{"id":522,"date":"2013-06-21T12:37:12","date_gmt":"2013-06-21T10:37:12","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=522"},"modified":"2013-06-21T13:06:39","modified_gmt":"2013-06-21T11:06:39","slug":"dead-can-dance-live-auf-der-freilichtbuhne-im-stadtpark-hamburg-am-19-juni-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/dead-can-dance-live-auf-der-freilichtbuhne-im-stadtpark-hamburg-am-19-juni-2013\/","title":{"rendered":"Dead Can Dance \u2013 Live auf der Freilichtb\u00fchne im Stadtpark Hamburg am 19. Juni 2013"},"content":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (21.06.2013)<\/p>\n<p>Haben wir alles? Decke, Wei\u00dfwein, Becher, Teller und Besteck; eine Stange Wei\u00dfbrot, Grissini, Sour Cream, Arla Buko mit B\u00e4rlauch-Pesto, Pesto Rosso, Antipasti aller Art, eine T\u00fcte Mandeln, ein Pfund Erdbeeren. Ja, wir haben alles. Alles, was man braucht, um an einem hei\u00dfen Hamburger Sommertag im Park zu Livemusik chillen zu k\u00f6nnen. Okay, also gehen wir los, in den Stadtpark, am schlauchartigen Eingang zur Freilichtb\u00fchne gibt es zwei schmale Gr\u00fcnstreifen, auf denen sich sommers alljene niederlassen, die nicht den Eintritt zur Freilichtb\u00fchne entrichten, aber trotzdem die Musik erleben wollen. Heute spielen Dead Can Dance, die Sonne gl\u00fcht, Hamburg schmilzt, wir haben Picknickhunger. Auf dem Gr\u00fcnstreifen vor dem Eingang finden wir mit Leichtigkeit Platz, laut Inga so kurz vor Beginn der Veranstaltung eigentlich recht ungew\u00f6hnlich. Wir errichten unseren Picknickplatz zwischen zwei locker voneinander entfernten Gruppen und lassen den Strom der Ticketbesitzer an uns vorbei ziehen. Als wir die Weinflasche aus der Tasche holen, f\u00e4llt uns auf, was wir vergessen haben: Den Korkendreher. Was tun? Per Mobiltelefon im Internet gucken, was man dann macht? Den Kugelschreiber nehmen, wie fr\u00fcher, und den Korken in die Flasche dr\u00fccken? Oder unsere Nachbarn fragen: die beiden abgehalfterten Altpunks links oder das Paar mit dem Axl-Rose-artigen Tier als m\u00e4nnlichem Part rechts? Wir entscheiden uns f\u00fcr den Axl-Typen. Mal sehen, was passiert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eHabt ihr ein Taschenmesser mit Korkenzieher-App?\u201c, frage ich das Paar. Er ist massig muskul\u00f6s, tr\u00e4gt eine gr\u00fcnlichgelbe Sonnenbrille, ein minirocklanges Stirnband, lange Zotteln und ein Muskelshirt, das seine mannigfaltigen T\u00e4towierungen offenbart. Sie sieht vergleichsweise normal aus, freundlich auf jeden Fall. Und freundlich sind sie beide. \u201eNein, eine Taschenmesser haben wir nicht\u201c, sagt er, \u201eaber wir haben einen Korkenzieher mit.\u201c Wie praktisch. Er kramt in der Tasche und f\u00f6rdert, ganz wie wir, eine Flasche Wei\u00dfwein zutage, darunter den Korkenzieher mit einem Korken drauf, \u201egesafet\u201c, wie er es erl\u00e4utert. Einfallsreich, merken. Wir \u00f6ffnen mit dem entsafeten Utensil unsere Flasche und bieten den beiden im Gegenzug von unseren Erdbeeren an. \u201eNein danke, ich bin satt\u201c, sagt sie, und er bedient sich dankbar. Wir haben Verb\u00fcndete f\u00fcr den Abend gefunden.