{"id":5236,"date":"2023-05-17T16:13:39","date_gmt":"2023-05-17T14:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5236"},"modified":"2023-05-17T16:13:39","modified_gmt":"2023-05-17T14:13:39","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-geill-sli-der-katechismus-der-pedestrian-church-of-ireland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-geill-sli-der-katechismus-der-pedestrian-church-of-ireland\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt \u2013 die Musikkolumne: G\u00e9ill Sl\u00ed. Der Katechismus der Pedestrian Church Of Ireland"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud \/ Guido D\u00f6rheide &amp; Matthias Bosenick<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Fragment.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a71 Au\u00dfenspiegel im Rechtsverkehr<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a> Mit dem Flugzeug im Urlaub? Ergibt auf jeden Fall Sinn, wenn man vom Heimat- zum Urlaubsland von Rechts- auf Linksverkehr wechselt. Da hat man dann n\u00e4mlich eigentlich keine wirkliche Umstellung: Parkt am Heimatflughafen das Auto gewohnt rechtsverkehrig weg, steigt in \u201eden Flieger\u201c (wir machen jetzt nicht den Hinterfrager, wo dieser Formulierer jetzt herkommt), also betritt zun\u00e4chst, verl\u00e4sst dann das Luftfahrzeug (das ist die offizielle Bezeichnung, obwohl es ja gar nicht f\u00e4hrt, sondern fliegt, es sei denn, es ist leichter als Luft) und marschiert direkt zum Mietwagenschalter und nimmt die Pl\u00e4tze ein. Was in Irland f\u00fcr uns Kontinentaleurop\u00e4er bedeutet: Der Fahrer nimmt Platz, dort, wo gewohnheitsm\u00e4\u00dfig der Beifahrer sitzt. Die Umstellung auf den Linksverkehr erforderte von uns nach der Landung in Dublin ohnehin so einige Extrarunden im Kreisverkehr. Hatte sich was mit dem Vorhaben, die Sache erstmal auf dem Autoverleihparkplatz zu \u00fcben \u2013 wir mussten den sofort verlassen. Setzten uns also jeweils als Fahrer im Opel rein (wohlgemerkt kein Vauxhall, der Irl\u00e4nder scheint also Wert darauf zu legen, nicht ohne Not ein Produkt des ungeliebten Besatzers zu verwenden), nat\u00fcrlich rechts, schauen nach schr\u00e4g links oben, stellen fest, dass der elektrisch au\u00dfenverstellte Innenspiegel nicht passt, hoben die Hand und \u2013 BLAM!!! \u2013 es war die vom Kontinent gewohnte rechte Hand, die zum Behufe der Spiegelverstellung emporschnellte und laut knallend von innen an der Innenseite der vermeintlichen Beifahrert\u00fcr zerstob. Weil das aber nicht reicht, \u00f6ffneten wir zun\u00e4chst bei jedem Schaltvorhaben die Fahrert\u00fcr und bremsten auf der Autobahn die \u00dcberholspur aus. Das w\u00fcrde uns jetzt den Rest der Reise begleiten. Ebenso wie die Kontinentalwende: Sobald wir feststellten, dass wir in der verkehrten Himmelsrichtung unterwegs waren, suchten wir eine Einm\u00fcndung rechts oder links und sahen zu, dass wir diese entweder im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn wieder verlie\u00dfen. Auf jeden Fall immer so, dass der Linksverkehr dazu f\u00fchrte, dass wir uns nach Beendigung eines halben Wendeman\u00f6vers Auge in Auge mit dem Gegenverkehr konfrontiert sahen. Aber egal, wir haben\u2019s \u00fcberlebt und die Irl\u00e4nder sind immer noch Members of the EU \u2013 What shall\u2019s, wie der anglophone Miteurop\u00e4er