikationsartikeln nicht bedenkt, handelt grob fahrl\u00e4ssig. Ich unterstelle Vorsatz. Und wer durch Ton, Text und Bild die Schlichten so harmonisch mit sich in Einklang bringt, darf dann auch ganz genauso und ohne missverstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Den n\u00fctzlichen Idioten, die durch die \u00f6ffentliche Zurschaustellung ihrer eigenen Hirnverwesung den Reichtum des deutschen Musikexportschlagers mehren, kann vermutlich nicht geholfen werden. Es ist zu bezweifeln, dass ihnen das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die weiterf\u00fchrenden Regeln der Konzertbekleidungsvorschriften vermittelt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Interessierten seien als Hilfe zur Vermeidung von mitleidsvollen Blicken erg\u00e4nzend zum 1. Hauptsatz aus erw\u00e4hntem Handbuch folgende Ratschl\u00e4ge anempfohlen: Neben der vollkommen verr\u00fcckten M\u00f6glichkeit, unbeschriftet dem Konzert beizuwohnen, empfiehlt es sich, Kleidungsst\u00fccke von K\u00fcnstlern zu tragen, die dem \u00e4hnlichen musikalischen Umfeld zuzuordnen sind oder auf dem gleichen Label ver\u00f6ffentlichen. Gerne auch von ehemaligen Bands einzelner Mitglieder oder von Soloprojekten der Protagonisten. Nicht mehr existierende Projekte von Bandmitgliedern, die nur Eingeweihte kennen und aufwendig recherchiert werden k\u00f6nnen, sind ebenfalls denkbar. Man erkennt sich, ein leichtes Nicken bei der Begegnung sagt, dass wir eingeweiht sind, zugeh\u00f6rig sind, Bescheid wissen, uns auskennen. Wie die anderen, nur eben nicht so plump.<\/p>\n\n\n\n<p>Neulich im Zug. Er: Meat Puppets. Ich: H\u00fcsker D\u00fc. Er mit Sitzplatzreservierung. Ich auf seinem Platz. Da steht man gerne auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Am supiesten empfiehlt man sich selbstverst\u00e4ndlich mit Kleidung aus eigener Kaligrafierung. Das hat niemand. Wie auch. Mein erstes eigenhergestelltes Zeugnis der Zugeh\u00f6rigkeitsbezeigung war ein gr\u00fcnes Turnhemd mit dem aufwendigen Schriftzug U2. Das war so um 1986. Da der Textilmalstift aus Gr\u00fcnden noch nicht alle und die Klamotte im Doppelpack preisg\u00fcnstiger war, reichte es sogar f\u00fcr eine Joy-Division-Version, die ich meines Erachtens noch viele Jahre sp\u00e4ter im B\u00e4renzwinger trug. Ob die Erinnerungen an diesen Ort allerdings der Realit\u00e4t entsprechen, kann ich nicht mit Gewissheit beurteilen. Da die Wahrnehmung bisweilen durch bogenvermeidende Geradlinigkeit bei der Herbeif\u00fchrung eines gesellschaftskompatiblen Sinneszustandes eingeschr\u00e4nkt war und Wahrheit h\u00e4ufig mit Wahrnehmung einhergeht, besteht begr\u00fcndeter Verdacht, dass die Erinnerungen zu einem guten Teil einfach herbeigerauscht kamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Geschmack der Hobbytextilgestaltung gekommen, folgte eine Periode kreativen Abmalens und Variierens, Auftragsarbeiten, Geschenkeproduktion. Der Stift wurde durch Textilmalfarbe ersetzt. Dann kamen der Alltag und die Periode des Mu\u00dfeverlusts. Anfangs ergaben sich durch Lebensentwurfsmodifizierung neue Zielgruppen, der Farbverbrauch sank mit der Gr\u00f6\u00dfe der zu bemalenden Kleidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bl\u00e4tternd im Album der verflossenen Jahre denke ich an die Zeit, als man in der Sch\u00e4nke am \u00f6stlichen Ende der Neustadt ohne Soundhound den virtuellen Hintergrundbeschallungserkennungsbuzzer dr\u00fcckte und neben Interpreten und Titel auch noch Jahr, Label und Schuhgr\u00f6\u00dfe der K\u00fcnstler kannte. Die Zeit, als der Pinsel noch dauerfeucht war. Und wenn jemand meine abhanden gekommenen Lieblingshoodies von Alabama Kids und Lo(u)sercore aus diesen Jahren findet, w\u00fcrde ich sie gerne wieder tragen.<br><br>Warum man mit Essen nicht spielen soll, habe ich \u00fcbrigens nie verstanden. Millionen Kinder haben durch Modellierung von Kartoffelbrei oder \u00e4hnlich plastisch verformbaren Gerichten den Grundstein zu ihrer erfolgreichen Karriere als bildende K\u00fcnstler gelegt. Und wenn die situationistische Kunst anschlie\u00dfend verspeist wird, ist dem auch moralisch nichts entgegenzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass man mit dem Feuer nicht spielt, ist hingegen sp\u00e4testens seit 1933 hinl\u00e4nglich bekannt. Zu Beginn meiner Lehre wurde mir diese Weisheit in der direkten Auslegung drastisch verdeutlicht. Im Zuge des sich gegenseitigen Vorstellens gen\u00fcgte meinem Mitlehrling Christian P. die Erw\u00e4hnung seines Namens in Verbindung mit seiner Herkunft aus dem Dorf Z. bei W. Die sofortige Frage aller lautete nur \u201eDER P. aus Z.?\u201c Au\u00dfer mir zugezogenem St\u00e4dter wussten alle aus dem Einzugsgebiet des Lehrbetriebes sofort Bescheid. Als Kind hatte er einst in einer Scheune mit dem z\u00fcndenden Riesaer Gebrauchsartikel gespielt, dessen Logo auch f\u00fcr jenes der Band, deren Name nicht genannt werden darf, herhalten musste. Vom Dorf war weniger als die H\u00e4lfte \u00fcbriggeblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dieser Text erschien zuerst im Buch \u201eVarious Artists \u2013 Ich Liebe Musik Vol. 2\u201c (2020, Windlust Verlag) und wurde von J\u00f6rg Mewes \u00fcber den Song \u201eEs brennt\u201c von Hans-A-Plast geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud \/ J\u00f6rg Mewes Mit Essen spielt man nicht. Mit Feuer auch nicht, denn es best\u00fcnde die M\u00f6glichkeit, sich nicht nur die Finger zu verbrennen. 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