{"id":5203,"date":"2023-05-10T21:06:56","date_gmt":"2023-05-10T19:06:56","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5203"},"modified":"2023-05-10T21:06:56","modified_gmt":"2023-05-10T19:06:56","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-wie-man-die-unschuld-verliert-weil-man-sie-findet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-wie-man-die-unschuld-verliert-weil-man-sie-findet\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt \u2013 die Musikkolumne: Wie man die Unschuld verliert, weil man sie findet"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud \/ Matthias Bosenick<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Geleit: Mit diesem Text geht es mir nicht darum, mich \u00fcber den Geschmack anderer Leute zu stellen. Vielmehr berichte ich davon, wie mir in Zeiten schlimmster Orientierungslosigkeit ein heller Stern eine neue Richtung wies.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Autofahrt als Beifahrer des Jahrgangsslackers \u00e4nderte im sommerlichen Fr\u00fchjahr 1991 alles. Bisher hatte ich in dem festen Glauben gelebt, dass Musik, die nicht in den Charts war, schlecht sei, weil sie ja schlie\u00dflich ansonsten in den Charts w\u00e4re. Den umgekehrten Schluss, dass mir n\u00e4mlich auch Musik aus den Charts nicht gefallen k\u00f6nnte, lie\u00df ich dabei zu, schlie\u00dflich traf ich bei meinem Konsum eine Auswahl. Bis 1989 fuhr ich damit auch ganz gut, und noch bis heute mag ich einen gro\u00dfen Teil dessen, was ich damals f\u00fcr mich entdeckte. Allem voran mochte ich den Synthiepop mit seinen ausufernden Maxiversionen. Ein m\u00f6gliches Ende dieser \u00c4ra zog ich nie in Betracht, und doch ereilte es die Musikwelt und damit meinen Musikgeschmack ungef\u00e4hr 1990, also knapp nach dem Mauerfall.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auch wenn die Achtziger weithin als das Plastikjahrzehnt gelten, waren die Charts nie vorher und nie mehr danach derart divers. Selbst Bands aus Punk, Postpunk, Gothic und allerlei weiteren Untergrundspielarten hatten ihre 15 Minuten, und sei es dadurch, dass sie gef\u00e4lligeren Epigonen den Weg ebneten, die entsprechende experimentelle Elemente im Radio unterbrachten. Damit \u00fcberlisteten mich die Charts also, ohne dass ich es damals begriff: Ich h\u00f6rte l\u00e4ngst Nichtchartsmucke, der es lediglich gelungen war, ihren Fu\u00df in die T\u00fcr zu kriegen, in meine oder in die des Weltengeistes. Ich konnte ja nicht im Internet ermitteln, womit ich es da zu tun hatte, sondern vertraute einem unbestimmten Regulativ, das wohl daf\u00fcr sorgte, dass die einfach zug\u00e4ngliche Auswahl via Radio auch ihre Richtigkeit hatte. Letztlich formte dieser infiltrierende Umstand mein Geh\u00f6r und machte es sp\u00e4ter den noch schr\u00e4geren Sachen einfacher, mich zu erreichen. Sobald ich dazu bereit war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ich 1989 noch nicht, weil es dazu f\u00fcr mich trotz erster Signale noch keinen Anlass gab. Meine Helden ver\u00f6ffentlichten stilsicher ihre atmosph\u00e4rischen Maxiversionen, wie sie es das gesamte Jahrzehnt \u00fcbertaten, und wiegten mich in Sicherheit. Nur ein Jahr sp\u00e4ter ging diese indes nahezu abrupt verloren. Es gab noch einige Relikte dessen, was mich ber\u00fchrte, aber als h\u00e4tte jemand einen Schalter umgelegt, dominierten nach meinem Empfinden uns\u00e4glich schlimme Sounds, Rhythmen und Songs das Jahr. Statt wohlkomponierter Popmusik \u00fcberwogen offenbar schnell und plakativ produzierte Tanzflurf\u00fcller die Charts. Tapfer versuchte ich, mich durch ein f\u00fcr mich abschreckendes Angebot zu k\u00e4mpfen und meine Linie wiederzufinden, immer mit der Hoffnung im Herzen, es handele sich lediglich um so eine Phase, die dann auch schnell wieder vorbei w\u00e4re. Doch meine Geduld wollte und wollte sich nicht auszahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig wehrte ich mich aber noch gegen die Einfl\u00fcsse, die von anderen Seiten auf mich einzuwirken versuchten. Wichtigster Richtungsweiser war da meine Mutter, die \u00fcberall dort, wo sie sich nicht auskannte, den Teufel witterte, vornehmlich, sobald verzerrte Gitarren involviert waren. Das Radioprogramm hielt sie f\u00fcr sauber und ich \u00fcbernahm unreflektiert diese Fehleinsch\u00e4tzung. Entsprechend abweisend stand ich allem anderen gegen\u00fcber: Bereits in den Achtzigern h\u00f6rten einige Mitsch\u00fcler Heavy Metal, was mir ob seines L\u00e4rms und seiner Symbolik zun\u00e4chst noch nicht behagte, und ungef\u00e4hr 1990 kam aus anderen Richtungen die Klassifizierung Indie dazu, mit ihren f\u00fcr mich un\u00fcbersichtlichen Subgenres und unz\u00e4hligen scheinbar unh\u00f6rbaren Songs. Nein, da blieben nur die Charts.