so sagen tut. Kaum hatten wir einige \u00dcbung, am dritten Tag unserer in Dublin gestarteten Inselrundreise, wurden wir \u00fcber Nacht des Fahrerau\u00dfenspiegels beraubt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das war in Drogheda, dessen Aussprache, ungef\u00e4hr \u201eDroohda\u201c, Harry Rowohlt best\u00e4tigend, der feststellte, Irisch sei einfach, man streiche die H\u00e4lfte der Buchstaben weg und spreche den Rest anders aus, wie wir uns in der \u00f6rtlichen Schankwirtschaft beibringen lie\u00dfen, die wir nach Ende der Sperrstunde durch den Seitenausgang verlassen durften; nicht ohne vorher noch diverse alkoholhaltige Cappuccini vom Fass konsumiert haben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil wir uns vor dem erheblichen Papieraufwand und den die Urlaubskasse pl\u00fcndernden Mehrausgaben wegen potenziell fehlender Versicherungen f\u00fcrchteten, setzten wir unsere Rundreise kurzerhand ohne Au\u00dfenspiegel fort und \u00fcberlie\u00dfen den verkehrssicherheitsgew\u00e4hrenden Blick dem Beifahrer. Das ging auch soweit ganz gut, uns aber bald auf die Nerven. Ach ja, und einmal h\u00e4tte es uns fast Leben, Auto und unsere bis daher untadelige Reputation als Inhaber der goldenen ADAC-Nadel f\u00fcr 125 Jahre unfallfreie Mitgliedschaft gekostet: Irgendwo auf dem platten irischen Land, quasi in der irischen Ausgabe der L\u00fcneburger Heide mit einigen wenigen Einfl\u00fcssen der Kasseler Berge, exerzierten wir unser durch tagelange \u00dcbung perfektioniertes \u00dcberholman\u00f6ver: Trecker (so sagt man da, wo wir herkommen, zum Traktor; von \u201etrecken\u201c, dem plattdeutschen Wort f\u00fcr \u201eziehen\u201c) voraus, Guido Schulterblick und Kommando \u201e\u00dcberholspur frei\u201c, Matze Gas und Steuer nach rechts, routinem\u00e4\u00dfiger Blick in den Mittelspiegel und \u2013 da war die \u201eKchackche\u201c in bestem Deutsch-Schwyzerisch \u201eom dompfen\u201c. F\u00fcr uns zum Zeitpunkt des Einleitens des r\u00fcckspiegelfreien \u00dcberholman\u00f6vers weder sicht- noch ahnbar bohrte sich von achtern ein mit drei bis f\u00fcnf schweizerischen Golfamateuren besetzter Rover 25 in das Sichtfeld des Fahrers, bremste, schleuderte, dabei eine tiefe Furche in die Grasnarbe rechts der Fahrbahn rei\u00dfend, und kam schlingernd zum Stehen. Wir angehalten, nix wie hin und uns die Mund-zu-Mund-Beatmung noch gerade verkneifende Inaugenscheinnahme des Beinahe-Unfallopfers durchgef\u00fchrt. Der Fahrer des Mietwagens nahm sofort die vollumf\u00e4ngliche Schuld an der Fast-Katastrophe auf uns und forderte uns auf, \u201eein Schuldoonerkch\u00e4nntnis zu unterschreiben, oddr?\u201c. Das Liebenswert-skurril-sympathische, das den Schweizern normalerweise innewohnt, ging diesem eidgen\u00f6ssischen Amateurgolfer (nennen wir ihn spa\u00dfeshalber Beat N\u00e4geli oder: Viiiel passender: Urs Ciao) v\u00f6llig ab. Wir unterschrieben nichts, fuhren nach bew\u00e4hrtem Muster (einer f\u00e4hrt, der andere schulterblickt) weiter und gelangten so nach einer Woche, der H\u00e4lfte der Insel und unbehelligt von strengen Verkehrsw\u00e4chtern in den S\u00fcdwesten der Insel. Dortselbst gewahrten wir in der N\u00e4he des Flughafens von Cork ein gro\u00dfes Signet ebenjenes Autovermieters, der uns am anderen Ende der Insel den Opel zur Verf\u00fcgung gestellt