{"id":5260,"date":"2023-05-24T22:02:45","date_gmt":"2023-05-24T20:02:45","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5260"},"modified":"2023-05-24T22:02:45","modified_gmt":"2023-05-24T20:02:45","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-der-glaeserne-gang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-der-glaeserne-gang\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt \u2013 die Musikkolumne: Der Gl\u00e4serne Gang"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud \/ Manja Barthel<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt besteht aus Dingen, die einen Namen haben. Doch wir alle wissen \u2013 da gibt es noch mehr. F\u00fcr bestimmte Geschehnisse gibt es einfach keine Worte. Vielleicht brauchen zu wenige Menschen f\u00fcr ein und dieselbe Sache eine Bezeichnung, weil sie mit dieser Sache kaum oder nie in Verbindung kommen. So gibt es Worte, die irgendwann einmal erdacht und benutzt wurden, und dennoch wei\u00df heute kaum noch jemand, dass sie existieren. \u201eNupturient\u201c zum Beispiel ist ein Wort in juristischen Texten, es beschreibt einen Heiratswilligen; \u201eNyktitropie\u201c ist die Schlafbewegung der Pflanzen und \u201ekuranzen\u201c steht f\u00fcr schikanieren. Diese Worte verschwinden so nach und nach aus dem Duden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Erleben von Dingen muss in einer Gruppe \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum sehr speziell sein, sodass es irgendwann n\u00fctzlich war, sich W\u00f6rter f\u00fcr solche gleich erfahrenen Sachverhalte auszudenken. So kann man in manchen L\u00e4ndern etwas mit einem Wort ausdr\u00fccken, was man hier, in unserem Land, mit mehreren Worten beschreiben muss, auch wenn es Sachverhalte betreffen k\u00f6nnte, die man ebenso gut kennt. Im Englischen zum Beispiel gibt es das Wort \u201eSerendipity\u201c. Es bedeutet: \u201ezuf\u00e4llig etwas entdecken, obwohl man etwas anderes gesucht hat\u201c. Oder das Wort \u201eBalter\u201c beschreibt, so zu tanzen, als ob niemand zusieht. In der Sprache der Inuit bedeutet \u201eIktsuarpok\u201c die Vorahnung, dass gleich jemand kommen wird. Es gibt Worte, die ein spezielles Licht beschreiben, zum Beispiel ist \u201eKomorebi\u201c (japanisch) das Licht, das durch die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume f\u00e4llt, und \u201eMangata\u201c (schwedisch) das Licht des Mondes, das auf dem Wasser reflektiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche einen Namen f\u00fcr eine Art von Geschichte. Das Wort soll so was \u00c4hnliches wie einen \u201eTraum\u201c beschreiben. Wenn man tr\u00e4umt, erlebt man Geschichten, die man dann erz\u00e4hlen kann, wenn man das Gl\u00fcck hat, sich am Morgen noch zu erinnern. Ich meine eine Geschichte, die man nicht tr\u00e4umt, nicht im Film sieht oder im Theater, die man nicht liest oder erz\u00e4hlt bekommt. Ich meine keinen Tagtraum, kein Kopfkino, nicht das tagt\u00e4gliche Gedankenkarussell und auch keine Geschichten erfinden, sondern ich meine \u201e(hier w\u00fcrde jetzt das Wort stehen, was es noch nicht gibt)\u201c. Das Wort beschreibt einen Ausflug in die ganz eigene innere Welt, mit all den Bildern, die einfach da w\u00e4ren. Die Gedanken steuern diese Welt an, und dann wartet man, was man zu sehen bekommt. Solche Geschichten sind fast wie Tr\u00e4ume, aber man ist dabei hellwach.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine von solchen Geschichten erlebte ich am 9. August 2019. Eine Freundin nahm mich mit zu einem Konzert. Der US-amerikanische Musiker hie\u00df Steev Kindwald. Er hatte verschiedene Instrumente dabei, die er auf seiner 25-j\u00e4hrigen Reise durch die Welt zu spielen lernte. Steev war ein drahtiger, kleiner Mann mit allerlei Schmuck am Kopf und an den Armen. Er rannte nerv\u00f6s von der B\u00fchne zu den Technikern und fragte sie irgendetwas. Und kaum, dass sie geantwortet hatten, wuselte er schon zur\u00fcck. Als dann alles zu stimmen schien, dachten alle, dass das Konzert beginnen w\u00fcrde. Doch dann hatte er doch noch eine Bitte. Er wollte, dass die B\u00fchnenbeleuchtung aus ist. Nachdem der Techniker das Licht immer weiter etwas d\u00e4mmte und Steev jedes Mal meinte, dass das noch nicht genug sei, drehte der Techniker das Licht schlie\u00dflich doch ganz ab. Zu sehen war nur noch die Hintergrundbeleuchtung, die langsam von einer Farbe in eine andere Farbe waberte. Steev war nur noch als Umriss zu erkennen. Steev begann auf einer Doppelfl\u00f6te zu spielen. Die Kl\u00e4nge waren ungew\u00f6hnlich, leicht monoton. Da es nun nichts weiter zu sehen gab, schloss ich die Augen und war bereit, mich auf die Musik einzulassen. Ich merkte, dass sich mein direkter Zugang zu einem bildhaften inneren Erlebnis \u00f6ffnete. Ich begann zu \u201e(hier w\u00fcrde jetzt das Verb von