<\/p>\n<p>Die brauchen wir auch. Denn um uns herum ereignet sich in der Folge eine Art Fernsehprogramm mit schlechter Intendanz, wie Inga es auffasst. Die Altpunks gehen zun\u00e4chst und hinterlassen ihre leeren Bierdosen. Es kommen: Eine Riesenhorde \u00dcberf\u00fcnfzigj\u00e4hriger, die sich massivst breit machen, grenzenlos in allem, sie r\u00fccken uns dicht auf den Pelz, sind laut, labern ununterbrochen, ziehen \u00fcber den Abend weitere \u00dcberf\u00fcnfzigj\u00e4hrige an, die sich dazuhocken und mitlabern, allesamt wie eine quietschvergn\u00fcgte Heilpraktikerpraxis auf Betriebsausflug, debilfr\u00f6hlich, laut Gespr\u00e4chsfetzen, oder besser: Quasselemission regelm\u00e4\u00dfig bei Konzerten im Stadtpark drau\u00dfen auf dem Rasen, \u201ewie letztens bei Three Doors Down\u201c h\u00f6rt man oft. Auf der anderen Seite betten sich drei, vier Gruftis. Erstaunlich genug, dass Dead Can Dance in der Gruftiszene \u00fcberhaupt am besten funktionieren und nicht so recht eine eigene Szene etablieren, will ich denken, werde aber vom Strom der Vorbeiflanierenden auf dem Weg zum Eingang und von unseren Nachbarn eines Besseren belehrt. Die Gruftis also sehen aus, wie Gruftis eben aussehen, Undercut hier, Schnallen dort, und ein flatterhafter Minirock mit einem dicklichen&#8230; Moment: Typen drin&#8230; Okay. Ich kann es ja verstehen, dass man, wenn man als Mann die Neigung hat, sich weibliche Kleidung anzuziehen, diese auch gerne mal in der \u00d6ffentlichkeit anziehen mag, und in unserer Gesellschaft ist es bereits ein Aufgeben von W\u00fcrde, wenn man als Mann weibliche Kleidung \u00f6ffentlich tr\u00e4gt, anders als andersherum, da ist es egal, aber nicht hingegen verstehe ich, dass jemand dann gleich auch nur jedes letzte Bisschen W\u00fcrde abzugeben bereit ist und sich so zurechtmacht wie dieser eine Typ da. Dicke schwabbelige Stampfer gucken aus dem schwarzen Flatterkleidsack heraus, der knapp \u00fcber dem Schritt aufh\u00f6rt. Jedes Mal, wenn er sich hinsetzt, und dazu den Schneidersitz einnimmt, verdunkelt sich die Sonne, was ihm vielleicht sogar ein Anliegen ist, schlie\u00dflich ist er ein Grufti. Kein sch\u00f6ner Anblick in jeder Hinsicht. Die Gruftgruppe vermehrt sich \u00fcber den Abend zusehends, ein Schausitzen der Bandshirts und X-Trax-Stangenware.<\/p>\n<p>Dann geht pl\u00f6tzlich vor uns etwas sehr Schnelles ab. Eine Frau in einem Liegedreirad bremst vor uns und labert ins Nichts. Nein, tut sie nicht: Der Mann mit dem Fahrrad samt Anh\u00e4nger ein paar Schritte weiter geh\u00f6rt zu ihr. Beide tragen latent sportliche Kleidung, die farblich jeweils sowas von gar nicht zusammenpasst, jedes Kleidungsst\u00fcck eine andere Farbnote, vom Shirt zu den Shorts zu den Schuhen und auch zu seiner Baseballkappe, die ihn wie Chevy Chase in der Parodie eines typischen US-Amerikaners aussehen l\u00e4sst. Sie tr\u00e4gt sogar eine helle Strumpfhose unter den Shorts, er zumindest an einem Bein, Sportunfall wahrscheinlich. Auf der Wiese bei uns errichten sie in irrwitziger Eile eine Decke und einen futuristischen Klappstuhl, an dem Baum mit seinem Fahrrad einige Schritte weiter entz\u00fcnden sie einen Grilleimer und stellen einen Holzschemel davor. Das sieht doch mal nach Entspannung aus. Zuletzt quetscht sich ein recht junges Paar in die eine verbliebene L\u00fccke. Er tr\u00e4gt Dreitagebart und Hilfiger-Shirt, sie rosawei\u00dfkarierte Hotpants, beide Pornosonnenbrillen. Sie sehen chartskompatibel aus \u2013 und machen am Ende als einzige um uns herum das Beste, was man zu der Musik von Dead Can Dance machen kann: Sie liegen sich entspannt in den Armen, d\u00f6sen und lauschen.