hatte. Wir stellten uns dumm und behaupteten dem Angestellten in dem kleinen B\u00fcrow\u00fcrfel inmitten einer Blechw\u00fcste gegen\u00fcber, dass der Spiegel erst einen Tag lang fehlte, und fragten, ob es erlaubt sei, so weiterzufahren. Der Mann fuchtelte entsetzt mit den Armen und wies uns an, ihm zu folgen. Schon rechneten wir uns aus, wie viele Guinness wir bis zum Ende der Reise sparen m\u00fcssten, welchen Trick sich die Autoverleihmafia ausdenkt, um uns zu schr\u00f6pfen, wie viele Gliedma\u00dfen wir lassen w\u00fcrden, um den Schaden auszugleichen, da trieb uns der Mann in die Mitte einer un\u00fcberblickbaren Flotte baugleicher Opels, fragte sich kurz, welcher davon wohl so schnell nicht mehr gebraucht werden w\u00fcrde, entriss dem Vehikel mit einem \u00fcberraschend ge\u00fcbten Griff den Au\u00dfenspiegel, eilte zu unserem Gef\u00e4hrt, klackte den Spiegel fest und w\u00fcnschte uns eine gute Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Papierkram, keine Extrakosten. Wir knieten nieder und dankten. Und freuten uns hernach, einen Au\u00dfenspiegel aus Cork zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a7 2 Wenn Rechtsverkehr, dann aber auf jeden Fall linksrum<\/p>\n\n\n\n<p>Wir starteten unsere Rundreise, wie schon erw\u00e4hnt, in Baile \u00c1tha Cliath, der Hauptstadt der Republik Irland (also \u00c9ire, wie der Irl\u00e4nder sagt). \u00dcblich ist es, von dort im Uhrzeigersinn herum loszufahren. Aber da wir als Rebellen ja gegen alles sind, sind wir nat\u00fcrlich auch gegen den Uhrzeigersinn, und also konsequenterweise gegen den Uhrzeigersinn gefahren. H\u00e4tten wir das nicht gemacht, w\u00e4re uns in Drogheda nicht am dritten Tag der Reise der Au\u00dfenspiegel geklaut worden, sondern am drittletzten. Wir w\u00e4ren eher in Cork gewesen, allerdings ohne zu wissen, dass wir beim dortigen Mietwagenh\u00f6ker einen Au\u00dfenspiegel mitnehmen m\u00fcssen. Dieser h\u00e4tte an den letzten drei Tagen der Reise gefehlt, also auf der Fahrt von Drogheda zu diesem besagten Baile \u00c1tha Cliath (was ausgesprochen wird wie \u201eB\u00e4llje \u00c4hh\u00e4 Klier\u201d, also mit einem mittleren Hustenanfall in der Mitte, nur ungleich sympathischer, und auch skurril, was dem Ruf Irlands als das Skandinavien der britischen Inseln gerecht wird. Hier ist Bullerb\u00fc und Auenland gleichzeitig und das ist wirklich nicht nur ein Klischee, sondern die Wahrheit und nichts als die Wahrheit).<\/p>\n\n\n\n<p>Haben wir aber alles nicht gemacht, sondern sind entgegen des Uhrzeigersinns los. Im ausgesprochenen Touristenpub \u201eO\u2019Neill\u2019s\u201c lernten wir beim Bre\u00f3-Trinken (\u00fcbrigens ein leider wieder aufgegebener Versuch der Guinness-Brauerei, eine Art \u201eHeavy why zen\u201c zu brauen, wie es ein US-Amerikanischer Thekengenosse in Dublin zun\u00e4chst ausdr\u00fcckte und es mit der Information des Barkeepers, bei Bre\u00f3 handele es sich um das G\u00e4lische Wort f\u00fcr eines der vier Elemente, fortan nur noch \u201eFeuerwasser\u201c nannte) einen original Dubliner Bohemien kennen, Mitte F\u00fcnfzig, schulterlanges Haar, gepflegt angeschnasselt, redselig und belesen. Der empfahl uns anstelle des \u2013 wirklich sch\u00f6nen und gem\u00fctlichen \u2013 Touristenpubs (der auch preislich absolut o.k. war), in dem wir ihm ja begegneten, seine Stammkneipe \u201eGrogan\u2019s Castle Lounge\u201d, der drei Ecken weiter lag. Wir also am n\u00e4chsten Abend da hin, und an der Theke trafen wir unsere Vorabendbekanntschaft inmitten seiner Freunde. Und die sahen alle so aus wie er, teilweise sogar mit Baskenm\u00fctze. Wir erw\u00e4hnten Ulysses von James Joyce (Guidos damalige Lekt\u00fcre, die er trotz deutscher \u00dcbersetzung nie verstand. Aber aufgrund von \u201ePotato Junkie\u201c von Therapy? wollte er eben unbedingt mal was von James Joyce lesen. Ein Autor, der Geschlechtsverkehr mit Andy Cairns\u2018 Schwester gehabt hat, muss ein ziemlich guter Autor sein.), fragten nach einer Joyce-Biographie, die vielleicht Licht ins Dunkel bringt, und bekamen Robert Nicholson, den Kurator des Joyce Tower in Dun Laghoire, das ungef\u00e4hr \u201eDann Liehri\u201c ausgesprochen wird, als diesbez\u00fcglichen Ratgeber anempfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Tipp mussten wir aufgrund unserer Reiserichtung dann bis kurz vor Ende der Reise im Kopf behalten (bzw. wir haben ihn einfach vorne in den Ulysses reingeschrieben). Dun Laghoire liegt zwar nur einen Katzenwurf von Dublin entfernt, aber eben auch nur im Uhrzeigersinn. In der anderen Richtung liegt es so weit von Dublin weg, wie das sprichw\u00f6rtliche Salzgitter von Australien. Aus diesem Grunde kam es auch nicht dazu, dass wir an jeder Etappe immer wieder auf dieselben Touristen trafen, die reisef\u00fchrerh\u00f6rig mit dem Strom schwammen, sondern immer wieder neuer Gesichter ansichtig wurden, mit einer Ausnahme. Ein Jugendtrio aus W\u00fcrzburg kachelte zwar mit seinem himmelblauen Passat mit dem unpassenden Kennzeichen W\u00dc-TA, denn wie W\u00fctariche wirkten die drei nun wirklich nicht, andersherum um die Insel, aber dennoch trafen wir sie zweimal, einmal ganz im Nordosten und einmal ganz im S\u00fcdwesten, als unsere Kreise sich jeweils kreuzten. Physik im Alltag. Was uns noch mehr wunderte, war, dass wir uns bei der zweiten Begegnung zwar gut an sie, sie sich aber absolut gar nicht an uns erinnern konnten. Dabei hatten wir uns alle M\u00fche gegeben, mit unfl\u00e4tigem Verhalten und kryptischen Verbalinjurien f\u00fcr sie unvergesslich zu werden. A propos Physik: Bei der zweiten Begegnung war der W\u00fcrzburger Passat an der einen Seite deutlich verformt. Das Resultat eines von vorne kommendem Lastwagen auf einer engen, von beiden Seiten von Hecken und Steinen ges\u00e4umten irischen Landstra\u00dfe, erfuhren wir auf Nachfrage.<\/p>\n\n\n\n<p>Der besagte Kurator des Dichterturmes reagierte dann \u00fcbrigens auf unsere Frage, ob er Mr. Nicholson w\u00e4re, mit dem Satz \u201eO God, I\u2018m famous!\u201d und empfahl uns Richard Ellmans Standardwerk \u00fcber Joyce. Supertipp \u00fcbrigens, das Ding ist um einiges dicker als der eh schon dicke Ulysses, aber ungemein lesbarer und unterhaltsamer, und anschlie\u00dfend mag man dann den Ulysses gleich nochmal lesen, da man ihn dieses Mal verstehen wird. Und auch diese Begegnung h\u00e4tten wir mit dem Uhrzeigersinn nicht gehabt, denn dann w\u00e4ren wir ja zuerst im James Joyce Tower gewesen und h\u00e4tten das wohl niemals von Mr. Nicholson, einem Gast an der Theke im Pub von Drogheda empfohlen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a7 3 Deutsche Touristinnen und