dem Wort stehen)\u201c und erlebte folgende Geschichte:<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stand vor einem Weizenfeld, das unter Wasser wuchs. Seine langen Halme waren biegsam und bewegten sich in der Str\u00f6mung leicht hin und her. Das Feld teilte sich, sodass ein schmaler Weg bis ans andere Ufer frei wurde. An dieser Stelle teilte sich auch das Wasser. Ich ging wie durch einen gl\u00e4sernen Gang durch das sich wogende Feld. Auf der anderen Seite erwarteten mich Tiere. Sie standen an einer Bucht, die zugleich auch eine Waldlichtung war. Sie standen im Kreis und in der Mitte brannte ein Feuer. Sie waren ganz still und bewegten sich kaum. Sie lauschten der Musik. Ich ging zuerst zu einem B\u00e4ren und tippte ihn an. Er begann von innen heraus zu leuchten. Ich ging weiter zu einem Hirsch. Auch ihn tippte ich an und auch er begann zu leuchten. So ber\u00fchrte ich jedes Tier im Kreis, bis alle leuchteten. Dann trat eine Frau hinzu, die einen langen hellen Mantel trug, der an den Seiten fein bestickt war. Ihr langes Haar war zu einem Zopf geflochten und um die Stirn hatte sie ein Stofftuch gebunden, das ebenso fein bestickt war. Im Nacken war es mit B\u00e4ndern zusammengebunden, deren Enden bis zum Saum des Mantels reichten. Sie l\u00e4chelte mich an, streckte ihre Hand aus, bis ihre Fingerspitzen mich ber\u00fchrten. Ich f\u00fchlte eine wohlige W\u00e4rme und zugleich eine angenehme Frische. Ich f\u00fchlte mich herrlich klar. Dann kam auch aus meinem tiefsten Innern ganz langsam das Leuchten. Die Frau im Mantel begann ebenso zu leuchten. Wir reihten uns in den Kreis ein und lauschten der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geschah nichts, doch es war so reichhaltig, dass es das ganze Konzert \u00fcber andauerte. Am Ende machte ich meine Augen wieder auf. Ich war \u00fcberrascht, dass ich nicht m\u00fcde war, sondern angenehm wach, so als h\u00e4tte ich statt einem deftigen Mittagessen nur einen Salat gegessen und w\u00e4re nun nicht den Strapazen des Verdauens ausgeliefert. Ich f\u00fchlte mich erfrischt, als ob ich durch einen Fluss geschwommen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freute mich \u00fcber das Erlebnis, \u00fcber diese Geschichte, und h\u00e4tte meiner Freundin gerne erz\u00e4hlt, dass ich einen \u201e(hier w\u00fcrde nun wieder das Wort stehen)\u201c hatte. Sie h\u00e4tte mich dann gefragt, wie es war, und dann h\u00e4tte ich es ihr erz\u00e4hlt, so wie man sich manchmal morgens von seinen Tr\u00e4umen berichtet. Ich w\u00fcsste gerne ein Wort f\u00fcr das Erleben solcher Geschichten, ein Wort, das irgendwie normal klingt und nicht wie eine meditative, tranceartige Erfahrung, das nicht nach einem Trip klingt, nach Vision, nach Halluzination oder nach der Ansteuerung der Anderswelt im Ritual eines Naturvolkes.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art von Geschichtenerleben f\u00fchlt sich v\u00f6llig normal an. Im Prinzip ist es etwas ganz Gew\u00f6hnliches, da die verborgene Innenwelt bei jedem Menschen immer da ist. Normalerweise bemerken wir sie nur nicht, da wir st\u00e4ndig mit anderen Dingen besch\u00e4ftigt sind, die unser Gehirn auf Trab halten. Diese Geschichten entstehen v\u00f6llig spontan und sind erstaunlich klar und lebendig. Es gibt keinen g\u00e4ngigen Namen daf\u00fcr, mit dem wir allt\u00e4glich umgehen k\u00f6nnten, ohne eine Hippieveranstaltung dahinter zu vermuten. Deswegen habe ich es mal mit einer Wortneusch\u00f6pfung versucht. Das Wort beschreibt: \u201eIch habe just eine seltsame Geschichte erlebt, die aus mir selbst kam, ohne dass ich getr\u00e4umt habe\u201c: \u201eJustm\u00e4r\u201c. Bei Wikipedia w\u00fcrde dann zum Beispiel stehen: \u201eUnter Justm\u00e4r (aus lateinisch i\u016bste f\u00fcr \u201egerade eben\u201c und althochdeutsch m\u0101re f\u00fcr \u201eseltsame Geschichte\u201c) versteht man das bewusste Entdecken von eigenen, inneren Geschichten. Durch andauernde Aufmerksamkeit entwickeln sich die Szenen von selbst. Justm\u00e4ren k\u00f6nnen manche Menschen problemlos, andere hingegen ben\u00f6tigen die Hilfe von \u00fcbenden Verfahren zur Verringerung k\u00f6rperlicher und geistiger Anspannung. Die meisten Menschen benutzen ein Einstiegsbild, was mittels der Vorstellungskraft erzeugt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dieser Text erschien zuerst im Buch \u201eVarious Artists \u2013 Ich Liebe Musik Vol. 2\u201c (2020, Windlust Verlag) und wurde von Manja Barthel \u00fcber den Song \u201eMountain Mist\u201c von Steev Kindwald geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud \/ Manja Barthel Die Welt besteht aus Dingen, die einen Namen haben. Doch wir alle wissen \u2013 da gibt es noch mehr. F\u00fcr bestimmte Geschehnisse gibt es einfach keine Worte. 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