<\/p>\n<p>Die m\u00e4andernde Reihe der Einlasssuchenden offenbart auch so manche \u00dcberraschung. Die zwei im Iron-Maiden-Shirt merken schnell, dass sie zur O2-Arena m\u00fcssen, und kehren um. Wir lassen den Marsch wie eine Werbeeinblendung an uns vor\u00fcberziehen, trinken Wein, essen das, was wir mitgebracht haben, und freuen uns \u00fcber das schr\u00e4ge TV-Programm, das um uns herum passiert, und \u00fcber die Musik, die endlich losgeht.<\/p>\n<p>Dead Can Dance er\u00f6ffnen ihr Set mit dem f\u00fcr Gruftis programmatisch betitelten \u201eChildren Of The Sun\u201c. Der Sound ist auch \u00fcber die Hecke hinweg okay und nicht wesentlich anders als auf der j\u00fcngsten Live-Platte \u201eIn Concert\u201c. Man sp\u00fcrt erfreulich deutlich die B\u00e4sse im Rasen, die ausdrucksstarken Stimmen von Lisa Gerrard und Brendan Perry kommen enorm gut her\u00fcbergeweht. Die Stimmen sind letztlich auch das Leibhaftigste an dem Konzert, wie auch auf der Live-Platte ist die Musik vergleichsweise zahnlos, blutleer, oder besser: wie geh\u00e4utet, ohne das struppige Fell, das noch auf dem ersten Livealbum \u201eTowards The Within\u201c und den Studioalben sowieso zu h\u00f6ren war. H\u00f6rbares Fell. Die Songs an sich sind nat\u00fcrlich geil, erstaunlich viele vom letzten Album vor der mehrj\u00e4hrigen Pause, \u201eSpiritchaser\u201c, eher verschm\u00e4ht bei Fans, unverdient. Die St\u00fccke, die vom Comeback \u201eAnastasis\u201c dazwischenrutschen, lassen es dagegen an Originalit\u00e4t vermissen. Trotzdem, beseelte eindreiviertel Stunden lang machen DCD eine Musik, die \u00fcberhaupt zu ver\u00f6ffentlichen schon mutig ist, bisweilen ganz ohne Beat, nur Stimmen und Keyboard, wie \u201eSanvean\u201c, und oft langsam wirkend, aber extrem groovig, besonders im Falle der \u00e4lteren St\u00fccke. \u201eDas ist \u00e4lter\u201c, stellt eine \u00dc50-Nachbarin korrekt beim Intro eines \u00e4lteren St\u00fcckes fest. \u201eDas ist \u00e4lter\u201c, mutma\u00dft sie lautstark. \u201eJa, das ist \u00e4lter\u201c, bekr\u00e4ftigt sie fortw\u00e4hrend, weil die anderen in ihrer Gruppe einfach das machen, was sie die ganze Zeit \u00fcber machen, n\u00e4mlich andere ignorierend herumquasseln. Und sie l\u00e4sst nicht locker, den Fakt immerzu festzustellen. Derweil erinnern sich ihre unersch\u00fctterlichen Sitzbegleiter, wie es bei Three Doors Down war. Die Grillsportler haben derweil Zuwachs bekommen, zwei Freundinnen der Frau l\u00fcmmeln sich mit ihr auf der Decke herum, zu F\u00fc\u00dfen des Hi-Tech-Klappstuhls. Chevy Chase r\u00fchrt ab und zu abseits auf dem Schemel sitzend mit der Zange im brennenden Kohleeimer herum. Beim Blick in die Grillgutbox stellt er best\u00fcrzt fest, dass die Th\u00fcringer fehlen. \u201eDabei habe ich mich so auf Th\u00fcringer gefreut\u201c, mault er. Er hat schnell keinen Bock mehr und l\u00e4sst sich das auch anmerken, was seine Frau allerdings gar nicht interessiert. Als das Grillgut fertig ist, kauert er sich auf den Schemel am Grilleimer und schaufelt sich vorn\u00fcbergebeugt im Eiltempo die Speisen in den Magen. Nach einer Weile ist seine Frau mit dem gleichen Speedprozedere an der Reihe. Die wissen eindeutig, wie man es sich gutgehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Gruftis vermehren sich derweil per Zellteilung. Den Typen im Nicht-Kleid dr\u00e4ngen sie reichlich beiseite, so tolerant sind nur Gruftis, da kann er sich abzappeln, wie er will, und er will sich abzappeln, kein sch\u00f6ner Anblick, dabei bleibt&#8217;s. Sie sind nat\u00fcrlich allesamt wegen der Musik da, ganz klar, so sehr, wie sie DCD zuquatschen. Unser Axl-Paar macht von sich gegenseitig fr\u00f6hliche Fotos mit seinen iPhones. Das junge Paar lauscht liegend, wir auch. \u201eHast du die Augen zu?