Fotoapparate<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Kilometer (eigentlich waren es Meilen. Typisch wieder mal die Irl\u00e4nder: Stra\u00dfenschilder mit Entfernungsangaben in Kilometern, Autotacho hat aber einen Meilenz\u00e4hler. Sehr hilfreich.) weiter stellten wir fest, dass unsere Fotoapparate weg waren. Vermutlich geklaut. Am Stra\u00dfenrand ein junges P\u00e4rchen, das verzweifelt versuchte, eine hochpreisige Spiegelreflexkamera auf eine Mauer zu stellen, um damit ein Gruppenbild von sich selber vor dem Hintergrund einer Turmruine (die stehen \u00fcberall auf der Insel herum und ob ihres Aussehens sagten wir \u201eTreppenh\u00e4user\u201c dazu.) aufzunehmen. Der Selfie-Stick und das Fotohandy waren noch nicht erfunden. Das Wort \u201eSelfie\u201c auch nicht. Wir hielten an und Matze bot seine Dienste als Fotograf an. Ich blieb mit laufendem Motor am Steuer sitzen, im Radio lief eine obskure seltene Maxiversion eines \u00e4lteren Songs der Monaster Boys. Der m\u00e4nnliche Teil des P\u00e4rchens dr\u00fcckte Matze hocherfreut die Canon in die Hand. Matze trat ihm in die Eier, sprang samt Kamera ins Auto und wir fuhren los, dass der Kies nur so spritzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Super, ein Problem weniger. Abermals einige Meilen sp\u00e4ter standen zwei junge Frauen, sch\u00e4tzungsweise gymnasiale Oberstufe, am Stra\u00dfenrand, mit zwei gro\u00dfen Rucks\u00e4cken, wie sie \u00fcblicherweise von autolosen Touristen verwendet werden, mit Zelt und allem au\u00dfen drangebamselt. Sie sahen genervt und verzweifelt aus. Wir hielten an und sie erz\u00e4hlten, dass die \u00f6rtliche Jugendherberge geschlossen h\u00e4tte und sie jetzt ein paar Orte weiter zum Zeltplatz wollten und ob wir sie mitnehmen k\u00f6nnten. Deutsche Touristinnen, die das gr\u00fcne Eiland anhand des Lonely Planet durchma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir konnten nicht nur, wir taten sogar. Die beiden stiegen ein und wir vertrieben uns die Zeit mit einer originalgetreuen Wiedergabe der Dialoge aus Monty Pythons \u201eLife of Brian\u201c, einschlie\u00dflich \u201eIst hier etwa Weibsvolk anwesend?\u201c. Unseren tempor\u00e4ren Mitreisenden stand die Mulmigkeit (oder hei\u00dft es \u201eDer Mulm\u201c?) ins Gesicht geschrieben. Am Zeltplatz angekommen, stieg Guido mit ihnen aus, um ihnen die Rucks\u00e4cke aus dem Kofferraum zu heben. Er h\u00f6rte sie tuscheln: \u201eJa, ein Gruppenbild von uns selber w\u00e4re schon toll. Aber k\u00f6nnen wir denen vertrauen? Die reden komisch, \u2018Weibsvolk\u2018 und sowas.\u201c \u2013 \u201eJa, ich denke schon, schau mal, da liegt ne sauteure Canon im Kofferraum. Wer sich sowas leisten kann, der ist ehrlich und beklaut uns nicht.\u201c Sie fragten, ob Guido ein Bild von ihnen machen k\u00f6nnte, und dr\u00fcckten ihm ihre etwas betagte, aber qualitativ \u00fcber jeden Zweifel erhabene Spiegelreflex in die Hand. Er h\u00f6rte hinter sich den Opelmotor anspringen, verzog das Gesicht zu einer \u00e4ngstlichen Grimasse, deutete hinter die beiden und fragte \u201eWas ist denn daaaaaaaaaaaas???