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als ein Jahr lang nun lieferte ich mich einem Radioprogramm aus, das mich verwirrte und mir die Orientierung nahm. Eine schlimme Zeit f\u00fcr mich. Und also drangen die obskuren T\u00f6ne der Indiebands zuh\u00f6rends deutlicher an mein Bewusstsein heran und versuchten, sich mir als Alternative zu empfehlen. Standhaft weigerte ich mich noch eine ganze Weile lang gegen sie, stets auf die R\u00fcckkehr des gro\u00dfen Pops hoffend.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu meiner Kapitulation. Fr\u00fchjahr 1991. Es gab eine schulische Veranstaltung, die sich bis in den Nachmittag ausgedehnt hatte. In der s\u00fcdlichen L\u00fcneburger Heide war man aufgeschmissen, sobald man auf die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel angewiesen war, und so erwarb ein jeder Jugendlicher beim Eintritt in die Vollj\u00e4hrigkeit zun\u00e4chst die Fahrerlaubnis, und sofern es finanziell m\u00f6glich war, alsbald auch den entsprechenden mobilen Untersatz dazu. Von Hankensb\u00fcttel nach Wesendorf waren es 16 Kilometer, eine recht geringe Distanz, verglichen mit der, die etwa Mitsch\u00fcler aus der Gegend von Brome zu \u00fcberbr\u00fccken hatten. Also hatten viele Jugendliche ein Auto, und trotz der d\u00fcnnen Besiedlung ergaben sich Fahrgemeinschaften, wenn man bereit war, Umwege in entlegene Nachbard\u00f6rfer in Kauf zu nehmen, solche wie Kiebitzmoor, Wei\u00dfenberge oder Texas. Das Gl\u00fcck war mir nun an jenem Nachmittag hold, ich erhielt einen Platz auf dem Beifahrersitz des orangefarbenen Schweinepolos eines Mitsch\u00fclers, der mehrere Orte weiter wohnte, in Betzhorn. Wir starteten die Fahrt in Richtung Oerrel und Andreas schaltete seinen eingebauten Kassettenspieler ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Rockmusik. Hart, aber kein Metal, so viel erkannte ich als Laie dann schon. Eine dringliche Stimme skandierte etwas zu einer Musik, die nicht durchgehend erklang, sondern merkw\u00fcrdige Breaks machte. Es brauchte eine Weile, bis ich die Struktur der Strophen erfasste. Der Refrain unterlie\u00df diese Br\u00fcche und zog sogar noch das Tempo an. So etwas hatte ich noch nie zuvor geh\u00f6rt. Von wegen unh\u00f6rbare st\u00fcmperhafte Ger\u00e4usche, dieses Indie hatte Groove, Melodie, Eigenwilligkeit, Akkuratesse, Ungest\u00fcm und Wohlklang und erreichte mein Herz sofort. Da staunte ich selbst, der bis dahin so massive Widerstand war im Handumdrehen gebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich blieb die Frage nicht aus. Ich stellte sie aber erst, als der Schlussakkord verklungen war und das konservierte Publikum sein Gefallen austobte. Es handelte sich um das Live-Album der linkspolitischen Folkrocker New Model Army, die unter dem Anagramm Raw Melody Men unterwegs gewesen waren und den Mitschnitt dazu einfach nach diesem Alter Ego benannt als Album ver\u00f6ffentlichten. Und der betreffende Song, der mich bekehrte, war \u201eInnocence\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Moment ver\u00e4nderte alles. Es war wie ein Dammbruch. Alles hielt fortan Eingang in mein Geh\u00f6r, Grenzen waren nicht wahrnehmbar, und wenn doch, lie\u00df ich sie niederrei\u00dfen. Mein musikalischer Horizont erweiterte sich in nie f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene Dimensionen. Mein Verh\u00e4ltnis zu den Charts indes \u00e4nderte sich nachhaltig: Es fiel mir fortan schwer, darin \u00fcberhaupt noch etwas zu finden, das Einzug in meine Sammlung hielt. Zu meinem fr\u00fcheren Glauben entwickelte ich zudem quasi eine Antithese, die meine erste These nunmehr ums mehr als Dreifache \u00fcberdauert. Und New Model Army gibt es nicht nur immer noch, sie ver\u00f6ffentlichen auch noch regelm\u00e4\u00dfig herausragend gute Alben.<\/p>\n\n\n\n<p>Another little death of innocence.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dieser Text erschien zuerst im Buch \u201eVarious Artists \u2013 Ich liebe Musik Vol. 2\u201c (2020, Windlust Verlag) und wurde von Matthias Bosenick \u00fcber den Song \u201eInnocence\u201c von New Model Army geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud \/ Matthias Bosenick Zum Geleit: Mit diesem Text geht es mir nicht darum, mich \u00fcber den Geschmack anderer Leute zu stellen. 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