\u201c, fragt Inga mit geschlossenen Augen. Habe ich nicht, ich lasse den dunkler und wolkiger werdenden Himmel auf mich wirken, und die gelegentlichen tieffliegenden Jumbojets aus Fuhlsb\u00fcttel. Und ich h\u00f6re den groovenden Rhythmen zu. Und Perrys Wortbeitr\u00e4gen: \u201eDanke\u201c, \u201eDankesch\u00f6n\u201c, \u201eHabt vielen Dank\u201c. Die beiden ansonsten vornehmlich Singenden haben aber auch sowas von tolle Stimmen.<\/p>\n<p>Das Brot haben wir l\u00e4ngst aufgegessen, auch der Wein ist alle. Ich hole Bier vom Bierwagen, den der Veranstalter schlauerweise au\u00dferhalb des Konzertgel\u00e4ndes aufbauen lie\u00df. Erdbeeren und Bier, das geht wohl. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass unser Axl-Freund sein iPhone in unsere Richtung h\u00e4lt. \u201eNein, du nicht\u201c, ruft er breit grinsend, als er meinen Blick sieht. Er fotografiert \u00fcber uns hinweg die Gruftigruppe. Axl und ich kommentieren ab und zu kryptisch, aber laut und deutlich unsere Sicht auf die Dinge um uns herum und grinsen uns einen.<\/p>\n<p>Die Sportgrillerin hat jetzt Platz auf ihrem Klappthron genommen, Chevy Chase steht hinter ihr und h\u00e4lt nerv\u00f6s eine Hand auf ihrer Schulter. Die Queen quatscht mit ihren beiden erniedrigten Freundinnen und ignoriert demonstrativ, dass Chevy l\u00e4ngst weg will, obwohl die Musik noch l\u00e4uft. Schon lange hat er die Ausr\u00fcstung in seinem Fahrradanh\u00e4nger verstaut. Bei den Gruftis und den \u00dc50ern ist Halligalli, auch ihnen ist die Musik egal. Das Teeniepaar kuschelt, unsere Axl-Verb\u00fcndeten umschlingen sich vergn\u00fcgt. Ich will weiteres Bier holen, doch behaupten die M\u00e4dels vom Bierwagen, Fassbier sei alle, ich k\u00f6nnte Hefeweizen oder Radler aus Flaschen bekommen. Das klingt nicht gut, also hole ich zwei Flaschenbiere, die leider nicht Astra sind, aus dem Kiosk am anderen Ende der Rasenfl\u00e4che, der einladend im Parkdunkel \u2013 es wird Nacht in Hamburg \u2013 vor sich hin leuchtet.<\/p>\n<p>Da ist dann das Konzert auch vorbei. Um uns str\u00f6men schweigende Massen herum, unsere Nachbarn sammeln sich zum Aufbruch und brechen auch auf, die Sportgriller sind so schnell weg, wie sie gekommen waren. Das Axl-Paar und wir sind die letzten, die den ersten Regentropfen standhalten; wir verabschieden uns herzlich. Regen, ist doch egal, ist sogar sch\u00f6n nach so einem hei\u00dfen Tag, wir haben es nicht weit, hatten ein schmackhaftes Picknick, sympathische Livemusik, definitiv viel Spa\u00df und immer noch keine Eile. \u201eRakim\u201c bleibt im Ohr als Soundtrack zu dem vierst\u00fcndigen Platzregengewitter, das wir danach vom Balkon aus betrachten. Das ist mal Lightshow, die Blitze flashen uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (21.06.2013) Haben wir alles? Decke, Wei\u00dfwein, Becher, Teller und Besteck; eine Stange Wei\u00dfbrot, Grissini, Sour Cream, Arla Buko mit B\u00e4rlauch-Pesto, Pesto Rosso, Antipasti aller Art, eine T\u00fcte Mandeln, ein Pfund Erdbeeren. Ja, wir haben alles. 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