\u201c Sie drehten sich um, Guido ebenfalls, sprang auf den Beifahrersitz und mit einer astreinen Kontinentalwende brausten wir von dannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Ortschaften weiter feierten wir unsere wiederhergestellte Dokumentationsf\u00e4higkeit mit einigen Guinness im Pub, bezogen dort ein Zimmer und machten es uns auf den Betten gem\u00fctlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen lief \u201eDie Abenteuer des jungen Marco Polo\u201c, eine Serie, die erst Jahrzehnte nach unserer Reise produziert werden sollte. Guido schnappte einen Dialogfetzen auf. \u201eIch bin durstig, wir brauchen Wasser!\u201c sagte irgendeiner. \u201eDas einzige Wasser, das wir haben, ist das, was uns auf der Stirn steht!\u201c antwortete ein anderer. Gottseidank hatte er nach Wasser gefragt und nicht nach Wurst, dachte Guido. Er erwachte. Ab jetzt weniger Guinness am Abend, dachte er sich, diese Alptr\u00e4ume musste er nicht jeden Tag haben. Der Kameradiebstahl trug sich einige Jahre zuvor in Leipzig zu, fiel ihm ein. Dennoch Kontrollblick in unsere Reisetaschen: Beide Kameras an Ort und Stelle, die Reise konnte weitergehen. Und an dieser Stelle ein Hinweis an alle Kinder und besorgten Eltern, die das hier lesen: Wir geben Euch und Ihnen unser Ehrenwort, wir wiederholen: Unser Ehrenwort, dass wir niemals und unter keinen Umst\u00e4nden jemals Kameras geraubt haben und auch nicht vorhaben, das jemals zu tun. N\u00e4mlich. Nicht einmal unsere eigenen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a7 4 Die Insel hat vier Provinzen<\/p>\n\n\n\n<p>So viel Entsetzen kann man sich gar nicht ausmalen, wie wir ernteten, als wir nach der Reise dem Wirt unseres heimischen Irish Pubs, Frank vom Wild Geese, erz\u00e4hlten, dass wir im Bogside Inn Guinness tranken. \u201eUnd das habt ihr \u00fcberlebt?\u201c, stellte er bei unserem Anblick korrekt fest. \u201eNa, ihr seid Deutsche\u201c, schob er zur eigenen Erkl\u00e4rung nach, und Guido hatte eine bessere: \u201eWir sind Atheisten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bogside Inn liegt in der Bogside, die wiederum ein Stadtteil von Derry ist, einer Stadt, von der manche Leute behaupten, sie tr\u00fcge den Namen Londonderry (\u201eCrazy Mary from Londonderry\u201c sei D.A.Coe da noch verziehen, da er sich als US-Amerikaner wahrscheinlich wenig mit kontinentaleurop\u00e4ischen Gepflogenheiten auskennt. Man sollte ihn mal auf einer Landstra\u00dfe wenden lassen). \u00dcber diese Gastronomieeinrichtung ging die Kunde, sie sei der Quasi-Hauptsitz der IRA gewesen, und also mussten wir nat\u00fcrlich dringend auch dort einkehren. Keine Reise ohne Risiko. Dabei sahen wir die ganze Thematik \u00fcberhaupt nicht leichtfertig: Das Ausma\u00df des Konfliktes zwischen Republik Irland und Vereinigtem K\u00f6nigreich, das den Nordosten der Insel okkupiert, war uns in aller tragischen Tragweite bewusst. Nur zwei Monate vor unserer Reise kam es in der nordirischen Stadt Omagh zu einem t\u00f6dlichen Bombenanschlag, der den bis dahin ruhig gewordenen Terror zur\u00fcck ins allgemeine Bewusstsein brachte. Insofern war es f\u00fcr uns ein reichliches Wagnis, die Grenze nach Nordirland zu passieren. Aber auch eine Pflicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gepanzerte Landrover mit diesen runterh\u00e4ngenden Gittern unterhalb der seitlichen Trittbretter (diese beugen dem Darunterrollen-und-Haftmine-ankleben vor) und bewaffnete Soldaten in Belfast befeuerten unser mulmiges Gef\u00fchl (Da war er wieder, der Mulm, diesmal nicht nur im Traum). Doch lie\u00dfen wir uns nicht beirren, tauschten die fremde W\u00e4hrung um, dieses Britische Pfund, touristenerkundeten Belfast und setzten alsbald z\u00fcgig unsere Reise quer durch Ulster fort, in Richtung der inneririschen Grenze. Derry lag auf diesem Weg, und Derry wirkte auch nicht mehr so bedrohlich auf uns wie Belfast. Noch war es helllichter Tag, also Nachmittag, als wir den Pub betraten und uns in einer Eckbank h\u00e4uslich einrichteten. Der Gitterzaun am Fu\u00dfweg vor dem Bogside Inn war \u00fcbrigens in Orange, Wei\u00df und Gr\u00fcn angemalt, was man aber nur aus der Ferne wahrnahm. So sah also die IRA-Zentrale aus: wie ein Irish Pub. Welch \u00dcberraschung. Bis auf eines in Dublin, das mit Eurodance und Systemgastronomie auf Jugendpublikum setzte, sahen \u00fcberdies s\u00e4mtliche Pubs, die wir auf unserer Reise besuchten, und das waren nicht wenige, aus wie Irish Pubs, und einmal mehr attestierten wir hernach dem Wild Geese in Braunschweig eine hohe Authentizit\u00e4t, anders als anderen au\u00dferirischen Irish Pubs. Au\u00dfer uns gab es im Bogside Inn noch andere G\u00e4ste. Keiner von ihnen war bewaffnet. Keiner guckte uns schief an. Wir erhielten unsere Getr\u00e4nke und empfanden uns nicht anders behandelt, als w\u00e4ren wir Stammg\u00e4ste. Also auch wie in allen anderen Pubs. Bei den weiteren G\u00e4sten handelte es sich zumeist um Familien, deren Kinder die Billardtische f\u00fcr ihre Spiele zweckentfremdeten. Es war laut und lustig und gutgelaunt in diesem geschichtstr\u00e4chtigen Inn. Wie sonst sollte man wohl dem \u00dcbel begegnen, wenn nicht mit Fr\u00f6hlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir entspannten uns und setzten unsere Fahrt fort, schlie\u00dflich wollten wir unser noch nicht gebuchtes Nachtlager wieder in der Republik aufschlagen. Anders als auf dem Hinweg, als wir eine nicht zu \u00fcbersehende gesicherte Grenze passieren mussten, lie\u00df sich im Westen der \u00dcbergang lediglich an einem verwitterten Schild ausmachen. Schon wieder zur\u00fcck, dabei hatten wir noch einige Restpfund auszugeben. Wir vollf\u00fchrten die Kontinentalwende und enterten einen Tankstellenkiosk. Den Verk\u00e4ufer verpflichteten wir im Handumdrehen dazu, unser Restgeld gerecht zweigeteilt in S\u00fc\u00dfigkeiten und Schokoriegel umzusetzen. Was ihm gelang. So entdeckten wir die Penguins f\u00fcr uns, Keksriegel mit Scherzfragen und Flachwitzen rund um das naheliegende Themenfeld Pinguin, die zus\u00e4tzlich lecker waren. Beispiel: Q: What is a penguin on Leicester Square? A: Wrong.<\/p>\n\n\n\n<p>Gern h\u00e4tten wir uns noch tiefer in Nordirland hineinbewegt, aber. Das heben wir uns eben f\u00fcrs n\u00e4chste Mal auf. Wie auch immer sich dies wohl gestalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dieser Text erschien zuerst im Buch \u201eVarious Artists \u2013 Ich Liebe Musik Vol.2\u201c (2020, Windlust Verlag) und wurde von Matthias Bosenick und Guido D\u00f6rheide \u00fcber den Song \u201ePotato Junkie\u201c von Therapy? geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud \/ Guido D\u00f6rheide &amp; Matthias Bosenick Ein Fragment. \u00a71 Au\u00dfenspiegel im Rechtsverkehr Mit dem Flugzeug im Urlaub? Ergibt auf jeden Fall Sinn, wenn man vom Heimat- zum Urlaubsland von Rechts- auf Linksverkehr wechselt. 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